Heym: Ophelia – Analyse

In Shakespeares Stück „Hamlet“ beschreibt Hamlets Mutter, wie Ophelia, die Braut Hamlets, in einem Fluss treibt, ehe sie ertrinkt (IV 7):

„Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach

Und zeigt im klaren Strom sein graues Laub,

Mit welchem sie phantastisch Kränze wand

Von Hahnfuß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen.

Dort, als sie aufklomm, um ihr Laubgewinde

An den gesenkten Ästen aufzuhängen,

Zerbrach ein falscher Zweig, und nieder fielen

Die rankenden Trophäen und sie selbst

Ins weinende Gewässer. Ihre Kleider

Verbreiteten sich weit und trugen sie

Sirenen gleich ein Weilchen noch empor,

Indes sie Stellen alter Weisen sang,

Als ob sie nicht die eigne Not begriffe,

Wie ein Geschöpf, geboren und begabt

Für dieses Element. Doch lange währt’ es nicht,

Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken,

Das arme Kind von ihren Melodien

Hinunterzogen in den schlamm’gen Tod.“

Millais hat Ophelia als Wasserleiche gemalt (1851/52), Rimbaud hat 1870 ein Ophelia-Gedicht geschrieben, welches 1907 von Karl Klammer ins Deutsche übersetzt wurde; so haben sie die deutsche Wasserleichen-Lyrik des Expressionismus ins Leben gerufen. Georg Heyms „Ophelia“ (1911) ist eine dieser Wasserleichen; sie ist ein Wasserwesen, eine Tiergefährtin geworden – die Menschen wissen von ihr und ihrem Tod nichts mehr zu sagen.
Zunächst wird Ophelia als Wasserwesen beschrieben, und zwar dreifach: Ihr Haar dient Ratten als Nest, ihre Hände treiben auf der Flut (wie Flossen“ (V. 3); sie treibt „durch den Schatten des großen Urwalds, der im Wasser ruht“ (V. 3 f.). Bei diesem Satz ist unklar, ob der Relativsatz („der…“) sich auf Schatten oder Urwald bezieht; im ersten Fall wäre der „Urwald“ eine Bezeichnung für den Wald am Flussrand, im zweiten Fall eine Metapher für Wasserpflanzen. Es fällt auf, dass „sie“ im Gegensatz zum ruhenden Wald resp. Schatten (und auch im Gegensatz zu den auf ihr ruhenden Ratten, V. 1: Nest) „treibt“, also im Wasser keine Heimat hat.
Auch die Sonne am Abend (letzte Sonne, V. 5) „irrt“ etwas verloren im Dunkel (V. 5) – die Zeit des Lichtes ist vorbei; Schatten und Dunkelheit beherrschen die Szene, es gibt keinen Hoffnungsschimmer. Diese Sonne scheint, „versenkt sich“ (V. 6) und verliert sich „in ihres Hirnes Schrein“; der Kopf der Toten ist also vom Wasser oder von den Ratten bereits so beschädigt, dass er offensteht wie eine aufgeklappte Truhe („Schrein“). Nun stellt der Sprecher zwei Fragen und meldet sich damit zum ersten und letzten Mal quasi selber zu Wort; ansonsten beschreibt er gefühllos das, was man wahrnehmen kann, wenn auch in den Vergleichen und Metaphern eine letzte menschliche Sicht des Geschehens erhalten bleibt.
Die Fragen (V. 7 f.) sind indirekte Fragesätze, also so geformt, als ob davor ein (nicht genannter) Hauptsatz stände [etwa: „Ich frage mich…“ oder „Keiner weiß…“]; zu fragen ist eine menschliche Fähigkeit – im Fall der Wasserleiche gibt es aber keine Antwort auf die Fragen. Das heißt wohl, dass niemand die Frau kennt oder sich für ihr Schicksal interessiert. Die Fragen, kaum dass sie gestellt sind, sind schon nicht mehr der Rede wert.
Der Sprecher hält sich an Takt und Reimform; er spricht im fünffüßigen Jambus, teils im Kreuzreim (1. und 3. Strophe), teils im umarmenden Reim (2. und 4. Str.), also in einer festen lyrischen Form; jedoch ist die Entsprechung von Vers und Satz oft gestört (V. 3 setzt im Vers der Hauptsatz an, V. 4 im Vers ein Relativsatz; ähnlich V. 7, 8, 9, 13, 14, 15). Damit wird die harmonische Form beinahe in eine prosaische Beschreibung aufgelöst, was durch viele Enjambements gefördert wird (V. 2, 3, 7 usw.); das Sprechen wird ruhiger, Pausen entstehen im Vers; dem entsprechen die beiden weiblichen Kadenzen in V. 1 und 3.
Da die Fragen nicht beantwortet werden (können), wendet der Sprecher seinen Blick auf die Umgebung: Röhricht, Wind, Fledermäuse. Zweimal nennt er etwas „dunkel“, die Flügel der Fledermäuse und den Wasserlauf (V. 11, 12). Diese Dunkelheit ist da, weil die Sonne nichts ausrichten kann und nur hilflos umherirrte (V. 5). In einem Vergleich („wie Rauch“) greift er die Dunkelheit der Tiere auf; diese sind den Menschen unheimlich: „Als unheimliches Nachttier wurde die Fledermaus zur Teufels- und Hexenerscheinung.“ (Wörterbuch der deutschen Volkskunde, 1974, s.v.) Mit dem Enjambement „wie Nachtgewölk“ schließt der Sprecher die Beschreibung des Dunkelheit des Geschehens ab (V. 13).
Zum Schluss erwähnt er noch drei „Gefährten“ der Wasserleiche, welche als einzige etwas „Licht“ in die Dunkelheit bringen: Der Aal, der ganz un-menschlich über die Brust der Toten schlüpft (glitschig gleitet: unangenehm, wenn sie noch empfände), ist weiß (V. 13 f.); als Kleinstform des Lichtes scheint der Glühwurm auf der Stirn, hinter der sich die Sonne verloren hat (V. 14 f., vgl. V. 5 f.); das einzige Lebewesen, welches um die Tote trauert, ist eine Weide, welche ihr Laub wie Tränen weint (V. 15 f.). Die empfindungslose Pflanze empfindet als einziges Wesen Mitleid mit der Toten und ihrer „stumme[n] Qual“ (V. 16).
Das letzte Attribut der Leiche, die stumme Qual, irritiert mich; denn die Leiche kann keine Qual empfinden. „Stumm“ können also die Menschen sein, die nichts über sie zu sagen wissen (V. 7 f.); „stumme Qual“ könnte auch der Zustand der Frau kurz vor ihrem Tod gewesen sein, könnte aber auch von ihrer jetzigen Situation gesagt sein: Im Ganzen des Lebendigen steht oder vielmehr treibt sie abseits, im Zustand einer stummen Qual – vielleicht ein paradoxer Ausruck eines letzten Mitgefühls des Sprechers, der weiß, dass dieser dahintreibende Körper einmal ein Mensch, eine schöne Frau mit Ringen an den Händen (vgl. V. 2) war.
Die Naturwesen leben, wie die Metaphern sagen (ruht, V. 4; irrt, V. 5; scheucht, V. 9; weint, V. 15), aber die Frau ist ein sich auflösender Kadaver. Die Vergleiche (V. 3, V. 10, V. 13) verwischen die Grenzen zwischen den Wesen, zwischen Mensch und Fisch, zwischen Wind und Mensch, zwischen Tier und Wolke: Einheit eines dunklen Geschehens zwischen Leben und Tod. Sowohl in der Thematik (Wasserleiche) wie auch im Sprechen (die lyrische Form löst sich ins Prosaische auf) ist Heyms „Ophelia“ ein expressionistisches Gedicht.
Bedeutsame Reimpaare: Nest von jungen Wasserratten / sie treibt durch den Schatten; Sonne irrt / Farn und Kraut sind verwirrt; langer weißer Aal / ihre stumme Qual; Glühwurm scheint / Weide weint – man muss also Aussagen semantisch verbinden, nicht nur Reimwörter aufzählen, um den Sinn der Reime zu erschließen.

One thought on “Heym: Ophelia – Analyse

  1. Pingback: Einführung in die Lyrik – Theorie für Schüler « norberto68

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s