Wolf: Kassandra – Eros (Motto)

„Schon wieder schüttelt mich der gliederlösende Eros,
bittersüß, unbezähmbar, ein dunkles Tier.“
(Sappho)
Das Motto: zwei Verse der Sappho. Diese war eine griechische Dichterin (um 600 v. C.), sie lebte in Mytilene auf Lesbos, wo sie im Kult der Aphrodite und im Dienst der Musen junge Mädchen aus vornehmen Kreisen um sich sammelte. Sie war die bedeutendste Lyrikerin der Antike; in ihrer Dichtung spiegelt sich persönliches Erleben, sagt das Lexikon (Meyers Großes Taschenlexikon).

Wer oder was ist Eros den Griechen? „Eros ist eine goldengeflügelte Liebesgottheit im Sinne von Verlangen oder Begehren, d.h. als zur Vereinigung bewegendes Prinzip, nicht so sehr als ihr unmittelbarer Genuss oder Erfüllung, die eher Aphrodite vorbehalten bleibt.“ (Thomas Buchheim: Art. „Eros“, in: Wörterbuch der antiken Philosophie. Hrsg. von Christoph Horn und Christoph Rapp, München 2002, S. 153).
Im www gibt es eine große Einführung in das Werk der Sappho („Sappho: eine Einführung“, 15. April 2002, ohne Angabe des Autors), der ich folgende Passage als Kommentar zum Motto entnehme:
„Der Mann (oder: der Mensch) scheint mir den Göttern
ebenbürtig (gewachsen) zu sein, der dir gegenüber
sitzt und aus der Nähe dich hört, wie du süß redest
wie du liebreizend lachst – ja, das hat mir
mein Herz in der Brust verstört!
Denn sehe ich nur kurz auf dich, kann ich nichts mehr reden,
sondern stumm ist mir die Zunge erlahmt, ein feines
Feuer ist alsbald mir unter die Haut gefahren,
mit den Augen sehe ich nichts mehr, es dröhnen die Ohren,
Schweiß ergießt sich über mich, und Zittern
ergreift mich ganz, ich bin gelber
als Gras, und fast meine ich, dass ich sterbe …

Dies ist, wie man im Altertum richtig verstanden hat, nichts anderes als die Beschreibung der erotikai maniai, des Liebeswahnsinns, und zwar in dem Sinne, dass die Liebe dem Menschen Sinne und Besinnung raubt: Beim nahen Anblick der Geliebten versagt die Sprache, versagen dann auch Gesicht und Gehör; unter Hitzewallung und kaltem Schweiß gerät der Liebende in die Nähe des Todes, genauer gesagt, einer Ohnmacht. (Sowohl Sappho an anderer Stelle als auch die ältere griechische Dichtung sprechen in diesem Sinn vom Eros lysimeles, dem „gliederlösenden Eros“, womit nicht irgend etwas wohlig Entspanntes gemeint ist, sondern eben dies, dass der Mensch unter Wirkung des Liebesverlangens die körperliche Kraft verliert, dass ihm hier, wie schon Homer sagt, die „Knie weich werden“.) Darum erklärt Sappho denjenigen, der es fertigbringt, in der Nähe ihrer Geliebten zu sein, deren Lächeln und süßes Plaudern zu hören, für göttergleich – nicht weil er göttergleiches Glück genießen würde, sondern weil er offenbar übermenschliche Fähigkeiten besitzen muss: Sappho jedenfalls, sagt sie, ist dazu nicht in der Lage, sie hält diesen Anblick nicht aus (so wenig wie sie den Anblick einer Gottheit aushalten würde). Und da sie die Geliebte in diesem Gedicht anredet, mit ihr spricht, dürfte das letztlich wohl als Liebeswerbung gemeint sein – aber das ist nicht sicher, weil uns ja der Schluss fehlt.“
(http://www.klassphil.uni-muenchen.de/~stroh/Sappho.htm)
Dass dieser Eros unbezähmbar ist, dass er „mich“ schüttelt, leuchtet ein; bittersüß ist er, weil er zwei Seiten hat – eine, die leiden lässt, und eine, die auf Erfüllung aus ist (vgl. auch Gernot Böhme: Anthropologie in pragmatischer Absicht, Frankfurt/M. 1985, S. 97 ff.).

P.S. Nachträglich finde ich eine Erklärung zum Namen Myrine, der Geliebten Kassandras und Mitstreiterin Penthesileas: Der Historiker Diodorus aus Sizilien berichtete im 1. Jahrhundert v. Chr. von Amazonen, die in Libyen (= Nordafrika) in einer Gynokratie lebten; ihre Königin hieß Myrina. Sie zog mit 30.000 weiblichen Soldaten und 3.000 weiblichen Kavalleristen siegreich durch Europa und Syrien bis zur Ägäis; als die Königin fiel, zertstreute sich ihr Heer. – Die Ehe wurde als eine Form der weiblichen Unterwerfung abgelehnt; um für Nachwuchs zu sorgen, schliefen sie mit zufällig ausgewählten Männern aus den umliegenden Orten. Nur eine Frau, die schon einen Mann im Kampf getötet hatte, durfte mit einem Mann schlafen. (Stieg Larsson: Vergebung. Wilhelm Heyne Verlag, München 2008, S. 447)

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