Holz: Meine Nachbarschaft (1892) – Analyse

Dieses Gedicht gilt als berühmtestes der Sammlung „Buch der Zeit“, wovon ein Teil „Arme Lieder“ heißt (1892): als Musterexemplar des Naturalismus. Ich gebe zunächst einen kurzen Überblick, ehe wir uns den Details zuwenden.
Zunächst stellt sich ein Ich als Dichter vor, der in ärmlicher Umgebung lebt, aber aufgrund seiner Fähigkeit zu schreiben zufrieden, ja glücklich ist – oder sein könnte, wenn nur „meine Nachbarschaft“ nicht wäre (1. und 2. Strophe).
Darauf beschreibt der Ich-Dichter, wie er nächtens die Leiden der armen Nachbarn erlebt, vor allem das Wimmern der hungrigen Kinder, sodass ihm seine philosophische Existenz verleidet ist (3. – 6. Str.).
Es folgt im Präsens eine Art moralischer Analyse, in der „die Armut“ beklagt, „der Reichthum“ und „die Goldgier“ jedoch angeklagt werden (7. Str.).
Am Ende stößt das Ich die Frage aus: „O Gott, warum dies alles, o warum?“ (V. 57). Da es an dieser unbeantworteten Frage leidet, misslingt ihm auch das alte Dichten, also das Dichten der Alten (vgl. V. 10), stellt es fest; die letzte Klage gilt dem eigenen Herzen, das nicht mehr dichterisch „wie eine Nachtigall“ schlägt, sondern einer Thränenurne gleicht (8. Str.).
Das Gedicht zeugt mehr von guten Absichten als von handwerklichem Können; solche Poeme liest man nur noch aus literaturgeschichtlichem Interesse („Was ist Naturalismus?“), aber nicht wegen ihrer Qualität – ich werde mein Urteil am Schluss begründen. Der Aufschrei des „Sturm und Drang“ hatte anders geklungen, die Analysen der sozialen Lage waren 1892 schon tiefer gewesen.

Das lyrische Ich stellt sich als jemand vor, der „ein Stückchen Philosoph“ ist (V. 3); damit bezeichnet es eine Überlegenheit gegenüber Unannehmlichkeiten des Daseins. Es lebt zwar in bedrückter Umgebung (düster, schmutzig, rußig, V. 1 f.), hat aber doch Licht, hat zu essen und zu trinken, „und all mein Thun ist nur ein wenig Schreiben“ (V. 8). Es ist ein Dichter, beinahe wie Carl Spitzwegs armer Poet.
Das Ich beschreibt seine Situation (Präsens) und führt in wörtlicher Wiederholung der letzten Worte („ein wenig Schreiben“, V. 8 und 9) aus, was ihm dieses Schreiben bedeutet.
Zuvor erklärt es unbeholfen, wie ihm das Schreiben gelingt – bzw. gelang, das Ich wechselt in eine Art Bericht (Präteritum), da es letztlich von einer Störung seines schönen Dichtens sprechen will. Es las sich „in die Wunderwelt der Alten“ ein, wobei sowohl die Wunderwelt wie die Alten unbestimmt bleiben, worauf es ihm gelingt, zum Wohllaut zu gestalten, „was ich gefühlt“ (V. 9-12). Hier „berichtet“ das Ich also im Sinn einer bestimmten ästhetischen Theorie, wie es zum Dichter wurde, wie es zu seinem Dichten kam: durch Nachahmung der Alten, sein Fühlen ausdrückend. In einem Tempuswechsel (zurück zum Präsens, V. 13) beschreibt das Ich, welch schönes Empfinden es dabei immer oder regelmäßig hat: eine Art religiöser Erbauung, die Attribute (Heiligenschein, Altäre) bleiben jedoch recht konventionell.
Nun folgt der entscheidende Schritt von der Wunderwelt der Alten in die garstige Gegenwart: in „meine Nachbarschaft“. Die eigene Umgebung war vom philosophischen Ich bereits emotional verarbeitet, aber die Nachbarschaft zerstört die dichterische Idylle: „So könnt  ich glücklich und zufrieden sein…“ (V. 15 f.). Der Konjunktiv II bringt hier ein Kunststück fertig: Die einfach gegebene Wirklichkeit der Nachbarschaft dürfte das Dichten gar nicht erst aufkommen lassen; mittels des Konjunktivs II  wird jedoch der heilige Dichterschauer erlebt und dann durch die gegebene Wirklichkeit nachträglich aufgehoben. Das ist logisch ein Unding, aber es geht ums poetische Programm!
In den folgenden vier Strophen wird das Szenario des armen Schusters beschrieben, der nächtens arbeitet, während seine Kinder vor Hunger wimmern (weinen, V. 24; Schluchzen, V. 29; Schrei, V. 29; wimmern, V. 30, 40). Die Erschütterung des Dichters hält sich sachlich in engeren Grenzen als sprachlich: Er kann noch in Ruhe drei falsche Erklärungen der Störung zurückweisen (V. 17-20), eher er die wahre Ursache nennt: „Ein armer Schuster nur…“ (V. 21). Wenn man liest, wie der Ich-Dichter sein Mit-Leiden beschreibt, fällt auf, dass es ihm weniger um das Leiden der Schustersleute als um das eigene Mitleiden geht; immer wieder klagt er, wie „mich“ das Leiden ergreift, wie es „mir“ nahe geht (V. 26, 28, 31, 33 usw.). Da das Dichter-Ich schon oft in der Nacht diese Klagelaute gehört hat (V. 25), fragt man sich wirklich, wie es überhaupt jemals zum alt-heiligen Dichten gekommen sein kann (2. Str.). Es hält auch in seiner Erschütterung am schönen Versmaß fest: vierhebige Jamben, Kreuzreim, abwechselnd männliche und weibliche Kadenz, immer acht Verse pro Strophe. Die Semantik der Reime ergibt insgesamt ein stimmiges Bild: die Flöte liebt / Stunden gibt (V. 17/19: die Störquelle); nächtens flickt / sitzt und strickt (V. 21/23: die Eltern) usw.
Das Wimmern des Säuglings (V. 30) bereitet dem Dichter-Ich die größte Qual und vermittelt ihm (Konjunktiv II) den Eindruck, als würden bereits „nebenbei“ drei kleine Särge gezimmert (V. 31 ff.). Wie das Ich aus dem Weinen das Zimmern heraushört, bleibt offen. Das Dichter-Ich („Mir war‘s…“, V. 33; so bereits in V. 31) erlebt dann innerlich, wie die Kinderleichen lieblos abtransportiert werden – „Doch ach, noch immer wimmerten die Kinder!“ (V. 40). Es wird nicht klar, ob der Fortbestand des Wimmerns schlimmer als der Tod ist, was nach der Einleitung des Satzes („Doch ach“) eigentlich der Fall sein müsste.
Das Ich kommt dann auf die Folgen dieses Erlebens fürs Dichten zu sprechen: Was es nächstens oft (V. 25) erlebt hat, geht ihm am frühen Morgen „immer, immer noch“ (V. 41) nach – die Wiederholung soll die Intensität seines Mit-Leidens bezeugen: Thränenflor (V. 43, sehr gewählt), stumm wird es (V. 44) – das Schlimmste für einen Dichter; die Philosophie hält auch nicht vor, war wohl nur ein Luftschloss (V. 46). Das Ich ist wieder ins Präteritum gefallen, als berichtete es ein einmaliges Geschehen; es kommt mit der Zeit- und Sachlogik seines Erlebens nicht zurecht. Es unterstreicht jedoch noch einmal, was der Grund des Schreckens war oder ist: „die abgebrochnen Kindeslaute!“ (V. 48).
Die folgende 7. Strophe passt nicht ganz in die Logik des Berichts: Es ist eine quasimoralische Analyse, eine Anklage; es treten „die Armut“, „der Reichthum“, „die Goldgier“ und „das bleiche Elend“ als Akteure auf.
In der 8. Strophe kommt das Ich dann zur Hauptsache, zu sich und seinem Leiden. Es beginnt mit einer Theodizee-Frage: „O Gott, warum dies alles, o warum?“ Da es diese Frage nicht zu beantworten weiß, schleppt es sie in seinen Reimen und armen Liedern mit. Die Frage geht dort um, ächzt und stöhnt – mir ist es beim Lesen fast peinlich, wie das Dichter-Ich sein Leiden genießt.
„Was bleibt mir noch auf diesem Erdenball?“ (V. 61) Die letzte Frage des Ichs gilt ihm selbst als Künstler, als Dichter: Die Kunst stieg vom Kothurne, also dem Bühnenschuh der griechischen Antike (V. 62). Aber das Ich sagt nicht, auf welchen Füßen die Kunst jetzt steht, in welchen Schuhen sie geht – auch wenn es munter weiter in vierhebigen Jamben spricht, kreuzweise gereimt:
„Einst schlug mein Herz wie eine Nachtigall,
Doch ach, nun gleicht es einer Thränenurne!“ (V. 63 f.)
„Wie eine Nachtigall“ pflegt man zu singen, wie man bei google nachschauen kann; und die Alternative wäre ein anderes Schlagen – nein es kommt nur ein Vergleich dabei heraus: „wie eine Thränenurne“, wobei ich nicht weiß, was das ist, außer der Kombination zweier Leid-Motive (Urne, Tränen).
Beachtung verdient die Einleitung des Satzes: „Doch ach…“ (V. 64). Da geht es dem Dichter um sein Herz. Mit der gleichen Wendung hat er V. 40 eingeleitet: den letzten Eindruck vom Wimmern der Kinder. Aber den tiefsten Eindruck macht ihm sein eigenes Leiden am Leiden der anderen; das bleibt bis zum Ende.
Wenn das Gedicht ein poetologisches Programm präsentieren sollte: Weg vom alten Dichten, hinein in die Wirklichkeit, dann ist das eher misslungen: In regelmäßigen Jamben wird der Tod des alten Dichtens verkündet, die zeitliche Logik des Erlebens ist gestört, und bei den Bildern hakt es auch: Vom Kothurne geht es über die Nachtigall zur Urne. Arno Holz hat mich nicht beeindruckt, und das Leiden der armen Schusters ist auch Klischee geblieben.

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