Tieck: Der blonde Eckbert – zur Interpretation

Die Erzählung vom blonden Eckbert weist verschiedene Aspekte auf; es ist eine Geschichte vom Schuldigwerden und vom Einbruch des Entsetzlichen in das Leben der Schuldigen, die trotz ihrer Einsicht in den Untergang getrieben werden. In diesem Geschehen wird also der Schein des Soliden, der sich zu Beginn über das Leben des Ehepaars breitet, zerstört; das Eigentümliche liegt darin, dass der Freund, dem man das eigene Vergehen bekennt, sich als der in allen Geschädigten identische (und bereits ermordete) Geschädigte erweist und in einem die Alte, die Retterin und Erzieherin Berthas, ist, was eben das Entsetzen hervorruft.
Formal ist die Erzählung so aufgebaut, dass in der „Gegenwart“ vom Leben und Untergang des Ehepaars Eckbert und Bertha erzählt wird; diese Erzählung umspannt als Rahmen die Geschichte Berthas (Binnenerzählung in Ich-Form) von ihrer unglückseligen Kindheit und ihrer Erziehung durch die Alte bis zur Heirat mit Eckbert und führt so an die Gegenwart des erzählten Geschehens („bis jetzt noch keinen Augenblick gereut“) heran.
Dass dieses Nichtgereuen nur ein Schein ist, wird in Eckberts letzter Äußerung deutlich, dass er „diesen schrecklichen Gedanken“, Berthas Halbbruder zu sein, schon „immer geahndet [geahnt]“ habe. Zu Beginn sagt der Erzähler auch deutlich, dass die beiden sich von Herzen zu lieben „schienen“; dass Eckbert in Wahrheit von zurückhaltender Melancholie erfüllt ist; dass bei den Beweisen offener Freundschaft zuweilen einer vor der Bekanntschaft des andern zurückschreckt – Philipp Walther wird dem Freund durch Berthas Offenheit tatsächlich fremd.
Von Bedeutung ist noch das variierte Lied des Vogels, das zuerst ungestörte Harmonie bezeugt („So morgen wie heut“), das nach Berthas Diebstahl deren Reue ankündigt und die Waldeinsamkeit als „einzge Freud“ preist; das zum Schluss, vor Eckberts unseligem Ende, von neuem die Waldeinsamkeit preist. Dieser Vogel bezeugt gegen die Menschenwelt mit ihren Verfehlungen, wo die reine Seele wohnt: in der Waldeinsamkeit
Berthas Kommentar ihrer Verfehlung, dass man als Mensch seinen Verstand nur bekommt, um die Unschuld der Seele zu verlieren, und die psycho-logische Begründung in den durch die Lektüre hervorgerufenen wunderlichen Vorstellungen von der Welt und von den Menschen erinnert mich ein bisschen an die Erzählung vom Sündenfall; die Gesamtkonstellation der Ehe verweist von ferne auf das Ödipus-Geschick.

http://bildungsserver.hamburg.de/ludwig-tieck/ (Tieck beim HBS)
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_blonde_Eckbert (knapp, problematisch, einige Links)
http://www.textem.de/731.0.html (Inhalt, Deutung)
http://www.lesekost.de/HHL274.htm (Deutung als Märchen, Links zu Tieck)
http://courses.washington.edu/ger311/studyques/tieckstud.htm (Fragen zur genauen Lektüre und zum Verständnis )
http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autort/tieck.html (Links FU)

http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/mk_tieck.pdf (Schuld und Schicksal)

http://www.uni-due.de/imperia/md/content/germanistik/mauerschau/mauerschau5_neubner.pdf (Raum und Zeit des Geschehens)

http://homepage.bnv-bamberg.de/gk_deutsch/index.htm (dort Datei mit einem Tafelbild: Aufbau der Erzählung)

http://www.msu.edu/course/grm/341/Syllabus.htm (dt. Literatur und Kultur von der Romantik bis 1918)
http://odl.vwv.at/deutsch/Romantik/muster.cgi?p=ahs (Modul: Romantik)
http://www.lektueretipp.de/html/body_epochen_im_uberblick.html (Epochen im Überblick)

Im KLL bestimmt Paul Wührl die Märchennovelle als dem Typ des tragischen Märchens zugehörig, wo der Held seinen eigenen Dämonen verfällt. Thema sei „der Verfolgungswahn, der dem schlechten Gewissen entspringt“. Es gebe „keine zuverlässige, durch Erfahrung verfügbar gewordene Wirklichkeit mehr. Man erlebt sie lediglich in der Gestalt, in der sie jene Gequälten erleben, und nimmt Teil an ihrem Schauder und Schrecken.“

In seinem eindrucksvollen Kommentar (S. 342 ff.) in der Anthologie „Meistererzählungen der deutschen Romantik“ (dtv Nr. 2147, 1985) hebt Walter Schmitz „wunderbar, wunderlich, seltsam“ als die Leitworte der Erzählung hervor. Thema sei das Verhältnis von Märchen und vernünftiger Weltordnung (gesehen vor dem Hintergrund der Berliner Aufklärung Ende des 18. Jh.).
Berthas Weg führe vom Dorf in die idyllische Natur, das Land des Traums, wo es seltsam, abenteuerlich, außerordentlich zugeht, wo sie aber alles lernt und wie eine „Tochter“ der Alten lebt. Die zunächst unverstandene Moral zerstöre die Idylle, die Einheit der Seele zerbricht in die beiden Kräfte der Phantasie und der Vernunft. Das zweite Lied offenbare, dass nun an die Stelle der zeitlosen Wiederholung das Diktat der Zeit getreten ist; aus den Schätzen ist Geld geworden, statt des schönen Ritters bekommt Bertha ihren bloden (mittelmäßigen) Eckbert. Der habe von Anfang an nur in einer ambivalenten Freundschaft gelebt und trotz seiner Ahnungen nichts bereut.
„Begegnet der Leser in Bertha dem poetischen Menschen, der sich seinem wunderbaren Wesen entfremdet, so ist in ihrem Gemahl der Rezipient der Poesie verkörpert.“ An ihn ergehe (wie an den Leser) die Mahnung, das Wunderbare von Berthas Erzählung nicht für ein Märchen zu halten; doch das wunderbare Land gehört der Vergangenheit an, der Traum der Kindheit kann sich jetzt nicht mehr erfüllen.
In einem weiteren Kommentar beschreibt Schmitz „Tiecks Selbstrezeption“ der Märchennovelle (S. 346 ff.).

Bei der Auseinandersetzung mit Schmitz beziehe ich mich auf den Text in „Meistererzählungen der deutschen Romantik, 1985, S. 7-23.
Schmitz‘ Theorie des poetischen Menschen Bertha bedarf einer Überprüfung; Bertha ist nämlich durchaus auch Rezipientin der Poesie. Bertha ist als Kind von der Alten in die Idylle der Waldeinsamkeit hinein sozialisiert worden (S. 12 f.). In ihrer Lerngeschichte steht auch das Lesenlernen, was ihr „eine Quelle von unendlichem Vergnügen“ wird, weil die alten Bücher „wunderbare Geschichten“ enthalten (S. 13).
Als Bertha 12 Jahre alt ist, entdeckt die Alte ihr das Geheimnis der Vogeleier (S. 13); außerdem spielt Bertha in ihrer Phantasie in die gelesenen Geschichten sich hinein und empfindet Mitleid mit sich selbst, wenn der schönste Ritter sie nicht wieder liebt (S. 14). – Hier sind die Geschichten bereits nicht mehr nur wunderbar; es ist eine Vorstufe der folgenden dritten Lesephase erreicht, auch wenn sie jetzt noch keinen „Wunsch nach Veränderung“ verspürt (S. 14).
Durch die moralische Mahnung der Alten (parallel dem biblischen Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen) beginnt Bertha nachzudenken: Sie versteht Perlen und Edelsteine erstmals als etwas Kostbares, weiß aber nicht, was die rechte Bahn ist, von der man abweichen kann (S. 15). Nach dem Kommentar zum Verlust der Unschuld (S. 15) erzählt sie: „Ich begriff nämlich wohl, dass es nur auf mich ankomme“, mit den Schätzen der Alten in die Welt zu gehen und „den überaus schönen Ritter anzutreffen, der mir immer noch im Gedächtnisse lag“ (S. 15). Jetzt ist also der Wunsch nach Veränderung eingetreten, jetzt hat sich die vom Lesen animierte Phantasie (vgl. S. 14) mit dem durch die Einweihung in das Geheimnis und die Strafandrohung geweckten Verstand verbunden. Bertha ist 14 Jahre alt, sie kann einfach nicht immer Kind bleiben: Sie leidet an der Differenz zwischen „der kleinen engen Wohnung“ und der vorgestellten Welt, wo sie als Dame von Rittern und Prinzen umgeben ist.
Des Erzählers Konzept (nach Schmitz) vom poetischen Menschen, der als Kind für die Waldeinsamkeit erzogen wird, aber lesen kann und gerade durch die alten Geschichten in der Phantasie berührt wird, muss scheitern: Das zur Frau erwachsende Mädchen muss zwangsläufig (der Gedanke kommt immer wider ihren Willen zurück, S. 15) für sich als wirklich wünschen, was in den Geschichten erzählt wird.
Auch sind die regressiven Phantasien der Kindheit (plötzlich reich werden, die Eltern mit Schätzen überschütten, S. 8) in der Waldeinsamkeit nicht untergegangen: Mit ihren gestohlenen Schätzen denkt Bertha, sich die Kindertäume zu erfüllen (S. 17); sie hat also ihre seelischen Kindheitstraumata nicht überwunden – die Waldeinsamkeit hat sie nicht heilen können. Doch die Welt ist nicht so wunderbar, wie Bertha aufgrund ihrer Geschichten vermutet hat (S. 17), und der Vogel bestätigt ihr nur, was sie ohnehin weiß: dass die Waldeinsamkeit und das Glück dahin sind (S. 17).
Statt darüber nun nachzudenken, dreht sie dem Vogel den Hals um und heiratet Eckbert (S. 18) – das ist zu wenig, wenn man schuldig geworden und zur Erkenntnis gekommen ist, dass es in der Welt keine Waldeinsamkeit mehr gibt. Deshalb stirbt sie auch an dem Mehrwissen Walthers: dass der Hund „Strohmi“ hieß (S. 18 f.). Sie hat nach meinem Verständnis zu wenig gedacht und in ihrer Angst vor Beraubung (S. 18) Schutz beim „jungen Ritter“ Eckbert gesucht; das aber genügt nicht, um in der Welt ohne Waldeinsamkeit überleben zu können.

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