Céline: Reise ans Ende der Nacht – Besprechung

Auf Célines Roman bin ich in einem Interview George Steiners in der NZZ gestoßen: „Es gibt meines Erachtens drei Romane, die unsere jetzige Welt gestalten: «Die Blechtrommel» von Grass, «Kinder der Mitternacht» von Rushdie [richtig lautet der deutsche Titel «Mitternachtskinder»!] und «Hundert Jahre Einsamkeit» von Márquez. Alle drei sind eine Fussnote zur «Reise ans Ende der Nacht» von Louis Ferdinand Céline, dem furchtbarsten Pro-Nazi, den es je gegeben hat.“ Ich kannte den Namen Céline, aber nicht den Roman; nachdem ich den Roman gelesen habe, stimme ich Steiner nicht ganz zu. „Reise ans Ende der Nacht“ ist ein großer Roman, aber meines Erachtens nicht der bedeutendste des 20. Jahrhunderts. Zu den vier von Steiner genannten Romanen muss man mindestens noch „Der Prozess“ und „Der Mann ohne Eigenschaften“ hinzuzählen – aber solche Listen sind ohnehin nicht viel wert. Ich beziehe mich auf die neue Übersetzung Hinrich Schmidt-Henkels (Rowohlt Verlag 2003, rororo 23658 seit 2004). – Bei der Lektüre habe ich ein neues Wort kennengelernt, „miefern“, das in keinem Wörterbuch zu finden ist, aber im Internet eine Menge Belege hat (etwa: winselnd jaulen, jedenfalls miefern Hunde).

Erzählt werden Ferdinand Bardamus Erlebnisse im Ersten Weltkrieg, in einer französischen Kolonie, in Amerika, schließlich in einem armen Vorort von Paris und in Südfrankreich; das erzählte Geschehen dauert vielleicht 15 Jahre. Célines Roman kommt mit ganz wenigen Figuren aus, die der Ich-Erzähler Ferdinand Bardamu immer wieder trifft, um die herum sich die Ereignisse abspielen und an welche die Reflexionen des Erzählers sich anschließen. Die zeitliche Abfolge spielt eigentlich keine große Rolle, es wird einfach weitererzählt; mit Bardamus Medizinstudium werden zum Beispiel mehrere Jahre übersprungen. Das Geschehen beginnt 1914 mit dem 1. Weltkrieg, irgendwann ist 1928 (S. 458), irgendwann sind 15 Jahre vergangen (S. 627). Die Welt ist zum Kotzen, das ist Bardamus Fazit. Alles verliert in seinen Reflexionen den handelsüblichen Wert: das Vaterland, die Arbeit, die Familie, die Liebe. „Wenn ich heute an all die Verrückten zurückdenke, denen ich beim alten Baryton begegnet bin, dann muss ich doch sehr daran zweifeln, dass es andere wahre Äußerungen unseres inneren Wesens gibt als Krieg und Krankheit, diese beiden nicht enden wollenden Albträume.“ (S. 544)

Ein Roman von 650 Seiten ist schwer in einer Besprechung zu erfassen. Ich nenne dafür einige Links und versuche den Titel zu erklären: „Reise ans Ende der Nacht“; der erste Hinweis auf den Titel taucht in einer Überlegung Ferdinands auf, die er anstellt, als Lola ihn abschieben will; wenn man immer so vor die Tür gesetzt werde, „findest du sicher irgendwann heraus, was es ist, wovor sie alle Angst haben, all diese Mistkerle, denn das sind sie, vor dieser Sache, die am Ende der Nacht zu finden sein muss. Deswegen trauen sie sich da ja alle nicht hin, ans Ende der Nacht“! (s. 291) Am Ende der Nacht ist der Tod zu finden, so vereinfache ich das Ergebnis meiner Lektüre.

Ein zweiter Hinweis, ebenfalls in einer Überlegung Ferdinands, als zu befürchten ist, dass Robinsons Mordversuch auffliegt: Er habe nichts mehr dagegen, „dass wir uns alle miteinander immer tiefer und tiefer in die Nacht hineintreiben ließen“ (S. 434 f.) Auf diesen Weg begibt sich auch der Ortspfarrer, der Curé. „Wir würden gemeinsam ans Ende gelangen, und dann würden wir erfahren, was wir in diesem Abenteuer gesucht hatten. Das ist das Leben, ein bisschen Licht, das in der Nacht verlischt.“ (S. 445)

Baryton, der Leiter der Irrenanstalt, bricht aus seinem Leben aus und begibt sich auf eine große Reise – hier ist das Motiv der Reise ohne den Zielort „Ende der Nacht“ zu finden (S. 556 und 571 ff.).

Ferdinand vergleicht sich einmal mit der Schwiegertochter Henrouille, die ihre Schwiegermutter umbringen lassen wollte und die ihn trotz ihrer Gemeinheit nicht verstehen könne. „Um weiter zu gehen als die anderen, braucht man auch Herz und Wissen … Man steigt im Leben nicht auf, man steigt hinab. Sie konnte nicht weiter. Konnte nicht bis dahin runter, wo ich war … Um mich herum war zu viel Nacht für sie.“ (S. 604 f.) Und als er den schlafenden Bézin nicht geweckt hat, sondern allein lässt und zur Anstalt zurückgeht, ist er traurig, weil ihn die vertrauten Menschen und Häuser nichts mehr angehen, „und dass ich zwar listig dreinschaute, schon möglich, aber wohl selber auch nicht mehr genug Kraft hatte, das spürte ich gut, um noch weit zu gehen, so ganz allein, wie ich war“ (S. 606)

Als der tote Robinson weggetragen wird, bleibt Ferdinand etwas hinter den anderen zurück und zieht die Bilanz seines Lebens. „Mein Herumgestreune war jetzt vorbei. Jetzt mussten andere ran! … Die Welt war verschlossen! Am Ende waren wir angelangt!“ (S. 652)

Inhalt

http://www.dieterwunderlich.de/Celine_reise.htm (das Geschehen der zweiten Hälfte, also v.a. die Arbeit in der Irrenanstalt, wird zu knapp berichtet)

http://www.freitag.de/2005/24/05241402.php (Biografie, Inhalt und Bedeutung)

http://sarah-krampl.suite101.de/reise-ans-ende-der-nacht–ein-roman-von-louis-ferdinand-celine-a97613 (Inhalt und Bedeutung)

Bedeutung

http://de.wikipedia.org/wiki/Reise_ans_Ende_der_Nacht (sehr knapp)

http://www.herrenzimmer.de/2008/03/03/die-reise-ans-ende-der-nacht-zum-inhalt-und-zur-rezeptionsgeschichte/ (mit einigen Zitaten)

http://zwischenrufe.org/forum/topic.php?id=1292 (Bedeutung und Biografie; das Buch ist in der Rubrik „Vergessene Bücher“ zweimal besprochen, die ganze Rubrik ist interessant!)

http://www.ikonenmagazin.de/rezension/Celine.htm (Bedeutung, Inhalt)

http://www.perlentaucher.de/buch/13480.html (Überblick: Rezensionen)

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/165892/ (neue vs. alte Übersetzung)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7021 (zur Neuübersetzung)

Céline

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43365099.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Louis-Ferdinand_C%C3%A9line

Unter dem französischen Titel Voyage au bout de la nuit findet man natürlich mehr Links bzw. Literatur.

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