Wilhelm Hauff: Der Affe als Mensch – Inhalt, kritische Analyse

Die Erzählung steht in der Erzählung „Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven“ (1827), in der vier selbständige Erzählungen in die Rahmenerzählung vom Scheik Ali Banu eingebunden sind. Sie wird von einem Sklaven erzählt, der an diesem Tag freigelassen werden soll:

Es kommt ein Fremder in die deutsche Stadt Grünwiesel, der sich dem Treiben der Leute nicht anschließt und deshalb als sonderbar gilt. Er führt irgendwann seinen vermummten Neffen, einen „Engländer“, in die Stadt ein und dressiert ihn – für die Leser ist der Neffe von Anfang an deutlich als Affe erkennbar.
Der Fremde rechtfertigt sich beim Bürgermeister, dass er den Neffen peitscht: Jener müsse Deutsch lernen, was so besser gehe. Der Fremde lässt dem Neffen auch Tanzunterricht erteilen. Dann wird der Neffe dem Bürgermeister vorgestellt, danach der Stadt, und er wird allgemein als Engländer bewundert. Alle Flegeleien und Tölpeleien werden ihm nachgesehen, ja an ihm geschätzt, weil er ein Engländer ist. Wenn es zu schlimm wird, zieht der fremde Herr ihm die Halsbinde fester zu. Die jungen Leute des Städtchens übernehmen aber alle Unarten, weil diese vornehm und modern sind.
Der Höhepunkt der Flegelei, bei dem dann auch eine Wende des Geschehens eingeleitet wird, ist ein Konzert, wo der Engländer als Gesangspartner der Tochter des Bürgermeisters auftritt. Der Fremde ist nicht dabei, deshalb benimmt der Engländer sich total daneben, wird schließlich überwältigt und von einem Gelehrten als Affe identifiziert. Im Haus des Fremden klärt ein Brief den Bürgermeister und die Bürger auf.
Die Leute schämen sich, die jungen Leute bessern sich und den Affen bekommt der Gelehrte.

Angriffsziel dieser Geschichte ist die Borniertheit der Leute im Dorf oder Städtchen, die jeden anfeinden, der sich ihnen nicht anbiedert, die aber alles „Fremde“ bewundern; ferner die Ungezogenheit der jungen Leute, die blind fremde Flegelei nachahmen, bloß weil sie fremd und modern ist. – Hauffs Erzählung ist etwas stark moralisch-pädagogisierend und steht deutlich hinter E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Nachricht von einem gebildeten jungen Mann“ (1815) zurück, die den 4. Abschnitt der „Kreisleriana“ ausmacht:

Nach einer kurzen Einführung wird dort der Brief Milos, eines gebildeten Affen, an seine Freundin Pipi wiedergegeben, in dem dieser darlegt, wie leicht man selbst als Affe gebildet sprechen, musizieren und von künftigen großen Werken sprechen kann und dafür auch Anerkennung findet, weil man sich auf dem Geleis und im Tempo der Gebildeten bewegt. Die ganze Begabung Milos ist dadurch „entstanden“, dass sein Onkel ihm eine Kokosmuss an den Kopf geworfen und dabei eine Beule hervorgerufen hat.

Hoffmanns Erzählung, eine hübsche Satire über die Seichtigkeit des Kulturbetriebs, die man auch heute noch ab Kl. 9 aufwärts lesen könnte, ist eine der Vorlagen für Hauffs Erzählung, aber deutlich besser, finde ich – Hauff, der nicht ganz 25 Jahre alt geworden ist, hat in seinen wenigen Jahren einfach zu viel geschrieben; warum Hauffs Erzählung in die „Meistererzählung der deutschen Romantik“ (1985, dtv) aufgenommen worden ist, begreife ich nicht.

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