Lem: Solaris

Weil „Solaris“ in den Nachrufen auf Lem als sein größter Roman gefeiert wurde, habe ich das Buch gelesen: spannend, aber nicht das größte Buch Lems. Ein Aspekt hat mich beeindruckt: die Begegnung mit Harey, zehn Jahre nach ihrem Tod.
Um das zu verstehen, muss man die Fähigkeit des „Meers“ auf Solaris kennen: jedem seine tiefsten Gedanken zu spiegeln und sie quasi zu materialisieren – in der Weise einer neuen Materie. Dem Forscher Kelvin begegnet so seine Geliebte, die er zehn Jahre zuvor in einem kleinlichen Streit in den Selbstmord getrieben hat. Diese Begegnung mit einer Gedächtnisgröße – sie ist zwanzig Jahre alt geblieben, er ist älter geworden – ist ein Fall, der zum Nachdenken über die eigenen Gedächtnisgrößen anregt und der zugleich bewusst macht, dass im Umgang mit ihnen das eigene Altern eine Verzerrung der Sicht bedeutet: In Wahrheit sind solche Personen nicht die wirklichen Personen; die sind ja auch anders geworden, vielleicht sind sie sogar tot; aber in meiner Bilderwelt sind sie die, die sie dort immer sind und die sich nicht geändert haben. Die Vergangenheit kann man nicht mehr in einem neuen Leben korrigieren, man kann sie nicht fortsetzen – sie ist anders fortgesetzt worden.
Ganz nett sind die Konflikte zwischen den Forschern, ganz nett ist auch die Geschichte der Solaristik erzählt: das übliche Hin und Her der Wissenschaften. Das Meer und seine Gebilde, seine Fähigkeiten, seine Unerklärlichkeiten interessieren nicht als solche; das ist Schnickschnack, den man verfilmen kann.
Von grundsätzlicher Bedeutung ist die Aufklärung, die Snaut Kelvin zukommen lässt (Ausgabe des Claassen Verlags, 1972 = 1981, S. 97): „Wir brechen in den Kosmos auf…“; doch wir wollen gar nicht den Kosmos erobern, sondern nur die Grenzen der Erde ausweiten. Und die zweite Lüge: „Wir halten uns für die Ritter vom Heiligen Kontakt. (…) Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel. Mit anderen Welten wissen wir nichts anzufangen. Wir wollen das eigene idealisierte Bild finden…“ Aber die Menschen fliegen als die, die sie wirklich sind; diese Wahrheit können sie nicht hinnehmen.
Grundsätzlichere Bedeutung haben für mich Lems „Memoiren, gefunden in der Badewanne“; leichter, spritziger sind die Fabeln zum kybernetischen Zeitalter, „Kyberiade“, geschrieben.
Mit Lem ist ein großer Autor gestorben, dessen Biografie, dessen Rettung vor den damaligen Deutschen selbst eine Abenteuergeschichte ist.

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