Keller: Die drei gerechten Kammmacher – Analysen

Zeitstruktur
(Der Text wird nach der Ausgabe RUB 6173 von 1969/83 zitiert – inzwischen gibt es garantiert eine neue Ausgabe mit anderer Seitenzählung!)
Man muss beachten, dass hier mehrere Erzählstränge miteinander verflochten sind, die jeweils ihre eigene Vorgeschichte(n) haben, und dass die Erzählung eigentlich damit beginnt, dass Dietrich beschließt, sich in Züs zu verlieben (S. 18 bzw. 28).
(Erzählerkommentar: Die Kammacher haben bewiesen…, S. 3 f.)
* Kammachergeschäft in Seldwyla beschrieben (4):
im Sommer / im Winter (4): die Gesellen
sobald aber die Wiesen grün wurden (5)
* Einsmals kam Jobst (5); zuletzt…
des Abends (5); am Sonntag (6)
[Als die Seldwyler eine Brauerei anlegten (7)]
sein Plan: zuweilen (8); Tag und Nacht (9); die ganzen Jahre lang (9)
* So lebte er ein Jährchen um das andere (11)
* Wenn Weiber mit Kirschen kamen (12)

* Einst … kam eines Abends ein fremder Geselle (13), Fridolin
Während der ganzen Nacht (14)
Am Morgen (14)
nach Verlauf einiger Stunden (15)
im Lauf des Tages (16)
* die nächsten acht Tage (16)

* Nach kaum acht Tagen … kam Dietrich (16)
* Tag und Nacht (18) mühten sie sich ab.
* Züs Bünzlin wird beschrieben (S. 19 ff.):
**einst hatte sie ein Verhältnis gepflogen (20)
Tage des Waschens (21) und Glättens
** einst war sie mit einem Schmiedegesellen so gut wie verlobt (22)
kurz darauf entfloh der Mensch (22)
als sie den Streit führen musste (23)
oft las sie / jedesmal wurde sie gerührt (24)
wenn sie zufrieden war (24)
zuweilen sprach sie salbungsvoll (24)
an stillen Sonntagen schrieb sie Aufsätze (24)
** einst hatte sie sich die Liebe des Buchbinders zugezogen (25)
während eines Jahres (25) band sie ihn an sich
zuweilen wagte er einen Ausspruch (26)
während des Jahres, während vieler Feiertage (26)
Als das Denkmal fertig war (26), schickte sie ihn fort.
[Schon lange hatte sie … gelobt (28)]

* Als Dietrich begann, ihr den Hof zu machen (28 -> 18)
* Nicht lange danach (28)
[Schon seit Jahren ging Jobst…(28)]
* Aber jetzt kamen auch die anderen (29), sogleich (29)
allnächtlich: Traum (31)

* einst: Kampf (31)
drei Minuten lang (31)
beim Frühstück: die Kündigung (32)
Plötzlich schlug der Meister vor [morgen Wettkampf ->] (33)
Unversehens rennen sie zu Züs (34)
jetzt (nach ihrer Rede) rannten sie zurück (37)
den ganzen Tag (37)
gegen Abend (38)
* in aller Frühe des nächsten Tages (38),
dessen Ereignisse bis S. 62 erzählt werden.

Das Motiv: Gerechtigkeit
Untersuchen Sie das Motiv des Gerechten bzw. der Gerechtigkeit in der Novelle. Achten Sie darauf, von wem, wozu und in welchem Kontext es jeweils verwendet wird (S. 3 f.; 11; 25; 37; 43 f.; 48 f.; 55 f.; 59 und 64).

Erläuterungen zum Motiv aus der Bibel:
„Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht, (…) sondern Freude hat an der Weisung des Herrn (…).
Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist (…).
Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.” (Psalm 1)

„Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, daß ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, daß ihr etwas anzuziehen habt. (…) Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen. Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. (…) Euch aber muß es zuerst um das Reich (Gottes) und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.” (Jesus, in der Bergpredigt; Mt 6,25 ff.)

Selbstgerechtigkeit wird im Neuen Testament dem Typus des „Pharisäers” vorgeworfen: „Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung. So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz.” (Mt 23,27 f.)

Zur Charakterisierung der drei Gerechten tragen auch die Tiervergleiche und -metaphern bei (S. 5, 8, 11, 16, 17 zweimal, 37; Parallele der Wanzen- und der Gesellenwanderung, S. 40?; für Züs S. 53, 58; vgl. die Tierphilosophie S. 48 ff.). Wesentlich ist auch, daß es sie gleich dreimal gibt, einer ein „vollkommener Doppelgänger” des anderen ist (S. 15; vgl. dann S. 17), denen mithin Individualität fehlt.
Der Gegensatz zur „blutlose(n) Gerechtigkeit” der drei (S. 3) besteht darin, ein Herz zu haben. So wird Jobsts Plan, sich in Seldwyla niederzulassen, als unmenschlich charakterisiert: „denn nichts in seinem Herzen zwang ihn, gerade in Seldwyla zu bleiben” (S. 10). Ähnlich beruht die Entscheidung, um Züs zu werben, auf einem Unding: Dietrich „erfand” nämlich „den Gedanken, sich zu verlieben” und um ein bestimmtes Vermögen nebst anhängender plappernder Jungfer Bünzlin zu werben (S. 18; vgl. den Erzählerkommentar S. 51 f.!).
Züs Bünzlin ist so umfassend charakterisiert (S. 19 ff. und in ihren späteren Reden und Aktionen, wobei die Verdreifachung der Jungfer Bünzlin S. 45 ff. ein gag ist!), v.a. als vermeintlich weise, also dumm charakterisiert, damit ersichtlich werde, um was für ein Weibsbild die drei konkurrieren (selbst die Seldwyler sind da menschlicher, S. 18 f.), wobei sie sich zu Narren machen.
An dem Spruch der klugen Züs, „daß es heißt, der Zug des Schicksals ist des Herzens Stimme” (S. 55), sei dies eigens demonstriert. Züsi zeigt damit,
a) dass sie keine Herzensstimme hat oder hört (wie die drei!), sondern in der Wahl des Mannes dem blinden Zufall folgen will,
b) dass sie dumm ist; denn richtig heißt es in Schillers „Wallenstein”: „Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme”; in Schillers Drama wird damit von Thekla die große Liebe gegen familiäre Heiratspläne verteidigt.
Zu ihrer Bibel-Zitiertechnik vgl. S. 37 oben / Mt 22,14; S. 37 Mitte / Luk 10,42; S. 44 unten / Mt 10,37!; S. 51 Mitte / Mt 10,16; S. 54 Mitte / 1 Tim 4,7 f. Überhaupt ist der Besitz von Büchern und die Lektüre derselben bei allen vieren ein Gegenstand meiner Freude (für Züs S. 20 und 24).
Es wäre noch viel Kurzweiliges zu sagen…

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