Kästner: Der Handstand auf der Loreley – Analyse

Der Sprecher kommentiert ironisch einen Unfall an der Loreley als Beispiel falsch verstandenen deutschen Heldentums. Er schließt sich in die Schar der Zeitgenossen oder der Menschen ein („wir“, V. 5), ohne als Ich hervorzutreten.
Zunächst erklärt er

usw. – Die Analyse steht in meinem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“, das im Februar 2019 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen ist.

 

zu Ulrich Steckelberg:
„Gedichtvergleich: Der Loreley-Mythos bei Heine und Kästner“ –
Kurze Analyse und Erörterung eines theoretischen Textes (Beispiel einer Erörterung)

Steckelberg will untersuchen, wie Heine und Kästner das Märchen von der Loreley in ihren beiden Gedichten verarbeiten (Absatz 1).
Zuerst zeigt er in einer Inhaltsanalyse mehrere Gründe für die Distanz Heines zur Figur Loreley auf (2); auch die literarische Darstellung der Figur und die letzte Strophe Heines zeigten diese Distanz (3). Für Kästner bestreitet Steckelberg, dass dieser dem Märchen überhaupt noch eine Bedeutung für die Moderne beimesse; doch bleibe der Mythos weiterhin aktuell (4).
Bei der Formanalyse der Gedichte sieht der Autor in der Volksliedstrophe Heines eine Bejahung der Romantik; erst in der letzten Strophe findet er im Erzählerkommentar eine Distanzierung Heines vom Märchen (5). Bei Kästner findet Steckelberg nur distanzierende Elemente: prosaische Asudrucksweise, schnoddrige Sprache, Ironie, der Perspektivenwechsel in der letzten Strophe (6).
In der Synthese fasst Steckelberg seine Ergebnisse zusammen: Bei Heine sei noch die Faszination der romantischen Märchen-Figur zu spüren; Kästner lehne den romantischen Mythos rundweg ab (7). Zum Schluss erklärt Steckelberg den Unterschied in den beiden Haltungen der Dichter: Für Heine seien die nationalen Mythen noch ein Bezugspunkt für die Deutschen gewesen; für den Aufklärer Kästner habe sich gezeigt, dass solche Mythen nur noch gefährlich seien und entlarvt werden müssten – die von Heine eingeleitete Verabschiedung von den Mythen der Romantik sei bei Kästner endgültig vollzogen. (8)

In meiner Erörterung möchte ich exemplarisch einige, aber nicht alle Aspekte des Aufsatzes untersuchen; es geht mir eher darum zu zeigen, wie man einen solchen Aufsatz erörtern kann, als darum, ihn ganz zu erörtern. Als drei wesentliche Techniken möchte ich die sachliche Prüfung, die logische Prüfung und die Frage nach der Richtung (Tendenz, „Intention“) der untersuchten Texte vorstellen – was einem Vergleich auf die Frage hinausläuft, inwiefern die Texte vergleichbar sind. – Zur Strategie des Erörterns ist zu sagen, dass man sich zentralen Fragen zuwenden sollte, statt Randfragen zu diskutieren. So ist die einleitende Bemerkung, die „Loreley“ sei die deutscheste aller Sagen, sachlich belanglos, also kaum diskutierbar; von Bedeutung ist dagegen die Tatsache, dass Steckelberg nicht zwischen dem lyrischen Ich und dem Autor unterscheidet – daraus kann man etwas machen!

Das Erste, was ich kritisch anmerken möchte, ist eine methodische Ungenauigkeit Steckelbergs, der nicht zwischen Dichter und Sprecher des Gedichtes unterscheidet. Bei Heine spricht ein lyrisches Ich, das in einer traurigen Verfassung ist und sich dabei an das „Märchen“ von der Loreley erinnert; bei Kästner spricht ein allwissender Erzähler, der einen Unfall an der Loreley als Exempel eines sinnlosen Heldentods verspottet. Heine schreibt im Liebeskummer (er hat einen Korb von seiner Cousine aus Hamburg bekommen), Kästner polemisiert 1932 gegen den Nationalismus und Militarismus seiner Zeitgenossen.
Wozu greift Heine also auf den Loreley-Mythos zurück? „Sein“ lyrisches Ich agiert den Liebeskummer Heines aus, indem es sich einer Geschichte („Märchen“) erinnert, in der eine schöne unerreichbare Frau einen Mann betört und in den Untergang führt, nachdem der „mit wildem Weh“ (V. 18) vergebens die Nähe der Frau gesucht hat; der Untergang ist nicht mehr so wichtig („Ich glaube…“, V. 21) wie das Leiden an der Verzauberung und der vergeblichen Liebe zur Loreley. Die Relation der Figuren von Schiffer und Loreley und ihre Entsprechung im Verhältnis von Heine und Amalie macht es Heine möglich, Leiden und Ahnung des Untergangs in einem Gedicht (zur seelischen Entlastung, und weil Dichten so schön ist und Geld bringt) zu verarbeiten. – Den frühen Heine kann man in Grenzen noch als Romantiker bezeichnen; ich denke, so ist er gelesen worden, so wird sein Gedicht in der Vertonung Silchers gesungen.
Wozu greift Kästner auf den Loreley-Mythos zurück? Er ist ihm Exempel eines deutschen Mythos, an dem man die Sinnlosigkeit nationaler und militärischer Mythen aufzeigen kann, weil der besagte Unfall (wirklich oder fiktiv) am Loreleyfelsen passiert ist; er könnte genauso gut in Aachen passiert sein, dann hätte Kästner etwas zu Karl dem Großen schreiben müssen, oder in Potsdam, dann wäre Friedrich der Große fällig gewesen. In Hameln könnte man etwas aus dem Rattenfänger machen, in Bern etwas aus dem „Wunder von Bern“ und in Kerpen etwas aus Michael S. Die Figur der Loreley und das Motiv der Verführung durch eine schöne Frau interessiert Kästner also herzlich wenig; er kämpft dichtend als Republikaner gegen den Zeitgeist.
Diese Schreibsituationen der Dichter Kästner und Heine werden von Steckelberg nicht beachtet, weil er nicht zwischen dem Sprecher des Gedichtes und dem Autor unterscheiden kann und so undifferenziert ein Verhältnis des Autors zur Figur Loreley unterstellt, welches nicht besteht. In gewisser Weise sind die Gedichte Heines und Kästners nicht vergleichbar, wie sich beim Vergleichen ergibt.
(Mit dieser radikalen Kritik könnte man sich im Ernstfall begnügen; der Stamm des Baumes, den Steckelberg gepflanzt hat, ist gefällt.)

Die sachliche Prüfung möchte ich an Absatz (2) durch- bzw. vorführen:
Was drückt das lyrische Ich mit der Eingangswendung aus: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“? Es drückt aus, dass es mit seiner Traurigkeit nicht klarkommt; es weiß nicht, worauf sie hinausläuft: „bedeuten“ (V. 1) – eine ganz ungewöhnliche Fragestellung, da wir normalerweise nur fragen, woher oder warum wir traurig sind, wenn wir es nicht längst wissen. Der zweite Satz („Ein Märchen…“, V. 3 f.) erläutert den ersten und liefert nach meinem Verständnis die Erklärung dafür, dass das Ich so traurig ist; das unglückliche Verhältnis des Mannes zu einer unerreichbaren Frau ist eine uralte Geschichte, so etwas gibt es immer wieder – deshalb geht ihm das alte Märchen nicht aus dem Sinn. Weder die Wendung „Ich weiß nicht“ noch das Alter des Märchens signalisieren also Distanz des Ichs (oder gar Heines) vom Mythos, wie Steckelberg behauptet (Z. 16-18). Auch die räumliche Distanz des Schiffers von der schönen Frau steht eher für ihre Unerreichbarkeit als für Heines Distanz vom Mythos (zu Z. 18 ff.). Ob der Schiffer gestorben ist oder nicht, ist für Heine selber nicht so wichtig – der Schiffer hat am Liebesleid gelitten, das ist entscheidend; daher zeigt die Unsicherheitsformel („Ich glaube…“, V. 21) eher, welcher Teil der Sage für Heine und seinen Ich-Sprecher interessant ist, als dass sie Heines Distanz zu romantischen Mythen zeigten (gegen Steckelberg, Z. 24 ff.).

Eine logische Prüfung möchte ich am 4. Absatz durchführen:
Da sagt der Autor, die Relevanz des Märchens für das moderne Zeitalter werde von Kästner schlechtweg geleugnet (Z. 43 f. mit Berufung auf V. 6); einige Zeilen später behauptet er, der Mythos bleibe in Kästners Augen weiterhin aktuell (Z. 54 f.), wobei er einschränkt: sein literarisches Fortleben bleibe aktuell. Aber auch damit kann er den Widerspruch zu seiner großen Eingangsthese (Z. 43 f.) nicht aufheben. Vermutlich müsste Steckelberg zwischen wahrer und faktischer Bedeutung des Mythos unterscheiden, um ausdrücken zu können, was er meint: In Wahrheit sei der Mythos überholt (für den Weltgeist), doch faktisch sei er noch wirksam (bei den dummen Leuten); Kästner drückt das so aus, dass heute „noch manches“ nicht in unsere Zeit, sondern eher in die Steinzeit passe – aber es geschieht in unserer Zeit. Dahinter steht das Urteil: Es dürfte oder sollte nicht geschehen. Vielleicht sollte Steckelbarg sagen: Der Mythos lebe mental noch fort. Dass besagter Turner den Mythos vom Lesen kennt („literarisch“, Z. 54), ist nicht erwiesen.
Einen ähnlichen Widerspruch wie den von mir aufgedeckten gibt es zwischen der Behauptung über die Mythen der Moderne (Z. 47 f.) und dem Hinweis auf die Gefährlichkeit der Loreley (Z. 49 ff. – genauer wäre: alter Mythen).
Hier (4) drückt Steckelberg sich also zumindest ungenau aus; noch wichtiger ist jedoch, dass er nicht nach dem Verhältnis Kästners zum Sprecher und damit zum Loreley-Motiv fragt, sondern die Bedeutung gerade dieses Motivs einfach unterstellt – frei nach seiner (!) Zusammenstellung der Gedichte: Gedichte von der Loreley.

Wenn man diese problematische Zusammenstellung der Gedichte Heines und Kästners, die sich an der Verwendung des Loreley-Gedichtes Heines bei Kästner orientiert, durchschaut, wird man auch gegen die Äußerungen in Absatz (8) etwas skeptischer: Heine war kein Vorläufer Kästners, jedenfalls nicht in der Verwendung des Loreley-Motivs (s.o.: Intertextualität). Vielleicht sind beide in ihrem aufklärerischen Geist verbunden, aber dann als radikal republikanische Denker und Spötter, wobei man im Hinblick auf die Schuhgröße Kästner als einen Nachfolger Heines ansehen könnte; Kästner hat Heines Gedicht für seinen politischen Kampf ausgeschlachtet, weil es in Deutschland so bekannt war – nicht mehr und nicht weniger.

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