Schiller: Don Karlos – Analyse wichtiger Szenen

Analyse I 1
Schon bald erfährt man von Domingo, dass Carlos seit acht Monaten von einem „feierlichen“ Kummer befallen ist (V. 21 ff.). Dieser rätselhafte Kummer ist Anlass des Geprächs zwischen dem Mönch Domingo und Prinz Carlos, die sich hier gegenüberstehen: Domingo will in Carlos‘ Geheimnis eindringen, doch dieser lehnt es ab, Domingo ins Vertrauen zu ziehen.
Domingo drängt Carlos also, „dies rätselhafte Schweigen“ zu brechen und sich dem Vater, König Philipp II., anzuvertrauen (V. 4 ff.). Carlos wendet sich von Domingo ab, dessen dramaturgische Funktion in dieser Szene weithin darin besteht, die Vorgeschichte der gegenwärtigen unerfreulichen Situation aufzuhellen: Der Aufenthalt in Aranjuez hat anscheinend auch dazu gedient, Carlos aufzuheitern (V. 3 f.) – am Hof mache man sich Sorge um ihn (V. 24 ff.).
Carlos hat sich von Domingo abgewandt, fährt jedoch beim Stichwort „Mutter“ empor. Im Wechselgespräch der beiden wird dann die Vorgeschichte der jetzigen Situation berichtet: Philipp, seit Carlos Geburt verwitwet, hat Elisabeth, ehemals Braut seines Sohnes Carlos, „die schönste Frau auf dieser Welt“ (V. 45), geheiratet und hat von ihr eine Tochter (V. 31 ff., könnte somit einen weiteren Sohn bekommen). Carlos ist deswegen gekränkt und auf den Vater erzürnt, wie er andeutet (V. 28 f.).
Domingo scheint aus Carlos Worten herauszuhören, dass Carlos seiner früheren Braut böse ist, und erzählt eine Episode, um deren Interesse am Wohlergehen des Prinzen zu belegen (Unfall beim Turnier, Elisabeth sorgte sich mehr um Carlos als um ihren Mann, V. 53 ff.). Carlos hat sich die Geschichte „in Gedanken“ angehört, tut sie jedoch als „witzige Geschichte“ ab – möglicherweise misstraut er dem Boten Domingo – und weist „ernsthaft und bitter“ (Regie, V. 68) dessen Werben um Vertrauen zurück (V. 69 ff.). Dieser stellt sich jedoch als Carlos „Freund“ dar. Dagegen deutet Carlos voller Spott an, dass sein Verhältnis zum Vater äußerst gespannt ist (V. 77 ff.). Zugleich enthüllt er, dass Domingos als des Vaters Vertrauter auf dem Weg zum Kardinalsamt, also an seiner Karriere interssiert ist.
Domingo lässt sich nicht beirren und verweist auf das Beichtgeheimnis (V. 89 ff.), um Carlos eine Offenabrung seines Kummers zu erleichtern; auch dieses Angebot lehnt Carlos mit dem dunklen Hinweis ab, er wolle Domingo als Beichtvater („Siegelführer“, V. 97) nicht in Versuchung bringen, das Siegel des Beichtgeheimnisses zu brechen. Dies kann besagen, dass Carlos Vergehen schlimm ist, kann aber auch andeuten, dass auf Domingos Verschwiegenheit wegen dessen Nähe zum König kein Verlass ist. Er begründet sein Misstrauen doppelt, einmal mit den Karriereplänen Domingos (Papstamt, V. 104), sodann mit der Tatsache, dass er Domingo als Gesandten des Königs ansieht (V. 105 f.). Domingo tut erstaunt; da holt Carlos noch weiter aus und gesteht, dass er sich von einem Ring von Spitzeln des Königs umstellt sieht.
Domingo hört auf, in Carlos‘ Geheimnis zu dringen, und fragt, ob Carlos zum Empfang kommt; Carlos meldet sich eher resigniert dazu an, Domingo geht ab. In einem kleinen Schlussmonolog bedauert Carlos seinen Vater und deutet an, dass dieser „die fürchterlichste der Entdeckungen“ machen könnte, ohne zu sagen, worin diese bestünde. Nach dem Gespräch kann sie nur mit dem Dreieck Philipp – Elisabeth – Carlos zu tun haben.
   Zuerst hat Domingo das Gespräch bestimmt: Er spricht beinahe allein (bis V. 66); Carlos schweigt und wendet sich ab); Carlos setzt „ernsthaft und finster“ (Regie, hinter V. 68) zur Abwehr von Domingos an Versuchen an und erreicht, dass dieser „stutzt“ (V. 80). Er fasst Domingo bei der Hand (V. 99), als er ihm offen (V. 101) einen Korb gibt. Zum Schluss hat Carlos die größeren Anteile am Gespräch (ab V. 99).
Domingos Versuch, dieses Geheimnis zu ergründen, was Carlos offensichtlich belastet, ist gescheitert; doch ist Carlos‘ Situation deutlich geworden: Er sieht niemanden, dem er vertrauen könnte, und ist damit für seinen alten Freund offen, dem er in der nächsten Szene begegnet. Ansonsten ist bisher nur der Konflikt zwischen Vater und Sohn deutlich geworden (Elis. Frenzel: Motive der Weltliteratur, unter „Vater-Sohn-Konflikt“), ohne dass dessen Ursache zu erkennen wäre: Carlos sieht sich wenig geliebt (V. 37 f.), ist seinerseits zornig auf den Vater, der ihm seine Braut weggenommen hat (V. 28 f.). Die Spannung zwischen Vater und Sohn, zwischen König und Kronprinz wird das Geschehen bestimmen, wobei eine schöne Frau zwischen ihnen steht. Möglicherweise wird auch der Mönch Domingo mit anderen zwischen den Parteien vermittelnden oder sie beeinflussenden Figuren eine Rolle spielen.

Analyse I 2
In dieser Szene tritt Posa erstmals auf; die Szene kann im weiteren Sinn noch als zu I 1 gehörig angesehen werde, doch erhält das Geschehen bereits einen deutlichen Antrieb, weil Posa des Prinzen Herzenswunsch planend und handelnd vertreten will.
Im ersten Teil des Gesprächs (bis V. 180) treffen die beiden Jugendfreunde für Carlos überraschend aufeinander. Seine Fragen und sein Jubel zeigen seine Überraschung, lassen ihn in Posa einen von Gott (V. 142) geschickten Engel (V. 144) sehen und Hoffnung für sein krankes Herz (V. 134) schöpfen. Posa ist darüber bestürzt, versteht nichts (V. 135 ff.) und ist auch enttäuscht: Er hat einen starken statt eines zitternden Carlos erwartet und trägt sein Anliegen vor: Er kommt als „Abgeordneter der ganzen Menschheit“ (V. 157), also der Menschlichkeit, und sucht einen Retter Flanderns (V. 153 ff.). Carlos enttäuscht diese Hoffnung und tut alte Freiheitsgedanken als „Träume“ ab (V. 179), was Posa so nicht glauben will (V. 179 f.)
Bis zu dieser Stelle, dem Anfang ihrer Begegnung, waren die Gesprächsanteile etwa gleich; von jetzt an bestimmt Carlos das Gespräch mit seinen Klagen und seiner Bitte um Freundschaft: „Laß mich weinen, an deinem Herzen (…), du einz‘ger Freund“ (V. 180 ff.), worauf Posa mit „sprachloser Rührung“ (V. 190, Regie) antwortet. Posa verlässt also die Bühne der politischen Aktion und geht auf Carlos als Mensch zu; dieser klagt, dass er keinen Vater hat (V. 193 f.), und erinnert Posa an eine alte Dankesschuld (bis V. 260), womit er zugleich einen Teil ihrer Vorgeschichte darlegt. Posa reicht ihm die Hand (hinter V. 260) und stellt sich seiner alten Verpflichtung.
Damit ist der Weg für Carlos frei („jetzt“, V. 263), das vor Domingo gehütete Geheimnis (V. 267) zu lüften: dass er seine „Mutter“, also Elisabeth liebt (V. 270). Posa analysiert nach einem Schreckensruf (V. 270) die Lage nüchtern durch seine Fragen (V. 284 ff.); damit gibt er Carlos Gelegenheit, die Situation darzustellen und auch zu bewerten: In dieser Konfrontation mit dem Vater führt sein Weg „zu Wahnsinn oder Blutgerüste“ (V. 281). Carlos öffnet sich ganz auf Posas Bitte (V. 321) und zeichnet die dramatische Situation des Konflikts mit seinem Un-Vater (V. 305 ff. und V. 330 ff.); er sieht wie Posa (V. 345 f.), dass dieser Konflikt zum politischen Aufstand führen kann (V. 352 ff.). Damit ist der Handlungsrahmen des Dramas gespannt.
Nach einigem Stillschweigen (V. 357) schaltet Posa sich in diesen Konflikt ein und übernimmt mit seinem Denken die Führung: Carlos solle nichts ohne ihn unternehmen, was dieser überglücklich verspricht (V. 362 f.); dann überlegt Posa, wie er ein Treffen der Königin mit Carlos arrangieren kann (V. 363 ff.) – und das bedeutet, dass er Carlos Herzenswünsche mit seinem eigenen politischen Ziel verbinden zu können glaubt: eine Utopie – wenn sie denn gelingt.

Zur Analyse von I 5
Die Szene I 5 ist die Schlüsselszene des 1. Aktes, weil die Liebe des Prinzen Carlos zu Elisabeth von dieser in politische Bahnen geleitet wird: „Elisabeth
War Ihre erste Liebe. Ihre zwote
Sei Spanien!“ (V.791/93) Sie gibt Carlos das, was sie ihm geben kann: „Die Freundschaft Ihrer Mutter. / Und diese Tränen aus den Niederlanden.“ (V. 805 f.)
   Wer hat das Gespräch herbeigeführt? Carlos hat es sich gewünscht (V. 369 f.), um Elisabeth seine Liebe zu gestehen; Posa hat es eingefädelt, um Carlos von seinem Liebeswahn zu heilen und in sein eigenes politisches Programm einzubinden (I 2 und I 4). Elisabeth hat Posa heimlich nach Carlos gefragt (V. 528 ff. und V. 610 f.) und die allegorische Erzählung Posas verstanden (V. 599 ff.) – sie hat so indirekt dem Gespräch zugestimmt (V. 610 f., vgl. V. 619 ff.), auch wenn sie über die Möglichkeit, Carlos zu sprechen, erschrickt (Regie, nach V. 620 und V. 622: „mit wachsender Verwirrung“).
Zu Beginn stammelt Carlos mehr oder weniger klare Liebesgeständnisse; Elisabeth wehrt ihn ab und bittet ihn zu gehen (bis V. 655). Auch wenn Elisabeth an der Hofetikette leidet (I 3), ist ihr die Situation mehr als peinlich – sie weiß, dass sie den König „von diesem Überfalle“ informieren muss (V. 636 f.); so wirkt sie zunächst hilflos. Als Carlos sich weigert zu gehen, fragt Sie offen: „Was wollen Sie von mir?“ (V. 665). Damit leitet sie eine zweite Phase des Gesprächs ein, indem zunächst Carlos ihre Ehe mit Philipp in Frage stellt und sich an dessen Stelle träumt (bis V. 703), was sie nicht hinnimmt. Sie gesteht: „Ich liebe [dich, N.T.] nicht mehr.“ (V. 714) Als Carlos ihre Aussagen „hinterfragt“, beruft sie sich auf ihre Pflicht und das unabwendbare Schicksal (bis V. 721).
Als Carlos auch dies in Frage stellt und in Gedanken mit dem „Umsturz der Gesetze“ (V. 728) spielt, übernimmt Elisabeth die Gesprächsführung; sie greift seine Worte auf, um Carlos zurechtzuweisen, indem sie ironisch die Vision einer künftiger Leichen- und Mutterschändung entwirft (V. 734 ff.); so macht sie deutlich, dass Carlos die äußerste Grenze überschritten hat: Er verflucht sich darauf selbst (V.745) und schreit, dass er in seinem Konflikt wahnsinnig werde (V. 750 ff.). Sie hatte Carlos zuvor „lange und durchdringend“ (Regie, hinter V. 733) angeschaut; mit dem langen Blick hat Elisabeth Zeit gewonnen und ihre Gedanken geordnet.
In der vierten Phase des Gesprächs äußert sie kurz Verständnis für des verzweifelten Carlos‘ „namenlose Pein“ (V. 755); doch dann fordert sie („Erringen Sie…, Ermannen Sie sich…, Verdienen Sie… und opfern Sie…, Bringen Sie…, [die zweite Liebe] sei Spanien“) ihn auf, sich seiner politischen Aufgabe zu stellen und dort seine Erfüllung zu finden. Carlos ist überwältigt und wirft sich vor ihr nieder (Regie, hinter 794): „Ja, alles, was Sie verlangen, will ich tun!“ Damit hat Elisabeth ihr Ziel und indirekt Posa das seine erreicht; nach einigen kurzen Worten, in denen sie Carlos „die Freundschaft Ihrer Mutter“ (V. 805) versichert, gibt sie ihm die Bittbriefe aus den Niederlanden. Kurz darauf erscheint der König.
   Der Schluss wirkt so, als beruhte er auf einem Zufall: Carlos geht bereits und kehrt noch einmal mit einer Frage um; da erst gibt sie ihm die Briefe, als sei ihr diese Aufgabe für ihn gerade eingefallen – hat sie doch auch erst kurz vorher die Briefe gelesen (V. 609). Carlos ist nun entschlossen (I 7), Flandern zu retten: „Sie will es – das ist mir genug.“ (V. 901 f.) Für eine politische Entscheidung ist das eine schwache Begründung, genau wie schon der Freundschaftsbund mit Posa Carlos reicht, sein Jahrhundert herauszufordern  (V. 1013 f.)
Carlos hat in seiner Liebe den Spruch des Himmels und der Natur vernommen (V. 763); er hat sich auffallend häufig auf das Herz als die bestimmende Größe berufen (V. 679, 696, 701, 715, 718); Elisabeth hat die Tugend als M&¨glichkeit dagegen gesetzt (V. 761, 767); sie identifiziert ihn als den Enkel des großen Karls (V. 763 f.), auf den sein Amt wartet (V.787). Das ist ihm als (sublimierte?) wahre (Ersatz)Liebe angepriesen worden (V. 797 ff.); ob das einen Mann überzeugen kann, der sich beinahe so oft wie sein Geistesbruder Ferdinand von Walter auf die Stimme des Herzens beruft?
Auch Elisabeth wirkt in ihrer Königsamt-Rhetorik nicht ganz überzeugend: Carlos solle fühlen „die Wollust, [als König, N.T.] Gott zu sein“ (V. 790 f.); das klingt aus dem Mund einer Frau, welche sich so deutlich als Mensch gezeigt (I 3) und Posas Entschluss, „sich selbst zu leben“ (V. 516), bewundert hat, etwas seltsam. Carlos‘ Verzicht und sein Entschluss, für Flandern einzutreten, entsprechend zwar Posas Plan, kommen aber doch recht schnell zustande, sodass man sie als Leser oder Zuschauer mit Skepsis betrachten kann.

Aufbau von II 2
Es kommt zu dem von Carlos gewünschten Gepräch mit König Philipp. Dieser will den Infanten empfangen (V. 1018), doch Carlos möchte als Kind den Vater sprechen (V. 1022 ff.) und setzt es durch, dass Alba sich auf Geheiß des Königs entfernt (II 1).
Carlos beklagt, er sei verstoßen, und bittet mit großem Pathos (fällt nieder, 1040) um Versöhnung mit dem Vater (dreimal „jetzt oder nie“, V. 1056, 1060, 1070); der König weist seine dramatischen Gesten, erst recht seine Tränen (V. 1068) als Verstellung zurück. Da beklagt Carlos seinen Vater als einen „Fremdling“ (V. 1078), der nicht zu den Menschen zählt; doch gibt er den Kampf um das Vaterherz (V.1090) noch nicht auf; er beschuldigt die Höflinge, ihn aus des Königs Gunst vertrieben zu haben, und zeigt Philipp auf, wie dieser in ihrer Mitte allein ist (ab V. 1092 ff.). Dieses Stichwort nimmt Philipp „ergriffen“ auf (V.1111); Carlos hat einen ersten Teilerfolg errungen.
Nun ergreift Carlos die Gesprächsführung und zeichnet das Bild vom „Erdenparadies“ (V. 1130), wenn sie beide Hand in Hand zusammenwirkten. Nach einem kurzen Wortwechsel darüber, wer denn wohl dieses Paradies bisher verhindert habe (V. 1131 ff.), zeigt Carlos, was ihn antreibt: „Ich bin erwacht, ich fühle mich.“ (V. 1151) Die Weltgeschichte rufe ihn zu Taten (1158 ff.).
Mit seiner zweiten Bitte (V. 1161 ff.) leitet er eine neue Phase des Gesprächs ein: Er bittet um den Oberbefehl über das Heer, das nach Flandern gehen soll (V. 1164 ff.). Dreimal wiederholt diese Bitte (V. 1190 ff.), die der König entschieden ablehnt: Das Amt erfordere einen Mann; Alba werde gefürchtet; der „Herrschbegierde“ (1192) Carlos‘ könne er nicht sein bestes Heer anvertrauen. Als letzte Begründung seiner Bitte führt Carlos an, er selber brauche eine Luftveränderung, um sich als Mensch zu erholen (V. 1223 ff.). Diese unpolitische Begründung kontert der König mit dem Hinweis, solche Kranke bedürften guter Pflege unter der Obhut des Arztes (V.1229 ff.); er bleibt hart.
Carlos ist außer sich; er fragt noch einmal den „Vater“ (V. 1234); der „König“ steht jedoch zu seiner Entscheidung (V. 1236). Philipp behält so die Unterscheidung von Vater und König bei, mit der Carlos das vertrauliche Gespräch erzwungen und auch einen Teilerfolg erzielt hat; bei politischen Entscheidungen will Philipp König, nicht Vater sein.
   In der folgenden kurzen Szene (II 3) deckt Philipp auf, dass Alba ihn als erster vor einem Anschlag seines Sohnes gewarnt hat (V. 1253 f.) und dass Carlos künftig seinem Thron näher steht, was jener aber nicht weiß (vgl. V. 2276 f. – einer der fatalen Irrtümer Carlos‘ in diesem 2. Akt). Alba, der von Carlos beleidigt worden war (V. 1033 f., vgl. V. 1389 f.), ist über dessen Verachtung (V. 1250) empört und legt Philipps Auftrag, sich mit Carlos zu versöhnen (V. 1251 f.), recht eigenwillig aus (II 5). Er ist „erklärter Feind des Prinzen“ (V. 2167 f.) und schmiedet mit Domingo ein Komplott gegen Carlos (II 10).
Der Prinz hat den Weg zum Vaterherzen gesucht, wenn auch anders, als Domingo sich das vorgestellt hat (V. 5 f.). Für den Leser ist unklar geblieben, was zur Verstimmung zwischen Carlos und dem König geführt hat, ob das primär Albas Warnung (II 2) oder des Prinzen Liebe zu Elisabeth (I 1, I 2) gewesen ist; ob Philipp seinen Sohn ausgeschlossen (V. 1134 ff.) oder dieser des Vaters Gegenwart gemieden (V. 874 f.) hat.

Analyse II 15
Carlos und Posa haben sich zu einem Treffen im Kartäuserkloster verabredet, zwei Tage (V. 2266 f.) nach ihrem letzten Gespräch (in I 9); jeder wartet ungeduldig auf den anderen (II 14). Wie sich im Gespräch ergibt, will Posa wissen, wie Carlos‘ Gespräch mit dem König verlaufen ist, während Carlos Posa dafür einspannen will, ein Rendezvous mit Elisabeth zu arrangieren – die Situation gleicht der zu Beginn ihres ersten Gesprächs (I 5).
Der Marquis fragt zuerst; Carlos antwortet „nebenbei“ (V. 2279), dass Philipp seine Bitte abgelehnt hat, worüber Posa maßlos enttäuscht ist (bis V. 2278). Dann trägt er sofort seine Bitte vor: „Ich muss sie sprechen -“ (V. 2281 f.), weil er neue Hoffnung habe. Er begründet diese damit, Elisabeth sei jetzt „frei“ (V. 2290), und erzählt die Geschichte seiner Begegnung mit Fürstin Eboli. Posa hat des Freundes Hoffnung als neuen Fiebertraum abgelehnt (V. 2287) und analysiert die Situation Carlos‘ gegen dessen schöne Hoffnungen negativ (V. 2323 ff.).
Nach Carlos‘ Einwand, die Eboli sei „tugendhaft“ (V. 2328), bestimmt Posa das Gespräch: Er analysiert die Tugendhaftigkeit der Eboli als erzwungen, was sich zeige, wenn man sie mit der Elisabeths vergleiche (bis V. 2367). Als der Prinz seine Überlegungen heftig ablehnt (zweimal, V. 2367 und V. 2383) und erneut seinen Wunsch äußert, Elisabeth zu sprechen, was Posa ermöglichen soll, geht dieser energisch vor: Zuerst zerreißt er den Brief des K&¨nigs an die Eboli, also den Beweis von des Königs Untreue oder zumindest dem Versuch dazu. Dann blickt er Carlos lange durchdringend an (V. 2403; vgl. auch V. 733 und V. 1191) und holt zu einer moralischen Entlarvung von des Prinzen Egoismus aus (bis V. 2423): Carlos liebe, anders als früher, nur noch sich selbst. Der ist erschüttert, wirft sich in einen Sessel und beginnt zu weinen; Posa hat ihn moralisch besiegt.
Der Marquis macht sich nun daran, seinen Freund wieder aufzurichten: Es liege nur eine „Verirrung lobenswürdiger Gefühle“ (V. 2426, ähnlich V. 2437 und V. 2445) vor: „Du hattest diesmal selbst dich missverstanden.“ (V. 2440) Das genügt, um Carlos so zu erheben, dass er Posa um den Hals fällt und alles tun will, „was du und hohe Tugend mir gebieten“ (V. 2462 – unklar ist, ob mit „hohe Tugend“ die Tugend selbst oder die tugendhafte Königin gemeint ist). Posa hat ihm nämlich angedeutet, ihm sei gerade ein kühner Plan eingefallen, „ein Anschlag, den höhere Vernunft gebar“ (V: 2457 f., vgl. V.2452 f.); aus Elisabeths Mund solle Carlos ihn hören und zu diesem Zweck sie wiedersehen. Sie umarmen sich zum Abschied; Posa wird noch informiert, dass die Post nach Flandern kontrolliert wird, dann gehen sie auseinander.
Posa hat sich mit seinen politischen Zielen gegen die Herzenswünsche seines Freundes durchgesetzt, wenn auch nicht mittels seiner Psycho-Analyse (V. 2324 ff.), so doch mit moralischem Druck und etwas Gewalt (Brief zerrissen). Man gewinnt den Eindruck, dass Posa die Königin und ihre Ausstrahlung instrumentalisiert, um Carlos für seine wenn auch früher von Carlos geteilten politischen Ziele (vgl. 2413 ff.; V. 2010 ff.; V. 152 ff.) einzuspannen. Ihm fallen schnell Pläne ein, wenn es schwierig wird; er ist sich der Mitwirkung Elisabeths sicher. Carlos scheint ihm blind zu folgen, ohne selber mitplanen zu dürfen; er beugt sich den moralischen Appellen Posas.

Analyse III 10
Der König, von der Eboli über das (angebliche) Verhältnis seiner Frau mit Carlos informiert (II 10), ist voller Zweifel (III 1) an ihrer Treue und wendet sich nacheinander an Lerma (III 2), Alba (III 3), der ihn über das Treffen der beiden in Aranjuez informiert, und Domingo (III 4), der ihn mit dem Gerücht von der Illegitimität seiner Tochter konfrontiert, um schließlich zu bemerken, dass er von ihnen keine „Wahrheit“ (V. 2820) erhält; er sucht „einen Menschen“ (V. 2809), also jemand, der ihm wirklich offen und uneigennützig die Wahrheit bietet (V. 2820 ff.), und stößt dabei auf den Namen des Marquis Posa (2839), der unter allen seinen Beratern keinen Gegner hat (V. 2889 ff.) und den er zu sich bestellt (2930 f.).
Posa hat sich bei Carlos, seinem Jugendfreund, als Abgesandter der Niederlande eingefunden (V. 153 ff.), hat der Königin entsprechende Briefe überreicht (Regieanweisung nach 505, V. 808); als Carlos‘ Bitte, das Heer nach den Niederlanden zu führen, vom König abgelehnt worden ist (II 2), hat Posa einen neuen Plan gefasst, den er aber Carlos nicht darlegt (V. 2452 ff.). Zum König gerufen, reflektiert er seine Situation und beschließt, in diesem Gespräch unabhängig von des Königs Absichten seinem eigenen Auftrag getreu zu handeln: „Ich weiß, / Was ich – ich mit dem König soll“ (V. 967 f.) und ihm „eine Feuerflocke Wahrheit“ (V. 2969) zu vermitteln.

Das Gespräch in der langen Audienz entwickelt sich in mehreren Schritten. Zuerst dominiert der König, der sich von Posa ein erstes Bild machen will (bis 3004); Posa hält dabei an einer Stelle inne (3005) und zeigt, dass es außer dem Untertan auch noch den (der Vernunft gehorchenden) Weltbürger (3007) gibt, als der er sich dann vorstellt (bis 3084). Als der König sich erhebt und ihm gegenübersteht (Regie), muss er sich gegen den Vorwurf der Schauspielerei verteidigen (bis 3134). Das Auftreten Lermas unterbricht das Gespräch und Posa trägt dann seine Bitte vor: Angesichts der chaotischen Verhältnisse in Flandern fordert er vom König Gedankenfreiheit für die Untertanen (3215 f.), worauf er sich niederwirft und damit gleichsam der rebellischen Forderung die Spitze nimmt. Er begründet dann seine Forderung (bis 3252), worauf der König zunächst mit einem großen Schweigen reagiert (Regie); darauf antwortet dieser, Posa dürfe ein freier Mensch sein, mehr sei nicht drin (bis 3294). Der König beendet mit einem Machtwort dieses Thema und bindet dann Posa an sich, indem er ihm höchst vertrauliche Aufträge gibt: das Vertrauen der Königin und des Prinzen zu „gewinnen“, das Posa ohne des Königs Wissen längst besitzt – eine Übereinstimmung, die zu unübersehbaren Konsequenzen führen kann.
(Damit sind der Rahmen und der Aufbau des Gesprächs in sieben Schritten musterhaft beschrieben. Da die Gesamtanalyse zu umfangreich würde, begnüge ich mich mit der Analyse des zweiten Schrittes:)

Posa hält in seiner Ausführung inne und scheint einen Einwand zu bedenken („Doch -“, 3005). Der König bemerkt es und fragt ihn danach (3005); Posa lenkt den Blick auf das Problem der Freiheit des Wortes (3007 f.), worunter auch die Gründe fallen, die ihn bewogen haben, aus dem Dienst des Königs zu scheiden (vgl. 2991 ff.). Vom König etwas provokativ befragt (3013 f.), stellt er die Chance, diesem die Wahrheit zu sagen, im Wert höher als sein dadurch vielleicht gefährdetes Leben. Der König blickt ihn darauf „mit erwartender Miene“ an. Posa hat nun das Wort und nutzt es zur großen Selbstdarstellung mit dem erstaunlich offenen Bekenntnis: „Ich kann nicht Fürstendiener sein.“ (V. 3022 und 3065) als Rahmen.
Was das heißt, erklärt Posa in zwei Aspekten:
1. Als Diener müsste er auf Anerkennung („Beifall“, 3028) seines Herrn aus sein, statt auf den Wert seiner Taten an sich zu achten. Er will aber nicht in diesem Sinn bloß Meißel in der Hand eines anderen, sondern selber „Künstler“ sein (3036 f.): „Mir hat die Tugend eignen Wert.“ (3030).
2. Die entsprechende Möglichkeit, die ganze Menschheit zu lieben, sei ihm in Monarchien deshalb genommen, weil er als Diener nach der Logik des Dienens nur sich selbst lieben könne (bis 3039). Hier spricht Posa im Sinn einer Sentenz des an Kant geschulten Autors Schiller:
   „Der eine fragt: Was kommt danach?
Der andre fragt nur: Ist es recht?
Und also unterscheidet sich
der Freie von dem Knecht.“
(auswendig, im Moment nicht nachweisbar)
Der König sieht unter dem Stichwort „Gutes stiften“ die Differenz zwischen dem frei Denkenden und dem loyalen Bürger aufgehoben und bietet Posa an, sich selbst eine passende Aufgabe („Posten“, 3043) zu suchen. Posa lehnt dieses Angebot ab, weil es diesen Posten nicht gebe, und kommt in seiner Begründung auf die aufklärerische Frage nach der Wahrheit zu sprechen. Er bindet den Zugang zum Glück (bis 3054) und die Möglichkeit zur Bruderliebe (3059/64) an das Recht, die Wahrheit unverkürzt zu suchen und zu sagen (3055 ff., 3061), wogegen ein König nur eine frisierte Wahrheit dulden könne. Die Freiheit, die hier in der Trinität von Glück, Liebe, Wahrheit gefordert wird, führt auf den Weg der Aufklärung (vgl. Kants Antwort auf die Frage: Was ist Aufklärung?).
Den Einwand oder Vorwurf des Königs: „Ihr seid ein Protestant.“ (3065 f.), der diese Aufklärung in die Sprache des 16. Jh. „übersetzt“, weist Posa zurück (3066 f.), indem er dem König „religiös“ widerspricht, politisch aber Recht gibt: Das Geheimnis königlicher Macht werde durch Denken entzaubert (3068/70). Weil er selbst gedacht habe, sei er „gefährlich“ (3073). Posa versucht die voraussehbare Angst oder Sorge des Königs zu zerstreuen: Er wolle seine Wünsche nicht in die Öffentlichkeit tragen (3074 f.); was das bedeutet, wissen wir seit Kants genanntem Aufsatz von 1784. Posa stellt sich als bloß denkenden Mitbürger „derer, welche kommen werden“ (3080), seine Vorstellungen als bloßes „Gemälde“ (3081), nicht als politischen Plan dar, um des Königs Angst zu zerstreuen; er stellt dem König anheim, mit einem Befehl („Ihr Atem“) ihm Stillschweigen aufzuerlegen. Abschließend fragt der König, ob er als erster von solchen Gedanken Posas erfahre; Posa lügt, als er „Ja“ sagt (3084).
     Posa hat diesen Teil des Gesprächs wesentlich bestimmt. Er hat einen kühnen Vorstoß unternommen und gleichzeitig mit dem Hinweis, er sei kein Revolutionär (3075/78) und wolle sein Vision jetzt noch nicht verwirklicht sehen (3079 f.), sondern im Namen der Weltgeschichte sprechen (vgl. 3188/92), aus höherer Vernunft sozusagen, dem König die Möglichkeit gegeben, moderat zu reagieren. Beide gewinnen im Hinblick auf den ausstehenden Ausgang der Weltgeschichte Zeit.
Durch Guthke („Schillers Dramen“, 1994) angeregt möchte ich kurz ausdrücklich auf das Stichwort „Künstler sein“ als Ziel Posas hinweisen (3037); in diesem Künstlersein spielen Pflicht und eigenes Wollen im Sinn Schillers bzw. Kants zusammen. Das utopische Gesamtbild seiner Vorstellungen nennt Marquis Posa entsprechend ein „Gemälde“ (3081).
(So stelle ich mir eine ausführliche Analyse vor, ohne zu erwarten, dass ihr das als Hausaufgabe geleistet hättet oder in genau der gleichen Intensität in der Klausur leisten könntet – aber doch fast beinahe?)

Neues Schema: Aufbau III 10

1. Einleitendes Gespräch: warum Posa nicht im Dienst des Königs ist;
Posa unterscheidet, wie er als Weltbürger – als Untertan spricht.
Er bekennt: Ich kann nicht Fürstendiener sein (V. 3023).
2. Er erklärt, warum er nicht Fürstendiener sein kann: Der König verbreitet kein Menschenglück; Posa möchte den Bruder lieben und denken dürfen. „Ich kann nicht Fürstendiener sein.“ (V. 3065, Wdhg. von 3022) Er beruhigt den König: Diese Vision betrifft erst die Zukunft (V. 3079 f.); der König höre sie als erster aus seinem Mund (V. V. 3083 f.)
3. Der König äußert den Verdacht, Posas Rede sei ein Trick, um Karriere zu machen.
Posa entschuldigt diese kleinliche Denkweise des Königs
und zeigt, dass der König zum „Gott“ gemacht worden und doch sterblich geblieben ist; der König ist betroffen.
4. Am Beispiel von Flandern und Brabant zeigt er, dass der König nur den Tod sät; er fordert ihn auf, das Menschglück zu fördern und Gedankenfreiheit zu geben.
Er verbindet diese Forderungen mit einer politischen Analyse des europäischen Geschehens (V. 3162 ff.) und seiner politischen Philosophie (V. 3217 ff.).
5. Der erstaunte König (V. 3216) denkt über Posas Reden nach (V. 3252/53). Er warnt ihn vor der Inquisition, will ihm persönlich aber alle Freiheit lassen und erlauben „Mensch zu sein“ (V. 3278). Als Posa noch einmal auf Flandern zu sprechen kommt, winkt der König ab (V. 3285 ff.).
6. Philipp stellt Posa ab sofort in seinen Dienst, nachdem dieser sich noch geziert hat.
7. Er erinnert sich seines Anliegens („Wahrheit“, V. 3302, vgl. 2820) und erteilt Posa den Sonderauftrag, Elisabeth und Carlos auszuforschen (bis 3350).

Analyse III 10 Dies ist die Schlüsselszene des 4. Aktes, weil Posa hier seinen Plan enthüllt und Elisabeth ihre Rolle zuweist. Elisabeth scheint Posa gut zu kennen (V. 3417), ohne dass jemals klar würde, woher sie ihn kennt; dass er im Turnier für sie gekämpft hat (V. 485) und ihr Briefe überbringt (I 2), kann die Bekanntschaft nur bestätigen, nicht erklären.
Elisabeth hat bemerkt, dass der Schlüssel ihrer Schatulle fehlt (IV 1); der Zuschauer weiß aus dem Auftreten der Eboli nach ihrer „Krankheit“, dass sie mit dem König geschlafen und die Schatulle erbrochen hat. Was Elisabeth vom Geschehen seit I 5 weiß, wissen wir nicht; sie hat das Duell Carlos‘ mit Alba beendet und mit diesem danach gesprochen – mehr weiß man nicht. Der Akteur ist hier Posa.
Dieser möchte die Königin allein sprechen und beruft sich dabei auf seinen Auftrag; im Wortgeplänkel darüber, wie es möglich ist, dass er in des Königs Auftrag kommt (V. 3379 ff.), bezeichnet Elisabeth den Marquis als einen Menschen, der nichts „unternähme, was nicht geendigt werden kann“ (V. 3400 f.), was der (vielleicht nur rhetorisch?) bezweifelt – ein hellsichtiger Hinweis auf das Ende des 4. Aktes, wo er gescheitert ist; das Gespräch IV 21 sollte man als Gegenstück zu IV 3 lesen.
Elisabeth wirft ihm dann, um sich seine neue Position zu erklären, in Posas Worten „Zweideutelei“ vor (V. 3405, ohne das Wort selber auszusprechen); sie spricht von „Unredlichkeit“ (V. 3405 f.) und fragt, ob der gute Zweck solche schlimmen Mittel heiligen kann (V. 3408 f.). Posa rechtfertigt sich damit, dass er den König nicht betrügen, sondern ihm „redlicher“ dienen wolle, „als er mir aufgetragen“ hat (V. 3415 f.) – eine Erklärung, die Elisabeth als zu Posas Charakter passend gelten lässt; sie unterschätzt offensichtlich Posas Intrige, die sie noch nicht kennt, und glaubt den Worten vom redlichen Dienst.
Sie fragt dann: „Was macht er?“ (V. 3417) Vermutlich meint sie den König; Posa überbringt ihr dessen Auftrag oder Befehl (V. 3418 ff.). Als sie weiter fragt und dabei ihm zugesteht, ihr etwas als geheim vorzuenthalten (V. 3430 ff.), rechtfertigt Posa sein Schweigen mit der engelgleichen (V. 3441) Tugend Elisabeths, welche Warnungen an sie überflüssig machten – zu Recht, wie sich in IV 9 und IV 14 zeigt.
Als Posa des Prinzen Bitte erwähnt, Elisabeth zu sprechen, lehnt sie das indirekt ab mit dem Bekenntnis, sie sei unglücklich; wenn das Carlos sähe, würde er auch nicht glücklicher. Posa kontert: Das würde Carlos tätiger machen (ein Vorgriff auf sein Bekenntnis in IV 21). Er entwickelt dann seinen Gedanken, Carlos müsse etwas tun und Flandern müsse gerettet werden. Auf Elisabeths Frage erklärt er, das Mittel dazu sei „fast so schlimm als die Gefahr“ (V. 3461). Elisabeth spricht es aus: „Rebellion“ (V. 3468). Posa weist ihr den Part zu, dies Carlos zu sagen. Er erklärt ihr, wieso der in Flandern erfolgreiche Carlos vom König dann akzeptiert würde (V. 3468 ff.).
Die Königin zögert, bei diesem Plan mitzumachen; schrittweise begeistert sie sich dafür, als Posa ihr erklärt, wieso erfahrene Heerführer des alten Kaisers Karl Carlos dann berieten; sie überlegt schon, welche Mittel sie zum Gelingen beisteuern kann (V. 3494 ff.). Sie erkennt jedenfalls bedrückt, dass Carlos‘ Rolle in Madrid diesen nicht ausfüllen kann. Als sie sich noch einmal überlegen will, ob sie wirklich mitspielt, setzt Posa sie unter Druck (V. 3500 ff), er müsse Carlos eine Antwort übermitteln. Die Königin willigt unter diesen Umständen in das Gespräch mit dem Prinzen ein.
Im Schlussgeplänkel geht es um die Frage, wie der Marquis zu seiner Vollmacht („Freiheit“, V. 3506) kommt, die Königin jederzeit zu besuchen; Posa erklärt ihr aber nichts. Sie ist jedoch davon begeistert, dass nun in Flandern die Freiheit in Europa einen Platz  finden kann; das veranlasse sie dazu, „meinen stillen Anteil“ (V. 3513) zu leisten. Als Herzogin Olivarez erscheint (V. 3514), hört das vertrauliche Gespräch sofort auf und der Ton der Etikette kehrt zurück.
   Ein Teil von Posas Plan ist offenbar geworden; die Königin ist bereit, bei Posas Spiel mitzumachen, obwohl sie seine Unredlichkeit gegenüber dem König und die vermeintlich gute „Rebellion“ erkennt. Es scheint so, als könnte Posas Plan zur Rettung Flanderns und zur Aktivierung des Freundes Carlos gelingen.


IV 9 – Analyse: Gesprächsabschnitte

Situation:
Elisabeth vermisste die Schlüssel ihrer Schatulle und wollte diese deshalb aufbrechen lassen (IV 1); dies ist inzwischen geschehen – sie hat entdeckt, dass sie bestohlen worden ist, und will beim König Hilfe holen.
Philipp hat ohne Wissen Elisabeths aus dieser Schatulle Briefe und ein Medaillon Carlos‘ in seinen Besitz gebracht und ist von Eifersucht aufgewühlt (seit III 1); er hat gerade erst wieder in dieser Eifersucht seine Tochter von sich gestoßen (IV 7) und will Elisabeth in dieser Stimmung nicht sprechen (IV 8). Doch sie betritt das Zimmer ohne Erlaubnis.
Gesprächsabschnitte
1. Elisabeth bittet kniefällig um Hilfe und teilt dem König mit, was ihr fehlt; dieser wiederholt beinahe sarkastisch einzelne Phrasen, sodass (ab 3691) seine Vorwürfe deutlich werden, welche Elisabeth zu entkräften weiß. Der König ist bewegt, ohne dass dies deutlich erklärt würde.
2. Als die Infantin das vermisste Medaillon auf dem Boden entdeckt, was den König als Täter zeigt, klagt Elisabeth ihren Mann ironisch und auch ihn beklagend wegen seines Vorgehens an. Der König geht zum Gegenangriff über, indem er an ihre Lüge in Aranjuez erinnert (3720). Es kommt zu einem Streit um die verletzte „Ehre“ (3729 ff.). Gegen des Königs Frage nach dem „Warum?“ behauptet Elisabeth sich: Sie wollte Carlos sprechen (und setzt ihre Einsicht über „den Gebrauch“, also die höfische Sitte); und sie will jenen in Zukunft nicht gering schätzen müssen, nur weil er ihr Verlobter war.
3. Gegen diese Selbstbehauptung setzt der König seine Drohungen (ab 3772): Er wolle keine Verfehlung mehr hinnehmen; Elisabeth verteidigt sich mit der Frage: „Was hab ich denn begangen?“ Der König geht so weit, dass er droht, sich über jede Schranke hinwegzusetzen: „Dann meinetwegen fließe Blut -“ (3777). Sie kann ihn nur noch bedauern – der König stößt in der Wut seine Tochter fort und wirft seiner Frau Ehebruch vor.
4. Damit hat er eine Grenze überschritten – Elisabeth nimmt die Infantin und kündigt an, sie werde in Frankreich  Helfer und Rechtsbeistand suchen. Sie geht und bricht zusammen (ab 3794). Philipp lenkt ein, entschuldigt sich auch unbeholfen („fürchterlicher Zufall! Blut“); er fürchtet einen Skandal und bittet Elisabeth aufzustehen.
Ergebnis des Gesprächs
In der Härte der Konfrontation ist einiges klar geworden: Der König traut der Treue seiner Frau nicht; diese setzt der Etikette ihren Willen und ihre Selbständigkeit entgegen. Der König greift zwar schon unbewusst auf das Ende des Geschehens vor („Dann meinetwegen fließe Blut -“), scheut hier aber noch vor dieser letzten Konsequenz zurück, weil Elisabeth ihre Unschuld glaubhaft dargestellt hat, vgl. IV 10: ein retardierendes Moment vor dem Untergang.

Ich möchte ausdrücklich auf diese Kurzform der Analyse als Möglichkeit hinweisen, die mit der Zeitknappheit bei Klausuren rechnet:
* Situation der Gesprächspartner, wie sie sich aus der Vorgeschichte ergibt;
* Abschnitte oder Phasen des Geschehens (nicht des „Inhalts“!);
* Ergebnis des Gesprächs.
Eine solche Kurzanalyse stellt eine große Hilfe für das Verstehen dar, weil sie es verhindert, dass der Blick sich in den Einzelheiten verliert.
Ein Kurzanalyse kann auch dazu dienen, mit der Zeitknappheit in Klausuren pragmatisch umzugehen: Entweder verzichtet man auf die Detailanalyse und begnügt sich mit einer Analyse auf der Ebene der Gesprächsabschnitte bzw. -phasen; oder man setzt diese Übersichts-Analyse in Einzelanalysen fort, soweit die Zeit reicht.

Analyse V 1 und V 3
Vielleicht darf man V 3 als die Schlüsselszene des 5. Aktes bezeichnen; zu ihr gehört unmittelbar V 1 (eine Art Doppelszene bzw. große Szene mit Unterbrechung durch V 2): Posa erklärt seinem Freund das undurchschaubere Geschehen und stirbt für ihn, was aus Carlos einen anderen Menschen macht.
Carlos glaubt sich dank Lermas Information von Posa hintergangen (IV 4 und IV 13), hat sich dann in seiner Verzweiflung an die Eboli gewandt (IV 15) und ist verhaftet worden. Posa kommt vermutlich zu Carlos, um ihm sein eigenes Handeln und des Freundes Situation zu erhellen bzw. ihm Beistand zu leisten (V. 4489f.). Er hat jedoch dessen Gefühle bzw. dessen Unverständnis, wie sich bald im Gespräch ergibt, verkannt.

Die erste Regieanweisung („steht auf…“) zeigt dies; Carlos „fährt erschrocken zusammen“, als Posa erscheint. Er „freut“ sich, dass dieser ihn nicht vergessen hat (V. 4492) und ihm doch irgendwie „gut geblieben“ (V. 4493) sei. Posa versteht Carlos‘ traurigen Tonfall erst, als dieser von Posas „Milde“ und harter Tugend spricht und sich selbst als „Opfer“ bezeichnet (V. 4495 ff.); da fragt Posa: „Wie meinst du das?“ (V. 4506) Carlos stellt nun seine Sicht dar: Seine Liebe zu Elisabeth habe ihn zerrüttet, Posa könne als Günstling des Königs der Retter Spaniens werden; er billigt Posas vermeintliche Planung, weil er selbst offenbar Spanien zu retten  „gesollt und nicht gekonnt“ habe (V. 4507 ff.). Posa ist erschüttert, dass ihm diese vermeintliche Untreue von Carlos vergeben wird (V. 4522 ff.), und bekennt, dass er sich verrechnet hat: „Mein Gebäude stürzt zusammen – ich vergaß dein Herz.“ (V. 4526 f. – so hatte ihm bereits Elisabeth vorgeworfen, er habe sie und ihr Herz vergessen, V. 4343 ff.). Carlos versteht Posas Reaktion nicht und wirft ihm nun vor, dass auch Elisabeth geopfert werde, nimmt aber den Vorwurf sogleich zurück (V. 4528 ff.).
Diesen Vorwurf weist Posa als ungerecht ab (V. 4536) und  gibt Carlos dann einige Briefe (vgl. IV 5) zurück; im Gespräch über diese Briefe zeigt sich, dass Carlos weiß, dass der König einige seiner Briefe kennt, was aber Posa nicht wusste: Lerma hatte jenen informiert (V. 4540 ff.). Posa erklärt ihm dann, dass er Carlos aus gutem Grund verhaftet habe, um ihn vor Gräfin Eboli zu schützen. Da geht Carlos ein Licht auf, er ist „wie aus einem Traum erwacht“ (V. 4558): „Ha! Nun endlich! Jetzt seh ich – jetzt wird alles Licht -“
(V. 4558 f.). [Darüber kommt Alba und unterbricht das Gespräch, um ihm mitzuteilen, dass er frei ist (V 2). Carlos beharrt jedoch darauf, dass der König selber kommt, ihm dies mitzuteilen.]

Analyse V 3
Carlos fragt verwundert, wieso wohl Alba trotz Posas Aufstieg gekommen sei; Posa versteht, dass dessen Kommen seinen eigenen Untergang bedeutet, den er durch den Brief nach Flandern (IV 22) selbst eingeleitet hat. Er preist das Gelingen seines neuen Plans (bis V. 4604) und schickt sich an, von Carlos Abschied zu nehmen; Carlos ist erschüttert. Posa erklärt dann in einer langen Rede, die nur gelegentlich kurz von Carlos unterbrochen wird, wie und warum er so gehandelt hat: um Carlos in vermeintlicher Feindschaft „kräftiger zu dienen“ (V. 4634). Dann bekennt er, dass er im Vertrauen auf Carlos‘ Freundschaft („auf deiner Freundschaft Ewigkeit gegründet“, V. 4647) diesem nicht seinen Plan mitgeteilt hat, was Carlos zu seinem unbedachten Gang zur Eboli veranlasst habe (V. 4640 ff.); das wiederum habe ihn gezwungen, Carlos zu verhaften und den verräterischen Brief nach Brabant zuschreiben (V. 4670 ff.).
Während der Rede ist Carlos aus seiner Versteinerung erwacht und aufgestanden (V. 4648 ff.); als er dann begreift, dass Posa den Brief absichtlich hat entdecken lassen, begreift er diese Opfertat und erstarrt (V. 4709). Er will sofort zum König, um diesen über den Betrug aufzuklären; Posa verhindert das. Im heftigen Wechselgespräch erinnert Posa ihn daran, dass Carlos selbst für den Freund einst eine Strafe übernommen hat – dabei sieht er ihn „bedeutend“ an (V. 4715 ff.) – hier schließt sich der in I 2 eröffnete Kreis im Dank für die alte Freundestat. Posa ist also das Opfer, nicht Carlos (V. 4504 f.). Carlos ist gerührt, voller Bewunderung (Regie, hinter V. 4718 – solche wird ihm selber dann von Elisabeth zuteil, V 11).
Posa kann nun sein Testament eröffnen: „Rette dich für Flandern!
Das Königreich ist dein Beruf. Für dich
Zu sterben war der meinige.“ (V. 4718/20) Carlos widerspricht: Nein!
Er will zum König gehen, um ihn durch solche Freundestat menschlich zu rühren und selber Verzeihung zu erlangen (V. 4720 ff.). Da wird Posa durch die Gittertür erschossen; er sagt zu Carlos noch, dass Elisabeth alles weiß. Er stirbt. Der König erscheint mit den Granden.
   Von Posas Freundschaftstat ist Carlos überwältigt, von seinem Tod erschüttert; er sagt sich vom König als Vater los (V 4 – im Gegenzug zu I 1 f. und vor allem II 2), um Posas Testament zu erfüllen, und beschuldigt ihn des Mordes an Posa. Der König ist dadurch seelisch zerstört. Was aus dem verzweifelten König in der allgemeinen Bestürzung wird, ist unklar.

Analyse V 11
Diese Szene ist der Höhepunkt des Dramas, weil sie Carlos‘ Vollendung im Untergang zeigt: Er wird verhaftet (und hingerichtet), aber er ist als Mann und Königssohn infolge der Freundschaftstat Posas reif geworden.
Gegen Lermas guten Rat (V 7) ist Carlos nicht geflohen, sondern hat auf das nächtliche Treffen mit der Königin gewartet, weil Posa den Auftrag dazu gegeben hat (V. 4887 ff.). Die Königin soll Carlos in seiner Mission nach Flandern bestärken (IV 21), was sachlich gar nicht mehr nötig wäre, da Carlos, von des Freundes Opfertod überwältigt, bereits entschlossen ist, dessen Testament zu erfüllen (V 3) und die Aussöhnung mit dem Vater ausgeschlossen hat (V 4).

Elisabeth eröffnet das Gespräch mit dem als Kaisergespenst verkleideten Carlos; sie weiß nicht, in welcher Verfassung Carlos zu ihr kommt, und schließt mit Berufung auf den großen Toten jede menschliche Annäherung aus (V. 5283 ff.); dann bittet sie Carlos um ihrer Zusage willen, Posas Auftrag zu erfüllen (V. 5291 ff.). Als der Prinz begeistert verspricht, ein „Paradies“ (in Flandern, in Spanien?) zu erschaffen, ist Elisabeth ihrerseits begeistert (V. 5297 ff.); sie spricht dann von Posas zweitem Auftrag und will die Stimme ihres Herzens sprechen lassen, dass sie nämlich Carlos immer lieben werde (V. 5302 ff., vgl. V. 4368 ff.).
Carlos ahnt, was kommt, und lässt die „Königin“ (statt Elisabeth) nicht aussprechen: „Vollenden Sie nicht…“ (V. 5310). Von nun an redet eigentlich nur er noch. Er erklärt ihr, er sei aus einem Traum erwacht (V. 5310/12, vgl. V. 1151). Er sei frei von Leidenschaft; es gebe höhere Güter, als Elisabeth zu besitzen; er sei „zum Mann gereift“ (V. 5324) und müsse nur noch „die Erinnerung an ihn“ pflegen (V. 5325 f. – vgl. den Wechsel des Pronomens: „sie selbst“, V. 1266). Elisabeth bewundert diesen großen Carlos (V. 5330 und V. 5351) in einer in ihrem Pathos nur noch schwer erträglichen Weise (V. 5349/51, „Männergröße“). Carlos gesteht ihr nicht einmal mehr die „Freundschaft“ zu, die sie ihm doch zugesagt hatte (V. 732 ff.), sondern nur den Titel „unsers Bundes einzige Vertraute“ (V. 5331 f.). Er will sich beeilen, „mein bedrängtes Volk zu retten von Tyrannenhand“ (V. 5345 f.); deshalb kann er auch Elisabeth einmal küssen und sie in den Armen halten, ohne zu wanken; „er verlässt sie“ (Regie, hinter V. 5355):
„Das ist vorbei. Jetzt trotz ich jedem Schicksal
Der Sterblichkeit.“ (V. 5356 f.). Er kündigt an, mit seinem Vater „einen öffentlichen Gang zu tun“ (V. 5364), also einen Krieg zu führen; er verspricht, diesem letzten Masken-Betrug keinen weiteren folgen zu lassen (V. 5367 f.). Da tritt der König hinzu und übergibt seinen Sohn dem Großinquisitor zur Hinrichtung, während Elisabeth in Ohnmacht fällt.
   Die Szene dient dazu, die durch Posas Opfertod verursachte menschliche Reifung Carlos‘ zu zeigen und so das Loblied auf die Freundschaft abzuschließen. Politisch wäre mehr gewonnen worden, wenn er sich mit dem König ausgesöhnt (V 4) oder zumindest auf Lermas Rat hin die Flucht ergriffen hätte (V 7); doch die Idee der Freundschaft und der hohen Freiheitsideale gilt in diesem Drama mehr als deren politische Verwirklichung. Im Vordergrund steht das Individuum, das im Entsagen reift und in der Hingabe an die Idee vollendet wird.

Neue Analyse:

Nachdem ich den „Don Karlos“ im Schuljahr 2001/02 in einem Leistungskurs Deutsch behandelt hatte, habe ich im vergangenen Frühjahr das Drama noch einmal intensiv gelesen und bei lehrer-online eine Unterrichtseinheit dazu präsentiert (http://www.lehrer-online.de/don-carlos.php). In diesem Frühjahr habe ich dann das Drama erneut gelesen (Vorbereitung für ein Lehrerheft bei Krapp & Gutknecht) und einige Stellen gefunden, die mein Verständnis des Stücks verändert haben:

* Es war mir schon aufgefallen, dass die Szenen I 5 und V 11: die Begegnungen des Prinzen Karlos mit Elisabeth, das Geschehen rahmen und dass die entscheidende Veränderung darin besteht, dass Karlos am Ende „zum Mann gereift“ (5324) ist, also Elisabeths Forderung gerecht wird: „Ermannen Sie sich, edler Prinz.“ (763) Auch Posa fordert, Karlos solle ein Mann sein (V 3), während der Infant für Philipp ein „Knabe“ ist (I 6 und V9). Die neue Einsicht besteht in einer Verknüpfung dieser Beobachtung mit Karlos’ Aussage,
„Dass Karlos nicht gesonnen ist, zu müssen,
Wo er zu wollen hat;“ (724 f.)
dass Karlos also bei der ersten Begegnung um seine Selbstverwirklichung kämpft. Freiheit besteht im Verständnis des Idealismus darin, das von sich aus zu wollen, was man tun soll (vgl. Posas Wort über Wahl und Pflicht, 3032 f.!); diese Freiheit hat Karlos am Ende gewonnen, insofern ist er ein Mann geworden.

* Der Reifung gegenüber Elisabeth entspricht Karlos‘ Reifung als Sohn: In II 2 bettelt er um die Liebe des Vaters, in V 4 sagt er sich von ihm los (um in V 11 als Infant zum Aufstand bereit zu sein).

* Dass Freundschaft zwischen Karlos und dem Marquis Posa mehr als persönliche Verbundenheit ist (und deshalb auch nicht aus Schillers Leben erklärt werden kann), war mir klar; neu ist die Einsicht, dass der „heutige“ Freundschaftsbund (I 9) für die Freundschaft „auch dermaleinst“ (995) gilt, also die Gleichheit zwischen dem König Karlos und dem Bürger Posa (965 ff. und 994 f.) antizipiert und heute schon herstellt. Damit bekommt dann die schwärmerische Aussage Posas, das Traumbild des neuen Staates sei „der Freundschaft göttliche Geburt“ (4280 f.), ihre Bedeutung.

* Von dieser neuen Einsicht aus wird auch eine beinahe „defätistische“ Äußerung des politischen Taktikers Posa verständlich; der sagt nämlich über Karlos: „Er lege
Die erste Hand an diesen rohen Stein.
Ob er vollende oder unterliege –
Ihm einerlei!“ (4281/84)
Von dieser Vision aus kann man verstehen, wieso Karlos nicht flieht (V 7), sondern am Schluss vollendet ist (V 11), auch wenn der Inquisitor ihn hinrichten wird. „Katastrophe“ kann man diese Vollendung nicht nennen.

* Die letzte neue Einsicht besteht darin, in Posas Selbstopfer eine Säkularisierung des christlichen Glaubens an den Opfertod Jesu zu sehen. Das ergibt sich aus aus Karlos’ Bekenntnis: „Für mich ist er gestorben.“ (4787 und 4837) Da geschieht insofern eine Erlösung, als nun die Bindungen der Natur nicht mehr gelten (4767) und die neue Bruderschaft „ein edler Band, als die Natur es schmiedet“ (4794), darstellt.

Diese Einsichten machen es nötig, erneut zu untersuchen, wie das Drama aufgebaut ist und was eigentlich im Drama geschieht.

P.S. Schillers Brief an Körner vom 3. Juli 1785 bezeugt, dass im Zusammenhang des Themas „Freundschaft“ die Säkularisisierung zentraler christlicher Motive Schiller nicht fremd war: „Bester Freund – der gestrige Tag, der zweite des Julius, wird mir unvergesslich bleiben, so lange ich lebe. Gäbe es Geister, die uns dienstbar sind und unsere Gefühle und Stimmungen durch eine sympathetische Magie fortpflanzen und übertragen, Du hättest die Stunde zwischen halb acht und halb neun Vormittags in der süßesten Ahnung empfinden müssen. Ich weiß nicht mehr, wie wir eigentlich darauf kamen, von Entwürfen für die Zukunft zu reden. Mein Herz wurde warm. Es war nicht Schwärmerei, – philosophisch-feste Gewißheit war’s, was ich in der herrlichen Perspective der Zeit vor mir liegen sah. Mit weicher Beschämung, die nicht niederdrückt, sondern männlich emporrafft, sah ich rückwärts in die Vergangenheit, die ich durch die unglücklichste Verschwendung missbrauchte. Ich fühlte die kühne Anlage meiner Kräfte, das misslungene (vielleicht große) Vorhaben der Natur mit mir. Eine Hälfte wurde durch die wahnsinnige Methode meiner Erziehung und die Misslaune meines Schicksales, die zweite und größere aber durch mich selber zernichtet. Tief, bester Freund, habe ich das empfunden, und in der allgemeinen feurigen Gährung meiner Gefühle haben sich Kopf und Herz zu dem herkulischen Gelübde vereinigt – die Vergangenheit nachzuholen, und den edlen Wettlauf zum höchsten Ziele von vorn anzufangen. Mein Gefühl war beredt und theilte sich den anderen elektrisch mit. O, wie schön und wie göttlich ist die Berührung zweier Seelen, die sich auf ihrem Wege zur Gottheit begegnen. Du warst bis jetzt noch mit keiner Sylbe genannt worden, und doch las ich in Huber’s Augen Deinen Namen – und unwillkürlich trat er auf meinen Mund. Unsere Augen begegneten sich, und unser heiliger Vorsatz zerschmolz in unsre heilige Freundschaft. Es war ein stummer Handschlag, getreu zu bleiben dem Entschlusse dieses Augenblicks – sich wechselweise fortzureißen zum Ziele – sich zu mahnen und aufzuraffen einer den andern – und nicht stille zu halten bis an die Grenze, wo die menschlichen Größen enden. O, mein Freund! Nur unserer innigen Verkettung, ich muß sie noch einmal so nennen, unserer heiligen Freundschaft allein war es vorbehalten, uns groß und gut und glücklich zu machen. Die gütige Vorsehung, die meine leisesten Wünsche hörte, hat mich Dir in die Arme geführt, und ich hoffe, auch Dich mir. Ohne mich sollst du ebenso wenig Deine Glückseligkeit vollendet sehen können, als ich die meinige ohne dich. Unsere künftig erreichte Vollkommenheit soll und darf auf keinem anderen Pfeiler als unserer Freundschaft ruhen. – Unsere Unterredung hatte diese Wendung genommen, als wir ausstiegen, um unterweges ein Frühstück zu nehmen. Wir fanden Wein in der Schenke. Deine Gesundheit wurde getrunken. Stillschweigend sahen wir uns an, unsere Stimmung war feierlich Andacht, und jeder von uns hatte Thränen in den Augen, die er sich zu ersticken zwang. Göschen bekannte, daß er dieses Glas Wein noch in jedem Gliede brennen fühlte, Huber’s Gesicht war feuerroth, als er uns gestand, er habe noch keinen Wein so gut gefunden, und ich dachte mir die Einsetzung des Abendmahls – „Dieses thut, so oft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtniß.“ Ich hörte die Orgel gehen und stand vor dem Altare. Jetzt erst fiel’s uns auf die Seele, daß heute Dein Geburtstag war. Ohne es zu wissen haben wir ihn heilig gefeiert. – Theuerster Freund, hättest du deine Verherrlichung in unseren Gesichtern gesehen – in der vom Weinen erstickten Stimme gehört: in dem Augenblicke hättest Du sogar Deine Braut vergessen, keinen Glücklichen unter die Sonne hättest Du beneidet. – – – Der Himmel hat uns seltsam einander zugeführt, aber in unserer Freundschaft soll er ein Wunder gethan haben. Eine dunkle Ahnung ließ mich so viel, so viel von Euch erwarten, als ich meine Reise nach Leipzig beschloß, aber die Vorsehung hat mir mehr erfüllt, als sie mir zusagte, hat mir in Euren Armen eine Glückseligkeit bereitet, von der ich mir damals auch nicht einmal ein Bild machen konnte. Kann dieses Bewußtsein Dir Freude geben, mein Theuerster, so ist Deine Glückseligkeit vollkommen.“

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