Solschenizyn: Ein Tag des Iwan Denissowitsch (Analysen)

Das ist der Titel des Buches in der Übersetzung Christoph Mengs (1979), der in der älteren Übersetzung von Wilhelm Löser und anderen „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ (1970) hieß. Das Buch ist mittlerweile, wenn ich mich nicht irre, nicht mehr im Buchhandel lieferbar, sondern nur noch antiquarisch zu kaufen.

Solschenizyn, 1918 geboren, wurde 1941 nach einem Studium in die Rote Armee eingezogen, besuchte eine Artillerieschule und wurde ab 1942 an der Front eingesetzt. 1945 wurde er wegen kritischer Äußerungen über Stalin, die er in einem Brief gemacht hatte, verurteilt. 1955 begann er mit intensiver literarischer Arbeit; 1957 wurde er rehabilitiert, 1959 schrieb er den „Denissowitsch“.
Stalin war 1953 gestorben; er wurde 1956 von seinem Nachfolger Chruschtschow des Personenkultes angeklagt. In diesen politischen Kampf um Stalin und den Stalinismus geriet auch Solschenizyns Buch: Chruschtschow ordnete 1962 an, dass das 1959 geschriebene Manuskript veröffentlicht werden sollte – aus seiner Sicht zur Abrechnung mit Stalin und dessen Anhängern, also zur Vergangenheitsbewältigung in der UdSSR. 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, in der SU wurde die Lage für Solschenizyn schlecht: Seine Bücher wurden nicht mehr gedruckt, er wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Seine Bücher erschienen im Westen, er erhielt den Nobelpreis (1972), 1974 wurde er ausgebürgert.

Ich lese das Buch, das wir noch in unserer Schülerhilfsbücherei stehen haben, gelegentlich gern in Kl. 10-12, lese es jedenfalls lieber als etwa Frischs Roman „Homo faber“, der meines Erachtens stärker zeitgebunden ist; im 20. Jh. waren viele Menschen eben doch HÄFTLINGE. Wir lesen das Buch in vier Abschnitten: – S. 34, – S. 66, – S. 96, bis Ende. – Zeichnungen zum Leben im GULag gibt es in dem Buch von Dancik Sergejewitsch Baldajew: GULag. Zeichnungen. Verlag Zweitausendeins 1993.

Inhaltsangabe
Alexander Solschenizyn durfte seine Erzählung „Ein Tag des Iwan Denissowitsch“ 1962 in der Sowjetunion veröffentlichen. Es wird erzählt, wie Iwan Schuchow, nach dem Vatersnamen auch Denissowitsch genannt, 1951 einen Tag in einem sowjetischen Straflager in Sibirien verbringt. Die vorliegende Übersetzung stammt von Christoph Meng (1979); es gab vorher bereits eine von mehreren Personen (Wilhelm Löser u.a., 1969) angefertigte Übersetzung unter dem Titel „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“.

Schuchow lebt bereits seit acht Jahren in Lagern, weil er als ehemaliger Kriegsgefangener angeblich Geheimnisse verraten hat; neben ihm spielen vor allem einzelne Mitglieder seiner Arbeitsbrigade eine Rolle: Aljoschka, sein Bettnachbar, ein streng gläubiger Baptist; der ehemalige Kapitän Bujnowskij, der noch nicht lange im Lager ist und immer noch an die Prinzipien des sowjetischen Staates glaubt; Fedjukow, der wenig geachtet ist und oft „der Schakal“ genannt wird, weil er nicht nur faul ist, sondern sich auch erniedrigt; Kusjomin, der Brigadier, der sich für gute Arbeitsbedingungen und Entlohnung seiner Brigade einsetzt; Caesar, ein kunstverständiger Moskauer, der wegen seiner regelmäßig eintreffenden Pakete privilegiert ist; daneben werden nicht nur verschiedene Vorgesetzte, sondern auch weitere Mitglieder der Brigade gelegentlich erwähnt. Die Brigade ist die Schicksalsgemeinschaft, in der man wie in einer Familie aufgehoben ist (S. 63), weil hier das Gesetz wechselseitiger Solidarität gilt („wir“, bereits S. 6). Ansonsten herrscht im Lager „das Gesetz der Taiga“ (S. 5), also des Bestechens und eines gnadenlosen Kampfes ums eigene Überleben.
Der Tag beginnt um 5.00 Uhr mit dem Wecken; bis zum Ausrücken um 6.30 Uhr haben die Häftlinge Zeit fürs Frühstück und für sich. Wenn sie zur Arbeit ausrücken, werden sie kontrolliert („gefilzt“), wenn sie zurückkehren, werden sie ebenfalls kontrolliert – das Lager ist ein Ort der Dauerkontrolle. Wenn man jedoch die Kontrollen überstanden hat, „ist der Häftling ein freier Mensch“ (S. 96).
An dem Tag, dessen Ereignisse erzählt werden, muss Schuchows Brigade in einem neu zu errichtenden Kraftwerk bei -20° eine Mauer hochziehen; zuerst werden die offenen Fenster mit Dachpappe geschlossen, um einen gewissen Schutz vor der Kälte zu bekommen, dann arbeitet die Brigade so eifrig, dass die Männer ins Schwitzen kommen. Schuchow ist von hohem Arbeitsethos erfüllt, mauert exakt, hilft seinen Kameraden und genießt so ein großes Ansehen – sogar über das offizielle Arbeitsende hinaus wird noch die Mauer von ihm und dem Brigadier zu Ende gemauert.
Nach der Heimkehr versucht man dann, irgendeine Zusatzversorgung zu ergattern; Schuchow profitiert an diesem Tag von einem Paket Caesars. Dieser Tag der Arbeit, des Sieges über einen arroganten Vorarbeiter, des gelungen Tabakskaufes ist für Schuchow am Ende „ein fast glücklicher Tag“ (S. 127), der um 21.00 Uhr endet.
Die Erlebnisse Schuchows werden oft neutral, jedoch oft auch personal aus seiner Sicht erzählt. Nur selten erinnert er sich an seine Familie oder sein Leben in einem anderen Lager; die Erwartungen richten sich nicht über den gerade erlebten Tag hinaus.
Im Buch wird das hohe Lied der sowjetischen Arbeitsbereitschaft und der Solidarität in der Brigade gesungen; krisiert werden indirekt die Willkür der Aufseher, die Inkompetenz des Vorarbeiters Derr, die schlechten Arbeitsbedingungen (Kälte, kein Werkzeug, das Material wird zweckentfremdet verwendet). Die Erzählung diente Chrustschow in seinem Kampf gegen den stalinistischen Personenkult; sie machte Solschenizyn in der Sowjetunion, aber auch im Westen bekannt und war der Anfang seines kritischen literarischen Wirkens.

Der Erzähler eröffnet einen Zeitraum

Mir ist bisher, wenn ich „die Zeitstruktur“ einer Erzählung untersucht habe, noch nie so deutlich wie hier aufgegangen, wie der Erzähler den Zeitpunkt des erzählten Geschehens überschreitet (ausweitet) und einen Zeitraum eröffnet. Ich möchte das am Anfang dieser Erzählung andeutungsweise aufzeigen.

„Um fünf Uhr morgens wurde das Wecksignal gegeben -“ (S. 5, Z. 1). Mit diesem Satz eröffnet der Erzähler seinen Bericht von dem einen Tag des Iwan Denissowitsch im Arbeitslager. Aber mit dem Adverbial „morgens“ (sofern die Übersetzung präzise ist) stellt er ein regelmäßig wiederkehrendes Ereignis dar.
„Schuchow verschlief das Wecken nie, er stand immer sofort auf…“(5/11). Diese Bemerkung, welche die über den heutigen Tag hinausreichende Ordnung im Leben Schuchows zeigt, wird später wiederholt: „Sonst stand Schuchow nach dem Wecksignal immer sofort auf, heute nicht.“ (5/36 f.) Hier wird das heutige Handeln Schuchows zu seinem sonstigen in Beziehung gesetzt und davon abgegrenzt. Bis zu diesem Zeitpunkt (wenn denn überhaupt von einem Zeitpunkt die Rede sein kann und nicht das Handeln als ganzes betrachtet wird), mögen zehn bis zwanzig Sekunden vergangen sein; denn das Wecksignal wurde durch Hammerschläge auf ein Stück Schiene gegeben, und die Töne waren inzwischen verstummt (5/2 und 5/7). Aber es ist bereits auf die Ordnung des Lagers und die Ordnung im Leben Schuchows rekurriert.
Zwischen den beiden Sätzen vom Sonst-nicht-Verschlafen steht eine Begründung oder Erklärung dafür, dass Schuchow immer sofort aufsteht: „denn bis zum Ausmarsch hatte man anderthalb Stunden Zeit, die einem ganz allein gehörten“ und in denen man allerlei nützliche Dinge betreiben kann (5/12 ff.). Wenn man hier den Erzähler selber sprechen hört, wird man dieses Stück als Erklärung lesen; wenn man dagegen Schuchow (personal erzählt) sprechen hört, wird man es als dessen Begründung für sein rechtzeitiges Aufstehen erfassen. Jedenfalls wird schon der Blick des Lesers auf die nächsten anderthalb Stunden gerichtet und so der Zeitpunkt des Nichtaufstehens überschritten.
Die folgende Bemerkung würde dafür sprechen, dass es sich gegen meinen ersten Eindruck doch um eine Erklärung des Erzählers handelt: „Schuchow hatte sich die Worte seines ersten Brigadiers Kusjomin gut gemerkt – der war ein alter Lagerfuchs, hatte 1943 schon zwölf Jahre gesessen -“ dass man nämlich keine Schüsseln auslecken soll (5/26 ff.). Mit dieser Erklärung zeigt der Erzähler, dass Schuchow bereits 1943 im Lager war und eben Kusjomin als ersten Brigadier hatte, dem also weitere folgten; er deutet zugleich an, dass Schuchow anders als andere Häftlinge fremde Schüsseln nicht ausleckt – sonst wäre der Hinweis darauf, dass er sich die Lehre gut gemerkt hat, nicht zu verstehen.
Auf die Lehre Kusjomins folgt deren Beurteilung durch Schuchow oder den Erzähler: „Das mit dem Gevatter stimmte natürlich nicht. Spitzel gehen immer auf Nummer Sicher. Wenn auch auf Kosten anderer.“ (5/34 f.) Diese Bewertung stammt wegen der Tempusform „stimmte“ vermutlich von Schuchow; der Erzähler könnte aus seiner überlegenen Kenntnis „stimmt“ sagen, aber diese Überlegung ist nicht zwingend (und an die Präzision der Übersetzung gebunden).
Darauf folgt die bereits zitierte Bemerkung, dass Schuchow „heute“ nicht aufstand; danach wird zur Erklärung auf seinen Zustand „seit gestern“ verwiesen: „Schon seit gestern abend war ihm nicht wohl in seiner Haut…“ (5/37 ff.).
Über die Ereignisse der ersten zwanzig Sekunden des Tages „heute“ hat der Erzähler rund drei Minuten lang berichtet (eine Seite lang – „Zeitdehnung“ nennt man das); aber er hat im Nahbereich dieser 20 Sekunden den Zeitraum im Leben Schuchows seit „gestern Abend“ bis „anderthalb Stunden“ später eröffnet; er hat ferner die Ordnung des Lagers und die Regelhaftigkeit im Leben Schuchows herausgestellt und einen Blick in Schuchows Vergangenheit getan, wobei im Augenblick noch nicht klar ist, wie lange 1943 her ist.

Unmittelbar im Anschluss daran kommt dann Schuchows Perspektive deutlich zur Geltung: „Wo sollte man sich hier auch wärmen…“ (6/5) werden seine Gedanken personal erzählt, und das setzt sich noch deutlicher in der Bemerkung fort, dass „jetzt auch bei uns“(6/20) Stiefel auf den Boden poltern, nachdem er es von der Nachbarbrigade vernommen hat.

Zeitstruktur (S. 5 – 19, Seiten- und Zeilenzählung, Ü.: Meng)
Der Erzähler schließt sich weithin dem Erleben Schuchows an, aber die Häftlinge haben keine Uhren; so bleibt es bei Schätzungen:
5.00 Wecksignal (5/1) – es bleiben anderthalb Stunden (5/12 f.)
Schuchow steht nicht auf (5/37; 6/9)
<- Rückblick: seit gestern Abend (5/37 – 6/3)
Sch erinnert sich (6/25) an Info
Sch überlegt, was er tun soll (6/42 ff.)
Pritsche wackelt (7/11), zwei Häftlinge stehen auf
(Gespräche in der Baracke)
Sch entscheidet sich für den Krankenbau (7/38)
5.10 Tatarin erwischt Sch und bestraft ihn (7/39)
Sch zieht sich an und geht hinter Tatarin weg (8/33), hinaus (9/6)
5.20 in die Stabsbaracke (9/32)
Befehl, dort den Boden zu wischen (9/35)
Sch bedankt sich dafür (10/12)
Sch geht zum Brunnen (10/20 f.), am Thermometer vorbei
holt am Brunnen Wasser (10/42 ff.)
5.30 zurück zum Aufseherraum (11/4)
Sch putzt, hört Gespräche,
zieht sich nach Putzen wieder an (12/42)
und schüttet Wasser aus (13/1)
5.55 Sch geht an der Sauna vorbei zur Kantine (13/2 f.)
geht hinein (13/10);
Fetjukow macht ihm Platz (14/1 f.);
Sch nimmt den Löffel usw. (14/8 ff.)
und isst Suppe (14/22) [hat „zehn Minuten“ für sich (14/25)]
ohne Brot heute; isst Fenchelhirse (15/5 ff.), fertig
6.10 Sch geht in die Krankenbaracke (15/15);
** Zeichen, dass bald das Signal zum Aufbruch kommt (15/25 ff.)
Sch versteckt sich (15/38), erinnert sich an den Letten (16/10),
6.15 Sch läuft zur Baracke (16/21)
und spricht mit Kolja (16/40 ff.);
Sch muss Fieber messen (17/21 ff.)
<- Rückblick: erinnert sich an Feldlazarett am Lowatj
Thermometer wird geprüft
6.25 Sch geht hinaus
——————–
Es ist kurz vor dem Aufbruch (19/20 f.).
Es ist jetzt zu prüfen, wie der Erzähler den Bericht über die ersten knapp anderthalb Stunden nutzt, ein Bild vom Lager zu zeichnen.

Erzählweise
Zwei Einschränkungen muss ich vorweg machen: Ich untersuche nicht das gesamte Buch, sondern nur S. 5-34, davon schwerpunktmäßig S. 5-19 und darin exemplarisch die ersten drei Seiten. Außerdem untersuche ich eigentlich nur Solschenizyn in einer Übersetzung (dtv 1524).
Im ersten Teil des Romans (bis S. 34) werden mehrere Episoden erzählt, die man vielleicht auch „Szenen“ nennen könnte:
– das Ereignis des Weckens,
– Schuchow wird erwischt und bestraft,
– Schuchow in der Kantine,
– Schuchow in der Krankenbaracke,
– Schuchow in Baracke 9, bei der 104. Brigade,
– Aufstellen und Kontrolle der Häftlinge,
– Abmarsch und Ankunft an der Baustelle (die beiden letzten Episoden könnte man auch als eine einzige, die aus zwei Teilen besteht, auffassen).

Die einzelnen Episoden in diesem ersten Teil bestehen also darin, daß Schuchow an einem bestimmten Ort ist, dort etwas erlebt oder tut und sich dann zum nächsten Ort begibt – teilweise allein, teilweise zusammen mit anderen.
Zunächst berichtet der Erzähler ganz neutral, dass das Wecksignal gegeben wurde; mit der Zeitangabe „um fünf Uhr“ beginnt seine Erzählung. Wie es vernommen wird, wird von ihm unmerklich auf jemand bezogen, der diesseits der vereisten Fensterscheiben ist. Schuchow wird in einem zeitlichen Rückgriff auf seinen nächtlichen Latrinenbesuch als erste Figur eingeführt; gleichzeitig wird der Ort „Baracke“ im „Lager“ genannt.
Im 3. Absatz (= 3) erklärt der Erzähler, warum Schuchow normalerweise „immer“ – dieses „immer“ wie auch das Adverb „nie“ sind beinahe als Merkmale auktorialen Erzählens zu betrachten – sofort beim Wecken aufsteht; bereits in der zweiten Zeile tut er dies in personaler Erzählweise mit Schuchows Gedanken, die hier am Pronomen „man“ zu erkennen sind. In diesen Überlegungen Schuchows zeigt sich, was er alles tut, um die Not des Lagerlebens abzumildern. In diesen Gedanken sind auch als sein dauerndes Wissen, wörtlich zitiert, Sätze des Brigadiers Kusjomin wiedergegeben, zu denen Schuchows Bewertung im nächsten Absatz personal erzählt wird: Sie stimmen nicht ganz – das Modalwort „natürlich“ signalisiert Schuchows Einschätzung der Sätze; das Präsens „gehen“ zeigt an, dass hier etwas (aus Schuchows Sicht) bleibend Gültiges gesagt wird. Kusjomin wird als „erster“ Brigadier Schuchows eingeführt, was sich im Fortgang der Erzählung als zeitliche (und nicht rangmäßige) Bezeichnung herausstellt; so wird angedeutet, dass Schuchow bereits mehrere Brigadiere erlebt hat, also seit längerem im Lager ist. – Damit sind die Vorinformationen abgeschlossen; nun beginnt der Erzählung dessen, was „heute“ geschieht.
In (5) wird erzählt, dass Schuchow im Unterschied zu sonst „heute“ nicht aufsteht und warum er dies nicht tut. Mit dem Adverb „heute“ nähert der Erzähler sich Schuchows Zeit und Zeiterleben an. Dann wird in personaler Weise Schuchows Begründung dafür erzählt, dass er liegen bleibt (6/4 ff.); das Pronomen „man“ und die Einschätzung „Riesen“ (in „Riesenbaracke“) zeigen an, dass Schuchows Gedanken erzählt werden. Was sich in der Baracke tut, wird als Wahrnehmung Schuchows erzählt (S. 6/12 ff.); im Absatz wechselt der Erzähler vom neutralen ins personale Erzählen, wie man am Modalverb „sollen“, am Adverb „heute“ und am Wechsel des Tempus erkennen kann (Präteritum -> Präsens; in Z. 20 müsste es m.E. korrekt „sind“ statt „waren“ heißen): Der Leser kann dadurch näher an Schuchows Erleben herangeführt werden, daran teilnehmen. Auch die 1. Person des Personalpronomens („wir“) wird zu diesem Zweck verwendet.
In den nächsten drei Absätzen wird – durchgängig im Präsens – das Problem Schuchows, an das er sich erinnert, dessen Problematik dann im personalen Erzählen erklärt wird, dargestellt: ob seine Brigade, die 104., zur neuen Baustelle der Sozsiedlung abgeschoben wird, wo Schuften „die einzige Rettung“ vor der Kälte ist, oder ob sein Brigadier das verhindern kann. Gleichzeitig wird die Stellung des Brigadiers und die Möglichkeit, etwas durch Bestechung zu erreichen, vorgestellt, also die Lagerorganisation erklärt.
In den nächsten drei Absätzen (6/42 ff.) wird – mit Ausnahme eines Satzes – personal im Präsens erzählt, wie Schuchow überlegt, ob er sich einen Tag als Kranker vor der Arbeit in der Kälte drücken soll und ob er es beim Aufseher riskieren kann, liegen zu bleiben; damit wird gezeigt, wie es verschiedene Typen von Aufsehern gibt und was sie für einen Häftling bedeuten. Auf S. 7 wird dann i.W. neutral und mit dem Bericht wörtlicher Reden erzählt, wie andere Häftlinge aufstehen und dass es Probleme mit dem Proviant gibt; gleichzeitig werden Schuchows Nachbarn eingeführt, Aljoschka und Bujnowskij. Mit dem Satz „Einer von ihnen…“ werden die gleichen Befürchtungen aller Häftlinge erzählt. Die Episode schließt damit, dass von Schuchows Entscheidung erzählt wird, in den Krankenbau zu gehen – die nächste Episode (7/39) beginnt damit, dass diese Entscheidung jäh durch höhere Gewalt aufgehoben wird: Der Mensch ist im Lager von Zufällen abhängig.
Mit dem formalen Mittel des personalen Erzählens, in das häufig Bewertungen einfließen, mit neutral erzählter Beschreibung der Wahrnehmungen Schuchows und der Verhältnisse (Erzählerbericht) wird ein erstes Bild des Lagers gezeichnet, in dem Schuchow sich nun bewegen und um sein Leben wie um eine Verbesserung seiner Lebensmöglichkeiten kämpfen wird.

Insgesamt wird „neutral“ erzählt. An einigen Stellen weiß der Erzähler jedoch ziemlich viel: Was Schuchow einfällt (7/4); wie es dazu gekommen ist, dass der Stubendienst in der Stabsbaracke nicht mehr zu putzen braucht (9/40 ff.); wie es zu Beginn der Einrichtung des Lagers zugegangen ist (15/18 ff.); auch in einem ironischen Kommentar („die Lagerleitung weiß die Zeit für sie“, 17/32 f.) meldet sich ein eher auktorialer Erzähler zu Wort.
Häufig wechselt diese Erzählweise mit der des personalen Erzählens, wodurch man Gelegenheit hat, das Lager aus Schuchows Sicht „unmittelbar“ zu erleben. Man erkennt diese Erzählweise daran, dass sie nicht die des neutralen Erzählers ist: Das unpersönliche Fürwort „man“ (und erst recht das des 1. Person), Wertungen (der Art, „ein übereifriger Angeber“, 18/18), Modifizierung von Aussagen („Das … stimmte natürlich nicht.“, 5/34; „es wäre doch gelacht“, S. 33/13), die Erwartung dessen, was geschiehen wird („Heute fällt die Entscheidung…“, 6/26), das Präsens (S. 23/19 ff.) – dieses auch in Verbindung mit regelartigen Bemerkungen (wie der Brigadier bestechen kann, 6/39; „Wer im Warmen sitzt…“, 19/15 – hier ist allerdings das zugehörige denkende Subjekt unbestimmt, ebenso wie 22/14: „der bitterste Augenblick“) – können signalisieren, dass personal erzählt wird. Wer findet weitere Merkmale dieser Erzählweise?
Die Vorgeschichte Schuchows wird immer nur knapp angedeutet:
Was das Schuhwerk betrifft, kennt er sich nach acht Jahren Haft aus (11/15 ff.);
die Zähne sind ihm 1943 in Ust-Ischma ausgefallen – 1941 ist er von seiner Frau „weggeholt“ worden (S. 12/18 ff.);
dort hat er 1944 den Löffel gegossen (S. 14/10 f.);
in seinem gegenwärtigen Lager ist er mindestens seit zwei Jahren, er kennt noch die alten Suppen (S. 14/28 f.);
er kennt aus verschiedenen Gefängnissen und Lagern das Gewicht der Brotration, war also dort (S. 20/17 ff.);
im Zusammenhang mit dem Gedanken an Briefe wird erzählt, dass Schuchow 1941 wohl Soldat geworden ist und was er über das Leben seiner Frau und der Kolchose (landwirtschaftl. Produktionsgenossenschaft) weiß und wie er das neue Leben dort und das leichte Arbeiten einschätzt (S. 30-33).

Erzähltechnik
Da in dem Roman nur ein Tag aus dem Leben Schuchows erzählt wird, müssen nebenher sowohl die Vorgeschichte Iwans wie auch seine Lebensbedingungen dargestellt werden. Wie der Erzähler das Problem löst, soll beispielhaft an der Episode von Iwans Besuch der Krankenstation untersucht werden. (Querverweise machen den Text!)
Beschreibung des Himmels: vorsichtige Datierung des Geschehens (vgl. die Sonne S. 41, 46, 48, 76, 78; Mond S. 81 usw.), Beschreibung der Lagerbeleuchtung, Info über Geschichte des Lagers (S. 16).
Zeichen des bevorstehenden Ausmarschs (Datierung): Tätigkeit einiger Personen kurz beschrieben, gegen das Ausruhen „aller“ anderen abgesetzt – beide Absätze neutral bzw. auktorial erzählt (S. 16).
Schuchow, auf dem Weg zur Krankenbaracke, sieht Tatarin (einer der drei <- Anschluss!) und denkt über ihn und andere Aufseher nach; dabei taucht sein Wissen über die tägliche Verlesung der Anordnung auf = Info: personal erzählt;
Wechsel: Es fällt ihm ein, dass er mit dem Letten wegen Tabakkauf verabredet war; Überlegung, was zu tun ist (z.T. personal erz. – gleichzeitig Vorbereitung der Episode -> S. 64) – Gang zur Baracke beschrieben, ebenso ein Teil ihrer Inneneinrichtung (S. 16).
Beschreibung: Türen geschlossen, Gedanke Iwans dazu (Info über Position der Ärzte), Kolja schreibt etwas (Stichwort für -> weitere Erzählung) (S. 16).
Es folgt eine Beschreibung, was Iwan tut, was er wahrnimmt, wie er spricht;
Gespräch mit Kolja wiedergegeben (bis S. 17, Mitte): Info über Regelung des Krankfeierns.
Zwei (drei) Absätze auktorial erzählt: wie Schuchow sich setzt, wo der Krankenbau liegt, wie die Wanduhr tickt = Info, Kommentar dazu (S. 17).
Beschreibung, wie Schuchow sich beim Warten wahrnimmt (personal erz.); damit verbunden Erinnerung an frühere Verletzung (= Vorgeschichte, knüpft an 11-14 an, vgl. S. 20, 30, 50), seine Wünsche nach ausgiebigem Krankfeiern, Gedanke an den neuen Arzt (= Info) und seine Methoden. Abschließend ein personal erzählter Kommentar über zuviel Arbeit (-> Stichwort Arbeit S. 32 f., 44, 68) – (S. 17 f.).
Der auktoriale Erzähler informiert über die Qualifikation Koljas und berichtet von seinem illegalen Schreiben, paradoxe Pointe S. 18 unten!
Beschreibung: Das Signal ertönt; Iwan schickt sich an, ihm zu folgen (personal); Äußerung Koljas berichtet; beschrieben (neutral), wie Schuchow geht.
Sein Kommentar wird (personal) erzählt, der gleiche wie S. 84!
Beschreibung, wie die Kälte auf ihn wirkt; dazu sein Gedanke personal erzählt: Wie er den Kampf aufnimmt (S. 19)

Was bedeutet „Arbeit” für Iwan Denissowitsch?
Das Verhältnis Iwans zur Arbeit wird zu Beginn des Arbeitstages (S. 38 ff.) und beim Arbeiten nach der Mittagspause (S. 63 ff.) thematisiert, nebenher auch noch in seinen Überlegungen über das, was er von zu Hause gehört hat (S. 32 f.).
Iwans Verhältnis zur Arbeit ist zwiespältig: Einmal ist Arbeit das, was ihm im Lager von außen abverlangt wird (38; 44), und deshalb ist jede Pause und jeder Schneesturm willkommene Unterbrechung (35; 39); anderseits ist er „nun mal so dumm veranlagt, und acht Jahre Lager haben es ihm nicht abgewöhnen können: Es tut ihm leid um jedes Ding und jede Arbeit, er kann nichts verderben lassen” (80). In der Kälte mit der Arbeit anzufangen ist schwer; aber „wenn man erst den Anfang hinter sich hatte, war alles in Ordnung” (40). Im Lager wird die zügige Arbeit durch die Zugehörigkeit zu einer Brigade sozialer Zwang (44), wobei die 104. Brigade für Iwan so etwas wie eine Familie geworden ist (63-66; 67; der Brigadier: 45; 66; 74).
Insgesamt überwiegen für Iwan während der Arbeit deren positiven Aspekte deutlich die negativen: Er gehört zu den besten Arbeitern (40), arbeit schnell und genau (69 ff.); er besitzt und behütet seine eigene Kelle (41); die Zeit vergeht schnell beim Arbeiten (48), es werden Scherze gemacht (46), sie kommen sogar im Januar ins Schwitzen (71, vgl. 46), und schließlich verspätet er sich noch mit seinem Kollegen (78). Wenn er arbeitet, vergehen ihm alle trüben Gedanken (44; 68), „und das Leben fängt wieder an” (43).
Iwan gewinnt aus seiner Fähigkeit zu arbeiten sein Selbstbewusstsein: Er ist so etwas wie ein Ingenieur (73), und „durch seine Arbeit steht er jetzt mit dem Brigadier auf einer Stufe” (79).
Beim Appell hat ihn die Realität des Lagers wieder eingeholt: Das Warten geht jetzt von der eigenen Zeit, nicht von der Arbeitszeit ab (82).
Insgesamt bleibt es dabei: Das Mauern hat ihm Spaß gemacht, und das ist eines der Momente, die ihn diesen Tag so erleben lassen, dass er „viel Glück gehabt” hat (127). [27.2.1996]

Idee zu Gliederung des Themas (nur zu S. 67- 80):
1. Wie arbeitet Schuchow? (exakt, mit Hingabe…)
2. Wie arbeiten die anderen? (genau wie er – Ausnahmen Kilgas, Fedjukow?)
3. Zusammenhang von Arbeit und Brigade: Solidarität – Nutzen
4. Die Arbeit adelt den Menschen.
5. Es gibt Widrigkeiten beim Arbeiten (Derr, die Funktionäre – das Klima – Mangel an Material und Geräten – davon unabhängige Normen)
** Fazit, Schluss: Es liegt eine Bestätigung der kommunistischen Ideologie, aber auch dezente Kritik vor.
[Mai 2007]

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