Tucholsky: Augen in der Großstadt – Analyse

Was muss der Analytiker sehen? Er muss sehen, dass hier jemand (wer?) zu einem „du“ spricht, und muss sich deshalb bemühen, das Verhältnis des Sprechers zum Du zu klären. Zweitens muss er sehen, dass die drei Strophen von der Struktur (Aufbau) her ähnlich sind, aber nicht gleich; er muss also die Ähnlichkeit und die Differenz erfassen und wird dann m.E. einen Fortschritt feststellen: Zweimal wird auf die Frage „Was war das?“ geantwortet, dass jemand das persönliche Liebes- oder Lebensglück erwartet; beim dritten Mal antwortet der Sprecher selber belehrend: „von der großen Menschheit ein Stück“, womit er die Privatsphäre als den Bereich des wahren Lebens hinter sich lässt und den Raum des Politischen betritt oder eröffnet: Dort sind die Menschen der Großstadt beheimatet, auch wenn deren einzelne Exemplare (Stücke) vorüber- und vergehen.

Die Gestalt des Gedichtes wird unterschiedlich dargestellt; ich bin dem nicht weiter nachgegangen, bevorzuge einfach aus Gründen der Analogie (V. 11 – 23 – 37) folgende Form:

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
10   die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
20   nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
30   es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.
(V. 37 wird meist auf zwei Verse verteilt, was mir als nicht richtig erscheint.)

Die Überschrift „Augen in der Großstadt“ ist zunächst kaum zu verstehen, da Augen nie allein auftreten; es wird aber bald klar, dass die Augen der Teil des Menschen sind, in dem sich die Seele spiegelt und mit dem wir Kontakt zu anderen aufnehmen können, ohne sie zu sprechen oder zu berühren. Das Gedicht (Chanson?) gilt also der Frage, was die kurzen Augen-Kontakte mit Fremden zu bedeuten haben, die in der Großstadt sich ereignen.
Der Sprecher ist ein namenloser Mensch, der nicht als ein Ich hervortritt und anfänglich Erfahrungen beschreibt, die man in der Großstadt macht; erst zum Schluss (dritte Strophe) tritt er sehr bestimmt auf und erklärt seinen Hörern, was die Kontakte in Wahrheit bedeuten. Die Hörer werden mit „du“ angesprochen, treten aber auch nicht deutlich hervor; dieses Pronomen bezeichnet vermutlich ein allgemeines Du, etwa im Sinn von „man“, könnte aber auch den Sprecher selber bezeichnen, der zu sich spräche, sich Rechenschaft gäbe und schließlich zur Einsicht käme.
Die Haupterfahrung, die man in der Großstadt macht, ist die, dass einem, leicht übertrieben gesagt, „Millionen Gesichter“ begegnen (V. 8); dies wird vom Sprecher als eine Erfahrung dargestellt, die man eigentlich immer macht. Er zählt beispielhaft zwei Situation auf, wann man sie macht: wenn man zur Arbeit geht und wenn man am Bahnhof steht (V. 1 und V. 3). Die vielen Menschen, die über den Bahnhof die Stadt betreten oder verlassen, machen diesen bzw. die ganze Stadt zum „Menschentrichter“ (V. 7); mit dieser Metapher werden die einzelnen Menschen entwertet, sie gleichen dem Wasser oder der Milch, die man in einen Trichter schüttet, sie werden in Massen zum Ziel befördert. Das neue Adjektiv „asphaltglatt“ ist grammatisch nicht eindeutig bestimmt; ich lese es als Attribut zu „Stadt“, welches die Großstadt in ihrer Trichterfunktion als „glatt“, also gut funktionierend, zeigt; der Asphalt trägt dazu bei, indem er die Hindernisse von Feldwegen und Schlaglöcher beseitigt. Vielleicht erscheint mit diesem Adjektiv auch das Grau oder Schwarz des Asphalts, was die Stadt als bedrückend bezeichnete.
Diese Stadterfahrung drängt sich, so beschreibt es der Sprecher in den einleitenden Konditionalsätzen („wenn…“), dem zuhörenden Du auf; das Du ist nämlich dieser Erfahrung ausgeliefert, wenn es zu seiner eigenen Arbeit fährt und mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt ist, also gar nicht an anderen interessiert ist: Die Stadt wird personifiziert, sie „zeigt“ einem die Gesichter (V. 5); diese begegnen einem millionenfach, aber nicht als Menschen, sondern nur in der Schrumpfform der „Gesichter“ (V. 8); sie sind das an den Vorüberhastenden auffallende Merkmal.
Der zweite Teil der ersten Strophe, wo beschrieben wird, wie man die Menschen erfährt, ist eingerückt; damit wird der erste Teil, in dem in allen drei Strophen vom Gehen des Du gesprochen wird, abgesetzt. Den ersten Teil trägt der Sprecher etwas schneller vor; die Sätze umfassen dort jeweils zwei Verse. Der Tempowechsel wird zudem vom Wechsel der Reimform (vom Kreuz- zum Paarreim) unterstützt. Der dritte Teil, wiederum vier Verse, ist wieder linksbündig gesetzt, hebt sich jedoch vom bisher Gesagten ab: Es wird eine einzelne kurze Erfahrung beschrieben, der kurze Augen-Blick eines Fremden (V. 9).
Dieser neue Ansatz kommt sogleich im Zahlwort „zwei“ (V. 9), das in Spannung zu den unmittelbar vorher genannten „Millionen“ steht (V. 8), zum Ausdruck; in einem dieser Millionen Gesichter fallen – wem, das wird nicht gesagt: Es klingt wie eine absolute Erfahrung, die jeder machen kann oder gemacht hat – einem  die Braue, Pupille, die Lider auf (V. 10); das fremde Auge, der fremde Mensch wird also sehr genau, intensiv betrachtet. Und nun hält der Sprecher inne, aber eigentlich nicht im Sprechen, sondern im Betrachten des Auges; es liegt also eine Art personales Beschreiben vor, wenn man das in Analogie zum personalen Erzählen sagen darf. Der Gedankenstrich (V. 10) signalisiert das Innehalten, signalisiert in einem den Versuch, mit der Frage „Was war das?“ die Bedeutung des kurzen, nun beendeten Augen-Blicks zu erfassen. Wie wichtig diese Frage ist, zeigt die Betonung aller drei Worte, die sonst in dem meist gleichmäßigen jambischen Sprechen nicht vorkommt. Die Antwort des Sprechenden – er ist wahrscheinlich nicht mit dem Sprecher des Gedichts identisch; denn dieser weiß in der dritten Strophe die richtige Antwort! – klingt unsicher („vielleicht“) und doch hoffnungsvoll: „dein Lebensglück“ (V. 11). Die folgenden drei Punkte scheinen die Phantasien anzudeuten, die man an solchen Augen-Blicken festmacht: Phantasien von Zuneigung und Zärtlichkeit, befreit von den Pflichten des täglichen Lebens. Das sprechende Ich scheint sich dann dessen bewusst zu werden, dass der Augen-Blick im Augenblick auch bereits vergangen ist; das Präteritum „war“ (V. 11) zeigt den Augenblick schon als vergangen, aber als solchen noch nicht begriffen. Die drei subjektlosen Wendungen (V. 12), davon die beiden ersten stabreimend, klingen enttäuscht, vor allem die letzte („nie wieder“), welche dem unausgesprochenen Wunsch „Wäre doch…“ oder „Bliebe doch…“ entspricht.

[In der 2. Strophe verdienen Beachtung:
– die Ausweitung „dein Leben lang“,
– die Abwertung „die dich vergaßen“,
– die metaphorische Erläuterung der Erfahrung („die Seele klingt“),
– das Perfekt „du hast’s gefunden“,
– die Paradoxie: Lebensglück – für Sekunden,
– die Wiederholung „Zwei…“ (erneute Erfahrung?),
– die Wiederholung der Frage „Was war das?“,
– die resignierende Antwort „kein Mensch…“]

Danach ändert der Sprecher seinen Ton: Er beschreibt nicht mehr allgemeine Erfahrungen, sondern erklärt die Notwendigkeit dieses Lebensweges in der Stadt: „Du musst… wandern“ und siehst „den fremden Andern“ (V. 25 ff.). Von diesem fremden Andern, den man ohnehin nur „einen Pulsschlag lang“ (V. 27) sieht, wird nun jedoch in anderen Kategorien gesprochen; der Blick des belehrenden Sprechers ist ein politischer, zeigt den anderen als jemand, der im Klassenkampf verschiedene Positionen einnehmen kann (V. 29 ff.). Der Gegensatz „Freund-Feind“ wird durch die beste, die als dritte genannte Möglichkeit überboten: Er kann Genosse sein. Das ist für den politisch Denkenden mehr als Freund, mehr als Träger oder Bedingung des privaten Lebensglücks. Diese unbestimmte Größe („es“, V. 33), der Besitzer der fremden Augen, die Person des vorher beglückenden Augen-Blicks, wird ganz leidenschaftslos als sozusagen notwendig vorüberziehend beschrieben – zwei zusätzliche Verse, die das gleichmäßige Strophenbild scheinbar stören.
Der erneuten Frage, was dieser Augen-Blick zu bedeuten hat, wird nun die richtige, wahre Antwort zuteil: „Von der großen Menschheit ein Stück!“ Das Rufzeichen unterstreicht, wie ernst es dem Sprecher mit dieser Einsicht ist; denn nur so kann die private Hoffnung aufs Lebensglück zurückgewiesen, der Vorrang der Genossenschaft vor allem Schmuseglück behauptet werden. Größer als das Liebespaar ist die große Menschheit (V. 37), die sich im Kampf der Genossen befreit und die Gemeinschaft der Gleichen gründet. Das einzelne „Stück“ tritt darin zurück, ohne dass dies in den Augen des Sprechers ein Verlust wäre; denn die große Menschheit bleibt als ganze bestehen, einer tritt in die Lücke, die ein anderer hinterlässt, was der Sprecher aus Einsicht bejaht.

Wenn man den Rhythmus des Gedichtes untersucht, findet man eine eigenwillige Mischung von zügigem und langsamem Sprechen: Der vorherrschende Jambus erlaubt ein schnelles Sprechen, ebenso der Satzbau (z.B. geht der erste Nebensatz über vier Verse, mit einem Einschnitt nach dem zweiten Vers; der Hauptsatz geht wieder über vier Verse), aber auch ein langsames Sprechen, was von Pausen eingefordert wird (die drei elliptischen Sätze in V. 9 f., jeder in sich abgeschlossen, also mit Pause zu sprechen; analog V. 11 f. – dazu als Zeichen der Gedankenstrich V. 10 und die … in V. 11). Die Kreuzreime erlauben ein schnelles, die Paarreime erfordern ein langsameres  Sprechen. Ab V. 8 wird der Jambus gestört und das Tempo vom Metrum beschleunigt – wie, das ist eine schwierige Frage, während es vom Satzbau gebremst wird. Betont sind zunächst die Wörter der Stadt-Erfahrung (Arbeit, Morgen, Bahnhof, Sorgen usw.), dann die der Augen-Erfahrung (bitte selber im Sprechen suchen!), danach (außer „Lebensglück“) die Wörter des Vergehens (war, vielleicht, vorbei usw.). – Den Wechsel von Tempo und Ruhe im Sprechen wird man zum Tempo des Großstadtlebens und zum Innehalten der fragenden Vergewisserung in Beziehung setzen, ebenso die betonten Wörter zum beschriebenen oder bedachten Geschehen; denn die Untersuchung des Rhythmus ist kein Zweck an sich, sondern sollte dem Verständnis des Gedichtes dienen.

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/621/ (Lutz Görner)

https://www.youtube.com/watch?v=5NoQXxO9D0w (Melanie Wirtz)

https://www.youtube.com/watch?v=kIBEXBY2NlU (Carsten Striepe)

https://www.youtube.com/watch?v=VQZs5kychcA (Sissy, die Vorleserin)

https://www.youtube.com/watch?v=C3xox-p4pyo (?)

https://www.youtube.com/watch?v=dvVQFkeFkio (gesungen: Dorine Niezing – gut!)

https://www.youtube.com/watch?v=CBMhUFakd4U (gesungen: E. D. Smid – gut!)

https://www.youtube.com/watch?v=K0BwviDpR40 (gesungen: Udo Lindenberg, es geht)

https://www.youtube.com/watch?v=yxsiiQjFKv8 (gesungen: J. Tabatabai, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=RUd0t2rObok (gesungen: Sabine Paas, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=GqfmPYMoHQ4 (gesungen: L. Kowald)

https://www.youtube.com/watch?v=vFOGXNg40d8 (gesungen: P. Beysens, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=h1yh0jxsaZA (gesungen: Kapelle Vorwärts)

https://www.youtube.com/watch?v=2jWLuo3n4Wg (gesungen: Micarus, es geht – Bilder mäßig)

https://www.youtube.com/watch?v=_IwTui-K7uw (gesungen)

https://www.youtube.com/watch?v=QtJteL5aP1A (rap-ähnlich, interessant)

https://www.youtube.com/watch?v=5xJhJGQZ8vQ (rap-ähnlich, schwach)

https://www.youtube.com/watch?v=l1h-qQBdkCM (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=yxsiiQjFKv8 (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=XQGJIKGq5xw (schulische Gedichtverfilmung – erst um 2:10 geht der Trottel los; auf die Millionen Gesichter wartet man vergebens…)

https://www.youtube.com/watch?v=xBFLmHbYWLY (dito – auch dieser Trottel geht erst um 1:30 los – endlos gedehnt)

https://www.youtube.com/watch?v=mraK07HP7f8 (mit Musik und Bildern unterlegt – wozu?)

https://www.youtube.com/watch?v=pSslryaurvY (wo sind die Gesichter?)

https://www.youtube.com/watch?v=xtpehXF5mRI (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=Ap89sYXSAB8 (dito – man sieht weder Arbeit noch fremde Gesichter)

https://www.youtube.com/watch?v=c8PTNGGizNM (dito – etwas besser)

https://www.youtube.com/watch?v=SmX_8mNDq5k (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=qWXB2YxGSss (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=BrBa7qSH7Mk (dito – gute Bilder!)

und noch einige andere!

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