Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe – Analyse

Ich habe, wenn ich die Novelle mit einer Klasse gelesen habe, nach Seite 30 (Seiten- und Zeilenzählung nach RUB 6172 von 2002) einen Einschnitt gemacht, manchmal noch einen zweiten nach S. 44. Daraus erklären sich einige Textabgrenzungen in den Analysen.

Zeitstruktur bis S. 30

Zur „Zeitstruktur” gehören die Datierung von Ereignissen, die Dauer des erzählten Geschehens und vor allem: das Verhältnis der Dauer des Geschehens zur Zeit des Erzählens (Ereignisdauer : Erzähldauer).
——————————————————————–
3/13 „vor Jahren“ (Rückblick des Erzählers auf das Geschehen)
——————————————————————–
3/15
[3/17 und öfter: Zeitangabe zur Qualifizierung des Ackers genutzt]
3/22 Alter der Männer (wird zu relativer Datierung genutzt), vgl. 16/31
4/27 f.
4/33 f.
5/10 f. Alter der Kinder (relativ), vgl. 11/24; 14/5; 18/27
(5/22 f.)
6/17 f.
7/15 f.
10/24
10/25
——————————————————————–
11/12 f.
11/30
——————————————————————–
12/1
…………………………………………………………..
13/36
14/33
——————————————————————–
15/9
15/29-31 Vorgriff des Erzählers:
——————————————————————–
[16/37]
17/23
[17/28 zur Bezeichnung der Intensität]
18/1 f.
21/3 ?
——————————————————————–
21/25
——————————————————————–
23/13 f., 23/24
(24/16)
24/35 f.
26/22
——————————————————————–
27/14
——————————————————————–
Es wird das Geschehen von fünf Tagen detailliert erzählt: Pflügen; Versteigerung, nächster Tag; Umzug in die Wirtschaft; Kampf.
Angaben der Dauer eines Geschehens sind manchmal nicht (primär) zur Datierung, sondern zu dessen Qualifizierung genutzt (z. B. 6/18).
Raffung des erzählten Geschehens: Tage (15,9 ff.); Wochen (23/13 ff.); Jahre (11/12).

Zeitstruktur ab S. 30
30/32 andern Tags (nach dem Kampf und dem Verlieben) vgl. 31/23
32/8  Nachmittag (im Juli 36/5)
eine Viertelstunde später 36/12
Es ist der Tag, an dem die Liebe der beiden sich entfaltet; sie begegnen dem schwarzen Geiger, sie sind zusammen im Korn und knutschen, Sali schlägt Vrenis Vater mit dem Stein.
…………………………………………………………..
43/37 Sali irrt die ganze Nacht umher,
44/1  am Morgen erkundet er die Lage und geht heim.
——————————————————————–
44/8  Einschnitt von sechs Wochen (44/18 f.), bis Marti wieder zu Bewusstsein kommt; Vreni kümmert sich Tag und Nacht (44/17) um ihn.
Danach agiert Marti als ein Irrer (45/3 ff.).
Um die gleiche Zeit wird sein Haus versteigert, Marti wird in eine Anstalt eingewiesen (45/10 ff.).
——————————————————————–
45/19 ff. Vreni fährt mit dem Vater in die Anstalt,
46/19 fährt wieder zurück,
46/30 Sali kommt: Das ist der Freitag.
…………………………………………………………..
48/8 ff. Sie erwachen, verabreden sich für den Sonntag und machen Einkäufe. Das ist der Samstag.
…………………………………………………………..
51/11 Sali erwacht, das ist der Sonntag, der Tag der großen Liebe und des Entschlusses zum gemeinsamen Tod.
58/7 f. Sonntagmorgen im September, mit gemeinsamem Frühstück;
61/27 ff. Einkehr ins Dorf, zum Mittagessen;
64/6 ff. sie gehen auf die Kirmes;
68/32 ff. sie betreten das Paradiesgärtlein, sie tanzen, führen die Hochzeitszeremonie aus;
…………………………………………………………..
75/1 ff. Aufbruch, nach Mitternacht;
75/28 ff. die beiden bleiben allein zurück;
78/32 ff. Sali bindet das Schiff los, sie fahren ab;
79/31 ff. sie gleiten im Frost des Herbstmorgens in die Fluten.
——————————————————————–
79/36 ff. „Später“ findet man die Leichen, Zeitungsbericht.

Es wird also von zwei (drei, wenn man den Montag gesondert zählt) Tagen breit erzählt, die Zwischenzeit wird überbrückt; von zwei Tagen (Freitag, Samstag) wird relativ kürzer als von den anderen Tagen erzählt, von einem Tag nur ganz kurz (44/1-7, wenn man ihn nicht als Fortsetzung des vorhergehenden sehen will).

Erzählstränge (bis S. 30)
3/1 – 3/7 Erzählerkommentar
3/8 – 3/14 Situierung des erzählten Geschehen
3/15 – 4/27 die Väter
4/27 – 5/15 die Kinder
5/15 – 7/16 die Männer
7/16 – 10/24 die Kinder
– 11/9 die Väter
– 11/36 ein Sammelbericht
12/1 – 13/35 die Väter
13/36 – 15/8 Manz u.a., auch die Kinder
15/9 – 15/31 Manz/Marti vermischt
– 17/36 die Männer
– 18/19 die Frauen (v.a. Frau Manz)
– 18/23 die Kinder
– 19/19 Vrenchen
– 21/24 Sali
– 21/9 Vrenchen, mit Bezug auf Sali, und umgekehrt
21/10 – 26/37 Fam. Manz
27/1 – 27/13 Marti
27/14 ff. Zusammentreffen der Männer (und der Kinder)
30/12 – 30/31 Manz und sein Sohn.
Ihr sollt hier vor allem sehen, was ein Erzählstrang ist und wie Erzählstränge miteinander verbunden werden.
Es wäre zu zeigen, wie die Aufspaltung und neue Verknüpfung der beiden ersten Erzählstränge („die Väter“ – „die Kinder“) den Prozess und Streit der beiden Männer charakterisieren und wie die Liebe der beiden Kinder (an drei Tagen) durch die Knüpfung der Erzählstränge vorbereitet wird.

Erzählerkommentare (bis S. 30)
Wir haben hier einen auktorialen Erzähler, der nicht nur den künftigen Ausgang des Geschehens andeutet (etwa 14/19 f.; 15/30 f.), sondern auch das Handeln der Menschen ebenso wie sein Erzählen  reflektiert und kommentiert. Ich finde folgende Kommentare:
3/1-7: Der Erzähler rechtfertigt sich, dass er diese Geschichte erzählt, obwohl sie nur ein Abklatsch von Shakespeares Drama zu sein scheint.
9/23 f: „Jeder Prophet…“ (Minikommentar)
11/9-11 und 12/12-22: Diese beiden Kommentare gehören zusammen, weil in ihnen das Unrecht bedacht wird, das die Bauern tun. Zuerst ist erzählt worden, wie beide unrechtmäßig den mittleren Acker schmälern (10/25 ff.), aber bewusst über das Unrecht des anderen und damit über das eigene Unrecht hinwegsehen; im Kommentar wird das alte Bild vom Weben auf dieses Tun angewandt, wo durch das kreuzende Weben neue Muster entstehen, welche weder den Längs- noch den Querfäden „innewohnen“. Das Zitat aus Heines Gedicht gilt für den Weber, der das Schiffchen mit den Querfäden bedient: Er sieht, aber weiß nicht, was er tut (ein Muster erzeugen). Im zweiten Kommentar wird die Haltung der Dorfbewohner bedacht, welche das Unrecht der beiden gesehen haben (wobei sie selber nicht anders gehandelt hätten), sich nun aber davon distanzieren: heuchlerische Ablehnung des Unrechts, verbunden mit der Gier nach dessen Nutzen.
14/4-11: Hier wird zunächst nur die Bedeutung einer Handlung (den Jungen zur harten Arbeit heranziehen) erklärt; dann setzt der Erzähler zu einer tieferen Erklärung an („Es schien…“), welche schon das Niveau des allgemein gültigen Kommentars erreicht und mit der Andeutung endet, dass im kommenden Geschehen das verübte Unrecht zu einem bösen Ende führen wird.
15/32 – 16/17: Hier wird das Unwesen des Prozessierens mit seinen Folgen für die Prozessgegner, oft ironisch, kommentiert; mit dem Vergleich („Qual zweier Verdammter…“) wird, wenn man so will, der Webervergleich (11/9 ff.) inhaltlich gefüllt. Die beiden richten sich gegenseitig „blind“ zugrunde. Mit diesem Kommentar wird das Prozessieren als eine Unart der Leute von Seldwyla bewertet, zu denen die beiden Bauern stoßen.
(16/21 ff.); Kellers Novellen heißen „Die Leute von Seldwyla“.
21/19-25 wird die Wirts-Karriere von Bauern beklagt (bewertet).
28/32-29/5: In diesem Kommentar wird erklärt, welch tiefes Elend sich in der Prügelei alter Menschen zeigt, die sich seit langem persönlich kennen.
Der Erzähler ist eine vom Autor geschaffene Größe; durch den Erzähler und seine Sicht, die sich massiv in den Kommentaren äußert, wird die Sicht des Lesers und sein Verständnis zumindest (und sei es im Widerspruch) gelenkt.
Manchmal sind Kommentare des Erzählers schwer von seinen Bewertungen abzugrenzen (etwa 21/19 ff.); denn erstens ist das Kommentieren eine Form des Bewertens, zweitens sind von dem Merkmalbündel des Kommentars einzelne Merkmale nicht gegeben (etwa Tempus Präsens, oder die Einordnung des Bewerteten in einen größeren Zusammenhang) – in der Wirklichkeit (des Erzählens) sind die Handlungen des Erzählers nicht immer so klar zu trennen wie in der Welt der Begriffe.

Das Weltbild des Erzählers
Wenn man diese ersten Kommentare noch einmal bedenkt, erkennt man das Weltbild des Erzählers. Er spricht aus einer Situation überlegenen Wissens, hat also Abstand von den Figuren des Geschehens, spricht gelegentlich ironisch über ihre Beschränktheit (15/32 ff.). Gleichwohl ist sein Bild von den Menschen realistisch:
1. Er sieht ihre Doppelmoral und beklagt die Scheinheiligkeit der „Guten“, denen nur die Gelegenheit fehlt, Böses zu tun (12/12 ff.); er entlarvt die Scheinheiligkeit des Herrn Manz und erkennt dessen Unrechtsbewusstsein in seinem Handeln (14/4 ff.).
2. Die Menschen wissen letztlich nicht, was sie tun (11/9-11); ihr böses Handeln entfaltet sein Unwesen (14/10 f.) von selbst. – Die beiden Streithansel Manz und Marti sind blind, zumindest kurzsichtig in ihrem Zorn (15/32 ff.); so richten sie sich gegenseitig zugrunde (15/30 f.).
3. Der Erzähler beklagt den Niedergang von aufrechten Bauern, die zu unaufrichtigen Wirten verkommen (21/19 ff.). Ganz schlimm findet er es, wenn alte Menschen sich aus tiefem Hass gegenseitig körperlich angreifen (28/32 ff.).
4. Er beruft sich für seine Erzählung auf die Wirklichkeit (3/1 ff.); die großen Geschichten der Menschen seien zwar in der Literatur aufbewahrt, stammten aber aus dem realen Leben.
[Der Autor Gottfried Keller gehört zu den „realistischen“ Erzählern des 19. Jahrhunderts.]

Kommentare ab S. 30

Es lässt sich deutlich ein kommentierendes Erzählen von echten Erzählerkommentaren unterscheiden (Tempus: Präteritum/Präsens).
* Echte Kommentare (im Präsens: Tempus des Gültigen) sind
31/18-22 über das Glück der Ehe; damit zusammen muss man 72/1 ff. (bedeutend!) lesen;
41/4-8 über das Ermüden des Küssens und des Glücks;
58/21-23 über die Wirkung der Liebe;
60/14 – 61/2 über die Landleute;
72/10-19 über das Unglück, welches der Missgriff der Männer in ihrem bürgerlichen Geschick und dem der Kinder anrichtet.
* Kommentierendes Erzählen (oder direkter Kommentar zum Erzählten):
31/9-18  Salis Verliebtheit (distanziert kommentiert);
61/19-24 über die Auswirkung, dass die Liebe der beiden so kurz nur dauert;
65/30 – 66/1 über die Nichtigkeit der Liebessprüche der beiden;
71/32 ff. und 72/19-30 über die Liebe der beiden (Rahmen des Kommentars 72/10 ff.);
77/11-17 über die Einstellung der beiden zur Heiratsfrage;
78/16-23 über die todvergessende Leidenschaft der beiden.
* Daneben gibt es noch kurze Erklärungen und Bewertungen, von denen nur beispielhafthaft genannt seien:
31/28 f. Sali bilde sich nur ein, genau zu wissen…;
50/35-37 wieso die ersehnte Lustbarkeit erhöhten Glanz gewinnt;
66/34 ff. welcher Art die Verwunderung der Zuschauer ist.

Der schwarze Geiger
– die Bedeutung der Figur in der Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ (Keller)
(Stellen: 5/32 ff.; (evtl. 12/1-21 indirekt) 36,12 ff.; 68/32 ff.)

1. Der Geiger ist eine Gegengestalt zu den Bauern Manz und Marti:
– im Aussehen, in der Kleidung, in der Arbeit (S. 36-38);
– im rechtlichen Status: ungetauft und heimatlos (S. 6 f.);
– vom Erzähler als dunkler Stern gegenüber dem hellen Sternbild der Kinder (und der Väter) bezeichnet (36/22 ff.).
2. In der bürgerlichen Welt wird er verachtet, weshalb die Bauern (ebenso wie die Behörden) ihn betrügen zu dürfen glauben:
– Das machen sie in ihren Gesprächen (zumindest indirekt) deutlich;
– das sagt der Erzähler in einem Kommentar (12/12 ff.);
– das deckt der Geiger selber auf (38/6 ff.).
3. Dieser am schwarzen Geiger verübte Betrug ist der Anfang und Grund ihres Niedergangs:
– Das sieht der Erzähler (vgl. Kommentar 14/9-11; großer Kommentar S. 72);
– das sieht auch der Geiger so (38/16 f.).
4. Es ist damit auch Grund des Niedergangs der Kinder:
– Das sieht der Geiger (37/23 f.; 73/15 f.),
– auch wenn er es den Kinder nicht persönlich nachträgt (73/13 ff.);
– das sieht auch der Erzähler so (Kommentar S. 72).
5. Der schwarze Geiger begleitet die Kinder ein Stück auf ihrem Weg in den Untergang:
– Er spielt ihnen zum Tanz am letzten Tag ihres Lebens auf;
– er bietet ihnen Willkommen und gewährt ihnen eine Art Schutz (69/24 ff.; 73/10 ff.);
– er bietet ihnen seine Lebensweise als Lösung ihrer Probleme an („nehmt euch, wie ihr seid…“ 73/1 ff., mit parodierter Heirat und wildem Hochzeitszug, S. 74 f.);
– er zieht dann mit seinem Volk weiter, ohne sie zu vermissen (75/34 f.).
[- Vreni und Sali können seine Lösung für sich nicht akzeptieren (Kommentar S. 72; 73/28 ff.; 75/29 f.); deshalb bleibt ihnen als Ausweg nur der Tod (S. 76 ff.), der ihnen schon vor ihrem Aufbruch andeutungsweise als Ausweg erschienen war (S. 47-49): Der gute Grund und Boden, auf dem sie hätten leben können, war ihnen durch das Unrechttun ihrer Väter abhanden gekommen (72/28 f.).]

Eine Alternative wäre vielleicht (?) eine Gliederung nach den Gesichtspunkten:
Was bedeutet der schwarze Geiger für den Ablauf des Geschehens / was bedeutet er für die Erkenntnis des Erzählers und seiner (implizit gegebenen) Hörer?

Wenn man für einen Aufsatz noch eine Einleitung braucht, könnte man den schwarzen Geiger vorstellen (sein Aussehen, sein Status) und von dort in den ersten Gedanken des Hauptteils einsteigen: dass er als dieser Mensch eine Gegenfigur der beiden Bauern ist; man könnte das auch ganz im 1. Hauptgedanken belassen und zu Einleitung erklären, was man unter „Bedeutung einer Figur“ versteht.
Zum Schluss könnte man etwas zum Weltbild des Erzählers sagen, wie der Geiger hineinpasst; du kannst auch den Geiger persönlich bewerten. Ebenso könnte man den letzten Gedanken: dass die beiden des Geigers Lösung nicht akzeptieren können, als Schlussgedanken nehmen (vielleicht die beste Lösung?).

„Die Heiratsfrage“ 
Diese Frage spielt für Vreni und für den Ausgang des Geschehens eine wichtige Rolle. Beachtung verdienen
– der Kommentar zu Salis Verliebtheit (31/18-22, mit „denn“ an den Bericht von seinem wundersamen Zustand angeschlossen);
– das Thema „Braut“, als welche Vreni angesprochen wird bzw. von dem sie sich angesprochen fühlt (62/8; 63/7 ff.!) und die sie halb spielt, halb ist (63/25 ff.). Am Ende dieser Episode fragt sie: „Sali! warum sollen wir uns nicht haben und glücklich sein?“ (63/36 f.);
– ihr Auftritt auf der Kirmes, wo sie Lebkuchenhaus und -herz sowie heimlich Ringe kaufen (62-64), was vom Erzähler distanziert kommentiert wird: Pfefferkuchensprüche (65/20), einfache Liebesliteratur (66/2), diese armen Zeichen (66/21);
– der wichtige Erzählerkommentar (72/1 ff.) innerhalb des Kommentars 71/32 ff.: In beiden lebt das Gefühl, „in der bürgerlichen Welt nur in einer ganz ehrlichen und gewissensfreien Ehe glücklich sein zu können“, welches ihrem Ehrgefühl widerstreitet – dieser Widerspruch ist ein Konflikt in ihnen, der sie schließlich in den Tod treibt.
Der Erzähler bindet diesen Konflikt an den Streit der auf Ehre und Reichtum bedachten Väter, der Repräsentanten der bürgerlichen Welt oder Lebensform, die hier als gefährdet erscheint;
– in einer Erklärung spricht der Erzähler vom „Brautwesen“, das in Vrenis Blut „lohte“, seit es von der Wirtin so angesprochen worden ist (74/6 ff.); dieses wilde Fühlen lässt die Beiden, gerade weil es hoffnungslos ist, an der spaßhaften Zeremonie und dem seltsamen Hochzeitszug des Hudelvolkes teilnehmen (S. 74 f.);
– das Gefühl äußert sich als Geläute für Vreni (76/24);
– Vreni beginnt mit dem Ringtausch (76/36 ff.) und sagt die ent-scheidenden Worte: „du bist mein Mann und ich deine Frau“ (77/7 f.);
– schießlich kommentiert der Erzähler „die Heiratsfrage“ (77/11 ff.) bzw. die Einstellung der beiden zu dieser Frage, welche für Vreni „Tod oder Leben“ bedeute (77/16). Es folgt der wichtige, schwer zu entschlüsselnde Kommentar: „Aber jetzt ging ihm endlich ein Licht auf…“ (77/17), was sich bei ihm als heißes und wildes Verlangen äußert und ihn zum entscheidenden Vorschlag treibt: „(…) wir halten Hochzeit zu dieser Stunde und gehen dann aus der Welt – dort ist das tiefe Wasser…“ (77/31 ff.). Die Hochzeit wird dann auf dem Schiff vollzogen (78 f.) und sie lassen sich ins Wasser sinken.

Der Begriff der gewissensfreien Ehe (72/2) ist in den Erläuterungen bei Reclam falsch erklärt. Um ihn zu verstehen, muss man die Bedeutung kennen, welche die Form der Eheschließung, etwa im katholischen Kirchenrecht, auch im Recht überhaupt, hat.
Eine Ehe kommt nicht zustande, wenn er ihr in den Büschen verspricht, er werde sie immer lieben, oder wenn sie ihn rumkriegt und schwanger wird. Eine Ehe ist rechtlich gesehen ein Vertrag; damit er gültig geschlossen wird, muss eine bestimmte Form des Abschlusses eingehalten werden: Es dürfen keine Ehehindernisse vorliegen; die Freiheit der Entscheidung sowie der Ehewille müssen ausdrücklich festgestellt werden, und zwar vor zwei Zeugen usw. Über den Vorgang wird ein Protokoll angefertigt und unterschrieben, damit nachher niemand sagt, er könne sich nicht recht daran erinnern, so ein Miststück geheiratet zu haben.
Ein Gegenbegriff zu einer derart (der Form nach) korrekt geschlossenen Ehe ist die Gewissensehe: dass man sich also zu zweit einig ist, man könne aus irgendwelchen Gründen der Formpflicht nicht genügen, sei aber genauso verheiratet, wie wenn man die Form beachtet hätte. Solche Ehen können für Leute interessant sein, die aus Rücksichten auf die Familie oder ihre Position eine Person niederen Standes nicht offiziell heiraten können usw. Eine gewissensfreie Ehe ist also eine Ehe, die nicht Gewissensehe ist, sondern ganz richtig und normal geschlossen worden ist: also in der bürgerlichen Welt „ganz ehrlich“ (72/2) zustandegekommen ist.

Der Weg des Paares in den Tod
Auf den Untergang des Liebepaares wird der Zuhörer (bzw. Leser) in vielfältigen Andeutungen und Ankündigungen vorbereitet.
* Gewitterleuchten in der Ferne:
14/9-11 Im Erzählerkommentar wird ganz allgemein angekündigt, dass das Unrecht böse Folgen zeitigen wird.
37/24 f. Der schwarze Geiger kündigt mit Bezug auf das Unrecht der Väter den beiden an, dass sie vor ihm „den Weg alles Fleisches“ gehen werden.
41/4-8 Im Erzählerkommentar wird erklärt, dass man „die Vergänglichkeit alles Lebens mitten im Rausch der Blütezeit ahnen“ kann.
47/32 ff. Nachdem Vreni gemeint hat, dass ihre Liebe keine Aussicht hat, widerspricht Sali ihr und behaupt, „das Elend macht meine Liebe zu dir stärker und schmerzhafter, sodass es um Tod und Leben geht“.
(Ähnlich sagt der Erzähler kommentierend, dass Vreni, anders als Sali, in der Heiratsfrage „unmittelbar Leben und Tod“ sah, 77,11-16.)
49/22 f. Nachdem Vreni vom Tanzen geträumt hat, ist sie darauf ganz versessen und glaubt, „ich müsste sterben, wenn ich nicht morgen mit dir tanzen könnte“.
Bisher ist noch nicht wörtlich vom Tod der Liebenden gesprochen worden; vermutlich ist das in Salis Antwort ein bisschen anders:
* Das Unheil naht:
49/23 f. „Es wäre das Beste, wir beide könnten sterben.“ Mit dieser Äußerung wird eine Schwelle auf dem Weg zum Tod überschritten.
61/19-24 Kommentar des Erzählers im Rückblick auf den Selbstmord: Sie mussten an einem einzigen Tag die ganze Intensität der Liebe „mit der Hingabe ihres Lebens“ erleben.
71/27 ff. Die beiden sehen keinen Ausweg mehr, Konflikt: nicht voneinander lassen und doch nicht zusammen sein können. Dem gilt
72/20-30 ein Kommentar, wo der Erzähler seinen großen Kommentar (72/1 ff.) auf die beiden Liebenden anwendet.
* Entschluss und Tat:
77/1 ff. Die Heiratsfrage ist für Vreni eine Frage von Sein oder Nichtsein – und sie ist nicht lösbar; Einleitung von:
77/31 ff. Sali schlägt vor, Hochzeit zu halten und dann aus der Welt zu scheiden. Vreni stimmt dem
77/36 ff. zu, sie habe das schon lange bei sich bedacht, und bittet Sali um sein heiliges Versprechen, mit ihr diesen Weg zu gehen.
78/16-23 Kommentierendes Erzählen: dass ihnen der Tod nur ein Hauch gegenüber dem Rausch der Seligkeit war.
78/32 Sali bindet das Schiff los, auf dem sie dann fahren und
79/32 ff. von dem sie sich ins Wasser gleiten lassen.
Der Zeitungsbericht (80/1 ff.) verfehlt mit seiner moralisierenden Tendenz das Geschehen, welches der Erzähler in seiner Bedeutung erschlossen hat.

Die Novelle im Rahmen der Geschichten „Die Leute von Seldwyla“
Hier betrachten wir die Novelle im Rahmen anderer Erzählungen des Autors G. Keller; dazu sind die ersten anderthalb Spalten des Artikels im KLL brauchbar:
1. Das Heimatdorf der Bauern liegt in der Nähe von Seldwyla (3/8 ff.). Sie sehen das Städtchen aus der Ferne (5/25 ff.) und sprechen zunächst abfällig über die Machenschaften derer von Seldwyla (5/32 ff.).
2. Sie fallen in die Hände der Spekulanten von Seldwyla, was ihren Untergang bedeutet (16/18 ff.).
3. Manz zieht auf den Rat seiner Freunde aus Seldwyla in die Stadt (21/10 ff.). Dort ergeht es der Familie schlecht (22/30 ff.; 24/4 ff.). [Einzelne Wendungen sind weniger bedeutsam, etwa 25,32-34 oder 27/23 f.] Er wird sogar zum Diebshehler und krönt damit seine Unrechtskarriere (47/2 ff.).
Man kann also die Entwicklung der Bauern als eine Annäherung an Seldwyla, diesen Ort des misslungenen bürgerlichen Lebens, betrachten. – Seldwyla dient Vreni dazu, mit ihrem künftigen Mann vor der Bäuerin, die ihren Hausrat kauft, zu prahlen (55/5 ff.).
Was sich zunächst als tragisches Schicksal zweier junger Menschen darstellt, die in Folge des Familienstreits nicht als Paar glücklich werden können („Romeo und Julia“), wird von Keller in einen weiteren Horizont gestellt, indem der Erzähler die Motive der Väter und ihre Einbindung in die Welt von Seldwyla zeigt: In dem krankhaften Streben nach Besitz und Ehre, in Rechthaberei und bedingungslosem Prozessieren wird die Krise der bürgerlichen Lebensform sichtbar, wo Menschen sich „auffressen wie zwei wilde Tiere“ (72/14 f.).
Der Erzähler zeigt deutlich, wie ihr Unrecht „seine Folgen ruhig zu entfalten“ begann (14/10 f.; vgl. 33,17 f.; 72,1 ff. u.ö.), nämlich im Verfall des Eigentums, in der Zerrüttung der Familien und im Tod des Liebespaares.

Bei dem, was man im Netz umsonst bekommt, habe ich eine Adresse gefunden:
http://www.reyntjes.de/Anton/Gotfried%20Keller/RomeoundJuliaAnalyse.htm
Ferner: http://referaty.hledas.cz/referat/16017/11/romeo-und-julia-auf-dem-dorfe–interpretation

P. S. Wie so oft im Leben: Zufällig habe ich eine Musteranalyse von Kellers Novelle gefunden, in der die Leistungsfähigkeit des Aktantenmodells demonstriert wird. Für mich waren einige Einsichten bei den Raumfiguren neu und überzeugend; auch die grundlegenden Oppositionen von Natur/Kultur usw. leuchteten mir ein. Also ein Tipp für Lehrer: Otto Keller – Heinz Hafner: Arbeitsbuch zur Textanalyse, 1986, S. 118 ff. (02/2008)

Beispiel eines literarischen Familien-Modells aus dem literarischen Realismus – unter dieser Überschrift findet man eine aspektorientierte Analyse unter http://www.reyntjes.de/Anton/Gotfried%20Keller/RomeoundJuliaAnalyse.htm, die auch für Schillers „Kabale und Liebe“ usw. interessante Hinweise bietet.

Dieser Beitrag wurde unter Novellen abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s