Schlink: Der Vorleser – der Richter, der Vater (Interpertation)

Die älteren Männer

Der Richter
Ein Gegenbild zu Michael ist der vorsitzende Richter des Prozesses, in dem Hanna verurteilt wird. Er stellt Fragen und leitet die Verhandlung, wie es seines Amtes ist (S. 91 ff.). Aber er macht dabei keinen guten Eindruck.
Was immer wieder von ihm gesagt wird, ist, dass er „irritiert“ schaut oder wirkt (S. 92, 93, 104 zweimal, 157). Michael begreift bald, „daß das seine Masche war“ (S. 94 – dort wird auch beschrieben, wie er diese „Masche“ anwendet, um sich durchzusetzen). Später sagt Michael, dass der Richter den Ausdruck der Irritation „zu seiner Maske gemacht“ hat (S. 107); hinter dieser Maske gewinnt er Zeit zum Nachdenken, was er zum Beispiel auf Hannas elementare Frage antworten soll: „Was hätten Sie denn gemacht?“ Trotzdem wirkt sein Antwort „hilflos, kläglich. Alle empfanden es.“ (S. 108)
Was ebenso deutlich wird, ist die Tatsache, dass er Hanna falsch beurteilt; denn immer, wenn Hanna etwas („falsch“) gemacht hat, weil sie nicht lesen kann, wird ihr das vom Gericht bzw. vom vorsitzenden Richter als schuldhaft angekreidet und auch geahndet: dass sie trotz (statt: wegen) des Angebots einer Beförderung bei Siemens sich zur SS gemeldet hat (S. 91); dass sie auf die Ladung zu Terminen nicht reagiert hat und deshalb in U-Haft sitzen muss (S. 94); dass sie die Anklage und auch das Buch der Tochter nicht sorgfältig gelesen hat (S. 104); dass sie angeblich das Protokoll des Geschehens in der Brandnacht geschrieben hat (S. 123 f.). Michael dagegen entdeckt das Geheimnis: Hanna kann nicht lesen und schreiben, schämt sich dessen und hat sich deswegen auch vorlesen lassen (S. 126 f.).
Obwohl sein Vater ihm philosophisch begründet dazu geraten hat, mit Hanna statt mit dem Richter zu sprechen und so ihre Selbstbestimmung zu achten (S. 137 f.), geht Michael doch zum Richter. „Zu Hanna zu gehen schaffte ich nicht.“ (S. 153) Das begründet er mit einer Serie von Fragen, was er ihr wohl bedeutet habe; die Begründung für den Besuch beim Richter klingt merkwürdig: Es sei ihm „nicht wirklich“ um Gerechtigkeit für Hanna gegangen, wie er sich eingeredet habe, sondern er habe an ihr rummachen müssen (S. 153). Wieso er dies musste, wird nicht mehr erklärt; mir als Leser drängt sich der Verdacht auf, dass der Autor Schlink einen Vorwand braucht, um Michael zum Richter zu schicken und diesen privat zeigen zu können.
Der Richter empfängt Michael freundlich, ganz ohne irritierten Gesichtsausruck, in Hemdsärmeln; er hat „ein nettes, intelligentes, harmloses Beamtengesicht“ (S. 154). Er gibt Michael Tipps und bekennt selbstzufrieden, er sei gerne Richter und würde alles noch einmal so machen, was er gemacht hat; Michael sagt nichts von Hanna. Bei der Urteilsverkündung hat der Richter wieder den irritierten Blick. Hannas Blick zeigt dagegen, dass ihr Unrecht widerfährt: Sie schaut „durch alles hindurch. Ein hochmütiger, verletzter, verlorener und unendlich müder Blick. Ein Blick, der niemanden und nichts sehen will.“ (S. 157)
Der Richter ist ebenso wie Michael und alle Beteiligten, allen voran die Angeklagten, aber auch die ehedem Verfolgten das Opfer einer um sich greifenden Betäubung (S. 96 ff.) Michael empfindet diese Betäubung der Gefühle angesichts der schrecklichen NS-Verbrechen als richtig, weil er nur so im Alltag weiterleben kann (S. 155); er erwacht aus dieser Betäubung erst, als ihn im nächsten Winter das Fieber verlässt (S. 160). – Auf diese Betäubung als eine mythische Größe ist gesondert einzugehen.
Dass der Richter eine Gegenfigur zu Michael ist, wird vollends deutlich, als Michael vor der Berufsentscheidung steht und er sich deshalb an die beim Prozess erlebten Rollen der Juristen erinnert: Anklagen ist eine „ebenso groteske Vereinfachung“ wie das Verteidigen, „und Richten war unter den Vereinfachungen überhaupt die groteskeste“ (S. 171). Er kann Hanna nicht verurteilen (S. 151 f., 162). Der verurteilende Richter ist also als Gegenfigur erforderlich, wenn es um die Beurteilung von Hannas Schuld aus Taten im Dritten Reich geht.

Der Vater
Michaels Vater, ein Philosophieprofessor, wird in vier Kapiteln erwähnt (I 7; I 12; II 2; II 12). „Denken war sein Leben, Denken und Lesen und Schreiben und Lehren.“ (S. 31) Das Arbeitszimmer des Vaters zu Hause, die Bibliothek, ist „ein Gehäuse“ (S. 135); wenn seine Kinder ihn sprechen wollen, bekommen sie einen Termin, wie die Studenten (S. 134). Er ist verschlossen; vielleicht ist sein Gefühlsleben sogar abgestorben, vermutet Michael (S. 134). Manchmal hatte Michael auch das Gefühl, „wir, seine Familie, seien für ihn wie Haustiere“; dabei hätte er es gern gehabt, dass sie „sein Leben gewesen wären“ (S. 31). Michael unterstellt auch, dass der Vater oft gar nicht zuhört, wenn man ihn fragt, oder sofort wieder zwanghaft an seine Arbeit denkt (S. 31). Er hat mehrere philosophische Bücher verfasst. Im Krieg hat er seine Stelle als Dozent verloren, weil er eine Vorlesung über den jüdischen Philosophen Spinoza angekündigt hatte, und als kleiner Verlagslektor den Lebensunterhalt verdient (S. 88).
Dass Michael diesen Vater etwas fragt, wird zweimal berichtet; einmal fragt er, als er nach dem ersten Liebesakt verspätet nach Hause kommt, ob er am nächsten Tag wieder zur Schule gehen darf (S. 30). Beim zweiten Mal fragt er ihn um Rat, ob er gegen Hannas Willen den Richter über ihren Analphabetismus aufklären darf; Michael hat sich gerade wegen dessen abstrakten Denkens mit seiner Frage an den Vater gewandt (S. 134).
Der Vater erörtert das Problem klar, doch Michael kann mit des Vaters Lösung nichts anfangen: mit dem Betroffenen selbst (in diesem Fall Hanna) reden, nicht über ihn mit einem anderen! Als der Vater bedauert, dass er Michael als Philosoph und vor allem als Vater nicht weiterhelfen kann, findet dieser, der Vater mache es sich zu leicht (S. 139).
Als dieser ihm zum Schluss anbietet, jederzeit zu ihm kommen zu können, nickt Michael und glaubt ihm das nicht (S. 139).
Diese beiden Urteile Michaels überraschen mich – ein Vater kann seinem Sohn vier Jahre nach dem Abitur nicht die Lebensentscheidungen abnehmen, und dass er zum Gespräch bereit ist, hat er gerade erst gezeigt. Michaels Urteile zeigen ebenso wie die Charakterisierung des Vaters, dass dieser sein Gegenbild ist: Der Vater denkt und spricht klar, aber Michael weiß nichts zu sagen, weder gegenüber Hanna (S. 138) noch gegenüber dem eigenen Vater (S. 139); ihn bestimmen nicht Gedanken, sondern Sehnsucht und Gefühle (das Gefühl der Schuld, S. 80–200). Auch die Charakterisierung Hannas durch Michael zeigt, dass er das Gegenteil des Vaters sucht: jemanden, der sich seinem Körper und dessen „eigenen, von keinem Befehl des Kopfes gestörten ruhigen Rhythmus überlassen“ kann (S. 17); eine Frau, die in ihrer Weltvergessenheit dazu einlädt, „im Inneren des Körpers die Welt zu vergessen“ (S. 18).
Auch dadurch, dass ein Beischlaf solche Verwöhnung ist (S. 28), dass Hanna ihn sexuell „verwöhnt“ (S. 29) und Michael daran erinnert, wie seine Mutter den kleinen Bub beim Abfrottieren einmal verwöhnt hat (S. 28 f.), zeigt sich, dass Michael die Welt des Geistes, also des Vaters flieht und Erlösung im Bereich des Mütterlich-Körperlichen sucht.
Dieses Streben kann man doppelt interpretieren: Einmal zeigt sich in der Abkehr vom Vater und der Hinwendung zur (Ersatz)Mutter Hanna eine milde Form des Ödipuskomplexes, wie Freud diese Normalform des Familienkonflikts genannt hat; für dieses Verständnis spricht auch, dass Michael den Generationenkonflikt als Triebfeder der Studentenbewegung ausmacht (S. 88, S. 161). Zweitens erweist sich Michael seelisch auch als Zeitgenosse seines Autors Schlink, zu dessen Zeit die „Weltvergessenheit“, ein „Leben aus dem Bauch“ und „verwöhnt werden“ Stichworte eines modischen Lebensgefühls zwischen Feminismus und Wellness waren oder sind.

Dieser Beitrag wurde unter Romane abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s