Vom Unaussprechlichen

In der Kinderbuchreihe der SZ findet sich auch Patricia MacLachlan: „Schere, Stein Papier. Sophies Geschichte“. Der Inhalt ist schnell umrissen: In eine Familie, deren jüngster Sohn sechs Monate zuvor am Tag seiner Geburt gestorben ist, kommt ein Findelkind – Sophie; es wird Kind dieser Familie, obwohl alle wissen, dass sie es in einem Jahr wieder abgeben müssen. Die Ich-Erzählerin Larkin, ein Mädchen von elf Jahren, erzählt von dieser Liebe und ihrem notwendigen Ende; von seinem Versuch, dem namenlosen toten Baby den Namen William zu geben; von den Versuchen aller Beteiligten, mit Liebe und Verlust fertig zu werden; von den Jahreszeiten auf der Insel und einigen wenigen anderen Menschen. Schließlich bekommt auch das tote Brüderchen einen Stein, auf dem „William“ steht.
Vieles kann man nicht sagen, auch wenn man darüber sprechen muss. Die Lehrerin, Frau Minifred, sagt einiges über die Macht der Worte. Sie hat auch die Sätze gefunden, die vom Buch bleiben: „Das Leben ist keine gerade Linie. Und manchmal kreiseln wir zurück in die Vergangenheit. Aber wir sind dann nicht mehr dieselben. Wir haben uns für immer verändert.“ Dankbar erwähnt seien auch die schönen schlichten Illustrationen von Quint Buchholz. – Das Buch wird hier als Kinderbuch verkauft; ich weiß aber nicht, wie Kinder es verstehen – ich scheue mich, es in der Schule zu lesen. Ist es nicht eher ein Buch für Erwachsene, für Eltern, die nicht verstanden haben, dass ihr Kind oder ihre Kinder bei ihnen nur zu Gast sind? Dass man Kinder großzieht, damit sie fortgehen können – fortgehen, auch wenn sie gern wiederkommen? Und auch für Eltern, die das bereits verstanden haben?
Da ich schon einmal von Büchern spreche, die mich ergreifen, möchte ich noch „Die Legende vom vierten König“ (1961) von Edzard Schaper nennen. Das ist also ein kleiner russischer König, der ebenso wie die berühmten drei Weisen oder Könige aus dem Morgenland aufgebrochen ist, um dem Jesuskind zu huldigen. Auf dem Weg zu ihm hält er sich jedoch an vielen Stellen auf, wo Armen zu helfen ist, und einmal geht er sogar für den Sohn einer schönen jungen Frau auf die Galeere, von der er nach dreißig Jahren, kaputt gearbeitet, entlassen wird; von dieser Stelle an rollt die Geschichte seines Lebens sich noch einmal auf – der von ihm vertretene Knabe nimmt ihn am Ufer auf, ohne ihn zu erkennen, nicht jedoch ohne die eigene Identität anzudeuten. Der alte Ex-König treibt dann auf der Straße im Menschenstrom, nach Jerusalem; er trifft unterwegs die ehemalige Bettlerin, deren Kind von dem für den Heiland bestimmten Leinen Windeln bekommen und die ihm ihr Herz geschenkt hatte. Schließlich steht er unter dem Kreuz und hat nur noch sein Herz und das der Bettlerin anzubieten – und zu fragen, ob der Herr sie annimmt.
Unabhängig davon, wie man zum Herr-Sein des Mannes aus Nazareth steht, ergreift mich die einfache, wenn nicht schon kitschig gedrechselte Ereignisfolge. Der kleine König und seine Bettlerin sprechen das aus, was man immer erhofft und beinahe nicht glauben kann: „Nichts geht verloren. Nur weiß niemand, wo es bleibt – wie nahe von ihm vielleicht schon…“ In der Erzählung ist diese frohe Botschaft dadurch beglaubigt, dass die alte Bettlerin ihrem unerkannten Herzensbesitzer bestätigt, dass ihm immer noch ihr Herz gehört; dass sie ihm dreißig Jahre lang die Treue gehalten hat.
Damit sind wir dann bei der großen Erzählung „Unverhofftes Wiedersehen“ von Johann Peter Hebel. Da ist es die gleiche Treue; das Wiedersehen der ehemaligen Brautleute wird gesteigert zum christlichen Bild des kurzen Todesschlafs und des endgültigen Erwachens. Hier ist die Transzendenz des Bleibenden zu spüren – auch wenn wir wissen, wie leicht wir alle vergehen und unsere Spuren verwehen werden.

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