Holz: Ein Andres – zur Analyse

Der Sprecher in diesem Gedicht ist eine eigenartige Größe: Weil er allwissend ist, kennt er das Herz des Arztes und dessen Gemütsregungen (V. 29 f.); anderseits spricht er lebhaft fragen (V. 18 f.), als ob er nicht wüsste, wer das kommt. Auch scheint er sich in seiner Beschreibung der Umgebung schrittweise zur Szene des Geschehens hin zu bewegen (V. 1 f.: die Treppen hoch; V. 3 ff.: die Stube unterm Dach; V. 11 ff.: die Ecke mit dem Bett). Ab V. 18 berichtet er dann, was dort geschieht: wie der Arzt kommt und den Tod der Frau feststellt; aber auch das wird im Präsens berichtet, als erlebte der Sprecher es gerade.
Das Thema des Gedichts ist das elende Leben einer armen Familie in der Großstadt, im 5. Stockwerk „einer Mietskaserne“ (V. 1 f.); dieses Wort hat gegenüber „Hochhaus“ eine negative Konnotation und passt so zur ärmlichen Behausung (wurmzernnagte Stiegen, V. 1; undichtes Dach, V. 3 f.; Fenster vernagelt, V. 9 f.) und zur elenden Lituation der Familie (Einrichtung und Essen, V. 7 f.; Mutter krank, V. 11 ff,; Vater ist zum Saufen ausgerückt, V. 23 f.). Auch die Diminutivformen (Stückchen, V. 7; Stümpfchen, V. 17) zeigen, wie wenig die Familie besitzt.
Mehrfach wird das Mitgefühl des Leser mehr oder weniger indirekt angesprochen: dass man mit dem Elend brüderlich weinen könnte (V. 5 f.); dass der Arzt „von nie gekannter Wehmut“ gerührt (V. 30) und die Kinder zum Weinen auffordert (V. 31 f.). Die personifizierten Sterne in der Ferne (V. 5) erspähen sogar das Elend und sind zum brüderlichen Mitleiden gerührt. Als das Licht verkohlt (V. 29), deutet sich symbolisch das schreckliche Ende an.
Dass die Frau in der kurzen Zeit nicht „kalt und starr“ werden kann, wenn sie vor dem Besuch des Arztes noch fieberkrank war, ist ein kleiner Schönheitsfehler, der in einem naturalistischen Gedicht nicht vorkommen dürfte.
Exemplarisch sei einiges zum Rhythmus der 1. Strophe gesagt: Durch Satzbau und Kreuzreim sowie die weibliche Kadenz (Beginn eines fünftes Taktes im jambischen Schema) wird nach jedem zweiten Vers eine große Pause eingelegt; hinter V. 1 und 5 wird ohne Pause weitergesprochen, hinter V. 3 und 7 wird eine Pause eingelegt, da der Sprecher nur durch eine Aufzählung fortfährt. Außerhalb des Taktes sind „fünf“ (V. 1), „hier“ (V. 3), „o“ (V. 5) und „drei“ (V. 8) betont; möglicherweise werden auch die vier Zahlwörter „ein“ in V. 7 f. (so Nina) betont, aber das kann mit Fug und Recht auch bezweifelt werden, wenn man „ein“ als unbestimmten Artikel liest. Ansonsten werden die sinntragenden Wörter betont, deren Bedeutung das Elend der Familie zeigt: „wurmzernagt, letzte, Miets-, Dach-, erspähn, brüderlich, weinen, Schwarzbrot, Wasser, Werktisch“.
Eine arme Familie, elend untergebracht, selbst der Armenarzt kann nicht mehr helfen, Vater und Mutter fallen aus, drei kleine Kinder bleiben zurück – das ist das Leben in der modernen Großstadt, sagt das Gedicht.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s