Toulmin – Goodfield: Modelle des Kosmos – kurze Besprechung

Das Wort vom Paradigmenwechsel ist längst ein Schlagwort geworden, um eine wichtige Veränderung zu bezeichnen; dabei ist es von Thomas S. Kuhn eingeführt worden, um entscheidende Veränderungen in der Wissenschaftsgeschichte zu bezeichen bzw. zu erklären (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Paradigmenwechsel bzw. T. S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976; Übersetzung von The Structure of Scientific Revolutions, 1962).

Gegen Kuhns Auffassung von der Bedeutung wissenschaftlicher Revolutionen steht die in drei Büchern entfaltete Sicht Stephen Toulmins und June Goodfields, von denen ich gerade das erste mit großer Begeisterung wieder gelesen habe: Modelle des Kosmos, München 1970 (The Fabric of the Heavens, London 1961); die beiden folgenden Bände sind „Materie und Leben“, München 1970 (The Architecture of Matter, 1966) und „Entdeckung der Zeit“, München 1970 (The Discovery of Time, 1965). Toulmin/Goodfield zeigen gerade die Kontinuität der Forschung und Lehre und reflektieren, welche Bedeutung eine Lehrtradition für Bestand und Entwicklung einer Wissenschaft hat (S. 69 ff.). – „Modelle des Kosmos“ ist von Andreas Jaffé in ein gut lesbares Deutsch übersetzt worden; man merkt den Autoren an, dass sie in der angloamerikanischen Tradition lebendiger Wissenschaftsdarstellung stehen: anschaulich, kompetent, einfach und klar.

Toulmin und Goodfield stellen in „Modelle des Kosmos“ einmal die Geschichte der astronomischen Theorien bzw. ihrer Vorformen dar: die hervorragenden Beobachtungen und Vorhersagen babylonischer Forscher sowie die bei den Griechen einsetzende spekulative Erklärung des Sonnensystems und der Himmelsmechanik, die in Newton einen großartigen Vollender gefunden hat; erst die Verbindung von genauer Beobachtung und spekulativer Erklärung ergibt Wissenschaft in unserem Sinn. Toulmin/Goodfield zeigen dabei nicht nur die vielen kleinen Veränderungen, welche im Lauf der Zeit eingetreten sind; sie interpretieren sie auch aus der Sicht der jeweiligen zeitgenössischen Theorie und widerlegen so die Legenden von den großen Wissenschaftsheroen Kopernikus, Galilei und Newton, welche sich über die dumpfe Masse ihrer Zeitgenossen erhoben hätten. Zugleich reflektieren sie, welche wissenschaftliche Bedeutung die Arbeitsweise der Forscher jeweils gehabt hat – die Darstellung der Wissenschaftsgeschichte ist also von wissenschaftstheoretischen Fragestellungen begleitet, wenn nicht inspiriert.

„Modelle des Kosmos“ ist ein altes Buch, das zu lesen heute noch lohnt.

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