Kästner: Der Handstand auf der Loreley – Analyse

Der Sprecher kommentiert ironisch einen Unfall an der Loreley als Beispiel falsch verstandenen deutschen Heldentums. Er schließt sich in die Schar der Zeitgenossen oder der Menschen ein („wir“, V. 5), ohne als Ich hervorzutreten.
Zunächst erklärt er, was die Loreley ist [Die Alliteration „Fee und Felsen“ (V. 1) bindet Dinge zusammen, die nicht zusammengehören: Merkmal einer Satire!] und wo sie liegt; dabei bezieht er sich – durch vulgäre Ausdrucksweise – ironisch auf Heines Gedicht („mit verdrehten Hälsen“, V. 3; „von blonden Haaren schwärmend“, V. 4: ironische Modernisierung „blond“), das in Deutschland zum Volkslied geworden ist. Auch der Plural „Schiffer“ (V. 3) trivialisiert das Geschehen: So war’s früher.
Mit dem Adverb „früher“ (V. 3) hat er das in Heines Gedicht erzählte Geschehen so datiert, dass er die „heutige“ Zeit davon abgrenzen kann: Die Verhältnisse ändern sich (V. 5 f.), die Zeit vergeht (V. 7), der Liebestod ist anachronistisch (V. 7 f. – die abwertende Ironisierung des bei Heine erzählten Märchens [dort V. 3] durch den Titel „blondes Weib“, das „sich dauernd kämmt“, fällt auf. Gegen das „Märchen“ wird betont, dass bei Kästner eine wahre Begebenheit erzählt („nach“ im Untertitel) und kommentiert wird.
In der dritten Strophe erklärt der Sprecher, worum es ihm geht: Trotz des genannten Wandels (Str. 1 – 2) gebe es auch heute „noch manches“, was dem Früheren gleicht; durch die Konnotation der Zeitangabe „Steinzeit“ wird dieses Geschehen als überholt, sozusagen „unmöglich“ bewertet. Mit der Bezeichnung „Heldensage“ (V. 11) für das bei Heine erzählte „Märchen“ nennt der Erzähler das Thema, was in der Wiederholung „Helden“ (V. 12, 20, 25, 32) vollends deutlich wird: Heldentum. – Bei Heine wird eigentlich keine Heldensage im strengen Sinn erzählt; aber nur mit dem Stichwort „Heldentum“ kann der Erzähler (indirekt Kästner) den nun erzählten Unfall einmal an die Loreley-Sage anbinden, dann auch als falsches Heldentum kritisieren [Liebestod // Heldentod]. Auch mit dem Attribut „alt“ (V. 11) wird das ganze Helden-Sagentum kritisiert; dessen Folge sei die Produktion neuer Helden (V. 12). Wenn man Kästners Gedicht „Kennst du das Land…“ aus dem Jahr 1928 kennt, weiß man: Das „Heldentum“ gehört in den Bereich des von Kästner kritisierten deutschen Militarismus, dem er Geist, Mut, Freiheit, Arbeit als Bereich wahren Heldentums gegenüberstellt. Auch an das Gedicht „Die Entwicklung der Menschheit“ könnte man denken: Trotz scheinbarer Entwicklung (vgl. hier die 2. Strophe) sind die Menschen im Innern immer noch die alten Affen; anders gesagt: Sie wollen Helden werden (Str. 3). Das ist keine direkte Kritik am Nationalsozialismus, zumal die NSDAP 1932 noch nicht an der Macht war; es kann aber als indirekte Kritik gelten, weil die Nazis wie auch andere Deutsche solches Heldentum auch schon vor 1933 propagiert haben.
Als Beispiel solchen falschen Heldentums wird der Unfall eines „Turners“ (abwertend gegenüber „Sportler“) erzählt, der an der Loreley abgestürzt ist (V. 13-24). Im „Angstgeschrei“ auf den Dampfern (V. 15) wird einmal das wundersame Lied der Lorelei (Heine) karikiert, anderseits die kritische Frage (V. 19) vorbereitet. Der auktoriale Erzähler stellt ausdrücklich einen Bezug zu Heines Gedicht her (V. 23) und rechtfertigt damit die Verbindung von „Heldentum“ und Heldensage (s.o.). Die sportliche Leistung wird satirisch erzählt; auf Einzelnachweise („Turnerblick“, V. 22; „verkehrt“, V. 21 und andere – der von Heine übernommene „Abendsonnenschein“, V. 21, wird maßlos gesteigert: V. 26; der Turnerist ein Vexierbild der schönsten Jungfrau, V. 21 ff.) verzichte ich hier. Der Erzähler wehrt die Frage nach den Gründen solch riskanten Turnens ohne Begründung mit dem ironisch zu lesenden Hinweis aufs Heldentum, das damit als irrationaler Kult offenbar wird, ab (V. 20): „Das dürfte wohl genügen.“ Auch in der ironischen Rechtfertigung des Todes durch den einen Augenblick des Lebens „mit zwei gehobnen Beinen“ (V. 27 – man könnte auch an den Hund mit seinem einen gehobenen Bein denken: der Turner als besseres Tier) wird die Kritik des auktorialen Erzählers am Heldentum greifbar. – Es könnte auch sein, dass der Sprecher hier ironisch die Position der Heldenverehrer zitiert.
Scheinbar nebenher, mit dem „P.S.“ angeschlossen, wird von den Hinterbliebenen erzählt: Frau und Kind (V. 29 f.). Abschließend kann der Erzähler wiederum das Heldentum ironisch bewerten: Im Bezirk der Helden und der Sagen (V. 32 – „Sagen“ als Merkmal der überholten Vergangenheit, welche V. 10 als „Steinzeit“ charakterisiert war) seien Hinterbliebene nicht wichtig, sei also der Verlust von Menschen nicht wichtig. Die gleiche Bewertung ergibt sich aus dem Prädikativ „vom Schicksal überstrahlt“ (V. 26); hier ist der Anklang an Heines Gedicht (funkelt, blitzet) mit dem hel-dentypischen Begriff „Schicksal“ verbunden. Nach allgemeiner Auffassung kann man seinem Schicksal nicht entgehen; doch ein Hand-stand am Rhein kann unmöglich als schicksalhaft gelten: Kritik!
Was man außerdem vom Sprechen her berücksichtigen und aufs Thema beziehen könnte: fünfhebiger Jambus; Kreuzreim; 2. und 4. Vers jeder Strophe mit männlicher Kadenz. Gegen das Metrum betont: wir (V. 5); bloß (V. 8); Nichts- (V. 9); evtl. „so“ (V. 11); hoch (V. 14); da (V. 22); evtl. „ein“ (V. 27). Betonte Wörter sind früher (V. 3); kämmt (V. 8); Steinzeit (V. 10); Helden (V. 12); Held (V. 20); Genick (V. 24); Held (V. 25): Schicksal (V. 26). Es fällt die Alliteration Fee-Felsen auf.

Ansatz der Analyse
1. Was für ein Sprecher ist da?
(Verweist das Pronomen „wir“, V. 5, auf ein Ich?)
2. Wie baut der Sprecher seine Rede (das Gedicht) auf?
Was tut er V.  1 – 12 ? (differenziert: V. 1-4 bzw. V. 1 f.)
Siehst du den doppelten Bezug dessen, was „früher“ geschah, zu dem, was „heute“ geschieht?
Wie bezieht der Sprecher sich auf Heines Gedicht? Wie spricht er dabei?
Welche Funktion hat der Bezug auf Heines Gedicht?
Wo bezieht er sich später auf Heines Gedicht?
Welches Thema wird deutlich? Wo wird es wieder aufgegriffen?
Was tut er V. 13 – 24 ? (differenziert: V. 19 f.)
Wozu erzählt er diese Begebenheit? (Beachte V. 9-12 und 13!)
Was tut er V. 25 – 33 ? (differenziert: V. 30)
Was leistet „P.S.“, das Signal des nachträglichen Einfalls?
Worin besteht die Einheit dieser drei Teile?
3. Wozu nimmt Kästner 1932 mit diesem Gedicht Stellung?
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Klausur in Kl. 11 (2006 – zwei Schulstunden)

Aufgabenstellung:
Analysieren Sie das Gedicht!
1. Beachten Sie dabei
– den Aufbau des Gedichtes,
– den Erzähler und seine Sprechweise(n),
– das Thema und seine Entfaltung,
– die Einstellung des Erzählers zu dem, was er berichtet.
2. Untersuchen Sie (zumindest kurz) den Rhythmus von Strophe 4:
– das Tempo und die Pausen (einschließlich Metrum und Reim),
– die Betonungen.
(Sie müssen bei der 1. Aufgabe die vier Aspekte nicht der Reihe nach abarbeiten, sondern sollten sie als Perspektiven Ihrer Untersuchung ansehen.)

Erläuterung:
Im 1. Weltkrieg (1914-1918) war die Kriegsbegeisterung der Deutschen zumindest am Anfang groß; viele meldeten sich freiwillig zu den Waffen; der Heldentod fürs Vaterland stand in Ansehen, auch wenn bzw. weil man bald zu siegen gedachte. Bei einem Teil der Bevölkerung hielt sich diese Einstellung, während viele im Lauf des Krieges und nach der Niederlage 1918 ernüchtert wurden;
1932 errang die NSdAP mit ihren sozialen und nationalen Parolen (und dem Traum vom großdeutschen Reich) bedeutende Wahlerfolge, am 30. Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt.
In den beiden ersten Strophen und in V. 21-23 bezieht sich der Sprecher auf Heines bekanntes (auch vertontes) Gedicht.
Die Erwähnung der Turners (V. 14) verweist auf den sogenannten Turnvater Jahn (Friedrich Ludwig Jahn, 1778 – 1852), der als Lehrer in Berlin ein Vorkämpfer der nationalen Erziehung, besonders des Turnens war; die körperliche Ertüchtigung durch  Sport (Turnen) war oft die Basis für eine militärische Ausbildung.

Hilfsmittel:
Text der beiden Gedichte (Heine, Kästner)

Neue Analyse
Ein allwissender Erzähler berichtet von einem Unfall am Lorelay-Felsen und nutzt diesen Bericht, um die deutsche Verehrung von Helden zu verspotten.
Zunächst erklärt er seinen Zuhörern, was den Ort des Geschehens auszeichnet (1. Str.); dabei bezieht er sich auf die Lorelay-Sage („Fee“, V. 1) bzw. auf Heines vertontes Gedicht von 1823/24 („Lorelei“) , in dem diese Sage in Deutschland bekannt geworden ist; er spricht ausgesprochen umgangssprachlich, also in einer niederen Sprachebene von einem sonst mit pathetischem Sprechen verbundenen Geschehen („mit verdrehten Hälsen“, V. 3, vs. „Er schaut nur hinauf in die Höh‘“, V. 20 bei Heine; ebenso V. 4, vs. Jungfrau mit goldenem Haar bei Heine, V. 9 ff.). Mit der Alliteration „Fee und Felsen“ verbindet er Ort und Sage als Gegenstand des Berichts. Dabei stellt er (oder: Kästner?!) im Untertitel die wahre Begebenheit gegen die alte Sage, wenn auch mit der Präposition „nach“ abschwächend: eine moderne Sage eben.
In den beiden folgenden Strophen grenzt er einmal die „Gegenwart“ gegen diese Sagenwelt ab (Wir wandeln uns, V. 5; der Rhein ist reguliert, V. 6; man stirbt nicht mehr…, V. 7), die wiederum verächtlich abgetan wird (V. 8, s.o.). Salopp adversativ (grammatisch falsch, wenn auch heute üblich: „Nichtsdestrotrotz“, V. 9; das ist eine Verballhornung von „trotzdem“ und „nichtsdestoweniger“) erklärt er dann, wieso die Gegenwart („wir“, V. 5) noch mit der vergangenen Sagenwelt verbunden ist: dass deutsche Heldensagen weiter Helden hervorbringen. Dieses Geschehen wertet er als „Steinzeit-ähnlich“ (V. 10) ab. – Im Gedicht findet sich kein Hinweis, worauf der Erzähler damit anspielt; er leitet so nur zum folgenden Bericht vom Unfall über. In der Ebene Autor – Gedicht – Leser wird man aus dem Zeitpunkt der Veröffentlichung (1932) eine Kritik an nationalistischer Heldenverehrung und Soldatenkult („Tod fürs Vaterland“) heraushören können, welche von den aufkommenden Nazis propagiert wurden.
Mit der Zeitangabe „erst neulich“ leitet er seinen Bericht vom verunglückten Sportler ein; verächtlich nennt er ihn einen „Turner“; umgangssprachlich abgehackt beschreibt er den sogenannten Handstand (mit dem Knittelreim „Wand stand“, V. 16): „Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.“ (V. 18) Das Adjektiv resp. Partizip „lustbetont“ sprengt ironisch die Sprachebene, passt auch nicht zum sportlichen Geschehen: ein Merkmal satirischen Sprechens. Der Erzähler unterbricht mit einem kurzen Kommentar seinen Bericht (V. 19 f.), in dem er scheinbar aus der Position nationalistischen Denkens Kritik und dumme Fragen zum Sinn der Turnübung zurückweist; dadurch ironisiert er das Bekenntnis: „Er war ein Held.“ (V. 20) In der nächsten Strophe bezieht er sich in zwei Anspielungen (Abendsonnenschein, Wehmut) auf Heines Gedicht, dessen hohe Sprache natürlich nicht zum Umgangston des Erzählers passt: Wehmut – Turnerblick (V. 22, Satire); ebenso passt das Vokabular vom Genickbruch (V. 24) nicht zum Heldentod (V. 25). Allwissend tut der Erzähler kund, dass besagter Turner „an die Lorelay von Heine“ dachte, was wiederum nicht zum sportlichen Geschehen passt, aber den Grund für die Behauptung liefert, alte Heldensagen brächten auch heute noch Helden (und vor allem den Heldentod) hervor (V. 11 f.).
Ironisch bewertet der Erzähler dann in einem Kommentar aus nationalistischer Sicht den Unfall, wobei wiederum die verschiedenen Sprachebenen angehörenden Wörter „Handstand – Schicksal“ (V. 26) partout nicht zusammenpassen; noch stärker als mit der Bezeichnung „Handstand“ wird die Beschreibung der Beinhaltung („mit zwei gehobnen Beinen“, V. 27; das lässt fast an eine hundetypische Haltung denken) genutzt, den Schicksalsmythos (V. 26) lächerlich zu machen.
Mit einem „P.S.“, als hätte er es beinahe vergessen, weil sie ohnehin nicht wichtig seien, leitet er mit einer redesituierenden Bemerkung (V. 29) zum Rest seines Berichtes über: „Der Turner hinterließ uns Frau und Kind.“ Vielleicht ist das Personalpronomen „uns“ hier bemerkenswert: Die anderen, eben wir können sich um die Hinterbliebenen kümmern; den Helden und den Heldentumspathetikern sind sie gleichgültig – eine deutliche Kritik am Heldenkult. In diesem Sinn ist auch der ironische Schlusskommentar gehalten (V. 31 ff.). Im „Bezirk der Helden und der Sagen“ sind die Helden und die Sagen miteinander verbunden – wir wissen bereits vom Erzähler, dass sie in die Steinzeit gehören (V. 10), dass er sie also für absolut überholt hält; bei uns heute sind also auch die Überlebenden wichtig.
Damit widerspricht er auch seiner „eigenen“ Bewertung: „man soll sie nicht beklagen“ (V. 31), womit er die Bewertung der Turners aufgreift: „Man muß ihn nicht beweinen.“ (V. 25) Ähnlich greift er die andere Bewertung des Turners auf: „Er war ein Held.“ (V. 20) „Er starb als Held.“ (V. 25) Diese kurzen Sätze (vgl. auch das reihende Erzählen in V. 18 und V. 24; ähnlich V. 5, V. 7; ähnlich die simple Konjunktion „hinwiederum“, V. 31) stehen stilistisch im Kontrast zu komplexen Sätzen (V. 15 f.; V. 31 ff.) und verdeutlichen in dieser Spannung den satirischen Charakter der neuen Heldensage vom Rhein.
In der letzten Strophe gibt es mit der P.S.-Zeile auch die einzige Abweichung vom vierversigen Strophenbau; im fünfhebigen Jambus wird insgesamt leicht vom Unfalltod erzählt. Am Ende der Verse, die im Kreuzreim miteinander verbunden sind, ist in Vers 1 und 3 jeder Strophe eine weibliche Kadenz, welche das Sprechtempo etwas bremst, während der Kreuzreim und viele Enjambements (deutlich in V. 3, V. 9, V. 32; weniger klar ausgeprägt in V. 1, V. 3 usw., wo ein syntaktischer Einschnitt vorliegt) das Tempo beschleunigen; am Ende von V. 2 und 4 jeder Strophe finden sich teile männliche (Str. 2, 3, 6 und 8, wo auch ein umarmender Reim den Kreuzreim ablöst und V. 29 reimlos den Anfang bildet), teils weibliche Kadenzen. Die flotte Sprechweise passt gut zum ironischen Tonfall, in dem der Erzähler vom Unfalltod des „Turners“ berichtet; in der Bezeichnung „Turner“ greift der Erzähler vielleicht auf die Turnerbewegung des Turnvaters Jahn zurück, der für wehrsportliche Ertüchtigung der Jugend eingetreten ist, was ja nach 1933 im Reichsarbeitsdienst und dann in der DDR in der Gesellschaft für Sport und Technik wieder auflebte.
Wenn man einmal in eine einzelne Strophe schaut, um dort die betonten Wörter zu suchen und den tatsächlichen Rhythmus zu finden, findet man etwa in der 4. Strophe „neulich, Lorelay“ (V. 13), „Hoch, Rhein, Turner, Handstand“ (V. 14), „Dampfern, Angst“ (V. 15), „-über, oben, Wand“ (V. 16). Das sind die Wörter, die den Ort, das Geschehen und die Zuschauer bezeichnen. Ein Wort fällt aus dem jambischen Takt heraus („Hoch“, V. 14); solche Störungen machen das Sprechen lebendiger. Die Semantik der Reime ist vordergründig sinnvoll: auf der Lorelay / (unten) Angstgeschrei (V. 13 / 15); einen Handstand / auf der Wand stand (V. 14 / 16) – mehr ist in einem ironischen Gedicht auch nicht zu erwarten!

Mit dem Zeitbezug (1932) haben wir einen Anfang der Interpretation gemacht; man könnte dieses Gedicht auch in das Werk Kästners hineinstellen, zunächst in seine anderen Gedichte, oder in die kritische Literatur der 20er und 30er Jahre – das wäre dann eine Interpretation. Ein weiterer Schritt in der Interpretation beruhte auf der Beobachtung, dass das erzählte Geschehen (Handstand eines Mannes auf dem Felsen statt Erscheinung einer schönen Frau; Schiffer im kleinen Schiff – Touristen auf Dampfern; Tod des Mannes statt Tod der Bootsfahrer) eine Parodie des Sagengeschehens ist, aber nicht auf der Ebene des Erzählers, sondern des Textbezugs [Intertextualität] bzw. des Autors.

Links zu Heine/Kästner (mehr zu Heine als zu Kästner, leider):
http://www.jhelbach.de/lorelei/loredeu.htm und https://norberto42.wordpress.com/2013/05/09/heine-die-loreley-analyse/
http://www.dialogin.de/schuelerprojekte/sonne/lorelei/die_sage_von_der_lorelei.htm
http://www.lehrer-online.de/loreley.php
http://www.fullbooks.com/Graf-von-Loeben-and-the-Legend-of-Lorelei.html
http://www.wcurrlin.de/kulturepochen/kultur_romantik.htm -> Heine: Das Loreleylied

http://www.hoelderlin-gesellschaft.de/index.php?id=626

http://gk-deutsch.blogspot.de/2011/02/zeitkritik-im-literarischen-kabarett.html

http://johannesklinkmueller.wordpress.com/2009/06/26/erich-kastner-als-frauenversteher-die-loreley-bekannt-als-fee-und-felsen-ein-mythos-wird-entzaubert/ (eigenwillig!)
http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/17/707.pdf -> Erörterung, daran anschließend:

Erörterung zu Ulrich Steckelberg:
„Gedichtvergleich: Der Loreley-Mythos bei Heine und Kästner“ –
Kurze Analyse und Erörterung eines theoretischen Textes (Beispiel einer Erörterung)

Steckelberg will untersuchen, wie Heine und Kästner das Märchen von der Loreley in ihren beiden Gedichten verarbeiten (Absatz 1).
Zuerst zeigt er in einer Inhaltsanalyse mehrere Gründe für die Distanz Heines zur Figur Loreley auf (2); auch die literarische Darstellung der Figur und die letzte Strophe Heines zeigten diese Distanz (3). Für Kästner bestreitet Steckelberg, dass dieser dem Märchen überhaupt noch eine Bedeutung für die Moderne beimesse; doch bleibe der Mythos weiterhin aktuell (4).
Bei der Formanalyse der Gedichte sieht der Autor in der Volksliedstrophe Heines eine Bejahung der Romantik; erst in der letzten Strophe findet er im Erzählerkommentar eine Distanzierung Heines vom Märchen (5). Bei Kästner findet Steckelberg nur distanzierende Elemente: prosaische Asudrucksweise, schnoddrige Sprache, Ironie, der Perspektivenwechsel in der letzten Strophe (6).
In der Synthese fasst Steckelberg seine Ergebnisse zusammen: Bei Heine sei noch die Faszination der romantischen Märchen-Figur zu spüren; Kästner lehne den romantischen Mythos rundweg ab (7). Zum Schluss erklärt Steckelberg den Unterschied in den beiden Haltungen der Dichter: Für Heine seien die nationalen Mythen noch ein Bezugspunkt für die Deutschen gewesen; für den Aufklärer Kästner habe sich gezeigt, dass solche Mythen nur noch gefährlich seien und entlarvt werden müssten – die von Heine eingeleitete Verabschiedung von den Mythen der Romantik sei bei Kästner endgültig vollzogen. (8)

In meiner Erörterung möchte ich exemplarisch einige, aber nicht alle Aspekte des Aufsatzes untersuchen; es geht mir eher darum zu zeigen, wie man einen solchen Aufsatz erörtern kann, als darum, ihn ganz zu erörtern. Als drei wesentliche Techniken möchte ich die sachliche Prüfung, die logische Prüfung und die Frage nach der Richtung (Tendenz, „Intention“) der untersuchten Texte vorstellen – was einem Vergleich auf die Frage hinausläuft, inwiefern die Texte vergleichbar sind. – Zur Strategie des Erörterns ist zu sagen, dass man sich zentralen Fragen zuwenden sollte, statt Randfragen zu diskutieren. So ist die einleitende Bemerkung, die „Loreley“ sei die deutscheste aller Sagen, sachlich belanglos, also kaum diskutierbar; von Bedeutung ist dagegen die Tatsache, dass Steckelberg nicht zwischen dem lyrischen Ich und dem Autor unterscheidet – daraus kann man etwas machen!

Das Erste, was ich kritisch anmerken möchte, ist eine methodische Ungenauigkeit Steckelbergs, der nicht zwischen Dichter und Sprecher des Gedichtes unterscheidet. Bei Heine spricht ein lyrisches Ich, das in einer traurigen Verfassung ist und sich dabei an das „Märchen“ von der Loreley erinnert; bei Kästner spricht ein allwissender Erzähler, der einen Unfall an der Loreley als Exempel eines sinnlosen Heldentods verspottet. Heine schreibt im Liebeskummer (er hat einen Korb von seiner Cousine aus Hamburg bekommen), Kästner polemisiert 1932 gegen den Nationalismus und Militarismus seiner Zeitgenossen.
Wozu greift Heine also auf den Loreley-Mythos zurück? „Sein“ lyrisches Ich agiert den Liebeskummer Heines aus, indem es sich einer Geschichte („Märchen“) erinnert, in der eine schöne unerreichbare Frau einen Mann betört und in den Untergang führt, nachdem der „mit wildem Weh“ (V. 18) vergebens die Nähe der Frau gesucht hat; der Untergang ist nicht mehr so wichtig („Ich glaube…“, V. 21) wie das Leiden an der Verzauberung und der vergeblichen Liebe zur Loreley. Die Relation der Figuren von Schiffer und Loreley und ihre Entsprechung im Verhältnis von Heine und Amalie macht es Heine möglich, Leiden und Ahnung des Untergangs in einem Gedicht (zur seelischen Entlastung, und weil Dichten so schön ist und Geld bringt) zu verarbeiten. – Den frühen Heine kann man in Grenzen noch als Romantiker bezeichnen; ich denke, so ist er gelesen worden, so wird sein Gedicht in der Vertonung Silchers gesungen.
Wozu greift Kästner auf den Loreley-Mythos zurück? Er ist ihm Exempel eines deutschen Mythos, an dem man die Sinnlosigkeit nationaler und militärischer Mythen aufzeigen kann, weil der besagte Unfall (wirklich oder fiktiv) am Loreleyfelsen passiert ist; er könnte genauso gut in Aachen passiert sein, dann hätte Kästner etwas zu Karl dem Großen schreiben müssen, oder in Potsdam, dann wäre Friedrich der Große fällig gewesen. In Hameln könnte man etwas aus dem Rattenfänger machen, in Bern etwas aus dem „Wunder von Bern“ und in Kerpen etwas aus Michael S. Die Figur der Loreley und das Motiv der Verführung durch eine schöne Frau interessiert Kästner also herzlich wenig; er kämpft dichtend als Republikaner gegen den Zeitgeist.
Diese Schreibsituationen der Dichter Kästner und Heine werden von Steckelberg nicht beachtet, weil er nicht zwischen dem Sprecher des Gedichtes und dem Autor unterscheiden kann und so undifferenziert ein Verhältnis des Autors zur Figur Loreley unterstellt, welches nicht besteht. In gewisser Weise sind die Gedichte Heines und Kästners nicht vergleichbar, wie sich beim Vergleichen ergibt.
(Mit dieser radikalen Kritik könnte man sich im Ernstfall begnügen; der Stamm des Baumes, den Steckelberg gepflanzt hat, ist gefällt.)

Die sachliche Prüfung möchte ich an Absatz (2) durch- bzw. vorführen:
Was drückt das lyrische Ich mit der Eingangswendung aus: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“? Es drückt aus, dass es mit seiner Traurigkeit nicht klarkommt; es weiß nicht, worauf sie hinausläuft: „bedeuten“ (V. 1) – eine ganz ungewöhnliche Fragestellung, da wir normalerweise nur fragen, woher oder warum wir traurig sind, wenn wir es nicht längst wissen. Der zweite Satz („Ein Märchen…“, V. 3 f.) erläutert den ersten und liefert nach meinem Verständnis die Erklärung dafür, dass das Ich so traurig ist; das unglückliche Verhältnis des Mannes zu einer unerreichbaren Frau ist eine uralte Geschichte, so etwas gibt es immer wieder – deshalb geht ihm das alte Märchen nicht aus dem Sinn. Weder die Wendung „Ich weiß nicht“ noch das Alter des Märchens signalisieren also Distanz des Ichs (oder gar Heines) vom Mythos, wie Steckelberg behauptet (Z. 16-18). Auch die räumliche Distanz des Schiffers von der schönen Frau steht eher für ihre Unerreichbarkeit als für Heines Distanz vom Mythos (zu Z. 18 ff.). Ob der Schiffer gestorben ist oder nicht, ist für Heine selber nicht so wichtig – der Schiffer hat am Liebesleid gelitten, das ist entscheidend; daher zeigt die Unsicherheitsformel („Ich glaube…“, V. 21) eher, welcher Teil der Sage für Heine und seinen Ich-Sprecher interessant ist, als dass sie Heines Distanz zu romantischen Mythen zeigten (gegen Steckelberg, Z. 24 ff.).

Eine logische Prüfung möchte ich am 4. Absatz durchführen:
Da sagt der Autor, die Relevanz des Märchens für das moderne Zeitalter werde von Kästner schlechtweg geleugnet (Z. 43 f. mit Berufung auf V. 6); einige Zeilen später behauptet er, der Mythos bleibe in Kästners Augen weiterhin aktuell (Z. 54 f.), wobei er einschränkt: sein literarisches Fortleben bleibe aktuell. Aber auch damit kann er den Widerspruch zu seiner großen Eingangsthese (Z. 43 f.) nicht aufheben. Vermutlich müsste Steckelberg zwischen wahrer und faktischer Bedeutung des Mythos unterscheiden, um ausdrücken zu können, was er meint: In Wahrheit sei der Mythos überholt (für den Weltgeist), doch faktisch sei er noch wirksam (bei den dummen Leuten); Kästner drückt das so aus, dass heute „noch manches“ nicht in unsere Zeit, sondern eher in die Steinzeit passe – aber es geschieht in unserer Zeit. Dahinter steht das Urteil: Es dürfte oder sollte nicht geschehen. Vielleicht sollte Steckelbarg sagen: Der Mythos lebe mental noch fort. Dass besagter Turner den Mythos vom Lesen kennt („literarisch“, Z. 54), ist nicht erwiesen.
Einen ähnlichen Widerspruch wie den von mir aufgedeckten gibt es zwischen der Behauptung über die Mythen der Moderne (Z. 47 f.) und dem Hinweis auf die Gefährlichkeit der Loreley (Z. 49 ff. – genauer wäre: alter Mythen).
Hier (4) drückt Steckelberg sich also zumindest ungenau aus; noch wichtiger ist jedoch, dass er nicht nach dem Verhältnis Kästners zum Sprecher und damit zum Loreley-Motiv fragt, sondern die Bedeutung gerade dieses Motivs einfach unterstellt – frei nach seiner (!) Zusammenstellung der Gedichte: Gedichte von der Loreley.

Wenn man diese problematische Zusammenstellung der Gedichte Heines und Kästners, die sich an der Verwendung des Loreley-Gedichtes Heines bei Kästner orientiert, durchschaut, wird man auch gegen die Äußerungen in Absatz (8) etwas skeptischer: Heine war kein Vorläufer Kästners, jedenfalls nicht in der Verwendung des Loreley-Motivs (s.o.: Intertextualität). Vielleicht sind beide in ihrem aufklärerischen Geist verbunden, aber dann als radikal republikanische Denker und Spötter, wobei man im Hinblick auf die Schuhgröße Kästner als einen Nachfolger Heines ansehen könnte; Kästner hat Heines Gedicht für seinen politischen Kampf ausgeschlachtet, weil es in Deutschland so bekannt war – nicht mehr und nicht weniger.

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