Schiller: Don Karlos – Entstehung, Hintergründe, Untersuchungen

Zeittafel im Kontext des „Don Carlos” 
10.11. 1759 Geburt (zweites Kind eines Arztes und Offiziers)
1773 – 1780 Schüler auf der Militärschule des Herzogs, Studium der Medizin; erste Dissertation gescheitert;
1781 – 1782 in Stuttgart: Militärarzt und Dichter
13.01. 1782 „Die Räuber” in Mannheim mit Erfolg aufgeführt;
07/08  1782 Arrest; literarische Arbeit vom Herzog verboten;
22.09. 1782 Flucht mit A. Streicher, zunächst nach Oggersheim;
12/82-07/83 in Bauerbach/Thüringen: Arbeit u.a. an „Don Carlos”: Auf der Grundlage einer Erzählung des Abbé de Saint-Réal tritt ein glänzender Carlos gegen einen miesen Philipp und dessen Berater an (1. Akt)
1783 – 1784 in Mannheim Theaterdichter; Bekanntschaft mit Charlotte von Kalb; „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet”;
4/85 – 7/87 als Gast seines Freundes C.G. Körner in Leipzig und Dresden; „Don Carlos” zunächst bis III 9 veröffentlicht; bei der endgültigen Fassung (1787) ist der König wesentlich differenzierter dargestellt, Posa als neuer Held installiert; das übermäßig lange Stück wird von Schiller gekürzt und auch in Prosa gesetzt; vor seinem Tod kürzt Schiller das Stück noch einmal auf die heutige Länge;
1787 – 1788 in Weimar: Begegnung mit Ch. von Kalb, Wieland, Herder und Goethe sowie seiner späteren Frau; Abschluss der Arbeit “Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung”; Professor in Jena;
1789     Übersiedlung nach Jena, Freundschaft mit W. von Humboldt;
1790     Heirat;
1794     Freundschaft mit Goethe;
09.05.1805  Tod Schillers.
(Vgl. die Rowohlt-Monographie von F. Burschell, rm 14)
Friedrich Burschell: Schiller. Rowohlt: Reinbek 1968, S. 206, sieht
in Schillers Freundschaft zu Körner und seiner glücklich-unglücklichen Liebe zu Frau von Kalb den biographischen Hintergrund des Dramas; in Posa stelle Schiller sich als Figur der Aufklärung dar.

Geschichte im „Don Carlos“
1. Historischer Hintergrund des „Don Carlos“
1527 Philipp wird als Sohn Kaiser Karls V. geboren.
1543 Philipp heiratet Isabelle von Portugal.
1545 Sein Sohn Don Carlos wird geboren, die Mutter stirbt 4 Tage später.
1554 Philipp heiratet Maria von England. – Der Prinz wird von verschiedenen Personen erzogen; bis zum 14. Lebensjahr lernt er den Vater kaum kennen.
1555 Karl V. dankt ab und übergibt die Niederlande an Philipp; am 16. Januar 1556 übergibt er ihm auch Spanien. Aus politischen Gründen wird eine Heirat Carlos‘ mit Elisabeth von Valois erwogen. Ab 1557 Krieg Spanien mit Frankreich.
1559 Frieden von Cateau-Cambrésis; knapp drei Monate später heiratet Philipp Elisabeth von Valois; Philipp wird dabei durch Herzog Alba vertreten (die Hochzeit in Spanien erfolgt am 31. Januar 1560).
Margareta von Parma (1522-1586), eine Halbschwester Philipps, wird seine Statthalterin in den Niederlanden; sie legt ihr Amt 1567 nieder, als Alba mit ausgedehnten Vollmachten erscheint.
1561 Carlos, der sicher nie ein Verhältnis mit Elisabeth hatte, soll auf Betreiben seines Onkels (Kaiser Maximilian) seine Cousine Anna von Österreich heiraten; er ist von ihrem Bild begeistert.
1562 Carlos, der immer schon ein schwieriges Kind war, fällt auf dem Weg zu einem Stelldichein eine Treppe hinunter und erleidet schwere Kopfverletzungen.
1563 Carlos wird immer schwieriger; seine Tante Johanna möchte ihn heiraten, er aber möchte Anna von Österreich heiraten (vielleicht um Statthalter der Niederlande zu werden). Ohilipp lässt eine Neffen Rudolf und Ernst vonÖsterreich kommen, damit sie gegebenenfalls die Thronfolge antreten können.
1564 Carlos erhält Zutritt zum Hofrat, ist aber als Mensch außerordentlich schwierig.
1565 Der französische Gesandte soll eine Heirat zwischen Carlos und Margareta von Valois fördern.
1566 Petition der Niederlande am Margareta von Parma: Sie bitten um Religionsfreiheit und Einberufung der Stände.
1567 Carlos weigert sich zu beichten; er schließt sich im Pferdestall ein und misshandelt die Tiere mit einem Dolch. Alba wird Statthalter der Niederlande; Carlos geht mit einem Dolch auf ihn los. Carlos möchte von seinem Onkel, dem Oberbefehlshaber der Flotte, nach Italien gebracht werden, um von dort in die Niederlande zu reisen; Philipp wird darüber unterrichtet.
1568 Der Prinz muss seine private Waffensammlung abgeben; es gibt Gerüchte, dass der Prinz mit den Niederländern unter einer Decke stecke. Carlos wird in Gewahrsam genommen, er erkrankt schwer; sein Vater weigert sich, ihn nochmals zu sehen.
1569 Carlos stirbt am 24. Januar; Philipp ordnet ein Staatsbegräbnis an. Am 3. Oktober stirbt Elisabeth von Valois.
1571 Sieg der Spanier über die Türken in der Seeschlacht von Lepanto.
1588 Untergang der spanischen Flotte (Armada).
1598 Philipp II. stirbt.

2. Schillers Quelle des Stoffes
war die Darstellung des Abbé de St.Réal: Histoire de Dom Carlos (1672).

3. Schillers Arbeit am Drama
1782 Schiller kündigt in einem Brief an von Dalberg (Juli 1782) an, dass er sich vielleicht mit dem Spanier Dom Carlos befassen werde.
1783 erster Entwurf des Dramas „Dom Karlos“ in Bauerbach; historische Studien Schillers zum Stoff. – Er will in diesem Drama die Inquisition angreifen und „die prostituirte Menschheit“ rächen (Brief an Reinwald, 14. April).
1784 Schiller wendet sich der Ausarbeitung des „Dom Karlos“; das Ganze soll „ein Familiengemählde in einem fürstlichen Hauße“ werden (Brief an Dalberg, 7. Juni); diese „häusliche Tragödie“ (im Sinne Diderots) wird im Lauf der Arbeit um Aspekte der Liebes- und Freundschaftstragödie bereichert. – Schiller schreibt wie Shakespeare (und Lessing) in fünfhebigen Jamben, dem Blankvers.
Da Schiller seit dem 1. September 1784 nicht mehr Theaterdichter in Mannheim ist, braucht er sich nicht an die Begrenzung eines Bühnendramas (maximal 3000 Verse) zu halten.
1785 – 1787 Schiller arbeitet das Drama aus, wobei er vor der großen Szene III 10 lange Zeit sich nicht eindeutig für einen Fortgang des Geschehens entscheiden konnte.
Im Januar erscheint ein Vorabdruck (in der Buchfassung bis III 7); Mitte des Jahres erscheint das Drama in einem Umfang von 6282 Versen im Verlag Göschen.
Seit 1786 hat Schiller an einer Bühnenfassung gearbeitet (3943 Verse), die er am 13 Juni 1787 nach Hamburg schickt, wo sie am 29. August in gekürzter Form aufgeführt wird. Es folgen Aufführungen in Leipzig, Riga und Mannheim. Goethe nimmt das Drama 1791 in den Spielplan des Weimarer Hoftheaters auf.
1788 Schiller schreibt „Briefe über Don Carlos“ (Brief 1-4 erscheinen im Juli, Brief 5-12 im Dezember in Wielands „Teutschen Merkur“), in denen er sich mit den Einwänden gegen die Gestalt Posa auseinandersetzt.
1801 Es erscheint eine von Schiller gekürzte Fassung (5370 Verse), die aber wegen ihres Umfangs ein Lesedrama bleibt.

Irritationen beim Lesen
1. Manchmal ist die „Konstruktion“ der Gedanken oder des Geschehens problematisch, z.B. bei Carlos‘ Liebesgeständnis (V. 1807/09), bei seiner „Reinheitserkenntnis“ (V. 1844 ff., nach V. 1830 ff.) oder bei Carlos‘ (V. 1855 f.) und der Eboli (V. 1857) plötzlichem Verständnis der Situation.
Irrt Posa/Schiller 2981/83 (wegen Abmachung und Beichte der Eboli, 2210 ff. und 2686 ff.) in der Datierung „zwei Tage“?
Seltsamer Imperialismus Posas 3250/52: wieso soll Philipp als König der Freien die Welt unterwerfen?
2. Die Intrigen Posas: I liest sich nach IV 21 ganz anders; Posa hätte alles wissen müssen, was Carlos bedrängt (wie kann er ihm „Eigennutz“ vorwerfen, V. 2418, wenn er selbst diese Liebe geschürt hat, V. 4327 ff.?) – als „Wissender“ kann er leicht auf sein eigenes Anliegen vorerst verzichten.
Posas Verbindung mit den Türken ist sehr kühn vom Autor Schiller fantasiert!
3. Bedenklich: die Zustimmung Elisabeths zu Rebellion; nach dem Geständnis, dass sie unglücklich ist (V. 3451 f.), tut sie etwas rätselhaft kund, ihr Herz (!) solle allein der Richter ihrer Liebe sein (V. 4374/76) – ganz neue Töne gegenüber I 5!
[Wie sich aus V ergibt, dient das evtl. nur dazu, die Reifung Carlos‘ zu zeigen!]
** Eventuell ergeben sich manche Unstimmigkeiten daraus, dass Schiller so lange und mit wechselnden Zielvorstellungen an dem Drama gearbeitet hat

Don Carlos II: Täuschung und Selbsttäuschung
Der 2. Akt steht auffallend unter dem Thema der Täuschung.
Die Täuschung als Intrige, als „Kabale“ gehört bei Schiller zur Welt des Hofes, vgl. „Kabale und Liebe“. Als deren Meister erweist sich Domingo (II 10-13), der mit Alba und der Eboli zusammen gegen Carlos und die Königin konspiriert. Dieses Zusammenspiel läuft für die Männer auf die Sicherung der konservativen Monarchie, für die Eboli auf Rache an der angeblich verlogenen Königin und dem sie demütigenden, weil verschmähenden Carlos hinaus.
Fürstin Eboli hat zuvor Carlos in ein heimliches Liebesspiel hineinziehen wollen, was um der Etikette willen nur hinter verschlossenen Türen stattfinden kann (II 4.6-8); sie ist bereit, um der Liebe willen des künftigen Königs heimliche Geliebte zu sein (1830 ff.). Die enttäuschte Eboli traut der Königin das gleiche ränkevolle Liebesspiel zu; in ihrer Enttäuschung will sie den „Betrug“ (V. 1946) der „Gauklerin“ (V. 1943) entlarven (vgl. V. 2133 ff.)
Carlos ist zu seinem Vater gegangen, um diesen als Vater zu gewinnen und den Auftrag zu erhalten, das Heer nach Flandern zu führen. Er verquickt also zwei Motive, wie er bereits seinen diesbezüglichen Entschluss an Elisabeths Wunsch festgemacht hatte
(V. 902). Der König weist seine vom Herzen bestimmte Annäherung als „Künste“ und „Gaukelspiel“ zurück (V. 1046, 1067). Das Spiel der Eboli wie das Verhalten des Königs werden von der Etikette bestimmt, deren Bedeutung bereits im 1. Akt deutlich geworden ist.
Im Gespräch mit dem König bekennt Carlos zweimal, dass er sich selbst gefunden hat (V. 1104, 1151 ff.), dass er sich dem Ruf der Weltgeschichte stellen will – Selbstfindung und Selbstverwirklichung aus I wirken nach; seiner Vision vom „Erdenparadiese“ (V. 1130) ant-wortet der König aber mit dem Einwand, Carlos sei ein Träumender (V. 1176), also gerade nicht „erwacht“ (V. 1151).
Ein zweites Mal glaubt Carlos sich gefunden zu haben, als er den Brief der Eboli als den der Königin liest (V. 1298 und 1344, vgl. 1309); er sieht selbst, dass er sich getäuscht hat (und die Eboli enttäuscht hat) und glaubt, mit dem Geständnis der Wahrheit bei der  vermeintlich reinen Eboli durchzukommen (V. 1844 ff.). Dass er sich irrt, weiß der Leser alsbald (II 9 ff.), und Posa biegt ihm bei, dass er da nur einem neuen Fiebertraum erlegen ist (V. 2287): „Du hattest diesmal selbst dich missverstanden.“ (V. 2440)
Posa glaubt nun, mit einem kühnen Plan, den angeblich „höhere Vernunft gebar“ (V. 2458, vgl. 2450 ff.), sowohl Flandern wie Carlos retten zu können, nachdem er die Unschuld der Eboli im Vergleich mit Elisabeth als eigennützig und unecht erwiesen hat (V. 2329 ff.). Es ist aber noch offen, ob sein Plan wirklich aus der Vernunft stammt,  da Posa an dessen Anfang bereits seinem Freund Carlos den Brief des Königs durch einen Betrug entwendet (V. 2399 f.).

Posa als Künstler
Angeregt durch Guthkes Ausführungen zu III 10 kann man das Motiv des Künstlers, der die Welt gestaltet und sich selbst damit verwirklicht, weiter verfolgen (in IV 3, 5, 12, 13; letzte Begegnungen in IV 21 und V 1, 3; nachträgliche Würdigung in V 4, 8, 9).
Man kann dabei einmal darauf achten, an welchen Stellen das Motiv des Künstlers anklingt, etwa in Posas Äußerung:
„Zur höchsten Schönheit wollt ich ihn erheben“ (V. 4328),
und die Königin brauche sich nicht zu schämen,
„Der Heldentugend Schöpferin zu sein“ (V. 4354). Carlos solle die erste Hand an den rohen Stein des neuen Staates legen (V. 4281 f.; vgl. 4356 f.: Carlos als „Maler“) Dementsprechend wird der König von Carlos als „der große Künstler“ (V. 4762), also als Anti-Künstler verspottet; Posa sei dagegen ein „feine(s) Saitenspiel“ gewesen, das folgerichtig „in Ihrer metallnen Hand“ zerbrochen ist (V. 4821 f.).
Man kann aber auch untersuchen,
a) welche Sachfragen bei Posas Künstlertum zur Debatte stehen und
b) wie Posa von den Figuren unterschiedlich beurteilt wird –
c) womit sich unser eigenes Urteil über Posas Handeln bilden mag.
Da ist zunächst der politische Plan Posas, den angeblich „höhere Vernunft“ gebar (V. 2458; 3479 f.; 4801; 4977 ff.), welcher zum einen den Aufstand der Niederlande unter Carlos‘ Führung vorsieht (V. 3460 ff.), zum anderen den gleichzeitigen Angriff der türkischen Flotte (V. 4966 ff.) zur Entlastung der Aufständischen. Dabei ist es Posa selbst bewusst, dass hier das Mittel fast so schlimm wie die Gefahr ist (V. 3460 f.); er gesteht der Königin, dass er Carlos‘ Liebe zu ihr bewusst politisch instrumentalisiert hat (V. 4327 ff.), und er bekennt Carlos, sein Plan sei daran gescheitert, dass er des Freundes „Herz“ vergessen habe (V. 4526 f.). Carlos rühmt in der harten Auseinandersetzung mit seinem Vater Posas Fähigkeit, solcher-maßen mit Menschen zu spielen (V. 4801). Vorher hat er jedoch wie die Königin solch zynisches Spiel beklagt (V. 3969 f.; 4513 f.; 4385 ff.). In V 1 wird deutlich, dass Posas Unaufrichtigkeit oder halbe Ehrlichkeit zum Scheitern seines Plans beigetragen hat, dass aber deren Aufklärung und sein Opfertod ihm die ergebene Bewunderung Carlos‘ sichern. (Zum Stichwort „unaufrichtig“ vgl. V. 3405; IV 5; V. 3577 f.; IV 12; „weltkluge Sorgfalt“ V. 4526).
Posa reflektiert seine Schuld im Gespräch mit Elisabeth (V. 4220 ff.) und mit Carlos (V. 4619 ff.), wobei er gesteht: „Raserei
War meine Zuversicht. Verzeih – sie war
Auf deiner Freundschaft Ewigkeit gegründet.“ (V. 4645/47)
Mit dem Lob der Freundestreue, die bis in den Tod reicht und Carlos zur großen Entsagung führt (V. 5310 ff.), endet das Stück (V 4, 9).
Auch die menschliche Vollendung führt in den Untergang; politisch hat das Freiheitspathos des Marquis sich nur der gleichen Mittel wie der König zu bedienen gewusst und nichts erreicht.

Posa: Pläne und Gegenkräfte
Posa tritt in I 2 handelnd ins Geschehen ein – nein, es kommt erst durch ihn zustande, weil er seinen Studienfreund Carlos veranlassen will, etwas zur Rettung der Niederlande vor spanischer Unterdrückung zu unternehmen (V. 154 ff.); weil Carlos jedoch vor lauter Herzeleid handlungsunfähig ist, ändert er „nach einigem Stillschweigen“ (V. 357) seinen Plan ab: Er gibt Elisabeth Briefe, darunter einen aus den Niederlanden ( V. 505) und vertraut darauf, dass Elisabeth diesen Ball aufgreift sund weiterspielt – er muss Elisabeth also gut kennen, eine Tatsache, die im ganzen Drama nicht aufgeklärt wird. Diese gibt die Briefe dann auch an Carlos weiter (V. 808), worauf dieser entschlossen ist, Flandern zu retten, weil Elisabeth dies von ihm wolle (I 7).
Dieser Plan scheitert jedoch, weil Philipp seinem Sohn das Heer nach Flandern nicht anvertrauen will (II 2); später erfahren wir, dass Alba ihn vor seines Sohnes Ehrzeiz gewarnt hat (V. 2556).
Nach diesem Misserfolg und den Turbulenzen um Ebolis Angebot (dazu später mehr) analysiert Posa die Situation, soweit er sie überblickt, und fasst einen neuen zweiten Plan (II 15), in den er Carlos nicht einweiht (V. 2451 ff.). Elisabeth bekommt diesen Plan erklärt (IV 3: Rebellion in Flandern unter Carlos‘ Führung), damit sie als die den Prinzen beherrschende Frau diesem den Plan übermittelt; sie sagt Posa schließlich widerstrebend ihren stillen Anteil zu (V. 3512 f.), weil es sie reizt, der Freiheit einen Platz zu verschaffen.
Dieser Plan ist gescheitert, erklärt Posa der Königin (V. 4216 f.), ehe Elisabeth mit Carlos gesprochen hat; die von ihm genannten Gründe (V. 4619 ff.: Briefe) können mich nach IV 12 und IV 9 aber nicht überzeugen.
Deshalb hat er, wie er Elisabeth mitteilt, einen Notplan gemacht, der für ihn das Selbstopfer bedeutet (V. 4234 ff.). Er legt sein Testament in das Herz der Königin (V. 4265 ff.); Carlos erklärt er, wie der Notplan entstanden ist (V. 4675 ff.), und verweist ihn vorsorglich unmittelabr vor seinem Tod an die Königin (V. 4734 f.). Elisabeth braucht Carlos den Notplan nicht mehr mitzuteilen, weil der aufgrund des Opfertodes bereits so erschüttert ist, dass er ganz im Bann der Ideen Posas steht (V 10) und so auch verhaftet wird (V 11).
Es wird dann auch noch von einem Kriegsplan Posas berichtet, aus dem sich seine Reisen erklären ließen (V. 4994 ff.); aber der steht im gleichen Zwielicht der Täuschungen im Notplan wie die genannten Briefe (V. 4977, 4984) – dieser Plan lässt sich ebenso gut aus den Reisen „erklären“ wie die Reisen aus dem Kriegsplan.
Feindliche Gegenkräfte:
Domingo und Alba haben bereits lange gegen den Prinzen intrigiert (III 3 und 4); sich ihnen eine Gelegenheit bietet, mit der enttäuschten Eboli ein Komlott gegen die Königin und Carlos zu schmieden (beides gefährliche Neuerer in Domingos Augen,  V. 2010 ff.), arrangieren sie den Ehebruch des Königs und den Einbruch bei der Königin (II 11 ff.) – eine Intrige, die Posas Karriere einleitet (III 5 ff.), deren Folgen aber die Königin ausbaden muss (IV 7) und über die Posa informiert wird (IV 12). Dass Carlos den General Alba beleidigt (V. 1032 ff.), verschlimmert die Sache nicht wesentlich; Alba informiert den König jedoch über das heimliche Treffen in Aranzuez (III 3).
In den Turbulenzen in Madrid verkündet Alba den Sieg der eigenen Kräfte und steht bis zum Schluss zum König (V 4 f., V 8 f.).
Von Posa selbst entfesselte Gegenkräfte:
Der größte Gegner seiner Planung ist Posa in seiner Vermessenheit selbst. So ist der Prinz handlungsunfähig, weil Posa dessen Leidschaft für Elisabeth aus strategischen gründen geschürt hat (IV 21); deswegen muss Posa seinen ersten Plan abwandeln (I 2).
Wegen seiner nicht überwundenen Liebe zu Elisabeth fällt Carlos dann auf die anonyme Einladung der Fürstin Eboli herein (II 4) und gibt zu erkennen, dass er mit einer anderen Dame gerechnet habe (II 8), woraus die Eboli ihre Schlüsse zieht und sich für ein Komplott hergibt (II 9 und II 11 ff.). Diesen Komplott gefährdet Ehe und Leben Elisabeths und vermutlich auch des Prinzen Carlos (III 1 ff.).
Die zweite Krise beschwört Posa herauf, indem er gegenüber Carlos nicht mit offenen Karten spielt (II 15) und diesen darauf festlegt, ihm zu vertrauen (V. 2451). Er zerreißt auch den Brief des Königs an die Eboli, der er mit einem Trick an sich gebracht hat (nach V. 2400); als Carlos‘ Freund Lerma den Prinzen über bestimmte „trickreiche“ Aktionen Posas informiert (IV 4) und Carlos dem Freund auch noch seine Brieftasche geben muss (IV 5), wird dieser misstrauisch gegen Posa ( IV 6, wo Posa sein Schweigen vor sich selbst rechtfertigt). Nach einer weiteren Information Lermas (IV 13) glaubt der Prinz, Posa als Freund verloren zu haben, und erneut zur Eboli (IV 15), um ihr sein Herz auszuschütten, wobei er von Carlos verhaftet wird (IV 16). Dementsprechend klagt er auch bei Posa und macht ihm indirekt Vorwürfe, was dieser nicht versteht (V 1), weil er von Lermas Eingreifen nichts weiß.
Auch Posas Idee, Carlos durch die Königin in seine Flandern-Aufgabe einweisen zu lassen (IV 21; V 3), führt letztlich dazu, dass Carlos nicht wegkommt, sondern gefangen genommen wird; er nimmt Elisabeths Einladung zum nächtlichen Treffen an, weil dies Posas Wille sei (V 6), und schlägt die letzte Möglichkeit zur Flucht aus (V 7). Vorher hat er das Angebot des Königs, sich mit ihm auszusöhnen, ebenfalls wegen des Opfertodes Posas ausgeschlagen – im Sinn einer Realpolitik zweifellos ein Fehler: Realpolitik ist nach einem Märtyrertod, wie Posa ihn inszeniert hat, nicht mehr möglich („Für mich ist er gestorben.“, V. 4838).
   Überblickt man die Kräfte, die gegen Posas Pläne arbeiten, so muss man sagen, dass Posa mit seinem eigenwilligen und auch vermessenen Planen die Verwirklichung seiner Pläne am stärksten verhindert hat.

Über Posas Pläne, seine Lügen, seine Heimlichkeiten und die Instrumentalisierung der Menschen (der Herzen) zu urteilen ist eine eigene Aufgabe. Posa übt einmal Selbstkritik (V. 4220 ff.) und wird von Elisabeth kritisiert (V. 4342 ff.); indirekt wird er von Carlos kritisiert (V 1); der König würdigt seine politischen Schachzüge (V. 5057 ff.), wehrt sich aus persönlichen Gründen aber dagegen und bezweifelt auch, dass Posa für Carlos allein gestorben sei.
Seine Lügen rechtfertigt Posa gegenüber Elisabeth (V. 3414 ff.), seine Heimlichkeit vor Carlos rechtfertigt er nach dem gleichen Muster (V 6, speziell V. 3648 ff.).

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