Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts

Da ich gerade schon an Bücher erinnere, die in 20six.norberto42 besprochen waren, möchte ich ein weiteres meiner Lieblingsbücher nennen, das von Albert Vigoleis Thelen (Titel s.o.); der Untertitel besagt, dass es „Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis“ besteht. Angewandt sind sie insofern, als der Ich-Erzähler sich als Albert Vigoleis ausgibt und in der Distanz der Jahre vor allem von seinen Jahren auf Mallorca erzählt, wohin er vor der Nazi-Diktatur mit seiner Frau geflohen war. Es schadet nichts, wenn man ein bisschen vom Niederrhein, woher Thelen stammt, und vom Katholizismus, worin er aufgewachsen ist, versteht; und wenn man Humor schätzt – aber nicht den der Lustfilme, wo man sich Kuchen an die Köpfe schmeißt, sondern den in der Komik der Lebenssituationen bewährten Humor.
Es ist ein Buch, das ich nie mit einer Klasse lesen würde – dafür ist es zu dick (gut 700 Seiten) und zu schön. – Das mag jetzt ein bisschen arrogant klingen, typisch Lehrer, wie man in Mannheim vielleicht sagen würde; aber dem ist nicht so. Ich will das autobiografisch begründen.
Eine meiner großen Leseerfahrungen ist die Lektüre von Kellers „Der grüne Heinrich“; damals war ich etwa 40 Jahre alt. Wir hatten das Buch irgendwann einmal in Kl. 12 des Gymnasiums „besprochen“ (Kreisgymnasium Heinsberg – es lebe lange und hoch!); vermutlich hat also irgendeiner von uns irgendwo eine Inhaltsangabe abgeschrieben (aus unserer Literaturgeschichte aus dem bsv?). Ich erinnere mich, dass ich im zarten Alter von 17 Jahren gedacht habe: „So ein Scheiß, wie kann man das lesen.“ Und dann kam mit 40 die Erleuchtung: Welch ein Buch! Als Lehrer habe ich irgendwann diese Leseerfahrung meinem Leistungskurs Deutsch zukommen lassen wollen: totale Pleite, obwohl gute Schüler im Kurs waren! Seitdem weiß ich: „Nie wieder den grünen Heinrich im Unterricht!“
Das Gleiche ist mir mit St. Lem: Memoiren, gefunden in der Badewanne (1961, deutsch 1974) passiert; das ist ein Roman, worin letztlich die philosophische Frage diskutiert wird, ob Wahrheit erkennbar ist und ob das Zeugnis der Lebenshingabe etwas beweist – eingekleidet in ein Geschehen, wo sich die untergegangenen Weltmächte USA und UdSSR in ihrer Spionage gegenseitig durchdrungen haben, sodass es in Wahrheit eine patriotische Tat ist, wenn man Spionage fördert, weil die eigenen Leute im Zentrum des Gegners sitzen; alle Skripte des Spionenlebens sind bekannt – was kann da noch authentisch sein? Also ein fabelhafter Roman, den ich auch mehrfach verschenkt habe – den habe ich also mit Kursen in der Oberstufe zu lesen unternommen, zweimal; zweimal ist das Vorhaben gescheitert. Es begann schon damit, dass die lateinisch-griechisch-englischen Verschlüsselungen des Kalten Krieges (als einer vermeintlich untergegangenen Zeit) kaum ein Schüler entschlüsseln konnte oder zu entschlüsseln Lust hatte. Fazit: Nie wieder die Memoiren im Unterricht – dafür sind sie zu schade! Man könnte an Jesu Tipp vom Umgang mit den Perlen denken; vielleicht ist das aber auch gemeine jüdische Spruchweisheit.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s