Phädrus: Wolf und Lamm – Analyse

Wenn man sich am Aufbau des Textes orientiert, bemerkt man zunächst eine zweifache Situationsangabe: Die beiden Tiere Wolf und Lamm stehen am Bach; der Wolf, normalerweise der Jäger, steht oberhalb des Lammes, seines Beutetiers.
Die Handlung besteht aus einem Streit der Tiere, wobei der Wolf den Streit mutwillig beginnt, wie ausdrücklich festgehalten wird (V. 4); der Erzähler nennt auch das Motiv des Wolfs, „des Rachens wilde Gier“ (V. 3). Im Streit geht es darum, ob das Lamm dem Wolf auf irgendeine Weise Unrecht tut; der Wolf macht dem Lamm zwei verschiedene Vorwürfe (Wasser trüben; beleidigen), die das Lamm sachlich einwandfrei widerlegen oder entkräften kann. Der Erzähler hält diese Tatsache beim ersten Dialog der beiden fest (V. 9); beim zweiten Dialog bzw. im zweiten Teil des Streitgesprächs (V. 10 ff.) ist die Ausrede des Wolfes so offensichtlich falsch (V. 12), dass der Erzähler auf jeden Kommentar verzichtet.
Das Geschehen endet damit, dass der Wolf das Lamm frisst. Er tut dies „wider Fug und Recht“, wie der Erzähler die Tat bewertet (V. 13). In diesem Vers müsste auch die Entscheidung zu finden sein – das Problem ist aber, dass nicht klar ist, über welche Handlungsalternative entschieden wird.
Es könnte sein, dass das gefressene (und so in seinen Handlungsprinzipien widerlegte) Lamm einen Fehler gemacht hat; dieser müsste darin bestehen, sich mit einem überlegenen Räuber auf juristische Diskussionen einzulassen. Die richtige Handlungsweise bestände dann darin, schnell vor diesem Räuber zu fliehen, statt auf dessen Ehrlichkeit oder die Geltung des Rechts zu vertrauen.
Die nachgetragene Anwendung (V. 14 f.) sieht im Wolf statt im Lamm die Hauptfigur; der Wolf steht aber nicht vor einer Alternative, sondern seine Argumente werden als offensichtlich falsch, sein Handeln als Rechtsbruch entlarvt. Wenn diese Anwendung oder Erklärung (anonyme Tyrannen-Kritik!?) den Sinn der erzählten Fabel trifft, müssen wir unsere Fabeltheorie erweitern: In Fabeln wird nicht nur über richtiges und falsches Handeln in einer Situation entschieden, sondern sie können Lüge und „Unterstellung“ (V. 15) entlarven, Recht und Wahrheit im beispielhaften Fall aufdecken.

(Text nach der Reclam-Sammlung „Fabeln“, RUB 9519)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s