Storm: Der Schimmelreiter – Analysen

Mögliche Themen und Ziele (Klasse 8)
Themen:
Als was für ein Mensch wird der Junge Hauke Haien dargestellt?
Wie entwickelt sich das Verhältnis Hauke – Elke?
Von den folgenden Themen halte ich die mit * bezeichneten für wichtig:
* das Problem des begabten Kindes, seines Aufstiegs und seiner Behinderung durch neidische Mittelmäßige;
* das Problem des Versuchs, sich durch Superleistungen zu beweisen und so Anerkennung zu finden;
* abschließende Bewertung der Figur (Charakter) H. Haien;
– vom Konflikt zwischen menschlicher Leistung (Pflicht, Genauigkeit) und der Notwendigkeit, Kompromisse zu machen
* Arbeitsteilung und Verhältnis von Mann und Frau früher (- heute)
* Aberglaube und Religion
Erzähltechnisch:
* Was kann man aus der Zeitstruktur erkennen?
* Führung des Hörers (Lesers) durch den Lehrer-Erzähler,
a) durch die Art des Erzählens,
b) durch die Kommentierung;
* Gegenfiguren zu H.H.: Ole und Triene Jans (eine genügt);
Arbeitstechniken:
* Überblick über eine größere Erzählung gewinnen (wie? durch Liste)
* dabei bewusst, langsam, wiederholt lesen
* Einsichten am Text überprüfen (wie?),
– im Gespräch mit anderen Verstehenden: Wie weit geht der Spielraum?
* Aufsatz schreiben: Stellen finden, Stoff ordnen, mit Belegen darstellen.

Die Zeitstruktur S. 9-29
(Text der Reclam-Ausgabe RUB 6015 aus dem Jahr 2001)

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts (9/5-7): ein Deichgraf
– von Kindsbeinen an (9/13): sein Wissen erworben
meist (9/26): sah er seinem Vater zu
eines Abends (9/29): fragte er nach den Gründen
tags darauf (10/5): holte er die Bücher
als endlich die Stachelbeeren … wieder blühten (10/24 f.): konnte er Euklid lesen
von Ostern bis Martini (11/10): arbeitete er am Deich (zur Ablenkung von E.)
im Herbst, regelmäßig (11/17): betrachtete er die Deiche
(?) wie … sich die Nacht ausbreitete (11/30 f.): beim Betrachten des Deiches
eines Abends (12/9): sprach er mit dem Vater über die Deiche
Ende Oktobers (13/14): Gang zum Haf
wenn Springflut bevorstand (13/20): ging er zum Deich
manchmal (14/1): bastelte er Modelle, zeichnete Deichprofile
wieder Winter geworden (14/13): wanderte er noch weiter
im Februar (14/18): Suche nach den Wasserleichen
an einem der nächsten Abende (15/16 f.): Begegnung mit „Gespenstern“
als die Finsternis alles bedeckte (16/11): Rückkehr
-> viele Jahre später (16/17): Erklärung des gespenstischen Treibens
schon über ein Jahr eingesegnet (17/19 f.): Änderung
* Kater, welchen einst … mitgebracht hatte (neuer Erzählstrang)
einmal im Frühjahr (17/32): Kampf mit dem Kater
<- tags zuvor (18/2): Kiesel gesammelt
<- von Kindsbeinen an (18/7): geübt, meistens erfolgreich
(??) während er … das Blut … auffing (19/20 f.): Hauke ging weg
darauf (20/1): ging er weg
inmittelst (20/7): ging Trien Jans zum Tede Haien
eine Weile später (22/19): kam Hauke heim
gleich jetzt (24/28): wollte Hauke zum Deichgrafen
nach einer Weile (25/9): sah er Elke
Sonnenuntergang (25/20): Elke blickte aufs Meer
am andern Tage (26/7): ging Tede Haien mit Hauke zum Deichgrafen

Legende: Bei manchen Angaben ist schwer zu entscheiden, ob sie wirklich zur Datierung des erzählten Geschehens dienen (dafür: ‚?‘; Rückgriff: <-; Vorgriff: ->).
An der Stelle „sah eine Weile … auf ihn“ (22/35 f.) bezeichnet „eine Weile“ wohl eine völlig unbestimmte pure Dauer, ist aber kein Datum.
Welchen Zeitraum umfasst dieser erste Abschnitt (20 Seiten)? Welche Ereignisse sind dem Erzähler wichtig, d.h. für welche nimmt er sich viel Zeit beim Erzählen?

Als was für ein Mensch wird Elke vorgestellt (S. 29-40)?
(Gliederung eines Themas)

A) Einleitung: Sie tritt in Haukes Leben, als er beim Deichgrafen eine Stelle annimmt.
B) Hauptteil: Als was für ein Mensch wird Elke vorgestellt?
1. Sie verfügt über verschiedene Fähigkeiten (rechnen 30/2; stricken 31/1 f.).
2. Sie hat einen gütigen Charakter:
a) Sie nimmt sich zurück, tritt hinter anderen zurück (Lob weitergegeben 35/26 ff.;
36/23 ff.; hört zu 32/28 f.; Botin des Vaters 30/17 ff.).
b) Sie beschwichtigt den Vater, möchte Streit vermeiden (30/31 f.; 33/18 ff.).
c) Sie nimmt die Sorgen anderer wahr (Hauke 29/31 ff.; Trien Jans 31/27 ff.).
d) Sie hat Verständnis für die Schwächen anderer (31/16 f.).
3. Sie fördert Hauke, wo sie es kann (gegen Oles Schikanen 29/31 ff.; vgl. 2 a;
drängt ihn sich zu melden 37/34 ff.; wartet das Ergebnis der Beratung ab 40/8 ff.).
Aber sie möchte noch keine förmliche Abmachung mit ihm treffen (36/26 ff.).
C) Schluss: Es ist zu erwarten, dass sie für Hauke noch sehr wichtig wird.

Eine recht simple Gliederung wäre nach dem Prinzip verfahren, neben Elkes Fähigkeiten ihr Verhalten gegen die verschiedenen Personen zu untersuchen.
Da Hauke hier eine Sonderstellung einnimmt, habe ich nur ihn an letzter Stelle genannt und die übrigen Aspekte (neben Fähigkeiten) unter „Charakter“ erfasst.

Untersuche, wie das Gerücht vom Teufelspferd entsteht
und ob der Erzähler selber dazu wertend Stellung nimmt!

Zunächst entsteht bei Carsten und Iven der Glaube, das Gerippe auf der Jevershallig erhebe sich und gehe umher (75/4 ff.); trotz exakter Prüfung, die das Gegenteil zum Ergebnis hat, sehen sie erneut das Gespenstische und halten an seiner Existenz fest (80/22 ff.).
Indirekt nimmt der Erzähler zu diesem Geisterglauben dadurch Stellung, dass es Jungen sind, die ihn aufbringen bzw. weitergeben (vgl. 77/26!); der erwachsene Tagelöhner geht nach Hause und hält sich an so etwas nicht auf (S. 75 f.).
Direkt nimmt der Erzähler einmal Stellung; er nennt als Triebfeder ihres Handelns „die Begier, Unheimliches zu schauen“ (76/17). Damit erklärt er den Ursprung ihrer Vorstellungen, der in ihnen selbst, in dem genannten Begehren liegt.
Als Hauke dann unter etwas mysteriösen Umstanden ein Pferd gekauft hat (die Hand des Verkäufers sah fast wie eine Klaue aus, 84/12, und er lachte wie ein Teufel, 84/18), pflegt er es selbst und bindet es so an sich, dass das Pferd den Knecht nicht als Reiter duldet und ihn abwirft (85/30 ff.). Darauf reimt sich der bereits als geister-gläubig bekannte Carsten die beiden Ereignisse zusammen: Das Geisterpferd stehe in Haukes Stall (87/3 ff.); denn wenn der Teufel im  Schimmel stecke, könne er auch das lebendige Gerippe sein (87/12-14).
Der Junge wechselt dann die Stelle und geht zu Haukes Feind Ole Peters, wo er „andächtige Zuhörer“ für seine Geschichte findet (87/23 ff.). Von dort aus wird das Gerücht verbreitet und von denen aufgenommen, die gegen Hauke „Groll im Herzen“ haben oder gern Gruselgeschichten hören. (87/25 ff.)
Auch hier nimmt der Erzähler einmal direkt Stellung, als er von der dicken Frau Volina und deren geistesstumpfen Vater spricht (87/25 f.); der Vater wird also direkt als dumm bezeichnet, und wenn die Frau vor allem als dick charakterisiert wird, so heißt das eben auch, sie sei nicht besonders helle im Kopf. Auch mit der Bezeichnung „andächtige Zuhörer“ (87/23 f.), welche sich „in behaglichem Gruseln“ (87/27) die Geschichte vom Teufelspferd anhören, wird das Gerücht vom Teufelspferd durch den Erzähler in den Umkreis der bloßen Unterhaltung verwiesen. Etwas offener bewertet der Erzähler Carsten, als er von ihm sagt, der Junge sei in seinem Glauben „nicht zu bekehren“ gewesen (87/12). Damit kann er einfach eine Tatsache beschreiben, er könnte so aber auch auf den Starrsinn des Jungen hinweisen und ihn damit bewerten.
Der Erzähler erklärt also einmal den Ursprung des Geisterglaubens psychologisch (76/12); ansonsten kann man von den Menschen, die das Gerücht aufbringen und verbreiten, und von deren Qualifikation auf die Qualität des Gerüchtes vom Geister- oder Teufelspferd schließen.

„Das erlösende Wort“

Wienke, die Tochter Elkes und Haukes, begabter und ehrgeiziger Eltern, ist geistig behindert.
Untersuche, wie der Erzähler diese Tatsache [nach dem Vorgriff 16/17-19] langsam erkennen lässt (97/35 f.?; 103/13 ff.; 111/12 ff.; 113/3 – 114/28):
………………………………………………………………………………………………..
Dann erzählt er, wie die Eltern mit der Einsicht in die Behinderung der Tochter umgehen (114/29 ff.). Der Erzähler gebraucht die Metapher vom „Vierblatt“, das am selben Stängel festgehalten wird. Was ist dieser Stängel?
………………………………………………………………………………………………..
Danach erklärt er, wieso die Eltern in ihrem Schmerz einsam bleiben: „denn das erlösende Wort war zwischen ihnen noch nicht gesprochen“ (114/35 f.). Mit der temporalen Bestimmung „noch nicht“ greift er auf eine später erzählte Episode vor,
nämlich auf ……………………….. .
Fragen:
1. Wer spricht das erlösende Wort?
2. Wie heißt das erlösende Wort?
3. Wie kann dieses Wort (wen? wovon?) erlösen?
4. Nimmt der Erzähler damit (indirekt?) zu Trien Jans‘ Erklärung („Du strafst ihn, Gott der Herr! Ja, ja, du strafst ihn!“ 113/29 f.) Stellung? Begründe deine Auffassung:
……………………………………………………………………………………………….
Du siehst hier, wie der Erzähler einen großen Bogen schlägt, also zielbewusst erzählt.

Hauke als Vertreter der Aufklärung

Das 18. Jahrhundert gilt als Epoche der Aufklärung (schau in ein Lexikon, informiere
dich kurz!): Das Dunkel der Unwissenheit sollte durch das Licht der Vernunft erhellt, der Nebel des Aberglaubens und die stickige Luft der Unfreiheit sollten von den daran leidenden Menschen vertrieben werden:
An Stelle der Dummheit soll Vernunft die Menschen leiten
…………………………………………………………………………………………………,
an Stelle der Intrigen soll Offenheit zwischen ihnen herrschen
…………………………………………………………………………………………………,
die Vorurteile sollen durch eigene Erfahrungen beseitigt werden
…………………………………………………………………………………………………;
statt mit allem zufrieden zu sein, will man die Welt verbessern
…………………………………………………………………………………………………
und nicht Autoritäten gehorchen, sondern selbst über sein Leben bestimmen
…………………………………………………………………………………………………
Du sollst unter diesen fünf Merkmalen der Aufklärung die Geschichte Hauke Haiens noch einmal bedenken und prüfen, inwiefern Hauke als Vertreter der Aufklärung angesehen werden kann.
Notiere also in den freien Zeilen Belegstellen für das jeweilige Merkmal.

Ein bedeutsamer Tag im Leben Haukes: März 1756 (122/17 ff.)

Der Erzähler nimmt sich für die Ereignisse eines Nachmittags und Abends sowie des folgenden Vormittags viel Zeit (fünf Seiten), sodass es sich um einen bedeutenden Tag handeln muss. Er berichtet,
wie Hauke nach einem stärkeren Sturm (122/29 f.) auf den Deich reitet und einen Schaden entdeckt (122/17 ff.),
wie er nach Hause kommt und seiner Frau ausweicht, aber am Abend mit den Männern die Sache bespricht (124/25 ff.),
wie er unruhig schläft und erneut Elkes Fragen ausweicht (126/16 ff.),
wie er am nächsten Vormittag wieder den Deich besichtigt und seine eigene Einsicht zugunsten des Rates von Ole Peters aufgibt (126/29 ff.).
Dieser Tag wird durch den Hinweis darauf, dass Hauke nach einem Fieber nach Neujahr 1756 an Körper und Geist von „Mattigkeit“ geschwächt war, eingeleitet (122/10 ff.); der Lehrer berichtet auktorial, wie Hauke von innerer Unruhe erfüllt ist (124/3 f.); wie er in innerer Schrecknis ungeordnete Pläne wälzt (124/25 f.); wie er meint, ihm fehle Kraft (126/10-13); wie ihm die Klarheit Elkes in seiner derzeitigen Schwäche ein Hindernis ist, dem er ausweicht (126/25-28). Gleichzeitig entschuldigt er Haukes Beurteilung vom nächsten Morgen mit dessen Unwissenheit (127/3 f.). [Woran erkennst du, dass hier auktorial erzählt wird?]
Mit einem nicht datierten Sammelbericht über Beschluss und Durchführung der Reparatur wird die Erzählung dieses Tages beendet (127/22-27).
Mehrfach gibt der Erzähler aber auch Gelegenheit, mit Haukes eigenen Augen in dessen Inneres zu schauen: Es wird personal erzählt, also so, dass der Erzähler unmerklich in Haukes eigenes Erleben übergeht: 123/12-15; 124/5 ff.; 127/10 ff.; ob 123/26 f. personal erzählt wird, ist mir nicht klar.

Personales Erzählen
: die Merkmale; seine Bedeutung in der Novelle

An der Art, wie der bedeutsame Märztag 1756 erzählt wird, kann man die Eigenart und die Leistung des personalen Erzählens erklären.
Du musst zuerst den Begriff der Modalität verstehen: Mit einer Äußerung kann ein Sprecher nicht nur einen Sachverhalt ausdrücken, sondern zusätzlich noch seine Einschätzung dazu kundtun. Dieses Plus oder die Möglichkeit zu diesem Plus nennt man Modalität.
Man erkennt das personale Erzählen daran, dass der Erzähler unmerklich eine Einschätzung wiedergibt, die nicht seine eigene ist oder sein kann. Wenn er also nachträgliche Einsichten oder vorsorgende Planungen berichtet, die er nicht als die eines Fremden kennzeichnet, die aber nicht seine eigenen Überlegungen sind, dann erzählt er personal; durch Rufzeichen und Fragezeichen kann er die genannten sprachlichen Mittel unterstreichen oder unterstützen.
* Zur Bedeutung des personalen Erzählens in S. 122 ff.:
Es geht um den Schaden am Deich, den Hauke eigentlich erkennt (123/5 ff.), aber dann unter dem Einfluss Oles unterschätzt (125/11 ff. und 127/11 ff.). Dieser Schaden, weil er unsachgemäß und unzureichend repariert wird, führt dazu, dass der Deich bei der großen Sturmflut bricht (137/31 ff.).
Der erzählende Lehrer entschuldigt Haukes Versagen zumindest teilweise, indem er auf seine Mattigkeit und die Täuschung durch das schöne Wetter hinweist. Es ist nun interessant zu wissen, wie Hauke selber den Schaden und die Vorsorgemaßnahmen, die man ergreifen müsste, einschätzt – und das wird vom Lehrer eben personal erzählt.

Das Gespenstische

1. der Schimmelreiter
Der Schimmelreiter taucht als Figur in der Rahmenerzählung auf. Der zweite („damalige“ 3/22 f.) Ich-Erzähler erlebt in dunkler Sturmnacht etwas Reiterähnliches (5/7 ff., vgl. 17/2-4), das im Wirtshaus als „der Schimmelreiter“ identifiziert wird (7/23 f.) und was vom Deichgraf und vom Lehrer offensichtlich verschieden eingeschätzt wird (7/26-8/35; 144/7 ff.). Das Erzähler-Ich traut sich ein eigenes Urteil zu (9/1-3; 145/33 f.). Der Lehrer erzählt dann seine Version der Geschichte Hauke Haiens (9/5 ff.).
Von den verschiedenen Unterbrechungen der Erzählung (10/28 ff.; 16/26 ff.; 54/31 ff.; 74/25 ff.; 129/1 f.) enthält die vorletzte einen Kommentar des Lehrers; einmal vermeint das Ich, den Schimmelreiter zu sehen (17/2-4), einmal berichten zwei Männer, ihn gesehen zu haben (55/7 ff.).
Aufgabe:
a) Trage zusammen, was die Leute vom Schimmelreiter glauben!
b) Prüfe, ob der Ich-Erzähler seinen Zuhörer zur Beurteilung der Schimmelreiter-Sage anleitet! (Beachte auch das Wetter zwischen 4/32 und 146/1 f.!)
2. Gespenstisches innerhalb der Erzählung vom Schimmelreiter
Innerhalb des erzählten Geschehens tauchen eine Reihe seltsamer Phänomene auf, die jemand für geisterhafte Wesen hält:
– die angetriebenen Leichen (14/18 ff.);
– die Knochen auf Jevershallig (75/27 ff.)
in Verbindung mit dem „Teufelspferd“ Haukes (86/1 f.; 87/12 ff.; 100/5 f.;
131/11 f.);
– Trien Jans‘ Geschichte vom Wasserweib (119/12 ff.);
– Wienke hört das Wasser sprechen (117/9) und sieht die Seeteufel (121/15-17).
3. Ein Literaturwissenschaftler schreibt Folgendes zu Trien Jans‘ Erzählung:
„Die Erzählung von dem Wasserweib, dem durch das Schließen der Schleuse der freie Zugang zum Meer versperrt wird, veranschaulicht das Abgeschlossensein und die Verlassenheit der Kreatur. Nicht so sehr auf Wienke lässt sich die Geschichte beziehen, sondern eher auf Elke, die in ihrer Ehe in der Tat allein geblieben ist. Hauke vermag in der Erzählung nur den Aberglauben zu sehen. Die symbolische Spiegelung elementarer Gemütszustände in der überkommenen Sage bleibt ihm verschlossen. Mit dem Aberglauben, der Vorurteile nur in schauerliche Bilder kleidet, haben solche Poetisierungen des Seelischen nichts zu tun. Trin‘ Jans die Mutterfigur schildert im Bild des von seinem natürlichen Ursprung ausgeschlossenen Wesens das Elend des vereinsamten Menschen in einer vom Egoismus des Mannes beherrschten Welt.“ (Freund, Winfried: Theodor Storm, 1987, S. 156 f.)
Was hältst du von dieser Erklärung?

Freund, Winfried: Theodor Storm, 1987 (S. 136 ff.)
Zwar durchschaut Hauke die abergläubischen Trübungen des Bewusstseins, emotional aber bleiben ihm die Mitmenschen auf Grund seiner eigenen egozentrischen Beschränktheit verschlossen.
Haukes Scheitern ist die Bankrotterklärung des Egoismus. Nachdem er die schadhafte Stelle am Deich entdeckt hat, gibt es nur eins, sofort zu handeln. Aber Hauke wirkt gerade hier eigentümlich zurückhaltend und drucklos. Der Hinweis auf das eben überstandene Marschfieber erklärt sein Verhalten nur an der Oberfläche, in einer tieferen Schicht seine Bewusstseins will er sein mit dem fertiggestellten neuen Deich eng verknüpftes Ansehen nicht durch unpopuläre Maßnahmen gefährden. Der Widerstand, der ihm drohend in den Worten seines alten Widersachers Ole Peters entgegenschlägt, lässt ihn wider besseres Wissen zurückschrecken. Wichtiger als die Fürsorge für die anderen ist ihm der ungeschmälerte Ruhm des Deichs, den man mehr und mehr mit seinem Namen verbindet. (S. 150 f.)
Die Erzählung von dem Wasserweib, dem durch das Schließen der Schleuse der freie Zugang zum Meer versperrt wird, veranschaulicht das Abgeschlossensein und die Verlassenheit der Kreatur. Nicht so sehr auf Wienke lässt sich die Geschichte beziehen, sondern eher auf Elke, die in ihrer Ehe in der Tat allein geblieben ist. Hauke vermag in der Erzählung nur den Aberglauben zu sehen. Die symbolische Spiegelung elementarer Gemütszustände in der überkommenen Sage bleibt ihm verschlossen. Mit dem Aberglauben, der Vorurteile nur in schauerliche Bilder kleidet, haben solche Poetisierungen des Seelischen nichts zu tun. Trin‘ Jans die Mutterfigur schildert im Bild des von seinem natürlichen Ursprung ausgeschlossenen Wesens das Elend des vereinsamten Menschen in einer vom Egoismus des Mannes beherrschten Welt. (S. 156 f.)
Es ist auffällig bei den in der Novelle herausgehobenen Gestalten, dass sie in einem sozial torsohaften Milieu leben. Am bedrückendsten wird dies sicherlich bei Trin‘ Jans in ihrer Kate am Deich deutlich, aber auch Hauke und Elke wachsen beide ohne Mutter auf. In ihrer Isolierung spiegelt sich die wachsende Vereinsamung des einzelnen innerhalb einer männlich bestimmten Gesellschaft. Die Aufnahme der alten Frau im Hause des Deichgrafen kommt einer Reintegration der Mutterfigur in die Familie gleich. Sie wird zur eigentlichen Bezugsperson des Kindes und stellt Hauke das Mitgefühl mit aller Kreatur vor Augen. (S. 157)
Die Rahmenerzählung mit ihren Verfahrensweisen epischer Distanzierung sowie der im Ganzen skeptischen Darstellung des Spukhaften und dessen symbolischer Überwindung erfüllt die zentrale Aufgabe, den Aberglauben, selbständig urteilend, ad absurdum zu führen. Beispielfigur für den Leser ist der Reisende, der zunächst vom Spukhaften irritiert, seinen klaren Blick zurückerhält. (…)
Zwischen Dämmerung, pechschwarzer Nacht und strahlendstem Sonnenschein spielt sich ein Bewusstseinsprozess ab, der, ausgehend von spukhaften Irritationen, zunächst in den Aberglauben einmündet, um dann wieder zur realen sinnlichen Erkenntnis zurückzufinden. (S. 141 f.)

Vgl. die Interpretation http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=schimmelreiter und die große Analyse http://www.e-cademic.de/data/ebooks/extracts/9783828824713.pdf

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