Subjektive Authentizität – zu Christa Wolf

In einem e-Buch Ulli W.s habe ich eine Passage gefunden, die auch ein vertieftes Verständnis dessen erlaubt, was Christa Wolf „subjektive Authentizität“ nennt:

Einige der Autoren im Frankreich des 18. Jahrhunderts betreiben ihre Textproduktion als Steckenpferd von einer wohlsituierten bürgerlichen Existenz aus, andere wie Rousseau, Diderot oder Voltaire sind mehr oder weniger auf den literarischen Erfolg angewiesen, sei es, um unmittelbar von den Einkünften oder mittelbar von ihrem Ruhm zu zehren, wie es später Goethe mit seinem ‚Werther‘ gelingen wird. Alle diese Leute gehören zur neuen Profession der Literaten, Schriftsteller, von ihrer Wichtigkeit überzeugt und davon, daß die Menschheit ihnen dafür ein Auskommen schulde.

Auffällig ist die Neigung zur Schriftgläubigkeit, Textgläubigkeit, die seit dem Humanismus und der Reformation immer weiter zugenommen hat. Inzwischen gibt es dank Leihbüchereien und zunehmender Alphabetisierung ungebildet bleibender breiter Schichten ein größeres Lesepublikum, das weder im bisherigen Sinne Kunst noch Gelehrsamkeit, sondern Zeitvertreib, Unterhaltung, virtuelle Alternativen zur bürgerlichen Enge und gelegentlich Anteilnahme an der modernen Ideologieproduktion möchte.

Bei Jean-Jacques Rousseau geht das alles so weit, daß er irgendwann anfängt, das Eigentliche seines Lebens als dessen Text zu verstehen, nachdem er als Kind und Jugendlicher sein Leben mit den Texten der Romane seiner Mutter und denen, die er von der Bücherverleiherin Tribu bezieht, ausgefüllt hat. Dieses Eigentliche wird immer massiver an die Stelle eines wirklichen, selbst gelebten Lebens treten. In seinen letzten 16 Jahren wird er immer wieder aufs neue und fast nur noch sein eigenes Leben aufschreiben. In einem lichten Moment wird er dann bekennen, daß rundweg alle seine Texte nur von ihm selbst handeln, Konfessionen, Ausdruck “seiner Natur” sind, was heißt, wenig mit einem von ihm getrennten Gegenstand befaßt sind. Auch damit wird er Vorbild für Schiller und Goethe wie für Shelley, Byron und viele andere. Die abendländische Kultur wendet sich von der Auseinandersetzung mit Gegenständen ab und dem Abarbeiten an Vorstellungen zu; sie wird in einem allgemeinen Sinn “idealistisch” und in einem konkreten “programmatisch”. Bildung wird zur Hinwendung zu einer intertextuellen res publica, deren Gegenstände sich als das “Ich”, “der Mensch”, “die Natur”, das Leben als solches und die Welt im Großen und im Ganzen formulieren lassen. Solche Texte hören auf, das konkrete Leben in der wirklichen Welt zu begleiten, sie fangen an, es zu ersetzen. Das Autorentum wird zum Beruf und zur Lebensaufgabe, die Köpfe rauchen und der Hände Arbeit wird wie nebenbei von anderen erledigt. Bürgerliche Damen, der Untätigkeit hingegeben, werden zu Leseratten, Disku-Tanten und eröffnen Salons für die (Salon)Löwen der Texte, mögen sie nun im Bett der Damen oder vorwiegend als Bettvorleger wie Rousseau landen. Dieser versucht sich zunächst schüchtern und mit zwiespältigen Gefühlen in dieser Welt zu etablieren, mit in den Text verlagerten Allmachtsphantasien und zugleich mit diffusen Ängsten im persönlichen Umgang, die schlußendlich in der Feindschaft mit allen und jedem enden: dem Wahn, überall verfolgt zu werden.

(Ulli Wohlenberg in seinem Buch über Rousseau: http://ulliwohlenberg.tripod.com/senseandsensibility/id13.html, dort aus dem Abschnitt „Les Mots“)

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