Zur Gestalt des Fuchses in der Fabel

Auf den Fuchs komme ich deshalb, weil der Herr in vielen Fabeln auftritt. Am Fuchs wollen wir eine verbreitete Auffassung über die Tiergestalten untersuchen:
„Tierfabeln sind Fabeln, in denen Tiere wie Menschen handeln und menschliche Eigenschaften haben. (…) Diese Tiere haben meist Eigenschaften, die sich in fast allen Fabeln gleichen. Der Fuchs ist dort der Schlaue, Listige, der nur auf seinen Vorteil bedacht ist.“ So heißt es in der wikipedia (15. Mai 2008). Schauen wir auf ein paar Beispiele, dann sehen wir, wie vorsichtig man mit allgemeinen Aussagen bei Fabeln sein muss.

Der Fuchs und der Löwe
Ein Fuchs, der noch nie einen Löwen gesehen hatte, begegnete einst einem durch Zufall, und da er seiner gewahr wurde, erschrak er derart, dass er meinte, er müsse sterben. Als er ihm aber zum zweiten Mal in den Weg lief, fürchtete er sich wohl noch, aber nicht mehr so heftig wie beim ersten. Beim dritten Mal gar schwoll ihm so sehr der Mut, dass er herzutrat und mit dem Löwen redete.
Die Fabel zeigt, dass die Gewohnheit auch dem Furchterregenden seinen Schrecken nimmt. (Äsop)

Was zeigt dieses Beispiel? Hier könnte der Fuchs durch jedes beliebige Tier ersetzt werden: Es ist keine Fabel vom Fuchs, sondern eine von der Gewohnheit. – Anders ist es beim Fuchs und dem Ziegenbock – man muss schon schlau oder listig sein, um sich auf Kosten des dummen Bocks zu retten:

Der Fuchs und der Bock
Ein Bock und ein Fuchs gingen in der größten Hitze miteinander über die Felder und fanden, von Durst gequält, endlich einen Brunnen, jedoch kein Gefäß zum Wasserschöpfen. Ohne sich lange zu bedenken, sprangen sie, der Bock voraus, hinunter und stillten ihren Durst. Nun erst begann der Bock umherzuschauen, wie er wieder herauskommen könnte. Der Fuchs beruhigte ihn und sagte: „Sei guten Muts, Freund, noch weiß ich Rat, der uns beide retten kann! Stelle dich auf deine Hinterbeine, stemme die vorderen gegen die Wand und recke den Kopf recht in die Höhe, dass die Hörner ganz aufliegen, so kann ich leicht von deinem Rücken hinausspringen und auch dich retten!“
Der Bock tat dies alles ganz willig. Mit einem Sprung war der Fuchs gerettet und verspottete nun den Bock voll Schadenfreude, der ihn hingegen mit Recht der Treulosigkeit beschuldigte. Endlich nahm der Fuchs Abschied und sagte: „Ich sehe schlechterdings keinen Ausweg zu deiner Rettung, mein Freund! Höre aber zum Dank meine Ansicht: Hättest du so viel Verstand gehabt wie Haare im Bart, so wärest du nie in diesen Brunnen gestiegen, ohne auch vorher zu bedenken, wie du wieder herauskommen könntest!“
Vorgetan und nachbedacht, hat manchen in groß Leid gebracht!
(Äsop)

In dieser Version befriedigt die Antwort des Fuchses nicht ganz; denn er ist ja selbst in den Brunnen gesprungen, „ohne sich lange zu bedenken“; also muss es auch eine Version geben, in der der Fuchs unverschuldet in den Brunnen gelangt ist, während der Ziegenbock durch Blödheit hineingerät:

Der Fuchs und der Bock
Der Fuchs war in einen Brunnen gefallen und musste notgedrungen darin bleiben, da er nicht wusste, wie er hinaufsteigen sollte. Ein Bock aber, der Durst litt, kam zufällig zu diesem Brunnen; er sah den Fuchs und fragte ihn, ob das Wasser gut sei. Der Fuchs, erfreut über dieses Zusammentreffen, erging sich in breiten Lobreden über die Vortrefflichkeit des Wassers und riet dem Bock, ebenfalls hinabzusteigen. Und der sprang auch ohne weiteres Überlegen hinunter, weil er nur an seinen Durst dachte.
Als er nun, nachdem er den Durst gelöscht hatte, mit dem Fuchs die Rückkehr überlegte, sagte dieser: …
(Antike Fabeln, hrsg. von Johannes Irmscher, 1999, S. 16 f.)

Wir haben hier eine Schar von Erzählungen vor uns, die in der „Enzyklopädie des Märchens“ unter dem Stichwort „Rettung aus dem Brunnen“ gebündelt werden:
„In einem Brunnen ist ein Tier (oft Fuchs) gefangen, welches sich durch die (meist listig provozierten) Handlungen anderer Tiere oder Menschen befreien kann:
(1) Das gefangene Tier entkommt, indem es ein anderes hereinlockt und über dessen Rücken herausspringt.
(2) Das in einem Ziehbrunnen gefangene Tier entkommt, indem es ein anderes (meist Wolf) in einen Eimer lockt, der nach unten fährt und das gefangene Tier im anderen Eimer nach oben zieht.“ [so z.B. in Petrus Alfonsi: Discilina clericalis, XXIII. Exempel]
Daneben gibt es zwei weitere Varianten, die uns jetzt nicht interessieren.

Es gibt jedoch auch Fabeln, wo der Fuchs ausgesprochen dumm ist und wo seine „List“ fehlschlägt. Hier ist eine alte Fabel, von Susanne Staudinger in Versform gebracht:

Der Fuchs ohne Schwanz

Zwar kam er aus der Falle frei,
doch büßte er den Schwanz dabei.
Das grämte den Fuchs gar zu sehr.
„Oh, welche Schande!“, klagte er.

Plötzlich ließ er das Klagen sein,
ihm fiel auf einmal etwas ein,
er rief den andern Füchsen zu:
„Geht alle so, wie ich es tu!

Schwanzlos zeigt sich der Herr von Welt,
wenn er durchstreift Wald, Flur und Feld,
wenn er durchwandert sein Revier,
schwanzlos ist das moderne Tier!“

Die Artgenossen saßen stumm
um ihn und sein Tamtam herum.
Grad strich den Vorteil er heraus:
Es sähe einfach besser aus,

man fühle sich so leicht und frei,
kein lästiges Gewicht mehr sei
ein Hindernis bei Sport und Spiel…
Dem klügsten Fuchs war das zuviel!

Er lachte nur und sagte bloß:
„Wärst du den eignen Schwanz nicht los,
käm dir gewiss nicht in den Sinn,
zu fordern ‚Gebt die Schwänze hin!’“

Eine andere Fabel zeigt, wie der listige Fuchs sich auf seine Listigkeit etwas einbildet und damit baden geht:

Der Fuchs und das Eichhörnchen
Eines Tages begegnete das Eichhörnchen einem Fuchs. Höflich und anständig grüßte es ihn mit den Worten: „Guten Tag und viel Glück, lieber Vetter!“ „Der Teufel soll dein Vetter sein!“ gab der Fuchs zur Antwort. „Ich habe keinen so elenden Fegewisch in meiner Verwandtschaft! Wer bist du überhaupt und was beherrschst du für eine Kunst?“ Bescheiden sagte hierauf das Eichhörnchen: „Viel kann ich nicht; aber wenn mich einer fangen will, so erwischt er mich nicht! Ich kann nämlich bis in die Spitze des höchsten Baumes klettern!“ „Was soll das schon sein?“ versetzte geringschätzig der Fuchs, „ich habe immer einen ganzen Sack voll Künste bei mir!“ Da gewahrten sie beide den Jäger mit seinen Hunden, der auf der Jagd durch den Wald schweifte. Das Eichhörnchen machte einen kleinen Satz, kletterte auf einen nahen Baum und versteckte sich ganz oben im Geäst. Den Fuchs aber fingen die Hunde. Da rief ihm das Eichhörnchen von seinem Versteck aus zu: „Schnell, Herr Vetter, macht den Sack auf und holt eine Kunst heraus, sonst beißen Euch die Hunde!“ Darauf konnte der Fuchs aber schon nicht mehr antworten, denn die Hunde hatten ihn schon mausetot gebissen. (Armenisches Märchen)

Es gibt eine weitere Fabel von Fuchs und Eichhörnchen, in der der listige Fuchs zweiter Sieger ist:

Das Tischgebet
Ein hungriger Fuchs schlich einmal durch den Wald und sah ein junges Eichhörnchen von Ast zu Ast springen. Aus Erfahrung wusste er, dass sich diese Tiere nur durch eine List fangen lassen. Da sagte er zu ihm: „Gib nicht so an! Dein Vater war ein besserer Springer. Der musste beim Springen nicht einmal die Augen öffnen!“ Daraufhin schloss das Eichhörnchen die Augen, sprang los, verfehlte aber den Ast und stürzte auf die Erde, direkt vor die Nase des Fuchses. Der packte es mit dem Pfoten, aber bevor er es verschlingen konnte, sagte das Eichhörnchen vorwurfsvoll: „Weißt du auch, dass die Füchse früher viel besser erzogen waren als du? Bevor man zu fressen begann, wurde gebetet!“ Der Fuchs erwiderte: „Was mein Vater getan hat, will auch ich machen.“ Er legte seine Beute auf den Waldboden und fing zu beten an. Als er fertig war, wollte er das Eichhörnchen in aller Ruhe fressen, doch dieses saß längst auf einem Baum und verspottete den Fuchs. Der Fuchs sagte verärgert zum Eichhörnchen: „Wenn ich dich noch einmal erwische, werde ich dich zuerst fressen. Gott dem Herrn kann ich auch nach der Mahlzeit danken.“
(nach Montanus)

Fazit: Oft ist der Fuchs der Listige; aber Klugheit ist relativ zur Dummheit anderer – und es kommt darauf an, ob es darum geht, sich durch List zu retten, oder ob es darum geht, vor dem Hintergrund der eigenen Überlegenheit ein ausgesprochen dummes Verhalten zu entlarven. Wenn man diese Unterscheidung versteht, kann man die Fabel vom Fuchs und Raben richtig einordnen; denn da ist weniger der Fuchs klug als vielmehr der Rabe ausgesprochen dumm. Schließlich kann auch der Listige sich seiner Fähigkeiten zu sicher sein (vgl. Hase und Schildkröte!), dann werden ihm seine Grenzen aufgezeigt.

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