Huchel: Löwenzahn – Analyse

In diesem Gedicht geht es um eine Erfahrung, die das lyrische Ich gemacht hat, als es Löwenzahn-Pusteblumen gepustet hat. Am einfachsten versteht man m.M. das Gedicht, wenn man von der letzten Strophe ausgeht; dort erklärt das Ich, dass es eine „zeitlose Stunde“ (V. 15) erlebt hat. Diese paradoxe Wendung bezeichnet den Moment des Glücks oder der Ewigkeit; die zeitlose Stunde, so berichtet das Ich, ist vergangen, weggegangen, „da sich der Löwenzahn weiß zerblies“ (V. 16). Mit der Konjunktion „da“ kann ein Zeitpunkt, aber auch ein Grund dafür angegeben werden, dass die zeitlose Stunde vergangen ist. Mit dem Reim „verließ / zerblies“ wird der Nebensatz noch enger an das im Zerblasen erfahrene Vergehen gebunden.
Was in der zeitlosen Stunde erfahren wird, ist zunächst in V. 13 f. gesagt. Da wird von der Situation (im Präteritum) erzählt, die in den ersten drei Strophen (im Präsens) beschrieben worden ist: Das Ich liegt im Gras und pustet reife Löwenzahnblüten. Die „Monde“ (V. 13) sind die kleinen Schirmchen, welche durch die Luft segeln (V. 1 ff.); wenn erzählt wird, dass sie „ins Jahr“ wehten, so ist das zweideutig: Einmal wird angedeutet, dass sie „in die Zeit hinein“ fliegen, also Zeit erzeugen, Vergangenheit entstehen lassen; zweitens sind „die Monde“ ein altes Wort für die Monate, welche leicht wie die Löwenzahnblüten dahinfliegen, also vergehen. Damit ist klar, dass die zeitlose Stunde nicht bestehen kann, sondern vergehen muss. Im folgenden Vers wird eher das Bild der fliegenden Blüten fortgesetzt: Die Monde wehten „wie Schnee“ (V. 14) auf Wange und Haar. Mit diesem Vergleich wird einmal auf die Farbe der Blüten angespielt, zweitens aber auch auf die Vergänglichkeit des Schnees; so fielen sie auf das im Gras liegende Ich. Segelten sie zunächst noch darüber hinweg (V. 10), so fallen sie schließlich auf das Gesicht, das genauso „weiß“ ist wie die Blüten, wie der Schnee. Damit ist der leichte Flug der Blüten zu Ende.
Wie jedoch ist die zeitlose Stunde entstanden? Diese Erfahrung wird in den ersten drei Strophen beschrieben als Erfahrung des „du“, welches sowohl „ich“ wie jeder ist, der so im Gras liegt.

Es folgt jetzt nur eine Skizze des Verständnisses:
1. und 2. Strophe: jeweils konditional eingeleitet, das leichte Dasein; 3. Strophe: der Übergang zur Erfahrung des Vergehens (durch den Vergleich in V. 11).
Zentrale Metapher ist „Monde“ vom Löwenzahn (V. 2) – daran schließt 1. das Wortfeld „weiß“ an, 2. das Wortfeld „Licht“. An „weiß“ schließen die Vergleiche „wie eine Wimper blass“ (V. 11) und „wie Schnee“ (V.14) an, die beide auf Vergänglichkeit zielen; das Feld „Licht“ (mit Lampen, flimmernd, Docht) ruft das Verb „löschen“ (V. 4) auf, womit „zerbläst“ (V. 6) vorbereitet wird (vgl. die Abfolgen „Kugel auf Kugel“, V. 6, und „Monde um Monde“, V. 13, welche erfahren lassen, wie Zeit vergeht).
Es gibt ein Wortfeld des Leichten, Zeitenthobenen (leise, versunken, Flaum, hauchen, fliegen; Sprechtempo), was formal durch die starken Alliterationen auf f und w (auch l) unterstrichen wird: das macht die zeitlose Stunde aus; dem steht das Wuchernd-Lebendige entgegen (flockend, stäubend, wollig, zottig; zerbläst und „-schaum“?) – in diesen Bereich hinein fallen die Löwenzahnblüten, vergehen die Monde: in den bleibenden Lebensstrom, der nur für Momente verlassen wurde.

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