Schwejks Argumentationsstrategie

In Hasek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk (Deutsch von Grete Reiner, Aufbau-Verlag 1982, 8. Aufl.) gibt Schwejk allen Amtspersonen grundsätzlich Recht – das ist eine seiner Gesprächsstrategien. Eine andere, die ich hier kurz untersuchen möchte, besteht darin, Beispielgeschichten zu erzählen. Um die Bedeutung dieses simplen Rückgriffs auf den Einzelfall, auf die zufällige Lebenserfahrung zu würdigen, muss man die Bedeutung des Allgemeinen in jenem ruhmreichen Krieg Österreichs kennen.
Der Erzähler berichtet also, wie Schwejk ins Landesgericht gebracht wurde, und „erklärt“ bzw. kommentiert dann die Tätigkeit der Untersuchungsrichter: „Hier schwand zumeist alle Logik, und der § siegte, der § drosselte, der § blödelte, der § prasselte, der § lachte, der § drohte, der § mordete und verzieh nicht. Es waren Jongleure des Gestzes, Opferpriester der Buchstaben des Gesetzes, Angeklagtenfresser, Tiger des österreichischen Dschungels, die ihren Sprung auf den Angeklagten nach der Nummer des Paragraphen berechneten.“ (S. 27 f.)
Ehe der Erzähler vom gottgefälligen Wirken des Feldkuraten berichtet, führt er erklärend zum tieferen Sinn der Feldmesse hin: „Die Vorbereitungen zur Tötung von Menschen sind stets im Namen Gottes oder eines vermeintlichen höheren Wesens vor sich gegangen, das die Menschen ersonnen und in ihrer Phantasie erschaffen haben. (…) Die große Schlachtbank des Weltkriegs konnte des priesterlichen Segens nicht entbehren. Die Feldkuraten aller Armeen beteten und zelebrierten Feldmessen für den Sieg jener Partei, deren Brot sie aß.“ (S. 133 f.)
Beide Erklärungen demonstrieren, wie das Allgemeine der §§ und die höheren Mächte der Religion zum Schikanieren und Töten der Menschen verwendet werden. Gegen das Allgemeine setzt Schwejk das Einzelbeispiel, gegen das Höhere die triviale Erfahrung des kleinen Mannes, dem das höhere Allgemeine immer nur um die Ohren gehauen wird. – Diese Deutung wird durch Teil II des Kap. 14 bestätigt (ein Fremdkörper im Roman: Ein Ich-Sprecher erklärt die Position der Offiziersdiener, ohne dass er identifizierbar wäre – er müsste also der Erzähler sein): „Es ist daher kein Wunder, daß eine solche Stellung vom Sklaven Pfiffigkeit und Schlauheit verlangt. Seine Stellung auf unserem Planeten kann man nur mit den Leiden der Pikkolos aus alten Zeiten vergleichen, die durch Ohrfeigen und Martern zur Gewissenhaftigkeit erzogen wurden.“ (S. 175)

Mit dem geschwätzigen Erzählen von Beispielen kreiert Hasek eine Gesprächstechnik oder -strategie, die Schwejk in verschiedenen Situationen verschieden anwendet. Ich nenne einige Beispiele:
1. Als ein Gefangener sich beschwert, man habe ihm Unrecht getan (ihn als 38jährigen für ein Verbrechen bestraft, das vor 40 Jahren begangen wurde), tröstet Schwejk ihn: „Ich denk, wir sollten alles von einer besseren Seite betrachten. Jeder kann sich irren, und er muß sich irren, je mehr er über etwas nachdenkt. Die Gerichtsärzte sind Menschen, und Menschen ham ihre Fehler. So wie einmal in Nusle …“ (S. 30), da ist er selbst irrtümlich verprügelt worden, und dann noch einmal, als der Irrtum bemerkt wurde; und dann folgen zwei weitere Geschichten von Irrtümern. – Schwejk ergibt sich also scheinbar in den Lauf des Lebens, in dem man an Irrtümern der anderen zu leiden hat – damit der Leser ihm widerspricht, so offenkundig ist der Unsinn, aufgrund von fremden Irrtümern zu leiden.
2. Die Geschichten von den Skauts (S. 45) und vom Findling (S. 102) sind ebenfalls Geschichten von erlittenem offenkundigem Unrecht. – So wie der zweijährige Bub offenkundig zu Unrecht eingesperrt war, als „ein Findling“, sieht Schwejk sich im Garnisonsarrest auch als „ein Findling“ (S. 102). Hier dient das Beispiel dazu, das von ihm selbst erlittene Unrecht zu demaskieren.
3. Dass moralische Regeln nichts taugen und dass man noch zu leiden hat, wenn sie befolgt (hier: Fundsachen zurückgeben) werden, zeigen die Geschichten Schweijks, die er dem Kuraten erzählt, als die beiden das verlorene Tabernakel suchen: „Bei uns in Budweis beim Regiment war ein Soldat, so ein gutmütiges Rindvieh“, der von allen gemieden wurde, weil er 600 Kronen bei der Polizei abgeliefert hatte, und der sich deswegen hat vom Zug überfahren lassen (S. 145). Und der Schneider, der einen goldenen Ring gefunden und zurückgegeben hatte, hatte nichts als Ärger und hat schließlich verkündet, „daß jeder ehrliche Finder fünfundzwanzig [Schläge, N.T.] verdient, daß man ihn verprügeln soll, bis er blau wird“ (S. 146).
4. Als Schwejk auf Befehl seines Feldkuraten einen Gläubiger, der sein Geld zurückfordert, hinauswirft, rechtfertigt er sich mit einer Geschichte: „In Maleschitz war ein Schenkwirt, ein Schriftkundiger, der auf alles Zitate aus der Heiligen Schrift gehabt hat“ und sie auch verwendete, wenn er jemanden mit dem Ochsenziemer verprügelte (S. 159).
5. Das letzte Beispiel gleicht dem ersten. Ein Lehrer erklärt, der Krieg sei nach Auffassung mancher Gelehrter eine Folge der Sonnenflecken; der Korporal widerspricht ihm, aber Schwejk gibt ihm Recht: „Diese Flecke auf der Sonne ham wirklich eine große Bedeutung, einmal hat sich so ein Fleck gezeigt und noch am selben Tag hab ich bei ‚Banzet‘ in Nusle Dresche bekommen.“ (S. 166) Und er zählt einen weiteren unsinnigen Beleg für die Sonnfleckentheorie auf – der Leser wird‘s schon zu sortieren wissen!

Als ich jetzt den „Schwejk“ wieder las, fielen mir sofort die Geschichten ein, die Puntila zu erzählen weiß – offenkundig hat Brecht von Hasek gelernt (Brecht: Herr Puntila und sein Knecht Matti).

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