Wolf: Kassandra – „Zeugin bleiben“

Kassandra als Zeugin (zur Interpretation des Kerns von 26/14 [26/3]- 28/28, nach der Seiten- und Zeilenzählung der Ausgabe in der SZ-Bibliothek, Bd. 59)

Das Schema des semantischen Feldes um „Zeuge“ wird (nach http://wortschatz.uni leipzig.de) durch den Prozess vor Gericht bestimmt: Der Zeuge wird geladen und sagt aus oder wird vernommen; außerdem gibt es einen Angeklagten. Im wiktionary steht als Bedeutung für „Zeuge“: „eine (männliche) Person, die etwas bestimmtes gesehen oder auf andere Art wahrgenommen hat und dies auch bestätigen kann/könnte“. Als Minimum des Zeuge-Seins (oder Zeugin-Seins) ergibt sich also:
– Jemand ist Zeuge;
– er hat etwas wahrgenommen;
– er wird darüber befragt;
– er legt sein Zeugnis ab.
Das muss man geklärt haben, damit man eine der zentralen Aussagen Kassandras einschätzen kann: „Ich will Zeugin bleiben, auch wenn es keinen einzigen Menschen mehr geben wird, der mir mein Zeugnis abverlangt.“ (27/4-6) Diese Aussage wird durch einen langen Nebensatz eingeleitet, in dem die Zeit seit der Ankunft der Schiffe als eine Zeit, in der Kassandras Herz fester und ihr Vorsatz fertig wird, zusammengefasst wird (ab 26/14). Im Folgenden reflektiert sie diesen Vorsatz gegen ihre eigene Angst und begründet den Vorsatz darin, dass sie die Sehergabe empfangen hat (28/15), auch wenn sie dort den Zusammenhang mit dem Zweifel an ihrem Vorsatz aus dem Auge verliert und kein Ergebnis ihrer Reflexion bietet. Es soll zunächst nur um den zitierten Satz gehen.

Es fällt auf, dass sie von den vier Bestimmungen des Zeuge-Seins zwei erfüllt und zwei nicht erfüllt: Jemand ist Zeuge: Kassandra; sie legt Zeugnis ab: Das will sie tun; sie hat etwas wahrgenommen: Davon ist nicht die Rede; sie wird darüber befragt: Sie will Zeugin bleiben, auch wenn sie nicht gefragt wird. Die erste Lücke, dass vom Gegenstand des Zeugnisses nicht die Rede, ist an sich unverzeihlich; man könnte sie damit beseitigen, dass man sie etwa mit der Formel „Kassandras Botschaft“ selbst füllt, womit man vor der Aufgabe stände, Kassandras Botschaft zu benennen; man könnte nach der Lektüre des Buches vermuten, sie wolle die Verderblichkeit des Krieges anprangern – aber wenn es um ihren Bruder Troilos geht, ist sie bis zum Lebensende von tiefstem Hass und Vernichtungswillen gegen Achill erfüllt (35/29 ff.). Ihr Zeugnis: eine große Leerstelle – sie zu füllen eine Aufgabe für den Leser; vor die Wahl gestellt, ob sie zur Rettung ihrer Botschaft gegen die Heldenlieder der Griechen Klytaimnestra um Schonung bitten sollte (92/13 ff.), verwirft sie diese Möglichkeit.
Die zweite Lücke ist noch bedenklicher; Zeuge bleiben, auch wenn niemand nach einem Zeugnis fragt, das ist in sich unmöglich. Vielleicht kommt man in dieser Lage jedoch weiter, wenn man einen absoluten Gebrauch von „Zeuge sein“ oder „Zeuge bleiben“ in Erwägung zieht.
Den Hinweis dafür gibt das Lehnwort „Märtyrer“, das nach dem griechischen Wort „martys“ [Zeuge] gebildet ist und nicht nur den christlichen Märtyrer bezeichnet, sondern jemanden, „der sich für seinen Glauben, für seine Idee opfert“ (Wahrig: Deutsches Wörterbuch). Der Märtyrer weiß selber, was sein Glaube ist, und die ihn töten, wissen es auch. Diese Lesart des Zeuge-Bleibens wird durch die folgenden Reflexionen zunächst gestützt; sie hat vor dem Beil des Henkers Angst, ihr Tod steht bevor – das ist eine richtige Märtyrersituation (26/3 ff.; 27/12 ff.); auch die vorhin zitierte Todesbereitschaft (92/13 ff.; vgl. auch 137/19 f.) spricht für dieses Verständnis des Zeugin-Bleibens.
Dieses Verständnis wird in den gängigen Wörterbüchern nur von Wikipedia unterstützt: Im Wörterbuch steht als vierte Bedeutung (im wiktionary-Wb unter „Zeugnis“: vier Bedeutungen, davon die letzte): „in der Religion (emphatisch): Bericht einer persönlichen Gotteserfahrung (Zeugnis ablegen bzw. Zeugnis geben)“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Zeugnis); das wird dann im Artikel „Zeugnis (Religion)“ so ausgeführt: „Im Zentrum des christlichen Bekehrungszeugnisses steht die Abkehr eines Menschen von seiner bisherigen Weltanschauung und seiner Hinkehr zu Jesus Christus. Ausgangspunkt solcher Bekehrungen sind sowohl besondere transzendente Erlebnisse als auch Lebenskrisen, die einen Perspektivwechsel zur Folge haben.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Zeugnis_%28Religion%29) Ein Beleg für dieses Verständnis ist das Wort des auferstandenen Christus an seine Jünger: „Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen (…) und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.“ (Apg 1,8)

Wenn man genauer liest, tauchen jedoch mehrere Fragen zu dem zitierten Satz auf: 1. Kassandra wird von Klytämnestra nicht als Zeugin einer größeren Sache hingerichtet, sondern als Geliebte Agamemnons; als solche hat sie nichts zu bezeugen. 2. Sie reflektiert den Vorsatz als Ausdruck ihres Bewusstseins, dass sie nämlich „gespalten in mir selbst, mir selber zuseh, mich sitzen seh auf diesem verfluchten Griechenwagen…“ (27/12 ff.); das ist ein Problem ihres Lebensideals, aber nicht des von ihr vertretenen Glaubens – es ist das Problem der Reflexion überhaupt, welches sie hier als Belastung empfindet. 3. Sie fragt in vielen Ellipsen (27/14 ff.), ob sie [wegen der Ellipsen jedoch nicht ganz klar] nicht vom spaltenden Bewusstsein frei wird und vor Angst brüllen wird, ehe sie noch einmal neu ansetzt: „Warum will ich mir diesen Rückfall in die Kreatur bloß nicht gestatten.“ [Hier wie oft steht nur ein Punkt statt eines Fragezeichens im Text.] Nachdem sie sich selbst als letzte Instanz, die über sie urteilt, erkannt und auch anerkannt hat (27/26-28), kommt sie über manche Umwege zur Erkenntnis, dass ihr „die Sehergabe“ (28/25) als der Archimedische Punkt ihrer Existenz vorgegeben ist. Wegen der vielen Ellipsen und der unklaren demonstrativen Anschlüsse (zum Beispiel: „Wär auch das vorgegeben.“ 27/29) sind meine Überlegungen aber nur als wahrscheinlich richtig zu bezeichnen.
Diese Lesart wird jedoch untermauert, wenn man die vorgehende Passage (26/3-14) hinzunimmt: Sie geht aus von der Todesangst, stellt sich Fragen und bekundet dann den Vorsatz: „Ich will die Bewußtheit nicht verlieren, bis zuletzt.“ Bewusstheit ist ohne Reflexion nicht zu haben; sie will also bewusst Zeugin, Märtyrin sein, auch wenn sie ihre große Angst vorhersieht. Sie steht also in einer Heldenpose vor sich selber, hat den Bezug zu denen, vor denen sie Zeugnis ablegen kann, und auch vor der Sache, für die sie einsteht, zurückgestellt und steht zu ihrem Lebensvollzug als Seherin-Zeugin, die sich von konkreten Bestimmungen des Zeugnisgebens gelöst hat.
Als sie „die Schmerzprobe“ (8/13) macht, will sie prüfen, ob der Schmerz stirbt, ehe wir sterben (übrigens eine seltsame Vermutung): „Das, wär es so, müßte man weitersagen, doch wem?“ (8/17 f.) Hier haben wir die gleiche Denkfigur wie in dem von uns zuvor untersuchten Zitat. Dagegen steht freilich ihre Äußerung, die sie nach der Erinnerung an Myrines Tod macht: „Ich will nicht mehr sprechen. (…) Wer wird, und wann, die Sprache wiederfinden.“ (10/17 ff.) Mit dem ersten Satz widerspricht sie ihrem Wunsch, Zeugin zu bleiben; mit dem zweiten beklagt sie eine Sprachnot, die sie im Folgenden erklärt (aus der Grässlichkeit des Siegens) und die man nicht nur auf Kassandras Situation, sondern als Leser auch auf die eigene Situation der atomaren Bedrohung beziehen soll – dort wird die Schädelspaltung, andernorts als Problem des Bewusstseins beklagt (S. 27, s.o.), als Resultat der politischen Situation und als Bedingung des Sprechens eingefordert.
Die Lage Kassandras, was ihren Wille zum Zeugnis, ihre innere Spaltung und ihren Wunsch zu sprechen angeht, ist also ziemlich verworren; das kann sie sich erlauben, weil sie elliptisch spricht, von einem Thema zur nächsten Assoziation springt und keinen Gedankengang entwickelt, diese Aufgabe vielmehr dem Leser Christa Wolfs überlässt.

Eine andere Möglichkeit, Kassandras Beharren auf ihrem Zeugnis zu verstehen, ergibt sich, wenn man ihr Bewusstsein der Todesnähe stärker gewichtet (von 26/3 aus: 7/27 ff.; 41/16-18; 74/36 f.; 110/12 f.) und wahrnimmt, dass sich ihr Blick auch auf sich selbst richtet und klärt (ferner 11/10 ff. mit 59/20 ff. und der Situation, dass sie über sich urteilt, 27/26 ff.). Ihre Bemerkung, dass Selbstanklage nicht genüge und dass die Ursachen ihrer Blindheit aufgedeckt werden müssten (87/14 ff.), lässt an „Bekenntnisse“ denken. – Dann kann man Kassandras Selbstgespräch vom Topos der Selbsterkenntnis „auf dem Sterbebett“ aus verstehen und ihr Zeugnis in die Gattung der Bekenntnis-Literatur einordnen. Bei dieser Deutung verwiese Kassandra auch auf die Autorin Christa Wolf, die ihre Lebensfragen in ihren Büchern ab- oder aufarbeitet.

Es gibt zwei weitere Stellen, die ich mit dem Satz vom Zeugin-Bleiben zusammen lesen möchte. Die erste ist die knappe Schilderung vom utopischen Leben in den Höhlen, welches sie nach der Entlassung aus der Haft führt (S. 148 f.), ein Leben voller Heiterkeit, wenn auch kurz vor dem Abgrund. Man spricht dort über „unsre Träume“ (148/27) und deutet sie. „Oft aber, eigentlich am meisten, redeten wir über die, die nach uns kämen. Wie sie wären. Ob sie uns noch kennten. Ob sie, was wir versäumt, nachholen würden, was wir falsch gemacht, verbessern. Wir zerbrachen uns die Köpfe, wie wir ihnen eine Botschaft hinterlassen könnten, doch wir warn der Schrift nicht mächtig.“ (148/28 ff.) Logisch wäre es, wenn man ein Defizit erkennt, dieses zu beheben: schreiben lernen. Doch man feiert lieber ein Berührungsfest und befasst sich angesichts der begrenzten Zeit nicht mit Nebensachen. „Also gingen wir, spielerisch, als wär uns alle Zeit der Welt gegeben, auf die Hauptsache zu, auf uns. Zwei Sommer und zwei Winter.“ (149/6 ff.) Hier wird deutlich, dass der Gedanke an die Nachkommenden zwar vorhanden ist, aber doch nicht ernsthaft gedacht wird, da sie eben nicht „die Hauptsache“ sind.
Auch der Bericht Kassandras vom letzten Gespräch mit Aineias zeigt sie als eine Frau, der die Nachkommen letztlich gleichgültig sind, wenn sie selber nur an ihren Prinzipien festhalten kann: keinen Helden lieben (154/7 ff.). Lieber geht sie in den Tod, als des Aineias „Verwandlung in ein Standbild“ (154/33) zu erleben; hier sehen wir die gleiche Sehnsucht nach dem Martyrium, die den Fragestellungen des realen Lebens ausweicht. Sie ist die Heldin bzw. der Held, als den sie Aineias nicht lieben kann. Panthoos hat ihr vorgeworfen, sie hole sich ihre Dauer „aus unserm Untergang“ (14/10 f.); ich werde den Verdacht nicht los, sie hole sich ihre Dauer zumindest aus ihrem eigenen Untergang.

Auch theoretisch bleibt der Widerspruch im Zeugin-Bleiben ungelöst, da Kassandra einmal zustimmend die Sentenz der Übermutter Arisbe zitiert: „Es gibt Zeitenlöcher.“ (139/21 f.) Dann kann es aber den von Kassandra behaupteten Zusammenhang von finsterer Gegenwart und einem schmalen Streifen hellerer Zukunft (150/28 ff.) nicht geben, und des Anchises Diktum vom Träumen mit beiden Beinen auf der Erde (151/7 f.) bleibt nur eine Formel aus dem Lehrbuch der Utopie.
Auf der Ebene der Figur Kassandra kann man diese Probleme nicht eindeutig lösen; man muss auch die Ebene der Autorin Wolf und ihres Endzeitbewusstseins, das sie angesichts der atomaren Bedrohung mit vielen Zeitgenossen teilte, heranziehen, um diese Widersprüche als Widersprüche eines Lebensgefühls von Menschen zu begreifen, die einerseits den beinahe sicheren Untergang vor Augen haben, aber trotzdem feiern und weiterleben – die Nachkommen treten aus dem Blickfeld, wenn man selber auch im Untergang noch Haltung zeigen will: Schädelspaltung. Bei Brecht setzen sich solche Probleme um in eine Dialektik des Heldenideals (Leben des Galilei, Bild 13/14), bei Wolf in die Aufspaltung Kassandra/Aineias.
Diese Ambivalenz ist in der Datierung entscheidender Ereignisse in die Stunde vor Sonnenuntergang gespiegelt (S. 8, 110, 150, 154), und man kann wie Kassandra mit Aineias darüber streiten, was die Klarheit besagt, in der die Dinge sich im Abendlicht zeigen – auf jeden Fall ist diese Datierung nicht nur Legitimation der Ambivalenzen, sondern auch der Wahrheit von Kassandras Sicht: Jeder Gegenstand zeigt dann „die Farbe, die ihm eigen ist“ (150/10). Wer könnte ihr da noch widersprechen?

Vgl. zum Licht bei Sonnenuntergang diesen kleinen Aufsatz!
Dass hier auch untersucht worden ist, wie Kassandra spricht, auch wenn dies nicht mit einem Stichwort benennt wird, sollte jede(r) bemerkt haben.

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Ein anderes Fazit:
Der innere Zweck ihrer Erinnerungen ist es, Zeugnis zu geben (27/4 ff.):
1. Sie denkt an die Möglichkeit, die Geschichte Trojas anders als die Griechen zu erzählen: „Anchises meinte einmal, wichtiger als die Erfindung des verdammten Eisens hätte die Gabe der Einfühlung für sie [die Griechen, als die, welche in scharfen Unterscheidungen denken, N.T.] sein können. Daß sie die eisernen Begriffe Gut und Böse nicht nur auf sich bezögen. Sondern zum Beispiel auch auf uns. / Nichts davon werden ihre Sänger überliefern. / Und wenn sie – oder wir es überlieferten? Was folgte daraus?“ (120/20 ff., vgl. 153/14 f.; dafür wäre eine weibliche Traditionsform nötig, 92/15 ff.)
2. Bereits als sie zum ersten Mal den Namen „Achill“ denkt, bekennt sie, dass sie diesen Namen (des Helden der „Ilias“) vertilgen möchte (12/18 ff.). Dass der Ruhm seines Namens nicht gesungen würde, ist ihr innerster Wunsch (90/12 ff.).
3. Auch was die trojanischen Schreiber festhalten, ist nicht der Rede wert (88/27 ff.); es ist ein Schreiben im Dienst der Herrschenden. Sie hat jedoch mit den anderen Frauen die Möglichkeit erwogen, wie man den kommenden Generationen von den Erfahrungen des gelingenden Höhlenlebens berichten könnte (148/28 ff.).

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