Keller: Die kleine Passion – Analyse

Der sonnige Duft, Septemberluft…

Text

http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gframeset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gg2_2.htm (dort Nr. 276)

http://www.gottfriedkeller.ch/gg/GG/GG_11.htm (Nr. 276)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=195

http://www.lyrik123.de/gottfried-keller-die-kleine-passion-9921/

Das Gedicht ist 1872 entstanden und steht unter „Vermischte Gedichte“ in den Gesammelten Gedichten. Gleich zu Beginn stellt das erzählende Ich sich und seine Situation vor: An einem sonnigen Septembertag hat es in einem Buch gelesen; da kam eine Mücke angeflogen, die sich zu sterben anschickte (V. 1-4). Zum Schluss spricht das Ich in seinem Wunsch im Plural von „uns“ (V. 36); doch ist nicht klar, ob es damit seine Zuhörer oder die Menschen allgemein meint.
Erstaunlich ist, dass das Ich die Mücke als Individuum wahrnimmt; gelten Mücken normalerweise doch als Plagegeister, die man nach Möglichkeit verjagt oder totschlägt; diese Mücke wird im Diminutiv „Mücklein“ (V. 2 – dabei gelten Mücken sprichwörtlich bereits als klein, im Gegensatz zu den Elefanten) benannt, der Erzähler fühlt sich also nicht belästigt. Als er diese Mücke beschreibt, gebraucht er durchgehend Diminutive (Flügelein, Leibchen, Füßchen, Federbüschchen, Äuglein, V. 5-13); diese kleine Mücke hat es ihm angetan – in ihrer breit geschilderten Schönheit (das Lichtspiel in den Flügeln, der zweimal genannte hellgrüne Farbton, die Federkrone, die goldglänzenden Augen) war sie imstande, ihn im Herzen zu berühren („glänzten mir in das tiefste Herz“, V. 14), sogar im Innersten seines Herzens.
Im Vorbericht personifiziert der Erzähler die Mücke auch, als er einen Überblick über das Geschehen gibt: Sie suchte sich wie ein Mensch „die Ruhegruft“ aus, fern vom Wald (V. 3 f.). Nach der Beschreibung des Aussehens (V. 5-14) greift der Erzähler diese Vorbemerkung ebenso wie den Eindruck, den das Mücklein auf ihn gemacht hat, wieder auf: Es ist ein „zierliche(s) und manierliche(s) Wesen“ (V. 15). Schön war sie als zierliches Tier; „manierlich“, also gesittet, wohlerzogen war die Mücke, was sie wieder in den Bereich des Menschlichen verweist; an ihr ließ sich nichts aussetzen. Die Mücke hat – hier geht der Erzähler über die Vorbemerkung hinaus – sich sein Buch zur Gruft erwählt (V. 16 ff. – ein kleines Wortspiel zwischen „erlesen“ und „las“, V. 17 f.); dieser Ort entspricht dem Mücklein, das glänzende Papier (V. 17) passt zu dem im Sonnenschein glänzenden Mücklein (V. 5 ff.) und der Art, wie es im Glänzen das Herz des Erzählers gewonnen hat (V. 14).
Ab V. 23 berichtet der Erzähler vom siebentägigen Sterben der Mücke. Insgesamt spricht er leicht, erzählt er fließend. Der Takt ist im Prinzip jambisch, von wenigen Versen abgesehen, wo eine (V. 1, 2) oder mehrere (V. 15) Silben ergänzt werden, wodurch das Sprechen noch etwas beschwingter wird. Meistens weist ein Vers vier Hebungen auf, manchmal auch nur drei (V. 6, 8, 24, 26 – jeweils im Kreuzreim); einige weibliche Kadenzen (V. 15, 17, 19, 21, 24, 26) lockern die ohnehin schon flüssige Sprechweise weiter auf, sodass der Erzähler im leichten Duktus die Wörter betont, mit denen er die Schönheit der Mücke preist oder welche für ihr Sterben bedeutsam sind: sonnig (V. 1), Mücklein (V. 2), vier (V. 5), Licht (V. 8) usw.; drei (V. 23), matt (V. 23), vierten (V. 27), still (V. 27) usw. – es würde zu weit führen, das Zusammenspiel des leicht fließenden Rhythmus mit den Betonungen und dem Wechsel der Reimformen von langsameren Paar- und schnelleren Kreuzreimen vollständig zu beschreiben.
Der Erzähler beginnt also, den eigentlichen Todeskampf der Mücke zu berichten (V. 23-34). An den ersten drei Tagen war die Mücke zwar „müd und matt“ (V. 23), aber glänzte doch noch in ihrer Schönheit (V. 25 f.); durch die beiden einzigen nichtreimenden Verse (matt / fein, V. 23 / 25) bleibt das Erzählen zügig; im folgenden Paarreim (still / will, V. 27 f.) wird das Sprechen langsamer, hier geht das Sterben in die letzte Phase über: Das Gehen endet, die Mücke bleibt stehen (V. 27, 29). Auch hier wird die Mücke personifiziert: Sie stand „tapfer“, sie stand auf dem Wörtlein „will“ (V. 29, 28), als ob sie einen Entschluss gefasst hätte, nicht weiter zu gehen; ihre Bewegung erfolgt nur noch „wie im Traum“, also nicht mehr kraftvoll (V. 29); an den beiden folgenden Tagen geht es weiter mit ihr bergab. „Am siebten endlich siegt‘ der Tod“ (V. 33), worauf sich dann das Ende der Not reimt (V. 34). Ob „endlich“ (V. 33) eine Anteilnahme des Erzählers oder nur die Erfüllung seiner Erwartungen bezeichnet, ist nicht zu entscheiden.
Zur Semantik der Reime ließe sich ebenfalls viel sagen. Durchgehend binden die Endreime Verse aneinander, die vom Sinn zueinander passen: Die Mücke kommt etwa mit der Septemberluft (V. 1) und sucht ihre Ruhegruft (V. 3); sie setzt sich aufs Buch (V. 2), das wird ihr Leichentuch (V. 4). Nur selten passen die endgereimten Verse nicht zusammen (etwa V. 19 / 21). Mehrere Binnenreime erhöhen die Klangqualität und dämpfen auch das Tempo: Duft / -luft (V. 1), Flügelein / fein (V. 5, ähnlich V. 25), zierliche / manierliche (V. 15).
Das Tier, das seine „Ruhegruft“ (V. 3) gesucht hat, das langsam zur Ruhe kam (V. 21 f.), hat schließlich seine Ruhe gefunden (V. 35). Diese Tatsache ist es, die den Erzähler bewegt, die sein Verhältnis zur Mücke bestimmt: Er hat dem Sterben seines personifizierten Mückleins „erstaunt“ zugesehen (V. 20); so viel Menschlichkeit der schönen Mücke hat ihn beeindruckt; dass diese „langsam, langsam ohne Klagen“ gestorben ist, also ihr Ende bejaht, ihre Ruhe gesucht hat, das hat ihn beeindruckt. Im Schlusswunsch verbindet er sein künftiges Geschick mit dem, was er an dem Tier beobachtet hat: „Mög uns sein Frieden eigen sein!“ (V. 36).
Mir fällt auf, dass der Erzähler sich den Ruhe-Frieden der Mücke wünscht, während der christliche Wunsch für die Toten doch gelautet hat: requiescat in pace, der Tote möge im Frieden (Gottes) ruhen. In dem Zusammenhang gewinnt auch der Titel des Gedichtes Bedeutung: „Die kleine Passion“ der Mücke hat gar nichts mehr mit der großen Passion des Herrn Jesus Christus zu tun; es geht dem Erzähler nicht mehr um Erlösung von den Sünden oder gar Auferstehung aus dem Totenreich, sondern um das tapfere Hinnehmen der Sterblichkeit und die ewige Ruhe alles Lebendigen, wenn es geendet hat.
Ob es in diesem Zusammenhang wichtig ist, dass die Mücke in einem dichterlichen Buch (V. 23) ihr Ende findet, im Gegen-Buch zum „Lebensbuch des Lammes“ (Apk 13,8)? Möglich wäre es, da Keller ausgesprochen antichristlich eingestellt war („O Trugbild der Unsterblichkeit“, in: Aus dem Leben). Dazu könnte auch das Sterben im Wochenschema (parallel der Schöpfungserzählung) passen: dass am Ende das Sterben in der Todesruhe vollbracht ist.

Kästner: Der September, Keller: Die kleine Passion
Wie der Sprecher an dem, was er beschreibt bzw. erzählt, Anteil nimmt
Im Gedicht „Der September“ tritt der Sprecher nicht als eine greifbare Figur hervor; trotzdem bemerkt man, dass er vom Abschied des Sommers (V. 1) innerlich bewegt ist. Das Bild der militärischen Parade, mit der der Sommer verabschiedet wird („mit Standarten“, V. 1; „flaggt“, V. 3; Metapher der Königskerzen, V. 4), erweist diesen als einen hohen Gast, den man mit militärischen Ehren ziehen lasst.
Die zu diesem feierlichen Abschied passende Sprechweise ist die der Begeisterung, welche sich in den Taktstörungen des jeweils ersten Verses der ersten vier Strophen andeutet: Das Pronomen „Das“, womit der Sprecher auf das Geschehen verweist, ist außerhalb des jambischen Taktes stark betont; auch in den jeweils dritten Versen werden Attribute des Abschiedsfestes entsprechend auf der ersten Silbe betont: Goldlack, Kuhglocken, Mus und Luftschaukeln.
Das Abschiedsfest wird von den Dorfbewohnern veranstaltet; doch mit dem Attribut der Gerüche („aus einer fast vergeßnen Welt“, V. 10) werden diese als der guten alten Zeit angehörend qualifiziert – mit der Situation der Kirmes, des Festessens und der heimkehrenden Kühe ergibt sich das Bild einer Idylle, einer heilen Welt.
Zum Schluss reflektiert der Sprecher seine Beobachtungen an: Er sieht, wie sich die Karussells „im Kreise“ drehen (V. 20); das nimmt er zum Anlass, den ganzen Kreislauf der Jahreszeiten zu bedenken und also nicht nur das Ende des Sommers, sondern auch seine künftige Wiederkehr zu bezeichnen: „Und was vorüber schien, beginnt“ (V. 21). Schon den Abschied selbst hat der Sprecher als etwas wahrgenommen, was voll und damit vollendet ist: „laut und leise“ (V. 19). Wie wichtig ihm diese letzte Beobachtung ist, zeigt er darin, dass er vom Strophenschema (4 Verse) abweicht und auf „laut und leise“ einen reimenden Vers (mit „im Kreise“) anhängt.
So bietet „Der September“, in dem der Sommer Abschied nimmt, dem Sprecher das Bild einer festlichen Welt, in der man mit allen Sinnen (sehen, hören, riechen, erleben oder spüren, 1. bis 4. Str.) das Glück erfassen kann.
In Kellers Gedicht „Die kleine Passion“ erzählt ein Ich, wie es das Sterben einer Mücke beobachtet hat. So unscheinbar und lästig ein Mücke sein kann, – das Ich nimmt sie personifiziert als ein Wesen wahr, das sich wie ein Mensch seine Gruft selber aussucht (V. 3 f), tapfer den Todeskampf besteht (V. 29) und schließlich seinen Frieden (V. 36) findet.
Auch in der Art, wie das Ich die Mücke beschreibt, lässt es seine Teilnahme an deren Geschick erkennen. Da sind zunächst die vielen Diminutive (Mücklein, V. 2; Flügelein, V. 5, usw.), mit welchen die Mücke als ein liebenswertes kleines Wesen charakterisiert wird; ganz genau betrachtet das Ich die Mücke (V. 5-14), weil sie ihm etwas bedeutet; auch die bei der Beschreibung verwendeten Vergleiche zeigen, welchen Eindruck die Mücke dem Ich macht („von Seiden fein“, V. 5; vgl. V. 13). das Ich spricht auch direkt aus, dass es die Mücke ins Herz geschlossen hat (V. 14; vgl. V. 20 und 33) und ihr Ende im „Frieden“ als vorbildlich für uns alle ansieht (V. 36).
Das lyrische Ich, der Sprecher handelt, indem er spricht – was tut er, indem er gerade diesen Vergleich, gerade dieses Bild wählt, gerade hier vom Takt abweicht, gerade diesen Reim aussucht usw.?

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