Wolf: Kassandra – zur Interpretation

1. Vorstellung des Bandes „Kassandra“ (Bibliothek SZ 59) in der SZ, 16. Juni 2007:

Schrecksekunde einer Frau
Christa Wolf: „Kassandra“
Was war das für ein Buch, was hat es nicht alles bedeutet! Damals, in den achtziger Jahren, den Zeiten des Nato-Doppelbeschlusses, des Kampfes gegen Pershings und Atomkraft, gegen Kapitalismus und Patriarchat. Kassandra, die trojanische Königstochter und Seherin, deren Warnungen keiner Gehör schenkte, war eine Figur ganz nach dem Geschmack der Zeit. Der Ernstfall in Person, wurde sie zu einer Identifikationsgestalt, kämpferisch und stolz, sanft und verletzlich. Auch wem Christa Wolfs Erzählung eigentlich zu pathetisch war, der schätzte sie als Steilvorlage für lautstarke Diskussionen: um Männer und Frauen, Ost und West und die Utopie einer friedlichen Gesellschaft.
In den Studentenzirkeln West-Berlins gehörte „Kassandra“ zu den Büchern, die man haben musste, ganz egal, ob man sie auf legalem Weg erworben hatte oder als billigen Raubdruck. Eigentlich war letzteres sogar besser. Wer das schmale Bändchen spät nachts aus einem Stapel hochbrisanter Texte, der krachend auf dem Kneipentisch gelandet war, herausgezogen hatte, der steigerte sein Lebensgefühl. Wo es um den drohenden Untergang der Welt ging, konnte man unmöglich auch noch Urheberfragen bedenken. Das Unrechtsbewusstsein blieb unter der Wahrnehmungsschwelle, nicht aber das Gefühl, etwas Bedeutsames zu tun.
„Kassandra“ erschien 1983 in der BRD, ein Jahr später auch in der DDR. Dort fand Christa Wolfs dichte Neuinterpretation des griechischen Mythos ein ebenso aufnahmebereites Publikum, das sich aus verständlichen Gründen nicht ganz so selbstgewiss artikulieren konnte. Der Mythos wurde als Maske verstanden, unter der sich die Angst vor einem drohenden Weltkrieg verbergen und doch auch artikulieren konnte. Der hohe Ton erschien manchen als Preis für das Aussprechen einer sonst unaussprechlichen Wahrheit, andere schätzten die Erzählung gerade seinetwegen. Der Stil, beileibe nicht der Inhalt, war der Grund für den großen Erfolg beim bildungsbürgerlichen Publikum. Nicht nur der DDR-Zensur, auch ihm hatte Christa Wolf einiges untergejubelt.
Als Kriegsbeute des Agamemnon sitzt Kassandra vor den Toren von Mykenae auf dem Wagen, der sie hergebracht hat. Ihre Zwillinge sind bei ihr, ebenso die Dienerin. Sie weiß, dass sie gleich von Klytaimnestra getötet werden wird. Es gibt keine Rettung. Aber sie will aufrechten Hauptes in den Tod gehen, klar, mit vollem Bewusstsein. Noch einmal zieht ihr Leben vorbei, ihre Rolle als Lieblingstochter von König Priamos, die Verleihung der Sehergabe und der darauf lastende Fluch, die Liebe zu Aineias, der Hass auf Achill, „das Vieh“, die Erinnerung an Augenblicke des Glücks in der Gemeinschaft von Frauen. Christa Wolf formt aus der Dauer des homerischen Epos die gedehnte Schrecksekunde einer einzigen Frau: Kassandras Schmerzensschrei, spitz und scharf wie die Pfeile der Penthesilea. Sie will das Herz der Männer erreichen, doch tödlich treffen will sie es nicht.
MEIKE FESSMANN

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2. Christa Wolf war von der Idee des Matriarchats (Kreta) ergriffen, als sie die Erzählung schrieb.

Vgl. dazu u.a.: Heide Göttner-Abendroth: Moderne Matriarchatsforschung. Ihre Ergebnisse und ihre Aktualität
http://www.goettner-abendroth.de/de/index.php?page=matriarchat

Martina Schäfer, Die Wolfsfrau im Schafspelz. Autoritäre Strukturen in der Frauenbewegung. Hugendubel Verlag München
http://www.lespress.de/012002/texte012002/schaefer.html

Matriarchat: „(…) Vorherrschaft von Frauen in Familie, Staats- und Gesellschaftsordnung, verbunden mit einem religiösen Symbolsystem einer weiblichen Gottheit. Das M. verhält sich in dieser Perspektive spiegelbildlich zum Patriarchat. In der feministischen M.-Theorie wird unter M. auch eine egalitäre, in Harmonie mit der Natur stehende, gewaltfreie Gesellschaftsordnung verstanden. Die historische Existenz von M.en ist in Archäologie und Ethnologie umstritten.“
(Metzler Lexikon Gender Studies Geschlechterforschung. Hrsg. von Renate Knoll, 2002, S. 259)

Selbst ob es in Catal Höyük, der Musterstadt des „Matriarchats“ (vgl. http://www.gabi-catal.de/grosse_goettin.htm), ein solches gegeben hat, ist fragwürdig:
http://www.spektrum.de/artikel/839656 (Matriarchat bezweifelt!)
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/864162 (ebenso)
http://www.archaeologie-online.de/links/2/46/53/483/index.php (mit Links)

P. S.
Der Feminismus ändert seine Richtung.
Das SPIEGEL spezial 1/2008 steht unter dem Titel: Das starke Geschlecht. Was Frauen erfolgreich macht
Dort gibt es den Aufsatz Frauen-Welten: Die Alpha-Mädchen
„Sie sind pragmatischer als ihre Mütter, sie sind ehrgeiziger, zielstrebiger, gebildeter als die Männer. Sie glauben nicht mehr an die Versorgung durch die Ehe, sondern an den Erfolg. Eine junge Frauengeneration macht sich auf den Weg an die Macht – und lässt die Männer hinter sich.“ (S. 18 ff.)
* Mit dem Suchwort Alpha-Mädchen wird man in den Suchmaschinen fündig.

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3. Christa Wolf hat ausdrücklich begründet, warum sie nicht auf traditionelle Weise erzählt (nämlich um in das Innere des Lesers einzudringen). Eine Verteidigung traditionellen Erzählens bietet ein Aufsatz der Germanistin und Psychologien B. Boothe:

Brigitte Boothe: Erzählen als kulturelle Praxis:
Dies ist geschehen; verstehe, wer kann


Die kulturelle Praxis des Erzählens schafft emotionale Verständigung. Das Fühlen und Denken des anderen wird im Erzählen zugänglich und findet soziale Resonanz. Leiden
findet im Erzählen Teilnahme. Aber es gibt Geschichten im Alltag, die sich dem Verstehen verschliessen. Die Erzählung bleibt liegen und wird zum Manifest einer undurchdringlichen Isolation.

[…]
Die narrative Verlockungsprämie
Wenn jemand von sich erzählt, dann schafft er eine Verlockungsprämie für das Gegenüber, er öffnet sich, um Distanz zu vermindern, reizt mit Persönlichem, er einigt beide in der Verheissung und im Schrecken, die er, die Erzählung startend, als Erfüllungs- und Katastrophenhorizont aufscheinen lässt, lustvolle Wachheit entsteht beim Hörer für die Figuren und deren Aktionsfeld und wie der Held, eben die Ich-Figur, dabei herauskommt. Die Erzählung ist ein gemeinsames erregendes Drittes, durch das Nähe und Gemeinschaft entsteht, das aber auch dekonstruiert und transzendiert wird. Erzählen erreicht das Körperliche und überschreitet das Körperliche. Sprache und Ausdruck, Trieb und Moral, Kultur und Wildnis tun sich zusammen.

Kenntlich werden in Geschichten
Von wem man noch nichts weiß, den bittet man darum, von sich zu erzählen. Das Narrativ ist eine Sozialagentur mit hoher Flexibilität (Gergen & Gergen 1988). Doch nicht nur das: Das Narrativ ist ein Agent des Gefühlslebens. Geschichten lenken den Blick auf die Erscheinungen des Lebens, im Blick auf die einzelne Person und im Blick auf das soziale Kollektiv. Sie tun das als szenisches Geschehen, sprachlich verfertigt, und im engagierten Dabeisein und Mit-Konstruieren des Hörers oder Lesers. Das engagierte Dabeisein ist möglich durch narrative Intelligenz: Sie fügt Ereignisse im Horizont der Erfüllung und der Katastrophe zusammen.
Geschichten verwandeln Menschengekrabbel in eine konzentrierte Dynamik, in ein übersichtliches Spiel. Sie sind auf erregende Weise konfliktsensitiv. Sie sind Sprachspiele, die Erfahrungen eine regelbestimmte Form geben und einen Horizont des Sehens und
Schauens eröffnen. Geschichten affizieren uns. Sie verführen durch Spannung. Sie zielen auf Erfüllung und Scheitern. Die Welt ist dem Erzählenden nicht alles, was der Fall ist, sondern die Welt verwandelt sich zum Schauplatz von Glück und Leid. Leben wird zu Fülle oder Kargheit des Daseins. Die grosse Indifferenz der naturalen Bedingungen verschwindet vor einem Blick, der sagt: Dies ist gut und Dies ist nicht gut. Dies ist wünschenswert und Dies ist hassenswert. Dies ist freundlich und Dies ist bedrohlich. Wer erzählt, präsentiert nicht Sachverhalte auf der Ebene der Information; er verweist vielmehr auf Vorgefallenes, um auszudrücken und vorzuführen, in welcher Weise er sich darin verstrickt erlebt. Die biologischen Notwendigkeiten, Ernährung, Stoffwechsel, Fortpflanzung, Exitus werden transfomiert in Kultur und Geschichte, in Angelegenheiten des Sozial- und Gefühlslebens. Sinn ist nicht etwas, das man irgendwie sucht, sondern Sinn erfüllt uns von Anfang an, es kommt nur darauf an, die Geschichten zu sehen, in denen wir leben.

Merkwürdig
Die Kulturpraxis Erzählen lebt von der Merkwürdigkeit. Man erzählt im Alltag, was wert ist, bemerkt und gemerkt zu werden. Viele können das Gleiche merkwürdig finden, andere machen das scheinbar Bedeutungslose erzählend zur Merkwürdigkeit. Im Erzählprozess wird das Merkwürdige im positiven oder negativen Sinn zum Skandalon oder zur Merk- Würdigkeit (Gülich & Quasthoff 1986). Die Schrecken und Freuden des Alltagslebens erhalten narrative Würde und lassen sich merken, weil sie ins Licht einer Ordnung gerückt werden, die den verstehenden Mit- und Nachvollzug eröffnet. Die Merkwürdigkeit erleidet diesem Würdigungsverfahren das Schicksal aller Selektion: „Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“ oder: Was nicht durchdringt bis zur nachträglichen narrativen Gestaltung, wird runtergeschluckt, das andere wird zur evokativen und expressiven Gestalt im sprach- und bildträchtigen Raum der Kommunikation. Diese nachträglichen evokativen und expressiven Gestalten haben oft noch ihren Ariadnefaden hin in ein Dunkel des psychophysischen Getroffen- und Berührtseins, aber es ist eben nur ein Faden, er verwirrt sich und reisst leicht.
Gestaltung, wird runtergeschluckt, das andere wird zur evokativen und expressiven Gestalt im sprach- und bildträchtigen Raum der Kommunikation. Diese nachträglichen evokativen und expressiven Gestalten haben oft noch ihren Ariadnefaden hin in ein Dunkel des psychophysischen Getroffen- und Berührtseins, aber es ist eben nur ein Faden, er verwirrt sich und reisst leicht.

Sich Finden – Sich Verlieren im Erzählen

Wer von Glück und Unglück erzählt und dies als Skandalon und Merk-Würdigkeit narrativ evoziert, der findet sich wieder in seinen Worten und Bildern, andere verstehen ihn auf der Basis seiner Worte und Bilder, aber „die kulturelle Form der Texte…., in denen man lesen, leben und reisen kann“ ist ein Medium, in dem „man sich selbst verlieren“ kann (Stoellger 1993, S. 47).
Lebenspraktisch entsteht kein Schaden, solange die Erzählkommunikation Figuren, Aktionen, Konflikte aufrufen kann, Identifikationsräume für Leser und Hörer öffnet statt verschliesst und Partizipation ermöglicht, weil Personal und Handlung nach dem Muster von Spielfiguren und Handlungszügen gestaltet sind. Auf diese Weise wirtschaftet die narrative Performanz mit dem Kapital der Lebendigen, eben der imaginativen und emotionalen Investition.
Leiden wird erträglicher, wenn man es erzählen kann. Aber nicht jeder will und kann sein Leid erzählen. Erzählen schafft Nähe und Erregung. Aber es ist nicht immer günstig, Wogen des Mitgefühls rollen zu lassen oder einen Sturm zu entfachen. Nicht jedes Leid
lässt sich erzählen. Nicht jede Katastrophe lässt sich in Sprache bannen (Lucius-Hoene 2002). Merkwürdiges kann sprachlos machen. Am Erlebten kann die Sprache zerfallen.

Wer erzählt, will Resonanz

„Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ Die berühmte Frage von Thomas Nagel (1973) kann man nur mit Keine Ahnung beantworten. Das lebendige Dasein der Fledermaus bleibt undurchdringlich. Wer Fledermaus-Geschichten erzählen will, kann nicht anders: er muss die Tiere den Menschen ähnlich machen. Dann aber spricht er nicht mehr von ihnen, sondern vom Menschendasein. Wer erzählt, will Resonanz. Er will gesehen werden als Individuum und ankommen als unverwechselbare Person. Er hat aber nur Anklang beim andern, wenn er so erzählt, dass dieser sich in seiner Geschichte wiederfindet. So ist jeder Resonanzerfolg einer tua res agitur zu verdanken. Je mehr einer sich durch seine narrative Offerte angenommen und bestätigt fühlen darf, um so eher teilt er sein Bett mit vielen. Wer allein gelassen ist mit seiner Geschichte, ist heimatlos. Er hat keinen Ort, so lange seine Geschichte liegen bleibt. Aber das ist eben oft nicht das Ende. Es kommt vor, dass einer sich der liegengelassenen Geschichte annimmt und sie neu erzählt. Und andere finden sich darin. Etwas Neues entsteht.
[…]
(http://www.psychologie.unizh.ch/klipsa/team/boothe/lehre/ws03/documents/BrigitteBootheErzahlenalskulturellePraxisMaterialzuICH171103, S. 3 f.)
[Einige offensichtliche R-Fehler wurden korrigiert, ansonsten wurde die Schweizer Rechtschreibung beibehalten. N.T.]

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4. Die Liebe spielt in der Erzählung eine bedeutende Rolle; bereits das Motto zitiert den Eros als treibende Kraft.

Ernst Michael Lange: Liebe und Freundschaft
„Der Beziehungsform Liebe sind wir schon unter dem Thema ‚Vorgaben’ begegnet. Ich hatte vorgeschlagen, die Definition von Leibniz – Liebe ist Freude am Glück des anderen – in „Freude am Dasein des anderen“ zu verändern. Das war nicht nur dem Umstand geschuldet, dass es im früheren Zusammenhang um das Mutter-Kind-Verhältnis ging und Frauen, wenn sie Mütter werden, sich erst einmal mit dem Dasein eines von ihnen abhängigen anderen Wesens, das doch zu ihnen gehört, zurechtfinden müssen. Als Freude am Dasein des anderen, die verbunden ist mit dem Bestreben, mit ihm zusammen sein zu können und ihm gut zu tun, ist Liebe zunächst einmal eine Einstellung einer Person gegenüber (einer) anderen. Wenn die Psychoanalyse die seelische Gesundheit darin sieht, dass eine Person arbeits- und liebesfähig ist, dann ist mit Liebesfähigkeit die Fähigkeit zu dieser Einstellung gemeint.
Aber wenn jemand das Glück hat oder hatte, ‚seine große Liebe’ zu finden, dann ist mit Liebe nicht nur die Einstellung (und schon gar nicht ein bloßes Gefühl der Verliebtheit) gemeint, sondern eine soziale Beziehungsform, die sich aus der Wechselseitigkeit der Einstellung der Liebe ergibt. Das Begegnen dieser Wechselseitigkeit ist ein Widerfahrnis. Warum wird dieses Widerfahrnis und damit diese Beziehungsform gemeinhin ersehnt? (Es wäre nicht gerade widersprüchlich, aber merkwürdig zu sagen, sie werde „erstrebt“.)
Die Frage geht auf eine potentielle rationale Erklärung (und damit ein Erklärungsschema), in deren Licht die Beziehungsform und ihre Rolle in unserer Erfahrung besser verstehbar sind. Das Problem ist zu verstehen, wie ein handlungsfähiges Wesen etwas suchen kann, was zentral ein Widerfahrnis ist, also seiner Handlungsfähigkeit entgegensteht. Deshalb ist der Schlüssel zum aufzuklärenden Phänomen hier nicht die eigene Einstellung der Person dem anderen gegenüber, sondern ihre Erfahrung der Einstellung des Gegenübers zu ihr. Aus der Verschränkung der Einstellungen beider Partner (Freude am Dasein des jeweils anderen) und ihrer Erfahrungen der Einstellung des anderen (‚ich bin Gegenstand der Freude des anderen’) ergibt sich die Wechselseitigkeit der Einstellungen; und aus der Wahrnehmung der Wechselseitigkeit die Stabilisierung der Beziehungsform: Jeder weiß von sich selbst und vom anderen und damit von der beide verknüpfenden Beziehung und kann daher ‚wir lieben uns’ sagen.
In seinen Spekulationen zur Triebtheorie weist Freud77 auf die Lobrede des Aristophanes auf Eros in Platons Symposion hin, wonach sich der Trieb zur Vereinigung mit seinem jeweils anderen aus der Zerreißung einer ursprünglichen Einheit als Trieb zur Rückkehr in dieselbe ergebe. Psychoanalytische Spekulationen haben an Derartiges den Gedanken einer symbolischen Rückkehr in den Mutterschoß geknüpft. Theorien dieses Typs geben nicht die gesuchte rationale Erklärung. Ich schlage gegen solche ursprungsmythischen Scheinerklärungen vor, die Stabilität der Beziehungsform Liebe in der Koinzidenz von homologen Strukturen auf leiblicher und psychischer Ebene zu sehen.
Zunächst ist der sexuelle Trieb während langer Zeit nach der Pubertät eine beherrschende Antriebskraft. Er geht elementar auf abreagierende Entspannung durch plötzliche78 Auflösung eines in rhythmischer Bewegung erzeugten Lustkrampfes (und ist daher auch allein zu befriedigen), findet aber genussreichere Erfüllung erst mit einem Sexualpartner. Die wechselseitige Befriedigung dieses Triebes gibt eine leibliche Erfüllung des anerkannt werden, angenommen werden Wollens als ganze Person. Als psychische Personen aber sind wir als uns selbst bewertende Lebewesen auf eine genaues psychisches Analogon der Erfüllung in der leiblichen Vereinigung gerichtet – wir wollen nicht nur unserer Fähigkeiten wegen und nach von anderen an uns herangetragenen Hinsichten, sondern als ganze Person (bewertet und) angenommen werden. Und die leibliche Vereinigung in ihrer gelungensten Form überbietet die psychische sogar darin, dass sie im Orgasmus das Bewusstsein leiblicher Getrenntheit für einen Augenblick aufgehoben sein lässt. Ich denke, dass diese Sicht des Sachverhalts das Neue Testament von Liebenden sagen lässt, sie seien „ein Fleisch“ (– religiös soll das natürlich nur in heterosexueller Ehe möglich sein). Und diese momentane Überbietung möglicher psychischer Vereinigung lässt einerseits ihre Wiederholbarkeit79 und damit die Stabilisierung der Beziehungsform, in der sie möglich ist, wünschen, und begründet andererseits, wie der katholische Philosoph Spaemann realistisch anerkannt hat, dass „der Akt der geschlechtlichen Vereinigung … allen Glücksvorstellungen als Paradigma zugrunde liegt.“80
[…]
Freundschaft lässt sich vor diesem Hintergrund als eine Beziehungsform verstehen, die gleichfalls durch die wechselseitige Anerkennung der ganzen Person der Freunde gekennzeichnet ist, in der aber das bei Geschlechtsverhältnissen die Integrationsaufgabe bedingende Moment der Begierde (des Geschlechtstriebs) fehlt, so dass das Verhältnis einen größeren Grad der Unabhängigkeit der Partner voneinander zu- und bestehen lässt. Personen, denen die Öffnung gegenüber anderen Personen auf der Ebene des Geschlechts aus psychischen oder anderen Gründen nicht möglich ist, suchen gemeinhin in der Einbettung in einem größeren engen Freundeskreis ein Äquivalent für die zentralen Funktionen, die diese Dimension für das Personsein bildet.
Wenn unter den Lebensthemen, an denen sich der Sinn eines Lebens bildet, hier Liebe und Freundschaft vor viele andere sachliche Vorgegebenheiten gestellt werden, dann weil ich nahe legen möchte, dass wir in ihnen das Gravitationszentrum unserer Erfahrung sozialer Beziehungen haben – alle anderen messen wir am Abstand zu diesen, die für unser Selbstverhältnis zentral sind.“

77 Jenseits des Lustprinzips (1920) Abschnitt VI, Studienausgabe Bd. III, S. 266. – Bei Platon (vgl. Symposion 189 d – 193 d) ) ist das jeweils andere nicht eo ipso das andere Geschlecht; das ist es nur beim ursprünglich (androgynen) dritten Geschlecht; Aristophanes nimmt drei ursprüngliche Geschlechtstypen an, die in Doppelindividuen realisiert waren, welche dann von Zeus geteilt wurden und daher nach ihrer Wiedervereinigung streben.
78 Wenn man lernt, dass das Plötzliche für antike religiöse Erfahrung die vornehmliche Erscheinungsform des Göttlichen war, bekommt man eine Ahnung von der Erfahrungsbasis von Redeweisen, die uns fremd geworden sind. Vgl. M. Theunissen: Pindar. Menschenlos und Wende der Zeit. München 2000, S. 399- 441.
79 Das betont schon Sokrates im Symposion, wenn er Eros als das Verlangen, das Gute immer zu haben, erklärt (204 d ff.).
80 Glück und Wohlwollen – Versuch über Ethik, Stuttgart 1989, S. 88. Die paradigmatische Stellung einer Erfahrung der Plötzlichkeit für unsere Glücksvorstellung ist übrigens der Grund, nicht mit „Glück“ als formalem Begriff für die Verstehensorientierung menschlichen Lebens zu operieren (die Vorstellung eines ununterbrochen dauernden Orgasmus dürfte doch eher schrecklich sein), sondern mit „Sinn“. Damit ist eine Orientierung ins Auge gefasst, die Raum hat für Glück und Unglück und die ein Muster der gesamten Erfahrung stiftet, die beides lebbar sein lässt.
Lange, Ernst Michael: Das Verstandene Leben. Nachmetaphysische Lebensphilosophie: Vorschläge und Kritik (pdf-Datei, korrigierte Fassung 2007, S. 52-54)

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