Trakl: Die schöne Stadt – Analyse

In diesem Gedicht (1913)  wird eine Residenz- oder Domstadt in einzelnen Bildern beschrieben; diese sind nicht miteinander verbunden, der Blick des Betrachters wandert einfach durch die Stadt. Der Sprecher tritt nicht hervor, ebenso ist kein Hörer zu erkennen; der Sprecher verschwindet in den Eindrücken, die er beschreibt; was er sieht, geht ihn nichts an. Solche Distanzierung (Fremdheit) kenne ich aus meiner Jugendzeit; vielleicht spiegelt sich darin das jugendliche Alter des Autors? Insgesamt sind deutlich zwei Eindrücke zu unterscheiden: optische (Str. 1-4) und akustische (Str. 5-6); unter dieser Vorgabe könnte man in Str. 7 noch einen Duft wahrgenommen sehen (V. 25 f.), der dann in V. 28 wieder angedeutet würde.
Das Gedicht wird als ein tönendes Klanggebilde präsentiert: In den umarmenden Reimen (V. 1-4 jeder Strophe umarmen die reimenden Verse 2-3) bleibt das Wort in jeder Strophe gleich („schweigen“, V. 1 und 4 usw.). Mir fallen auch mehrere Alliterationen auf, eine t-Alliteration in V. 2-3, sch- in V. 4 und V. 14, h- in V. 20-21 und in V. 25. Dadurch, dass in jedem vierten Vers das letzte Wort des ersten Verses wiederholt wird, erscheint das in den einzelnen Strophen gezeigte Bild als eine kleine Einheit, in sich abgeschlossen.

Was gibt es in der schönen Stadt zu sehen?
– alte Plätze mit Buchen,
– Kirchen mit Fürstengräbern,
– Brunnen mit Rössern, blühenden Bäumen, wirr spielenden Knaben
– Tore mit Mädchen, die sich sehnen,
später in den von anderen Eindrücken dominierten Strophen noch
– Kirchen (5. Str.),
– Gärten (6. Str.),
– Blumenfenster (7. Str.).
Viele Farbtupfer fallen in der Stadt auf: Blau und Gold (V. 2), Braun (V. 5), das Blau des Himmels (V. 20), Silbern (V. 27). Es sind erlesene Farben (alle anderen) oder ruhige Farben (Braun).
Was gibt es in dieser Stadt zu hören? Zuerst herrscht tiefes Schweigen; erst ab Str. 5 werden die in eine schöne Stadt passenden Geräusche vernehmbar:
– Glocken (1. Str.), Orgel (5. Str.),
– Marschtakt und Rufe von Wachen,
– helle Instrumente,
– Lachen schöner Damen,
– Singen junger Mütter.
Die Menschen in dieser Stadt sind plakativ genannt: ernste Nonnen; (tote) große Fürsten; wirre Knaben und Mädchen mit feuchten Lippen, erkennbar in den Nöten der Pubertät; Fremde; schöne Damen; junge Mütter; zum Schluss bleibt unklar, wem „müde Lider“ (V. 27) gehören. Erblickt werden vor allem Frauen; ist das ein männlicher Blick in die Welt? Jedenfalls sind keine Arbeiter, keine Kranken, keine Greise zu sehen, von Bettlern oder Gammlern ganz zu schweigen – die Touristen sind bloß „Fremde“. Die schöne Stadt, das ist die Stadt von früher, in deren Zentrum die Kirche, Fürsten und reiche Bürger gebaut haben, in der „heute noch“ die Vertreter einer Oberschicht wohnen und wo es weder den Lärm von Fabriken und Eisenbahn noch von Büros oder Warenhäusern gibt.
Ein wenig zeigen sich schon die Schatten des Fin de siècle in der schönen Stadt: Unter den Buchen ist es schwül (V. 4), die Blüten drohen wie Krallen (V. 10), die pubertierenden Jugendlichen sind unsicher (V. 11 ff.), im Duft am Fenster ist auch Teer enthalten (V. 26), die Lider der blickenden Augen sind müde (V. 27), ohne dass eine Bedrohung der Menschen wirklich zu erkennen wäre; es bleibt bei der Ahnung, dass Lebewesen nicht immer im besten Alter stehen (bleiben). Das sind zarte Anklänge des Expressionismus, als dessen Repräsentant Trakl sonst gilt; insgesamt ist das Gedicht eher die Komposition eines impressionistischen Bildes.

Es gibt eine knappe Analyse des Gedichtes gleich mehrfach im Netz, zum Beispiel
http://www.3b-infotainment.de/unterricht/analyse2.htm
Dass in V. 16 der Rhythmus vom Takt abwiche, kann ich nicht feststellen.
Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gedicht beim Kollegen Schrey:
http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/trakl/index.htm
http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/trakl/schstint.htm (nur Interpretationsskizze)
http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/home-unt.html (homepage).

Bei der Analyse des Kollegen Schrey fällt auf, dass sie vermutlich unter dem Eindruck des berühmten Trakl-Gedichtes „Verfall“ steht. Nur so kann man erklären, dass er darauf hinaus will, dass in „Die schöne Stadt“ die Grenzen zwischen Menschen und Dingen verschwömmen. Die hierfür von ihm herangezogenen „Personifikationen“ von Dingen lassen sich weithin nicht vertreten: Sicher keine Personifikation sind „schwimmen“, „flattern“, „auftauchen“; problematisch sind „schauen“ und vielleicht auch „hauchen“. Dass in der Beschreibung von Marschtakt und Musik die Agierenden „depersonalisiert“ würden, ist ebenfalls reine Phantasie; wenn dabei nicht die agierenden Menschen genannt werden, so deshalb, weil sie nicht zu sehen sind – man hört halt einfach irgendwo Marschtakt und Musik, das ist alles: ein Eindruck in der schönen Stadt.
Man kann hier nur den alten Schülerfehler feststellen: Es wird etwas [Verfallendes, Schreckliches, Expressionistisches] gesucht, also wird es auch gefunden – Jesus hat wie so oft auf eine peinliche Weise Recht: „Wer sucht, der findet.“ – Genauso falsch ist es, in der 4. Strophe die Mitte oder Achse des Gedichtes entdecken zu wollen, weil die Mädchen angeblich aus der Stadt hinausschauen, während alles andere sich in der Stadt ereigne. Liest man den Text, so findet man:  „Mädchen stehen an den Toren, / Schauen scheu ins farbige Leben.“ Wo ist das farbige Leben? Vermutlich in der Stadt; auf die vielen Farben habe ich schon hingewiesen. Warum findet jedoch Freund Schrey (http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/trakl/trakl_sch%F6ne%20stadt.html) eine Achse des Gedichtes? Na, weil er sie gesucht hat! Zu dem Zweck wird der Blick der Mädchen entsprechend verstanden (korrigiert).

http://www.kulturvereinigung.com/fileadmin/user_upload/downloads/Georg_Trakl_-_die___Salzburg__-Gedichte.pdf (die Salzburg-Gedichte Trakls)

Eine reizvolle Aufgabe wäre es, passende Bilder zu den einzelnen Objekten der schönen Stadt zu suchen; denn den Schülern sind ja Fürstengräber in Kirchen und Pferdebrunnen nicht zwingend bekannt. Wenn man sucht, sieht man den Unterschied im Sprachgebrauch zwischen Trakl und uns: Gibt man „Mädchen, Tor“ in der Suchmaske ein, bekommt man nur Bilder von Mädchenfußball; „Damen“ gibt es ohnehin nicht, „schöne Frauen“ dafür umso mehr (aber eben keine Damen!). Ich habe nach langem Suchen u.a. folgene Seiten gefunden, ohne dass ich sie jetzt noch als Link setzte:

Marktplatz:


http://www.gwg-goslar.de/info/index_markt.html
Kirchenfenster:

http://www.tourismus-salzgitter.de/galerie2/displayimage.php?pos=-104

Fürstengrab < Königsgrab:

http://www.gottwein.de/SP_Inscr/SP05c.htm
http://www.raymond-faure.com/Braunschweig/Braunschweig_Dom/braunschweig-blaise-divers.html
http://www.kunstverlag-peda.de/braunschweig.htm
Brunnen:
http://www.bloesl.de/Fotoseiten/Rom/03462_Trevi_Brunnen.htm
http://www.gpaed.de/bildergalerie/img263.htm?l=deutsch
http://augsburger-brunnen.schwabenmedia.com/Brunnen/Brunnen-domplatz.htm
Mädchen an Toren ???
dagegen: girlie:

http://www.dj-spin.com/summer%202003%20page%20one.html
http://www.face-pic.com/pages/view_profile.php?user=Lovable_girlie
Kirche < Domplatz < Stufen < (Spanische) Treppe:
http://www.alla-turca.de/v1_istanbul/KatholKirche.html

http://www.citysam.de/rom/spanische-treppe-fotos-rom.htm
Garten:
http://www.koll1.at/Garten_01/Garten_0102.htm
http://www.fotos-bilder.de/Prag/gaerten/page-0019.htm

Frauen? Damen? schöne Frauen (oft eindeutig!)
(blumiges) Fenster < Blumenfenster:
http://www.photohomepage.de/galerien_reisefotografie_mosel_moselland_traben_trarbach_blumenschmuck.htm
http://www.fisching.at/fotos/pages/steir_fenster.htm
http://www.photobsession.de/Europe/Elsass/Blumenfenster.htm

Bei der Suche im www zeigt sich, dass auch Wörter, die dem Lehrer ganz unverfänglich klingen, im öffentlichen Bewusstsein, soweit es sich im Netz spiegelt, ihre Bedeutung verschoben haben oder kaum noch vorkommen.
Es wäre auch interessant, einmal zu prüfen, was vom Gedicht man durch solche Bilder (und dann analog: durch Standbilder) nicht erfassen kann.

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