Wolf: Kassandra – Erzählsituation

In Wolfs Erzählung gibt es den Rahmen, in dem ein neutraler Erzähler in Mykene am Löwentor an „sie“ (Kassandra) denkt, also auf ihre Todessituation zurückblickt. Darin eingebettet erzählt Kassandra in einem inneren Monolog ihr Leben.

Die Erzählsituation Kassandras ist aus der „Orestie“ des Aischylos übernommen, nur dass Kassandra jetzt nicht mehr mit dem Chor, sondern mit sich selbst spricht: Es denkt in ihr. Für die „Orestie“, Teil „Agamemnon“, 4. Hauptszene, kann man auf folgende Zusammenfassung zurückgreifen:

Klytaimestra tritt eilig aus dem Palast und fordert Kassandra vergeblich auf, in den Palast zu kommen und sich zu unterwerfen; dann verschwindet sie im Palast.
Kassandra klagt und kündet die Ermordung Agamemnons an, worauf der Chor wiederholt verständnislos antwortet. In der siebten Strophe sieht sie im Wechselgesang mit dem Chor ihr eigenes Ende voraus; sie erzählt dem Chor, wie sie von Apollon ihr unglückliches Seheramt bekommen hat. Sie kündigt dem Chor dann an:
„Agamemnons Ende, sag ich, wirst du heute sehn!“
Das erläutert sie dann:

„Sie wetzt das Messer ihrem Herrn, sie rühmt sich laut:
Mord soll es rächen, daß er mich hat mitgebracht!
Was hab ich länger mir zum Gespött den heilgen Schmuck,
Den Zepter noch, den Seherkranz um meine Stirn?
Fort! eh der Tod mich fasset, brech ich dich entzwei!
Euch werf ich hin, verkommt ihr! So vergelt ich euch;
Bringt einer andren eures Elends Bettelstolz!
Sieh her, Apollon, der du mir mein Seherkleid
Nun selber ausziehst, der auf mich du niedersahst,
Als Freund und Feind mich auch in diesem deinen Schmuck
Gar sehr verhöhnten, unverhohlen, wahnbetört!
Gescholten Törin, Bettlerin, Lügenzauberweib,
Wahnwitzig, elend, hungersüchtig – ich ertrug’s!
Nun hat der Seher mich, die Seherin, gestraft!
Hat mich in dies Verhängnis, in den Tod geführt!
Statt meiner Väter Altar harret mein der Block,
Drauf blutig heißer, scharfer Mord bald mich erschlägt!
Doch nein, ich sterbe nicht den Göttern ungerächt;
Denn wieder wird einst unser Rächer nahe sein,
Der Muttermörder, der des Vaters Mord vergilt;
Ein irrer Flüchtling, kehrt er aus der Fremde heim
Und setzt den Schlußstein aller Schuld der Seinigen.
Geschworen also war den Göttern höchster Schwur,
Sie nachzustürzen in des erschlagenen Vaters Sturz!“
Während sie ihren eigenen Tod beklagt, nimmt sie schon im Geist wahr, wie Agamemnon erschlagen wird. Dann fügt sie sich in ihr Schicksal:
„So geh ich, so bewein ich noch im Hause mein
Und Agamemnons Ende. Sei’s des Lebens gnug!
O Freunde!
Nicht klagen will ich, wie der Vogel im Gebüsch,
Furchtsam, vergebens. Mir, der Toten, zeuget einst,
Wie das Weib an mein, des Weibes, Statt erschlagen liegt,
An des Mannes Statt der fluchgefreite Mann erliegt!
Mit diesem Gastgruß tritt hinein die Sterbende.“
Nach ihrem Rachewunsch bleibt ihr eine letzte Klage:
„O dieses Menschenleben! – wenn es glücklich ist,
Ein Schatten stört es; ist es kummervoll, so tilgt
Ein feuchter Schwamm dies Bild, und alle Welt vergißt’s;
Und mehr denn jenes schmerzt mich dies: vergessen ist’s!“ (Ab in den Palast)

Kassandra beklagt nicht nur Agamemnons Ende und ihr eigenes, sondern stellt ihr Geschick in den Zusammenhang einmal der künftigen Rache des Orest an seiner Mutter, dann in den alles menschlichen Scheiterns im Tod.
Statt der klar erkennbaren Theater-Situation (Gespräch mit dem Chor) wird in der Erzählung Christa Wolfs die „reale“ Situation Kassandras im Rückblick der Erzählers vorgeführt.

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