Tellkamp: Der Turm – Besprechung

Geschichte aus einem versunkenen Land ist der Untertitel des Romans, der 2008 erschien und sich rasant verkaufte. Jens Bisky hat Tellkamps Roman am 13. September 2008 in der SZ vorgestellt, ich habe ihn mir deshalb zu Weihnachten gekauft und dieser Tage gelesen, 967 Seiten – ein insgesamt fesselnder Roman, wenn man die Anfangsschwierigkeiten überwunden hat: Die Leute werden primär nach den Häusern sortiert, in denen sie wohnen, statt dass sie direkt nach Verwandschaftsverhältnissen geordnet würden. Was für ein Roman ist es?

Es ist ein Roman vom Ende der DDR (1982 – 1989), von der bleiernen Zeit des Untergangs; und es ist ein Roman von der Familie Hoffmann, wobei das Auge vor allem auf Christian fällt, auf seine Reifung zum Mann – durch die Schikanen der Ideologie und der Armee, wo er sich für drei Jahre verpflichten musste, um studieren zu dürfen. Die Schilderung der Schikanen in Armee und Knast gehören zu den ganz eindrucksvollen Passagen. Neben Christian spielen sein Vater Richard, Chirurg, und sein Onkel Meno, Lektor in einem feinen Verlag, wichtige Rollen; damit sind dann auch Krankenhaus und Verlagswesen/Zensur dominierende Bereiche des Geschehens. Die Polit-Offiziellen tragen ihre Machtkämpfe aus und genießen ihre kultivierten Lebensmöglichkeiten, die meisten anderen ducken sich, organisieren ihren beschissenen Alltag und suchen zu überleben. Die Bewohner des „Turms“ haben ihr Verhältnis zur Musik, zur Naturbeobachtung, zum Umgang mit Instrumenten, zur Vergangenheit gepflegt – und so wird der Beschreibung dieser Bereiche viel Platz gewidmet.
Bis Seite 700, 800 habe ich mit Spannung gelesen, danach (oder schon ab 500?) stießen mir doch Elemente unangenehm auf, die ich als „Kolportage“ bezeichnen würde: Sohn Robert muss den Vater bei einem Tag voller Verwicklungen in der Klinik besuchen, bricht sich dort den Arm und wird dann vom eigenen Vater operiert; dieser wäre natürlich bei der Bombardierung Dresdens fast totgeblieben, war an der Hand verwundet und ist dann doch zum Chirurgen geworden; Vater Richard ist sexuell sehr aktiv und treibt‘s dann ausgerechnet auch noch mit Reina, der Beinahe-Freundin Christians; er wird vom Halbbruder seiner unehelichen Tochter kurzerhand erpresst; ausgerechnet Christians Panzer säuft bei einer Übung ab, ein Soldat kommt ums Leben; ausgerechnet Christian fährt seinen Panzer mal über die Rampe; seine Mutter Anne muss mit dem Star-Anwalt mal schlafen, damit Christian trotz seiner Verfehlungen noch studieren darf… Und bei seinem Einsatz gegen Demonstranten, wen sieht er da niedergeknüppelt? Klar, seine Mutter! Das alles ist so schön „dramatisch“, daraus wird bestimmt bald ein Film gemacht.
Zum Schluss will ich die Dinge aufzählen, die mich außerdem gestört haben:
1. Die Frauen treten merkwürdig zurück (außer der Schriftstellerin Schevola, deren Wandlungen aber nicht immer zu verstehen sind), der Erzähler ist viel näher bei den Männern.
2. Christian hat anfangs ein paar Pickel zu viel – seine Reifung gerade im Erotischen wird nicht erzählt, sie ist nicht da: Reifung nur im Niedergang, geschliffen werden in den Mühlen der Demütigung und Vernichtung (nicht DDR-typisch, aber auch dort praktiziert).
3. Die Friedensbewegung, das Neue Forum, der „Widerstand“ bleibt unanschaulich; die Frauen rennen hin, aber man versteht nicht warum. Auch die Eheprobleme der Hoffmanns und ihre „Lösung“ bleiben im Ungefähren.
4. Manches erzähltechnisch „Moderne“ ist völlig überflüssig: Schnitte und Überlagerung zweier Handlungsstränge sind oft bloß artifiziell, gekünstelt, nicht gekonnt.
Trotzdem ein interessantes Buch, das sich zum Schluss jedoch arg in die Länge zieht, das manches vom Innenleben einer Diktatur (jawohl, ihr Ostalgiker: Diktatur!) und von der Doppelmoral ihrer Nomenklatura anschaulich macht. Und von der (deutschen) „Kultur“, in die man sich so schön zurückziehen kann – vermutlich eher: konnte.

Hilfsmittel zum Verständnis des Romans

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Turm_%28Tellkamp%29

http://www.dieterwunderlich.de/Tellkamp_turm.htm (eine Art Nacherzählung)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/uwe-tellkamp-der-turm-das-geheime-land-1692734.html (Rezension FAZ)

http://www.zeit.de/2008/39/L-Tellkamp (Rezension DIE ZEIT)

http://www.deutschlandfunk.de/am-ende-steht-ein-doppelpunkt.700.de.html?dram:article_id=83779 (Rezension Deutschlandfunk)

http://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/item/620-innere-emigration-2008-%C3%BCber-die-aktualit%C3%A4t-von-tellkamps-roman-%E2%80%9Eder-turm%E2%80%9C (Rezension von Simon Meyer)

http://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/schriftsteller-im-interview-uwe-tellkamp-vielleicht-bin-ich-ein-giftiger-lurch/1345430.html (Interview mit Tellkamp)

http://www.aerzteblatt.de/archiv/63634/Interview-mit-Uwe-Tellkamp-Arzt-und-Schriftsteller-Das-ganze-Thema-ist-immer-noch-radioaktiv (Interview mit Tellkamp)

http://www.bgdv.be/Dokumente/GM-Texte/gm70_fuchs.pdf (Anne Fuchs: Topographien des System-Verfalls. Nostalgische und dystopische Raumentwürfe in Uwe Tellkamps Der Turm)

http://www.ifs.uni-frankfurt.de/wp-content/uploads/Jameson-WestEnd-2012.pdf (Fredric Jameson: Dresdens Uhren. Über Uwe Tellkamps Der Turm)

http://pedagogie.ac-montpellier.fr/disciplines/allemand/pdf/Publikation_Wendeliteratur_Acad-mie.pdf (Nicole Leier: Der Mauerfalll in ausgewählten Werken der deutschen Literatur)

http://www.kas.de/upload/dokumente/verlagspublikationen/Volkskrankheiten/Volkskrankheiten_lermen.pdf (Einführung in das Werk Tellkamps)

http://www.mdr.de/der-turm/verteilseite-der-turm100.html (zur Verfilmung)

http://www.spiegel.de/kultur/tv/rezension-der-ard-verfilmung-von-uwe-tellkamps-der-turm-a-858981.html (zur Verfilmung)

http://www.sueddeutsche.de/medien/der-turm-in-der-ard-so-wie-sie-waren-1.1485221 (zur Verfilmung)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/im-fernsehen-der-turm-es-spielt-ueberall-nicht-nur-in-dresden-11910662.html (zur Verfilmung)

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