Roth: Radetzkymarsch – Analysen

A) Erster Teil
Um diese Arbeit einigermaßen nutzbar zu halten, gebe ich die Seitenzählung der von mir benutzten Ausgabe dtv 1715 (1981) an: Kap. I (S. 5), II (S. 21 u.), III (S. 34 o.), IV (S. 48 u.), V (S. 57 u.), VI (S. 75 o.), VII (S. 87 o.), VIII (107), wobei u. „unten“, o. „oben“ bedeutet.

1. Der Radetzkymarsch
Der Marsch, der dem 1932 veröffentlichten Buch den Titel gibt, ist in Österreich einfach präsent. So ertönt er im Bordell der Tante Resi, als die Offiziere kommen (S. 73), wie er noch spät in der Nacht aus einem Musikapparat geschmettert wird, als Demant und Trotta zum letzten Mal miteinander sprechen (S. 98).
Seine Bedeutung zeigt sich darin, dass in W. in Mähren, wo Franz von Trotta Bezirkshauptmann ist, jedes Platzkonzert am Sonntag mit dem Radetzkymarsch beginnt (S. 22); er ist dem Orchester so geläufig, dass man ihn auch „mitten in der Nacht und im Schlaf hätte spielen können“. Der Erzähler beschreibt, wie die Zuhörer den Marsch aufnehmen; sie lächeln, in ihren Beinen prickelt es. „Während sie noch standen, glaubten sie schon zu marschieren.“ (S. 22) Auch die jüngeren Mädchen und die Älteren insgesamt sind von der Musik bewegt.
Dann folgt eine Zeitangabe, unmotiviert: „Und es war Sommer.“ Diese Angabe wird wiederholt und dabei erklärt: „Sommer, Freiheit, Heimat“ (S. 26) für Carl Joesph von Trotta, der zu Hause in Ferien ist. Er hört nach der Examinierung durch seinen Vater die Militärkapelle anrücken. „Er fühlte sich ein wenig den Habsburgern verwandt, deren Macht sein Vater hier repräsentierte und verteidigte und für die er einmal selbst ausziehen sollte, in den Krieg und in den Tod.“ (S. 25 f.) Er liebt vor allem den Kaiser. „Am besten starb man für ihn bei Militärmusik, am leichtesten beim Radetzkymarsch.“ Diesem Gedanken Carl Josephs folgt die Vorstellung, wie er stirbt und wie sein Blut auf die Instrumente sickert, die den Marsch spielen. (S. 26)
An die Sonntage, wo er auf dem väterlichen Balkon die Konzerte gehört hat, vor allem den Radetzkymarsch, erinnert er sich, als Demants Duell bevorsteht und er seinem Vater in einem Brief davon berichtet (S. 94). Doch jetzt ist Winter (S. 87). Carl J. erinnert sich an das Gesicht seines Großvaters und stellt sich Demants Großvater vor. „Und er fühlte, daß die Toten die Lebenden riefen…“ (S. 94) Er denkt, dass es eine Kleinigkeit gewesen wäre, an jenen Sonntagen beim Radetzkymarsch zu sterben. „Dem Zögling der kaiser- und königlichen Kavalleriekadettenanstalt war der Tod vertraut gewesen, aber es war ein sehr ferner Tod gewesen!“ Jetzt dagegen steht der Tod seines Freunde Demant bevor, vielleicht  auch sein eigener, und er erschrickt. (S. 94) Das „Niemals!“, was Tod bedeutet (vgl. „Nie mehr!“, S. 115), erschüttert ihn.
So verbindet der Radetzkymarsch den Alltag mit der militärischen Feierstunde am Sonntag samt ihren Heldenvorstellungen und mit der echten Todesangst. – Ob es von Bedeutung ist, dass der Vater des Helden von Solferino noch Radetzky selber gekannt hat („Zu meiner Zeit hat uns noch der Radetzky gezwiebelt.“, S. 9), kann  ich nicht beurteilen.

2. Zwischenbilanz
Was fällt mir auf, wenn ich nach Lektüre des ersten Teils des Romans innehalte, ohne in die Sekundärliteratur (außer rm 301) zu schauen? Es ist die Einsamkeit der Trottas, die sich einem Regelwerk unterwerfen (zumindest Franz und Carl Joseph, während „der Held von Solferino“ dagegen rebelliert) und in einer geordneten Welt leben, aber keine Freunde und wenig Interesse an Frauen haben; in ihren Familien fehlt die Mutter – sie ist schwach oder früh gestorben, Carl Joseph ist ledig. Sie sind keine Reiter, sondern eher Bauern. Die Tat des „Helden“ hat ihr Leben in eine andere Richtung gelenkt, und die kaiserliche Gnade verlässt daraufhin die Trottas nicht mehr (S. 14 u.ö.). Doch der einfach Slowene aus Sipolje, der unerwartet zum Ahnherrn eines neuen Geschlechtes wird, sorgt selbst dafür, wie der Erzähler im einleitenden Kommentar sagt, „daß ihn die späteren Zeiten aus dem Gedächtnis verloren“ (S. 5).
So bietet sich an, als zentrales Thema zu untersuchen, welche Rolle der Ahnherr im Leben seines Sohnes und seines Enkels spielt. Das andere, den ersten Teil beherrschende Motiv ist die von Carl Joseph erlebte Nähe des Todes, wie oben bereits angedeutet wurde; das Motiv taucht auf, als dieser über den Tod der Frau Slama informiert wird: „Es war die erste Begegnung Carl Josephs mit dem Tode.“ (S. 39) Es beherrscht von da an die Erzählung, vor allem das ganze Kap. VII.

3. Carl Joseph und sein Großvater
Der Held von Solferino war durch seine Beförderung verändert und verunsichert worden (S. 7 ff.); im Protest gegen die falsche Darstellung seiner „Heldentat“ erweist er sich, wie der Erzähler mit leichter Ironie anmerkt, als „Ritter der Wahrheit“ (S. 13, 21), wird jedoch „aus dem Paradies der einfachen Gläubigkeit an Kaiser und Tugend, Wahrheit und Recht“ (S. 15) vertrieben. „Er wurde ein kleiner slowenischer Bauer.“ (S. 15) Als dann der Freund seines Sohnes das Proträt malt (S. 19), freut er sich erstmals seit Jahren. „Er lernte erst jetzt sein Angesicht kennen“ (S. 19) und wird milde (S. 20). Von ihm bleibt nach seinem Tod der Grabstein, „ein verschollener Ruhm und das Porträt“ (S. 21; man beachte den Saat-Vergleich).
Der Erzähler beginnt Kap. III damit, die intensive Beziehung des Enkels Carl Joseph als Kind zum Porträt beschreiben (S. 34 f.); aber der Tote verrät nichts (S. 34), und auch Jacques weiß nicht viel zu erzählen (S. 35). Franz legt seinen Sohn auf die Identität „Enkel des Helden von Solferino“ fest, als das Schlussexamen ansteht (S. 35), und dementsprechend gehen die Prüfungen glatt, weil auch der Oberst und alle Lehrer diese Identität kennen.
Als Carl Joseph in seine Kaserne einrückt (S. 57 ff.), fühlt er sich unwohl als Offizier; die Tiere sind ihm gleichgültig. Er besinnt sich auf seine bäuerlichen Vorfahren und denkt auch an das Porträt des Großvaters (S. 58 f.); ausdrücklich wird „der Herbst“ zweimal vom Erzähler genannt (S. 59, 60), abgesetzt gegen den Sommer (S. 22) und den Winter (S. 87), eine Station auf dem Weg zum Tod. Und dann wird ausdrücklich erwähnt, dass Carl Joseph sich an das Porträt als Unterpfand seiner Vorfahren klammert und sich als Enkel seines Großvaters, ja als „der Sohn seines merkwürdigen Großvaters“ (S. 60) fühlt. „Man lebte im Schatten des Großvaters!“ (S. 63) So erklärt er sich seine merkwürdige Stellung im Regiment. – Damit ist ein Motiv gezeichnet, das im Folgenden immer wieder auftaucht.
Als er Demant kennen lernt (S. 69 ff.), dessen Großvater „ein alter König unter den Schankwirten“ (S. 75, vgl. S. 104) gewesen war, erkennt Carl Joseph die Gemeinsamkeit: „Sie waren Enkel, sie waren beide Enkel.“ (S. 86) Daraus ergibt sich ihre Schwäche, wie Demant vor dem Duell erkennt: „Unsere Großväter haben uns nicht viel Kraft hinterlassen, wenig Kraft zum Leben, es reicht gerade noch, um unsinnig zu sterben.“ (S. 99; vgl. „wie man von den Toten lebt“, S. 85, und „daß die Toten die Lebenden riefen“, S. 94).
In einer Episode wird das Gefälle vom Großvater zum Enkel deutlich, und zwar in einer Ironie des Geschehens, welches der Erzähler scheinbar neutral berichtet: Im Casino hängt „das Bildnis des Kaisers“ (S. 67), das ausführlich beschrieben wird; dann denkt Carl Joseph an seinen Großvater als Retter und an seine Bereitschaft, beim Radetzkymarsch für den Kaiser zu sterben. „Lebendig war das Vermächtnis des Großvaters gewesen, dem Kaiser das Leben zu retten. Und ohne Unterbrechung rettete man, wenn man ein Trotta war, dem Kaiser das Leben.“ (S. 68) Das tut er dann im Bordell, bei Resi, wo er ein Kaiserbild (!) aus solch unpassender Umgebung „rettet“; Demant bemerkt das und spielt auf den Großvater an, worauf Carl Joseph erwidert: „Ich hab‘ keine Gelegenheit, ihm das Leben zu retten; leider!“ (S. 74) Für mehr als die Rettung eines Bildes langt es bei ihm nicht.
Demant stirbt in einem unsinnigen Duell, das Carl Joseph mitverursacht hat, dieser erlebt beim Abschied von Eva wieder das „Nie mehr!“ (S. 115) und verlässt auch sein Regiment. Die Begegnung mit Frau Slama und mit seinem Vater als einem Menschen (S. 37 ff.) haben ihn nicht reif oder selbständig werden lassen.

4. Carl Joseph lebt „entfremdet“.
Wir lesen Roths Roman unter dem Aspekt, wie es um die im „Sturm und Drang“ stürmisch erstrebte Selbstverwirklichung 150 Jahre später steht. Meine These ist, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den frühen Hoffnungen nicht mehr viel übrig geblieben ist. Das soll an Roths Roman gezeigt werden, hier allerdings nur am ersten Teil (Kap. I – VIII).
Bereits Joseph und Franz Trotta, also Großvater und Vater Carl Josephs, haben ein entfremdetes Leben geführt bzw. führen müssen. Als der „Held von Solferino“ geadelt wird, ist er sich und seinem bäuerlichen Leben fremd geworden: „Als hätte man ihm sein eigenes Leben gegen ein fremdes, neues, in einer Werkstatt angefertigtes vertauscht…“ (7/5 ff.). Der neue Stand stellt auch einen Abstand zu seinem Vater her (9/9 ff.), ja, er ist losgelöst „von dem langen Zug seiner bäuerlichen slawischen Vorfahren“ (10/11 f.) und in einen neuen Stand eingetreten (10/14).
Zu dieser Fremdheit treibt ihn nicht nur der neue Stand, sondern ebenso seine grundlegende Ehrlichkeit (11/31 ff.), die ihn von anderen Menschen und ihrem Verständnis der heldenhaft beschönigenden Darstellung trennt; der Erzähler nennt ihn nicht ohne Ironie den Ritter der Wahrheit (13/14 f.), was für mich beinahe eine Gegenfigur zu Don Quichotte ist; er ist vertrieben „aus dem Paradies der einfachen Gläubigkeit an Kaiser und Tugend, Wahrheit und Recht“ (15/5 f.) und wird wieder ein kleiner slowenischer Bauer (15/17 ff.). Das Porträt macht ihn schließlich menschlicher und versöhnt ihn wieder mit sich selbst (S. 19 f.).
Sein Sohn Franz, stets gehorsam (18/10 f.; 18/34 f.), wird gemäß väterlicher Bestimmung Jurist (18/31 f.) und dank kaiserlicher Protektion Bezirkshauptmann (20/16 ff.). Die ihm eigentümliche Form der Entfremdung zu untersuchen wäre ein eigenes Thema. Dessen Sohn Carl Joseph, der ohne Mutter aufgewachsen ist, wird vom Erzähler als eigenständige Figur erst als Fünfzehnjähriger eingeführt (23/23 ff.), der in der Kadettenschule lebt; wenn er einmal nach Hause kommt, läuft das Leben nach strengen Regeln ab (S. 23 f.). Bezeichnend ist, dass der Vater ihn examiniert, was „Subordination“ bedeutet (25/24 ff.).
Bereits sein Vater Franz ist von dessen Vater nach dem Begräbnis des Großvaters symbolisch auf diesen festgelegt worden: „Vergiß ihn nicht, den Großvater!“ (17/33 f.) – Das Bild des eigenen Großvaters beschäftigt auch Carl Josephs Phantasie (19/18 f.). Dementsprechend wird er vom Vater definiert: „Du bist der Enkel des Helden von Solferino. Denk daran, dann kann dir nichts passieren.“ (35/19-22; vgl. 109/38 f.) Ebenso wird er vom Maler als solcher erkannt (42/11-14).
Carl Joseph fühlt sich auch selber als Enkel (60/8 ff.), den der dunkle, rätselhafte Großvater beständig anschaut (63/22 ff.). Carl misst sich an dem, was der Großvater wohl getan hätte (63/5 f.; 93/30 ff.). Seinem Freund Demant, der genauso Enkel eines übermächtigen Großvaters ist wie er selbst, bekannt er: „Ich lebe vom Großvater.“ (85/37 ff.); bei diesem kann er „einkehren“, um sich etwas zu stärken (112/3-5). Doch Demant belehrt ihn, dass Enkel zu sein heißt: Angst haben (102/24-27); sie sind beide Enkel mächtiger Großväter (86/5 f.). – Vor Demants Duell fragt Carl Joseph sich ausdrücklich: „Was hätte der Held von Solferino in dieser Lage getan?“ (93/30 f.). Jedoch: „Man war nur der Enkel!“ (94/5)
Die Entfremdung Carl Josephs von seinem eigenen Leben zeigt sich auch sonst, zunächst in seinem äußeren Leben: Er ist dem Vater untertan (25/24 f.) und holt als Soldat das nach, was dem Vater von dessen Vater verwehrt war (37/12-15); er fühlt sich den Habsburgern verwandt (26/1 ff.); er kann kaum spazieren gehen, nur marschieren (31/7 f.) und wird wie ein Kind von Frau Slama entkleidet, als sie ihn verführt (32/5 f.).  Zweimal ist er der Frau eines anderen begegnet, zweimal trennt ihn der Tod davon; einmal der Tod der Frau Slama, einmal der Tod seines Freundes Demant. Wie weit die Begegnung mit den beiden „fremden“ Frauen als Zeichen der Entfremdung gelten darf, wäre einer gesonderten Prüfung wert; jedenfalls findet Carl Joseph nie seine „eigene“ Frau.
Allgemein kann man sagen, dass Carl Joseph sich in seiner Haut nicht wohl fühlt, dass er also die Entfremdung im Inneren erlebt: Nach dem Tod der geliebten Frau Slama scheint ein Leben voll Trauer vor ihm zu liegen (39/21 f.); er möchte nicht Offizier sein (64/18 ff.; 69/30 ff.; vgl. auch 58/34 ff.), möchte zu den einfachen Kameraden gehören (59/32 f.). In einem der seltenen Momente, wo Carl Joseph sich dem Vater annähert (oder umgekehrt), fühlt er sich als ein Trotta wie dieser, „Abkömmling eines slowenischen Invaliden und des merkwürdigen Helden von Solferino“ (40/12 f.).
Wodurch kommt die Entfremdung zustande? Carl Joseph lebt nicht sein eigenes Leben, sondern das eines Enkels, des Enkels eines „Helden“. Die Pferde (Tiere) sind ihm gleichgültig, darin erkennt er sich als Nachfolger seiner bäuerlichen Ahnen (58/34 ff.); aber „man war kein Bauer, man war Baron und Leutnant bei den Ulanen“ (59/14 f.): Diese Stelle zeigt deutlich, dass Carl Joseph zwischen allen Stühlen sitzt; in ihm wiederholt sich die Entfremdung des überraschend geadelten Großvaters. Mit dem Enkel Demant zusammen sieht er sich von den anderen Offizieren geschieden (72/34 ff.); er sieht sein Leben als unsinnig an (98/37 f.) und fühlt sich als Werkzeug in der Hand des Unglücks (109/17 f.), weil er am Tod Demants mit schuld ist.
Bei der weiteren Lektüre des Romans wird man (mit einem Auge) darauf achten können, ob Vater und Sohn von Trotta doch noch zu sich selbst finden; Enkel zu sein ist jedenfalls Ausdruck eklatanter Schwäche, die nichts Gutes erwarten lässt.

5. Zeitstruktur und Erzählweise in Kap. I
Im ersten Kapitel berichtet der Erzähler vom Leben des Hauptmanns Joseph Trotta; dieser ist der Vater von Franz und der Großvater von Carl Joseph Trotta, den beiden Helden des Romans. Das Leben Joseph Trottas wird von seiner Tat in der Schlacht bei Solferino (24. Juni 1859) bis zu seinem Tod (etwa 1890) erzählt; die Datierung des Todes ergibt sich aus den Annahmen, dass Joseph Trotta bald nach der Schlacht heiratete und einen Sohn zeugte (10/14 ff.), der zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters zum Bezirkshauptmann befördert wurde (vermutlich frühzeitig, aufgrund wohlwollender Förderung, vgl. 20/16 ff.); dessen Sohn wiederum fiel nach einigen Dienstjahren in den ersten Kämpfen des Ersten Weltkriegs (306/18 ff.). Es werden also Ereignisse aus rund dreißig Jahren auf knapp 17 Seiten erzählt; d.h. dass im Durchschnitt pro Jahr etwas mehr als eine halbe Seite zur Verfügung steht. An diesem Maß kann man messen, was dem Erzähler so wichtig ist, dass er ihm mehr Erzähldauer (drucktechnisch: mehr Platz im Buch) widmet, und wo er kürzen muss, um eben diese Zeit zu gewinnen.
Als größere Episoden, also als dem Erzähler wichtige Ereignisse werden die Heldentat in der Schlacht von Solferino (S. 5 f.), Trottas Probleme beim Briefschreiben und sein Besuch beim Vater (S. 9 f.), der Kampf gegen das Lesestück (11/6 ff.), die zweite Audienz beim Kaiser (14/16 ff.), die Fahrt zum Begräbnis und das Begräbnis des Vaters (S. 16 f.), die Entstehung des Porträts (S. 19) und das Begräbnis des Hauptmanns Trotta (S. 21) erzählt; viel Platz nehmen auch das Zitat des Briefes (S. 13 f.) und der Bericht vom Testament (S. 20 f.) ein. Daneben darf man die Bedeutung der oft langen Charakterisierungen des Hauptmanns sowie der ureigenen Kommentare des Erzählers nicht unterschätzen!
Grob gesprochen könnte man vertreten, dass Trottas Leben vom Erzähler in drei große Phasen eingeteilt wird. Diese werden durch wichtige Ereignisse eingeleitet, welche nach einem Erzählerkommentar oder einer Charakterisierung des „Helden“ szenisch erzählt werden: die Heldentat in der Schlacht von Solferino (S. 5 f., nach dem Kommentar 5/7-11); der Kampf gegen das verlogene Lesestück (11/6 ff., nach dem Kommentar 10/8 ff. und der großen Charakterisierung 10/14 ff.); die Episode, wie er vom Freund seines Sohnes gemalt wird (18/38 ff., im Anschluss an die Charakterisierung und den summarischen Bericht von der Erziehung des Sohnes 17/35 ff.). Diese drei großen Abschnitte werden durch das Bild von den Jahren, die wie Räder dahinrollen, voneinander getrennt (10/13 f.; 17/35 f.).
Das Leben nach der Heldentat, welche durch Adelung und Beförderung belohnt wird (7/1-4), ist ein entfremdetes Leben: Trotta ist sowohl seinen Kameraden wie seinem Vater fremd geworden; Letzteres zeigt sich beim Briefschreiben wie bei einem Besuch (8/15 ff.; 9/1 ff.). Trotta kämpft dann um seine eigene Wahrheit im Kampf gegen das verlogene Lesestück; er erringt dabei einen Teilerfolg, indem er bis zum Kaiser vordringt (14/14 ff.), für seinen Sohn 5000 Gulden erhält und in den Freiherrenstand erhoben wird (S. 14); aber der einfachen Wahrheit kann er nicht zum Sieg verhelfen. Er lässt sich aus der Armee entlassen; denn er muss erkennen, „daß die Schlauheit den Bestand der Welt sicherte, die Kraft der Gesetze und den Glanz der Majestäten“ (15/7 f.). Er wird wieder ein kleiner slowenischer Bauer (15/27 f.); damit kommt er seinem Vater wieder näher (16/10 ff.; vgl. 7/17 ff.). So hebt Trotta in seinem zweiten Lebensabschnitt die Entfremdung ein bisschen auf; eine große Charakterisierung (14/37 – 16/16) markiert den Einschnitt in diesem Lebensabschnitt. Im dritten Abschnitt seines Lebens begegnet er in seinem Gemälde sich selbst: „Er lernte jetzt sein Angesicht kennen, er hielt manchmal stumme Zwiesprache mit diesem Angesicht.“ (19/26 f.) Er wird milde (20/3), stirbt schließlich und wird begraben (S. 20 f.).
Mit einem kurzen Bericht davon, dass niemand um ihn weinte und dass man ihm einen Stein setzte (21/14 ff.), sowie mit einem Kommentar, dass wenig von diesem Toten überblieb (21/21 ff.), und dem Bericht vom kaiserlichen Beileidsschreiben an den Sohn (21/24-28) wird das Kap. I beendet und der Blick auf das Leben des Sohnes und des Enkels freigegeben.
Neben den bisher genannten Formen des Kommentars (z.B. 5/7-11), der szenisch erzählten Episode (z.B. 5/12 ff.), der Charakterisierung des Helden (z.B. 7/5 ff.) und dem kurzen Bericht (z.B. 7/1-4), der nur schwer vom summarischen Erzählen (etwa 8,34-38) zu unterscheiden ist, gibt es noch das Zitat des Antwortbriefs des Kultusministeriums (13/17 ff.). Überhaupt ist die Abgrenzung einzelner Formen oft problematisch: Was will man zum Beispiel noch eine szenisch erzählte Episode nennen? Die zweite Audienz beim Kaiser gehört noch dazu (14/16-27), die erste eher nicht (8/34-38). Wichtig scheint mir, dass man erkennt, wie der Erzähler verschiedene Formen des Berichtens und Bewertens benutzt, um Trottas Leben in einen Rahmen zu stellen und seinen Verlauf zu gliedern.
Mit dem Bild von den rollenden Rädern werden die großen Einschnitte markiert; Ereignisse werden entweder chronologisch angeschlossen (nach vier Wochen 7/1; eine Woche später 8/34), unbestimmt datiert (eines Tages 11/6), gar nicht datiert („Der Freund kam mit wenig Gepäck…“ 18/38 f.) oder in den Verlauf der Zeit gestellt („Schon wurden seine Schläfen silbrig, sein Auge matt…“ 15/1 f.). Zweimal wird die Vorgeschichte (die Vorfahren 7/17 ff.; die Gewohnheit des Briefeschreibens 7/32 ff.) des Geschehens kurz in eine Charakterisierung eingeschoben, ansonsten wird chronologisch erzählt; abgesehen vom Bericht von der Karriere des Sohnes (20/11 ff.) gibt es keinen zweiten Erzählstrang, was sich später ändern wird, wenn von Vater und Sohn zugleich erzählt wird.
Das Leben eines einfachen Mannes, der durch eine „Heldentat“ aus seiner Bahn gerissen wurde, wird in seinem Verlauf bis zum Tod erzählt, mit einem Ausblick auf die Auswirkungen seiner „unvergessenen“ Verdienste im Leben seiner Nachkommen – ist Joseph Trotta doch der Ahnherr eines neuen Geschlechts (5/7; 10/12 f.).

B) ZWEITER TEIL
(Kap. IX S. 120,  X S. 131, XI S. 146, XII S. 165, XIII S. 179, XIV S. 192, XV S. 206)

1. Übersicht
In diesem Teil geht es weiter abwärts, zunächst mit Carl Joseph und der Familie Trotta, dann auch mit dem Kaiserreich Österreich. Dadurch, dass durch die Versetzung Carl Josephs ein neuer Schauplatz auftaucht, können neue Figuren erscheinen (Graf Chojnicki, Wagner, Kaptura und Frau von Traußig neben anderen); die Grenzregion entfaltet aber auch als Sumpfgebiet ihre eigene negative Dynamik (Kap. IX); außerdem treten durch das Sokolfest in W. und den Streik der Arbeiter an der Grenze die nationalen und die sozialen Fragen auf den Plan. Auch meldet der Erzähler sich deutlicher als im Ersten Teil zu Wort.
Wenn man die wesentlichen Anzeichen für Carl Josephs Niedergang kurz nennen will, muss man darauf hinweisen, dass er zu trinken und zu spielen beginnt (Kap. XI und XII), dass er leichtfertig für Wagner haftet und erkennt, dass er in der Armee fehl am Platz ist; ihn stützt eigentlich nur noch sein neuer Freund Chojnicki und die kaiserliche Gnade. Der Vater bleibt ihm fremd und kann das erlösende Wort, dass er seinen Sohn liebt, nicht sprechen (S. 149 und 164); für Frau von Traußig bleibt er ein Bub (S. 183), die Fahrt nach Wien ein Kurzurlaub.
Der Niedergang der Familie Trotta zeigt sich vor allem darin, dass Jacques stirbt (Kap. X) und dass Franz von Trotta sich danach ändert und sogar eine Reise macht, seines Amtes jedoch müde ist.
Neu und bedeutsam ist das große Thema, dass Österreich sich in Auflösung befindet. Deshalb soll dieses Thema hier untersucht werden.

2. Österreich löst sich auf

Bereits zu Beginn von Kap. VIII, also dem letzten Kapitel des ersten Teils, hat der Erzähler deutlich gemacht, dass er auf eine vergangene Zeit zurückblickt: „Damals, vor dem großen Krieg, da sich die Begebenheiten zutrugen, von denen auf diesen Blättern berichtet wird…“ (S. 107) Er charakterisiert die Vergangenheit als Zeit des langsamen Wachsens und des getreulichen Erinnerns. – An diese Stelle knüpft er an, als er von der Eisenbahnfahrt Franz‘ von Trotta berichtet und die Art des Reisens in jener Zeit beschreibt (S. 147 f.). Unmittelbar zuvor, im letzten Satz von Kap. X, hat er sich als planenden Erzähler ins Spiel gebracht (S. 146). Insgesamt betont der Erzähler also seinen Abstand, zeitlich und sachlich, von jener Zeit Österreichs.
Er berichtet von den Menschen an der Grenze, dass sie „jeden Tag die Vorzeichen des Untergangs mit eigenen Augen sehen konnten“ (S. 124), womit er unter anderem auf die Spionage und Gegenspionage anspielt. Aber dieses Wissen muss doch undeutlich sein; denn die österreichischen und russischen Offiziere wissen nicht, „daß über den gläsernen Kelchen, aus denen sie tranken, der Tod schon seine hageren, unsichtbaren Hände kreuzte“ (S. 126 f.). Hier zeigt der Erzähler sein überlegenes Wissen, genau wie bei der Charakterisierung Kapturaks und seiner Genossen, die er in einem Vergleich als Geier des alten Reichs beschreibt (S. 165). Das gleiche Bild gebraucht er, als er von Carl Joseph erzählt, der die Fronleichnamsprozession beobachtet und nur deren Glanz wahrnimmt (S. 186). Brodnitzer führt das Glücksspiel in seinem Café ein, und der Erzähler kennt das Ergebnis: „Die ganze Welt war verändert.“ (S. 167)
Von den Figuren ist es Chojnicki, der als erster klar den Untergang der alten Welt diagnostiziert, wozu er offensichtlich aufgrund seiner Welterfahrung imstande ist: „Dieses Reich muss untergehen…“ (S. 130) Demokratie, Nationalismus, Verfall, Sozialismus, Verfall der alten Ordnung, das sind seine Stichworte (S. 130 f.). So erklärt er dann seinem Besucher Franz von Trotta, dass das Vaterland nicht mehr da ist und der alte Kaiser den Thron nur dadurch noch erhält, „daß er auf ihm noch sitzen kann“ (S. 155). Diese Einsicht bestimmt auch seine eigene Lebensführung (S. 180).
Dass dann auch Franz (S. 163) und Carl Joseph den „Untergang der Welt“ (S. 200) kommen sehen, sei nur am Rand erwähnt. Beachtung verdient jedoch die Beschreibung des Kaisers. Bereits bei der Fronleichnamsprozession (S. 184 ff.) wird er auffallend häufig „der alte Kaiser“ genannt, auch da, wo es nicht angebracht wäre; so rufen etwa die Fanfaren: „Habt acht, habt acht, der alte Kaiser naht!“ (S. 185) Der Glanz der Prozession, das letzte Aufleuchten des alten Reichs, wird so getrübt; Reflektor dessen ist Carl Joseph, der den Glanz sieht, aber nicht den Flügelschlag der Geier hört (S. 186, s.o.).
Eine große Analyse verdiente das Kaiser-Kapitel (XV); hier kann ich nur wenige Hinweise geben. Der Kaiser ist vor allem ein alter Mann. „Rings um ihn wandelte der Tod im Kreis, im Kreis und mähte und mähte. Schon war das ganze Feld leer, und nur der Kaiser, wie ein vergessener silberner Halm, stand noch da und wartete.“ (S. 206) In Anspielung auf das Wort Kaiser Karls V., dass in seinem Reich die Sonne nicht untergehe, berichtet der Erzähler, dass der Kaiser die Sonne in seinem Reich untergehen sieht, „aber er sagte nichts“ (S. 206, vgl. S. 215 f.). Der Erzähler zeichnet das Bild des Kaisers als eines Mannes, der viel mehr weiß, als die Leute und seine Obersten ihm zubilligen, der aber ihren Erwartungen entsprechend mitspielt. „Denn er war halt ein Österreicher…“ (S. 216) Die gutmütig-ironische Distanz ist ebenso die des Kaisers wie die des Erzählers (vgl. den Tropfen an der Nase des Kaisers, S. 217).
„Und die Defilierung konnte beginnen.“ (S. 217) Mit diesem Satz endet der zweite Teil, ohne dass die Parade der Truppen vor ihrem Kaiser geschildert würde. Diese Parade erinnert mich an die Fronleichnamsprozession (S. 184 ff.), wo sich eben auch der Glanz des Reiches zeigt, verblassend. Als die Truppen sich aufstellen, „leider in Feldgrau“ (S. 215, eine Wertung des Kaisers), sieht er sie nicht ohne Stolz in ihrer zum Teil noch erhaltenen Farbenpracht; aber er bedauert auch schon ihren Verlust. „Denn er sah sie schon zerschlagen und verstreut…“ (S. 215) Als der Kaiser seinem Leutnant Trotta begegnet und merkt, dass nicht dessen Vater, sondern der Großvater ihm das Leben gerettet hat, erschrickt er vor seinem eigenen Alter und verliert die Lust, die Truppen weiter zu inspizieren. Er blickt in die Ferne, „wo die Ränder der Ewigkeit schon auftauchten“ (S. 217), aber den Tropfen an seiner Nase sieht er nicht. – Der Erzähler kann getrost darauf verzichten, die Parade zu beschreiben. Es wäre die Parade eines Heeres, das schon vor dem Krieg besiegt ist.
** Ein Postskript ist nachzutragen: Was war Österreich, was war das Kaiserreich, das nach 1914 unterging? Für die nach 1945 Aufgewachsenen ist die BRD der Westen und der Rhein die Achse Europas; die DDR, die CSSR, Polen, Rumänien, Bulgarien und die Sowjetunion waren der Osten. Das gilt so nicht für den Roman „Radetzkymarsch“ und das in ihm noch lebendige Zeitalter. Die Menschen im Osten des Reiches, also hinter Lemberg, hinter dem 25. Grad östlicher Länge lebten „zwischen dem Osten und dem Westen“ (S. 122); der Osten, das war Russland; Böhmen, Mähren, Slowenien, Ungarn, das war der Westen!
Und Österreich war nicht das kleine Alpenland, Österreich war etwas anderes. In Joseph Roths Erzählung „Die Büste des Kaisers“ wird Graf Morstin als ein echter Österreicher eingeführt: ein Mann, der viele Sprachen spricht, Verwandte in der ganzen zivilisierten Welt hat, der sich ihrer Kultur erfreut und der sich keiner Nation zugehörig fühlt. „Wie jeder Österreicher jener Zeit liebte Morstin das Bleibende im unaufhörlich Wandelbaren, das Gewohnte im Wechsel und das Vertraute inmitten des Ungewohnten. So wurde ihm das Fremde heimisch, und so hatte die Heimat den ewigen Zauber des Fremden.“ (Werke Bd. 3, 1976, S. 174) – Man könnte auch auf Roths Arbeiten „Die k. und k. Veteranen“ (Bd. 4, S. 709 ff.), „Rede über den alten Kaiser“ (Bd. 4, S. 771 ff.) und „Abschied von Karl Tschuppik“ (Bd. 4, S. 293 ff.) zurückgreifen, um „Österreich“ besser zu verstehen. – Bei Roths Arbeiten muss man beachten, dass sie schon vor 1933 und noch stärker ab März 1938 eine antinazistische Stoßrichtung besitzen: Wenn Österreich das übernationale und überkonfessionelle Reich aller Menschen ist, dann passt dazu kein arisch-deutsches Übermenschentum!
Roman Frister erwähnt seine Mutter, die im Ersten Weltkrieg nach Wien ging, „kurze Zeit, bevor der Kaiser starb und Leute wie meine Großmutter noch glaubten, daß das österreichisch-ungarische Kaiserreich für immer und ewig das Zentrum der Welt bleiben würde. Wien galt als ewige Hauptstadt der Kultur, Kunst und der guten Manieren; die Städtische Oper und die Sachertorte sollten ihrem Namen in dem Teil der Welt Würde verleihen, in dem die Zivilisation  für die wichtigste Errungenschaft der menschheit gehalten wurde.“ (Roman Frister: Die Mütze oder Der Preis des Lebens, Berlin 1997, S. 158)
Es gibt im www als pdf-Datei einen Aufsatz von Peter Stachel: „Übernationales Gesamtstaatsbewusstsein in der Habsburgermonarchie“, wo das Thema umfassend dargestellt wird.

3. Gliederung des Themas: „Carl Josephs Niedergang im zweiten Teil“ 
1      Wo liegen die Grenzen dieser Untersuchung (in Systematisierung
dessen, was vielleicht eine Entwicklung darstellt)?
2      Woran erkennt man im zweiten Teil des Romans Carl Josephs Niedergang?
2.1   Er sieht schlecht aus (S. 148; 216/35).
2.2   Er steht seinem Leben fremd gegenüber:
2.2.1 sich selbst (202/1),
2.2.2 seinen Aufgaben (198/8 f.; 201/30 ff.; 203/11 ff.),
2.2.3 seinen Bezugspersonen (131/23 ff.; 149/14 ff.; 161; 163/16 f.;
164/9-11; 203/11 ff.; 216/16 ff.).
2.3   Vorübergehend scheint er die Möglichkeit eines neuen Lebens zu sehen
(S. 186 ff.; 192/8 ff.; S. 192 f.).
2.4   Er hat einen Drang zu Untergang und Tod, er ahnt das Ende
(131/17 f.; 150; 190/30 ff.; 196/9 ff.; 200; 201/36 f.;  204/4 ff.).
2.5   Carl Joseph lässt sich gehen:
2.5.1 er trinkt (S. 158 ff.; 173; 193/18),
2.5.2 er spielt (S. 171 ff.; 189),
2.5.3 er übernimmt (und macht damit) Schulden (170/3; 174/16; 176; 203 f.),
2.5.4 er verliert Haltung und Form (S. 159 ff.; 173).
2.6   Er ist unsicher, schwankt, ist schwach:
2.6.1 von ihm selbst erlebt (161/16 f.; 179/13; 186 ff.; 193 f.; 196/30 ff.),
2.6.2 von anderen erlebt (175/29; 181/35 ff.; 184/11).
3      Er ist ein Trotta und wird als solcher vorübergehend gerettet (202/20 ff.; 206/1 f.)

C) DRITTER TEIL
(Kap. XVI S. 218, XVII  S. 235,  XVIII S.  254,  XIX S. 270, XX S. 292, XXI S. 302, Epilog S. 310)

1. Übersicht
Im dritten Teil vollendet sich das, was sich hinreichend angekündigt hat: Der Krieg beginnt, Carl Joseph erlebt ebenso wie das Reich den Tod; schließlich sterben auch der Kaiser und Franz von Trotta; „sie konnten beide Österreich nicht überleben“, sagt Dr. Skowronnek (S. 317). Allerdings hat Carl Joseph nach seinem Abschied von der Armee für kurze Zeit sein Glück gefunden.
Der Arzt Skowronnek ist die wichtigste neue Figur im dritten Teil; er wird der Altersfreund des Bezirkshauptmanns, mit dem dieser offen sprechen und Schach spielen kann. Er bietet ihm sein Geld an (S. 257), als Carl Joseph seine Schulden bezahlen muss, genau wie dieser das entsprechende Angebot Onufrijs bekommt (S. 251 ff.). Von solchen Helfern hebt sich Kapturak ab (241 ff.), der die Krise Carl Josephs verschärft und auf Anordnung der Behörden später ausgewiesen wird; Hauptmann Jedlicek wird als Spion enttarnt.
Der Erzählstrang, der Carl Josephs Geschick verfolgt, ist von dessen Wunsch bestimmt, die Armee zu verlassen (S. 225); zwar rettet er noch die Ehre des Thronfolgers (S. 286), eine Parallele zur Rettung des Kaiserbildes (S. 74) und der Tat seines Großvaters, aber als er die Arbeit auf dem Land beginnt, ist er zufrieden (S. 295), endlich wie sein bäuerlicher Großvater leben zu können (S. 297, vgl. S. 15). Sein Vater hat ihn freigegeben (S. 231). Als er eingezogen wird, geht er sinnlos in den Tod, wobei er im Geist die Takte des Radetzkymarsches hört (S. 306). – Hier sieht man, wie die alten Linien der Erzählung weitergezogen werden.
Der Erzähler meldet sich mehrmals am Kapitelende kommentierend zu Wort (S. 235, 254). Für mich sind die Schilderungen des Kaisers bei seiner Begegnung mit Franz von Trotta (S. 267 ff.) und mit dem Tod (S. 314 f.) erzählerisch reizvoll, ebenso die der Art, wie Frau von Traußig mit ihrem Alter umgeht (S. 237 ff.); die Ironie des Erzählers ist nie böse, zum Schlusss macht Frau von Traußig als Schwester einen „guten“ Eindruck (S. 311 f.).
Dass die Nachricht vom Attentat in Sarajevo während des gerade aufziehenden Gewitters ankommt (S. 278 ff.), wirkt ein bisschen trivial; neu ist die Einsicht des Erzählers, dass die Schlacht von Solferino „zum erstenmal den Untergang der kaiser- und königlichen Monarchie angekündigt hatte“ (S. 264). Wie es dem alt gewordenen Bezirkshauptmann ergeht, wie er seinen Sohn beim Kaiser rettet und doch erleben muss, wie das Reich und seine Familie untergehen, das wird im dritten Teil des Romans und im Epilog erzählt.

2. Die Zeitstruktur in Kap. XVI
An diesem Kapitel soll exemplarisch gezeigt werden, wie der Erzähler das erzählte Geschehen zeitlich gestaltet und was eine Analyse der Zeitstruktur leisten kann.
In Kap. XVI wird der Erzählstrang aufgenommen, in dem Franz von Trotta die Hauptfigur ist. Dieses Kap. schließt an Kap. X und XI an; die Veränderungen nach dem Tod von Jacques sind am Ende von Kap. X berichtet worden (S. 146), und das Stichwort „Veränderungen“ leitet auch Kap. XVI mit der Suche nach einem neuen Diener ein. In Kap. XI hat Franz von Trotta Gelegenheit gehabt, den Niedergang und die Fremdheit seines Sohnes zu erleben (S. 148 ff.) und Chojnickis Theorie vom Untergang des Reiches nicht nur zu hören (S. 154 f.), sondern ihn auch kommen zu sehen (S. 163).
Die Veränderungen, die der Erzähler vorgreifend zu Beginn von Kap. XVI ankündigt und zu denen die Tatsache gehört, dass Trotta vor dem Frühstück nicht mehr spazieren geht (S. 219), finden in einem undefinierten großen Bereich des Jetzt (zweimal auf S. 220) statt; in diesem Zeitraum des Jetzt findet er keinen neuen Jacques, verzweifelt er an der Verlässlichkeit des Militärs und an den „revolutionären“ Bestrebungen der neuen Zeit (S. 219).
Mit „hie und da“ (S. 220) wird als eine der Veränderungen erwähnt, dass Trotta sich gelegentlich in der Reihenfolge der Wochentage vertut, wobei unmerklich zu einem einzelnen Sonntag übergeleitet wird („Es gab Tafelspitz…“), an dem Nechwal zu Besuch ist (S. 220 f.). Wenn wir dieses Ereignis Episode 1 nennen, folgt darauf (ohne genaue Datierung) Episode 2 („Eines Tages kam der junge Nechwal.“); der junge Nechwals kündigt ihm ebenfalls das nahe Ende des Reiches an, der Besuch enttäuscht Trotta (S. 221-223).
Die Episode 2 wird relativ mit der neuen Gewohnheit (Veränderung, S. 223) synchronisiert, mit Skowronnek Schach zu spielen. Dieser Zeitraum der Bekanntschaft mit Skowronnek wird zusammenfassend berichtet, worin allerdings als Episode 3 („Eines Nachmittags…“, S. 223 f.) der Bericht eingeschoben ist, wie sie sich kennen lernen; vermutlich muss man das Gespräch der beiden, das unvermittelt nachgetragen wird (S. 225), auch der Episode 3 zuordnen.
Dem Komplex Skowronnek wird dann das Problem Carl Joseph zugeordnet (ab S. 225: „schon lange“, „seit mehreren Wochen“). In diesen Bericht über einen Zeitraum von Wochen ist die Episode 4 eingebettet, der Tag, als Trotta den Brief Carl Josephs erhalten hat (S. 226), der das Problem ausgelöst hat.
Wir haben also einen großen Zeitraum vor uns, in dem Franz von Trotta nach dem Tod seines Dieners viele Veränderungen erlebt, die ihm zeigen, dass die Welt sich ändert (S. 218), während die Leute wahrnehmen, dass er alt wird (S. 219). Positiv ist die Tatsache, dass er Dr. Skowronnek kennen lernt und sich angewöhnt, mit diesem Schach zu spielen; zeitlich später begegnet Trotta dem jungen Nechwal und erhält den Brief seines Sohnes, der ihm mitteilt, er wolle die Armee verlassen. – Die einzelnen Episoden sind in zusammenfassende Berichte eingebettet, werden aber nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt.
Es folgt dann ein Bericht von den Ereignissen zweier aufeinander folgender Tage („Eines Tages…“, S. 227); Moser kommt, bittet um Geld und wird entlassen; Trotta spricht mit Skowronnek über den Wunsch Carl Josephs, jener äußert zu seinem Entsetzen Verständnis für den Sohn, worauf er am Abend den Brief mit seinem Einverständnis schreibt. Am nächsten Tag schickt er den Brief ab, trifft kurz Slama und bespricht sich beim Schachspiel noch einmal mit Skowronnek (S. 232 ff.). Der Erzähler berichtet noch, wie Trotta einschläft, um dann in einem Kommentar anzukündigen, dass jenem noch Schlimmeres bevorstehe. Damit spielt er auf den Tod Carl Josephs an, wie man später erfährt (S. 309).
Das Geschehen dauert insgesamt mehrere Monate, wovon auf ca. 17 Seiten erzählt wird; allein die Gespräche Trottas mit Skowronnek, die nicht mehr als ein, zwei Stunden dauern, sind dem Erzähler so wichtig, dass er davon auf etwa vier Seiten berichtet (weithin wörtliche Rede, also zeitdeckend erzählt); diese beiden Gespräche, in denen Trotta umgestimmt wird, machen also gegen den Hintergrund des nahenden Untergangs den Kern des Kapitels aus.
In den Gesprächen gewinnt Skowronnek seinen Freund dazu, dem Wunsch Carl Josephs nachzugeben. Trotta hat den Brief seines Sohnes so gelesen, „als kündigte der Sohn (…) dem Alten den Gehorsam“ (S. 226); durch seine Zustimmung zu den Entscheidungen seines Sohnes legt er in seinen Augen die Befehlsgewalt über diesen nieder (S. 231), und indem er sich für ihn beim Kaiser verwendet (Kap. XVIII), öffnet er ihm den Weg zu einem Leben auf dem Land, das ihn glücklich macht, zumindest für eine kurze Zeit (S. 295, 297).

http://www.krref.krefeld.schulen.net/referate/deutsch/r0263t00.htm
http://www.members.blackbox.net/Georg.Furtner/JRoth.htm
http://www.lesekost.de/deutsch/Roth/HHLROTH1.htm

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