Wolf: Kassandra – Kassandras Situation

Wie das Bild von Kassandras Situation aufgebaut wird (untersucht bis 17/26)

Die von Christa Wolf verwendete Erzähltechnik macht es dem Leser schwer, Zusammenhänge zwischen Figuren und Ereignissen zu erkennen. Im Gespräch mit Jacqueline Grenz sagte Christa Wolf im Herbst 1983, man müsse nicht wie Homer erzählen, „mit einem Anfang, mit einem Höhepunkt, mit einem Schluß, mit den entsprechenden Peripetien, den Schicksalsentwicklungen und neuerdings auch mit der entsprechenden Psychologie“ (Werke 8, 2000, S. 348 f.); sie dagegen habe ihre Erzählung „nicht als eine geschlossene Geschichte, sondern als ein Muster, als ein Gewebe“ gesehen und deshalb auf das lineare Erzählen verzichtet (S. 349).

Zuerst spricht ein Erzähler hier über „sie“ (bis 5/18). – Das sprechende Ich Kassandra ist (im 3000 Jahre vergangenen Jetzt) seiner inne, nimmt die Umgebung wahr und kann im Geist sowohl sich andere Situationen vorstellen als auch situationsunabhängig denken.
Wenn man untersucht, wie die Situation Kassandras aufgebaut wird, kann man ein vereinfachtes Schema mit drei Aspekten anzulegen. (Ich habe die Passage mit 17/26 abgegrenzt; man könnte auch bei 13/17 oder 15/31 einen Einschnitt machen, ohne dass das Ergebnis wesentlich anders ausfiele.)
1. Einmal ist da die gegenwärtig erlebte Situation (ich/hier/jetzt), in der auch andere Figuren da sein können [diese Situation „wandert“ in der Zeit]:
„Hier ende ich…“ (5/20)
Fremdes Volk umsteht den Wagen (6/19 f.).
„Marpessa schweigt…“ (6/23 f.)
…….
…….
……. usw.
2. Daneben gibt es andere Situationen, die erinnert oder vorweggenommen werden; diese können hier oder anderswo sein, mit den Figuren ich und/oder andere:
„Mit der Erzählung geh ich…“ (5/19)
„Doch neulich nachts…“ (5/28 ff.)
„Warum wollte ich…“ (6/16 ff.)
…….
…….
……. usw.
3. Daneben gibt es situationsunabhängige Aussagen [und Fragen; primär im Präsens für Gültiges; im Perfekt solches, das sich aus Vergangenem ergeben hat und jetzt besteht]:
„nichts (…) hätte mich an ein andres Ziel geführt“ (5/20-22)
„Gescheitert ist das Wagnis…“ (5/25-27)
„Merkwürdig…“ (6/12-15)
„Etwas in mir entspricht…“ (6/27 ff. – oder erst ab „Noch alles“?)
…….
…….
……. usw.
In diesem Schema kann man festhalten, was man zur Konstitution der Situation Kassandras findet.

Auswertung:
Zuerst stellt der Erzähler Kassandra im Rückblick indirekt vor: „Da stand sie.“ (5/10) Und er deutet an, dass sie dem Tod entgegenging und allein war (5/18). Daran schließt sich die erste Äußerung Kassandras unmittelbar an, dass „ich in den Tod“ gehe (5/19), wobei der Hinweis auf die Erzählung unklar ist. Es ist ein sprechendes Ich aufgetaucht; später charakterisiert Kassandra ihr Sprechen einmal als Selbstgespräch (107/15 f.)
Durch den Erzähler ist das Hier bereits als der Ort bei den steinernen Löwen vor dem Tor bestimmt (5/10 ff.); Kassandra spricht unbestimmt von ihrem Hier (5/20), bei dem auch die Bestimmung „jetzt“ mit anklingen mag (so eindeutig 6/31). Sie ist in Mykene (6/25). Sie befindet sich auf einem Wagen, den fremdes Volk umsteht (6/19 f.); sie nimmt wahr, dass Marpessa schweigt (6/23); sie sieht den Himmel (6/25), sie sieht, dass die Sonne den Mittag überschritten hat (7/35); sie hört, was „die Weiber“ sagen (8/5); sie nimmt wahr, was die Leute tun (13/25 ff.) und dass die Frauen sich wieder nähern (13/33 ff.); sie sieht Marpessa lächeln (15/20).
Zuvor hat sie ihre Situation bedacht: „Hier ende ich…“ (5/20), in den Tod gehend (5/19); sie blickt bilanzierend auf ihr Leben zurück: „Gescheitert ist das Wagnis“, Wärme in die Welt zu bringen (5/25 ff.), in dem sie mit den anderen Menschen („uns Irdische“, 5/25; „wir“, 5/27) verbunden ist (Präsens: versuchen). In einer ersten Erinnerung („neulich nachts, auf der Überfahrt“, 5/28 ff.) führt sie eine kleine Gruppe von Menschen als ihre damalige Gemeinschaft ein: Marpessa, ihre Kinder, andere Verschleppte, Agamemnon. Außerdem gibt es die Königin (7/33), die zu Agamemnon gehört (10/21 f.; 13/14 f.) und die ihn wohl ermorden wird (13/16 f.).
Kassandra stellt sich als „ich, die Seherin“ (6/9; 13/20) vor und erklärt damit, warum sie trotz ihrer Enttäuschung am Leben hängt; sie setzt ihre Lebensbilanz fort: Sie hat ihre Waffen abgelegt (6/14 ff.), sie wollte mit ihrer Stimme sprechen (6/17); sie ist hinter das Geheimnis ihres Lebens gekommen (6/28 ff.), dass sie zu keinem ganz gehört hat. In einer Randbemerkung sagt sie, dass sie ihre Kinder nicht mehr sehen will (6/23).
Mit dem Satz „Ich mache die Schmerzprobe.“ (8/13) wendet sie sich ihrem augenblicklich präsenten Ich zu; sie prüft, ob sie noch Schmerz empfinden kann. Vermutlich bejaht sie diese Frage: „Endlich nach so langer Zeit wieder mein Körper. Wieder der heiße Stich…“ (9/17 ff.); da in diesem Satz aber Prädikat und Datierung fehlen, ist der Bezug zur vorhergehenden Erinnerung an die von ihr geliebte Myrine nicht eindeutig – ich lese die Äußerung als Ergebnis ihrer Schmerzprobe. Dann stellt sie fest, dass im Augenblick („jetzt“, 9/34) der Schrecken wieder auf sie zukommt.
Dass sie nicht mehr sprechen will (10/17) und dass sie jetzt ihre Fähigkeit, „meine Gefühle durch Denken besiegen“, brauchen kann (10/34 f.), gilt einem breiteren Jetzt, nicht dem Augenblick, sondern ihrer Situation vor dem Tod; das Gleiche gilt vom nächsten „jetzt“ (11/10), wo ihre Neugier ganz frei ist – das ergibt sich eindeutig aus der Form des Präteritums im folgenden Satz (erkannte, 11/11). Ihre Mutter fällt ihr ein (12/26).
Sie denkt aber auch über ihre eigene Situation hinaus: Sie bedenkt das Verhältnis von Klytemnestra und Agamemnon (12/9 ff.) und die Unfähigkeit der Menschen („sie“) zu leben; diese Einsicht wird in die Geschichte ihres eigenen Verstehens eingebunden (13/18 ff.). Auch in der Zeit geht sie über den Augenblick hinaus, indem sie sich erinnert: Vorhin hat Marpessa ihr einen Dolch angeboten (7/31 ff.), vorhin hat die Königin etwas gesagt (12/14), hat Agamemnon den roten Teppich betreten (10/21 f.); sie erinnert sich an die Fahrt mit dem Wagen (13/12 ff.; 11/1) zur Burg, sie erinnert sich an die Ereignisse jener Sturmnacht auf dem Schiff (5/28 ff.; 11/25 ff.; 13/1 ff.); sie erinnert sich an Ereignisse in Troja, an ihr letztes Gespräch mit Myrine (8/7 ff.) und Auseinandersetzungen mit Panthoos (14/6 ff.). Sie erinnert sich an was, was die gefangenen Griechen von Mykene erzählt haben (16/8 ff.), sowie an ihren Vater (16/27 ff.). Teilweise fallen ihr diese Erinnerungen einfach ein, meistens sind sie aber durch ihre eigenen Gedanken oder durch Wahrnehmungen veranlasst.
Kassandra führt auch ein Gespräch mit Marpessa, welches aber nicht ausdrücklich datiert wird (15/22 ff.). Ich lese diese Stelle so, dass das Gespräch „jetzt“ geführt wird. Vom Gespräch aus blickt Kassandra dann in die Geschichte ihrer Bekanntschaft mit Marpessa zurück (15/32 ff.). Am Schluss der hier untersuchten Passage schaut sie auch in die Zukunft und beklagt, dass diese so begrenzt ist: „Ich werde heute noch erschlagen.“ (17/25 f.)

In diesem Anfang hat Kassandra sich, ihre Umgebung und wichtige Gefährten ihres Lebens vorgestellt; sie gibt sich Rechenschaft von ihrem Leben. Sie hat als Seherin eine Entwicklung durchlaufen und sich bis zum Ende hin verändert. Sie beklagt die Kälte der Welt (5/22 ff.) und die Unfähigkeit der Menschen zu leben (13/18 ff.); der Krieg hat das Geschick der Menschen bestimmt und sie als Gefangene nach Mykene kommen lassen, wo sie sterben wird.

(Seiten- und Zeilenzählung nach der Ausgabe der SZ-Edition 2007)

Dieser Beitrag wurde unter Romane abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s