Brecht: Herr Puntila und sein Knecht Matti – Analysen

(Ausgabe: es 105)

Zum Verhältnis von Herr und Knecht
1. Sachlich
wird das Verhältnis Puntilas und Mattis als „Herr – Knecht“ festgelegt. Dieses Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft gibt es seit Jahrtausenden; es ist umstritten.
a) Herrschaft wird mit vielerlei Gründen als notwendig, sinnvoll und berechtigt verteidigt (von Platon bis zu Diederich Heßling).
b) Sie wird bekämpft, um Knechtschaft aufzuheben:
In der christlichen Religion gelten alle Menschen als wesentlich vor Gott dem Schöpfer gleich. Im Namen Jesu wird ausdrücklich eine Gleichheit der Menschen, damit die Aufhebung der Unterschiede und Ränge gelehrt (Mt 23,8 ff.: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen…“); es werden daraus aber keine politischen Konsequenzen gezogen, weil zumindest anfangs das baldige Ende der Welt erwartet wurde („Brüder, jeder soll vor Gott in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat. (…) denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ 1 Kor 7,24 ff.)
In der bürgerlichen Revolution wird vor allem eine rechtliche Gleichheit der Menschen, damit das Ende von Sklaverei, Knechtschaft und Leibeigenschaft gefordert und prinzipiell durchgesetzt.
In allen „links“ orientierten Utopien wird darüber hinaus die soziale Gleichheit der Menschen gefordert; nur der gemeinsame Besitz der Produktionsmittel (Land, Fabriken) und der allgemeine Zugang zur Bildung garantiere wirkliche Gleichheit (Karl Marx u.a.).
2. Literarisch
ist in Diderots großem Roman „Jacques le fataliste et son maitre“ („Jakob, der Fatalist, und sein Herr“; auch „Jakob und sein Herr“) das Thema ironisch durchgespielt; Hegel hat sich darauf bezogen, als er über Herrschaft und Knechtschaft nachdachte.
3. Brecht
hat seit rund 1930 kommunistische („linke“) Auffassungen vertreten.
Die Frage ist, ob und wie er diese Auffassung in „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ als einem „Volksstück“ (s. Wb!) durchspielt: Herr Puntila, der Gutsbesitzer, verbündet mit den Repräsentanten der Kirche und des Staates, welche seine Herrschaft als im Rahmen der Gesetze und im Namen Gottes gut legitimieren, also auch absichern, und alles „Rote“ bekämpfen, wird in betrunkenem Zustand „menschlich“ und möchte mit Matti brüderlich alles teilen (sozusagen urchristlich); Matti, der kluge Knecht, wissend, dass Puntila wieder nüchtern wird, dann die Gesetze auf seiner Seite hat und zu nutzen versteht, lehnt die Schnaps-Verbrüderung ab und spielt mit Eva durch, ob eine Heirat, also eine erotisch-sexuell-rechtliche Verbrüderung möglich ist, sich dabei auf vielerlei Erfahrungen (Geschichten) berufend.
Der Zuschauer kann sich selber ein Urteil erlauben: episches Theater.

Herr Puntila… – zeitliche Abfolge der Bilder
(Seitenzählung nach der Ausgabe es 105)
Bild 1: im Parkhotel von Tavasthus – an einem Samstag (sagt der Ober, S. 9)
Bild 2: auf dem Gut Kurgela – Nacht (Attaché geht zu Bett, S. 18; vgl. auch S. 21 ff.)
Bild 3: im Dorf – früher Morgen (Regieanweisung S. 26 – Morgen danach, vgl. S. 23: Puntila in der Nacht „ab“)
Bild 4: Gesindemarkt auf dem Dorfplatz von Lammi – Datum unbestimmt (S. 35)
Bild 5: auf Gut Puntila – Vormittag danach (S. 44 und die Figuren)
Bild 6: Gutsküche auf Puntila – Abend (S. 63 – wohl des gleichen Tages = Samstag)
Bild 7: Hof auf Puntila – Sonntag Morgen (S. 72 – am nächsten Tag: offenbar Tag der Verlobung) – Anschluss an Bild 3
Bild 8: Distriktstraße – Abend: die Frauen auf dem Heimweg (Sonntag, S. 84)
Bild 9: Esszimmer auf Gut Puntila – Sonntagabend (wegen Tanz, Essen): parallel 8 – Anschluss an Bild 2, 5 und 6
Bild 10: im Hof des Gutes – Nacht (Sonntag/Montag, S. 112)
Bild 11: Bibliothekszimmer auf Gut Puntila – offenbar Montag Vormittag (Kater vom Sonntag, S. 113; Besuch des Probstes und des Advokats) / später: Nacht (vgl. Mattis Äußerung S. 129)
Bild 12: Hof auf Puntila – früher Morgen (des nächsten Tages, S. 129)
Wenn man jetzt noch schön notiert, welche Personen auftreten und was geschieht, hat man einen ersten guten Überblick über das Stück. 

Versuch eines ersten Zugangs über Bild [1] bis [4]
Ich empfehle Schülern den Kommentar von Siegfried Mews (Diesterweg, 3. Aufl. 1989) sowie die Artikel zu „Herr Puntila…” und „Der gute Mensch von Sezuan” in: Hauptwerke der dt. Literatur, Bd. 2 (Auszug aus Kindlers Neues Literatur Lexikon, 1994).

Brecht vertritt (als Kommunist) die Auffassung, dass die Arbeiter von der herrschenden Klasse ausgebeutet werden, dass also die Gesellschaft eine Klassengesellschaft ist und dass im revolutionären Klassenkampf das Proletariat seine Freiheit erkämpfen muss.
Wesentlich ist nun die Einsicht, dass man in den Äußerungen der Figuren nicht einfach Brechts Meinung vor sich hat, sondern die der Figuren. Zu fragen ist, wie das Auftreten, Agieren und Zusammenspiel der Figuren zu verstehen ist. – Informiere dich über „episches Theater“ (im Lehrbuch Texte, Themen und Strukuren S. 166 – 168, 171 vs. 170; evtl. S. 160 – 165)!

Ich schlage vor, von dem Widerspruch zwischen Puntila und Matti auf dem Gesindemarkt auszugehen:
P.: „Aber ihr seid Menschen”, und die soll man nicht auf dem Markt handeln (kaufen – verkaufen);
M.: „Erlaubens, Her Puntila, Sie haben nicht recht. Die brauchen Arbeit”, und der Markt „ist immer ein Markt” (S. 40).
Wie wird dieser Widerspruch in Bild [4] durchgespielt?
Wie hängt er mit dem Widerspruch zwischen dem, was Puntila gern täte (S. 11, 15, 17), und dem, was er tut, zusammen?
Wie hängt er mit dem Dilemma, in das Puntila durch die Frage des Geldes gestürzt wird (S. 16 f.), zusammen?
Wie zeigt er sich in der Einschätzung des Attachés durch Eva?
Wie zeigt er sich im Unterschied zwischen Puntilas Umgang mit Frauen und Evas Umgang mit Männern?
Wie zeigt er sich in Puntilas Umgang mit den Gesetzen?
Wie zeigt er sich in der Doppelung Puntilas als betrunkener und nüchterner Herr (Matti als „Chauffeur” vs. „Mensch”)?
Zum Verständnis der vier Bilder sind folgende Aspekte zu beachten:
1. die vielen Bibelziate oder -anspielungen:
„der Geist ist willig” (S. 8 – Mk 14,38);
„ich… wandle auf dem Aquavit” (S. 9 – Mt 14,22 ff.);
„dem Puntila gibst…” (S. 15 – Mk 12,17);
„ich erinner an den verlorenen Sohn” (S. 22 – Luk 15);
„Du… ehrst deinen Vater und Mutter” (S. 23 – Ex 20,12);
„die törichte Jungfrau” (S. 23 – Mt 25,1 ff.);
„Heb dich hinweg, Weib!” (S. 27 – Mt 4,10; Mk 8,33);
„daß du nicht einmal gewacht hast” (S. 35 – Mt 26,40);
„Du hast mich wenig begriffen” (S. 42 – Joh 14,9):
„Matti, du Kleingläubiger” (S. 44 . Mt 14,31) und andere
sowie das Caesar-Zitat „Auch du, Brutus” (S. 17);
2. das Pflaumenlied (S. 28-34);
3. die Geschichten, die Matti erzählt (S. 14 f.; 24, 24, 25, 36);
4. die zahlreichen offenen Widersprüche und Ungereimtheiten, wie zum Beispiel: Puntila bestellt einen Freitag (S. 9); ein Chauffeur ist kein Mensch (S. 10); mein Freund – Nein – Ich dank dir (S. 12); „sternhagelnüchtern” (S. 12) usw.
Insgesamt muss man hier die Technik der -> Verfremdung kennen!

Kurzanalyse S. 19-25
In Bild 1 hat Puntila in betrunkenem Zustand seinen Knecht Matti als Menschen nach fünf Wochen erstmals wahrgenommen; wie bereits angekündigt (S. 15), fährt er mit ihm und dem Richter zur geplanten Verlobung seiner Tochter Eva nach Kurgela.
In Bild 2 erscheinen zu Beginn Eva und der Attaché, dieser als „schläfrig“ (Regieanweisung S. 18). Damit ist das Objekt eingeführt, um das sich wesentlich die Gespräche drehen. Eva will anscheinend die Verlobung schnell hinter sich bringen; Matti will anscheinend selber nichts – er ist Diener und reagiert auf die Befehle seines Herrn und dessen Tochter, wobei er versucht, an Schmitz‘ Backes vorbeizukommen. Im ersten Gesprächsabschnitt verteidigt Puntila sich zunächst gegen Evas Vorwurf, sie habe lange auf ihn gewartet (S. 19); er seinerseits sorgt sich um den Schnaps, den er mitgebracht hat und von dem er noch trinken möchte (S. 19). Eva begründet ihre Klage damit, dass sie sich gelangweilt habe (S. 19). Puntila versteht das auch als Klage über den Attaché und rät ihr zu Matti: „Mit dem unterhält sich jede.“ (S. 20). Eva geniert sich als Herrentochter, in Gegenwart des Knechtes dieses Thema zu besprechen, und redet sich zweimal heraus: Sie zweifle nur, ob sie sich mit dem Attaché unter-halten könne (S. 20). Puntila verliert die Auseinandersetzung mit Eva: Er bekommt weder eine Frau noch Schnaps; auf der Ebene des Herren-Denkens sind seiner Genusssucht Grenzen gesetzt. Matti muss den Koffer mit Schnaps wegtragen (S. 22).
Im Gespräch mit dem Richter beklagt Puntila seine Lage und bricht voll Selbstbewusstsein („Ich werd dir zeigen“) auf, sich Schnaps und Frauen zu besorgen (S. 23); der Richter geht zu Bett und nennt noch einmal das dieses Bild bestimmende Stichwort „Glück“: Puntila habe immer Glück (S. 23; auch Puntila selbst sagt es, S. 20 – dagegen ist Eva mit einem langweiligen Mann nicht glücklich, S. 19 f.).
Es folgt ein Dialog zwischen Eva und Matti; im Pronomen „wir“ (S. 23) gibt Eva verschleiert eine Anweisung an Matti, mit ihr zu wachen und auf den nötigen Abstand zwischen Herr und „Dienstboten“ (S. 23) zu achten. Dieses Thema spielt Eva auch auf ihr Verhältnis zu Matti durch: „Ich mag nicht…“, „Und ich wünsche…“, „ich möcht…“ (S. 24): Sie möchte, dass das Bild des Herrn und das seiner Tochter bzw. ihres künftigen Verlobten in Ehren gehalten wird. Matti widerspricht ihr teilweise ironisch („ein Glück für die Umgebung“, S. 24) und weicht mit seinen Beispielgeschichten ihrem Anspruch auf Respekt und Rechthaben aus: „Ich mein nichts, ich red nur (…). Wenn ich mit der Herrschaft red, mein ich nie was…“ (S. 24). Eva verwickelt sich in Widersprüche, weil das offizielle Bild des Attachés und die Wirklichkeit eben nicht übereinstimmen („Das hab ich nicht gesagt.“, S. 25 – entgegen ihren wörtlichen Äußerungen S. 20). Sie flüchtet in die Formel: „Ich begreif nicht, warum Sie mich nicht verstehen wollen.“ (S. 25) Damit schiebt sie Matti die Schuld für ihren eigenen Widerspruch zu; als Unterlegene will sie ihn wegschicken (S. 25), obwohl sie ihn selber zum Wachbleiben aufgefordert hat (S. 23), und unterstellt ihm in objektiver, also nur für den Zuschauer greifbarer Ironie, dass er „schläfrig“ sei (S. 25), was doch der Attaché ist. Matti ist dagegen geistig wach und beherrscht mit seiner Dienstbereitschaft die Situation: „Redens nur weiter …“ (S. 25). – Geschehen ist nicht viel; der Zuschauer weiß jedoch, dass Matti der Tochter seines Herrn untertan, aber doch überlegen ist.

P.S. Als ich eben noch einmal in Hasek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schweijk (1921/23) las, in der Übersetzung von Grete Reiner, musste ich an Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ (entstanden 1940/41, uraufgeführt 1948) denken: Dort ist eine der Eigenheiten Puntilas die, dass er Beispiele erzählt – eine subversive Eigenheit, wie nachzuweisen wäre.
Genau diese Eigenheit hat auch Schweijk; ich führe einige Beispiele aus dem Kapitel 3 an. Der Untersuchungsrichter fragt Schweijk, ob er von Zeit zu Zeit von Anfällen gepackt werde. „Nein, bitte sehr, nur einmal hätt mich fast ein Automobil aufm Karlplatz gepackt, aber das is schon paar Jahre her.“ (Berlin 1982, S. 29)
Ein Mitgefangener beklagt sich über eine offenkundige Ungerechtigkeit der Gerichtsärzte Schweijk anwortet: (…) Jeder kann sich irren, und er muß sich irren. je mehr er über etwas nachdenkt. Die Gerichstärzte sind Menschen, und Menschen ham ihre Fehler. So wie einmal in Nusle, grad bei der Brücke über den Botischbach, da ist einmal in der Nacht ein Herr zu mir gekommen …“, der ihn versehentlich niedergeschlagen hat, und als er den irrtum bemerkte, aus Wut ihn noch einmal niedergemacht hat (S. 30).
„Oder wer ich euch ein Beispiel erzähln, wie sich bei uns im Haus ein Drechsler geirrt hat. Er hat sich mit dem Schlüssel die Podoler Kirche aufgemacht …“ (S. 31)

Ich vermute, dass Brecht durch das Vorbild des „Schweijk“ zumindest gemerkt haben kann, was für ein subversives Potenzial in solchen mehr oder weniger passenden, also „schräg“ passenden Beispielgeschichten steckt. Es ist ein Fall der Überlegenheit dessen, der die Welt bewusst aus der Froschperspektive sieht bzw. zu sehen scheint oder zu sehen vorgibt. (26. März 2009)

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