Schiller: Don Karlos – neue Analyse

Nachdem ich den „Don Karlos“ im Schuljahr 2001/02 in einem Leistungskurs Deutsch behandelt hatte, habe ich im vergangenen Frühjahr das Drama noch einmal intensiv gelesen und bei lehrer-online eine Unterrichtseinheit dazu präsentiert (http://www.lehrer-online.de/don-carlos.php). In diesem Frühjahr habe ich dann das Drama erneut gelesen (Vorbereitung für ein Lehrerheft bei Krapp & Gutknecht) und einige Stellen gefunden, die mein Verständnis des Stücks verändert haben:

* Es war mir schon aufgefallen, dass die Szenen I 5 und V 11: die Begegnungen des Prinzen Karlos mit Elisabeth, das Geschehen rahmen und dass die entscheidende Veränderung darin besteht, dass Karlos am Ende „zum Mann gereift“ (5324) ist, also Elisabeths Forderung gerecht wird: „Ermannen Sie sich, edler Prinz.“ (763) Auch Posa fordert, Karlos solle ein Mann sein (V 3), während der Infant für Philipp ein „Knabe“ ist (I 6 und V9). Die neue Einsicht besteht in einer Verknüpfung dieser Beobachtung mit Karlos’ Aussage,
„Dass Karlos nicht gesonnen ist, zu müssen,
Wo er zu wollen hat;“ (724 f.)
dass Karlos also bei der ersten Begegnung um seine Selbstverwirklichung kämpft. Freiheit besteht im Verständnis des Idealismus darin, das von sich aus zu wollen, was man tun soll (vgl. Posas Wort über Wahl und Pflicht, 3032 f.!); diese Freiheit hat Karlos am Ende gewonnen, insofern ist er ein Mann geworden.

* Der Reifung gegenüber Elisabeth entspricht Karlos‘ Reifung als Sohn: In II 2 bettelt er um die Liebe des Vaters, in V 4 sagt er sich von ihm los (um in V 11 als Infant zum Aufstand bereit zu sein).

* Dass Freundschaft zwischen Karlos und dem Marquis Posa mehr als persönliche Verbundenheit ist (und deshalb auch nicht aus Schillers Leben erklärt werden kann), war mir klar; neu ist die Einsicht, dass der „heutige“ Freundschaftsbund (I 9) für die Freundschaft „auch dermaleinst“ (995) gilt, also die Gleichheit zwischen dem König Karlos und dem Bürger Posa (965 ff. und 994 f.) antizipiert und heute schon herstellt. Damit bekommt dann die schwärmerische Aussage Posas, das Traumbild des neuen Staates sei „der Freundschaft göttliche Geburt“ (4280 f.), ihre Bedeutung.

* Von dieser neuen Einsicht aus wird auch eine beinahe „defätistische“ Äußerung des politischen Taktikers Posa verständlich; der sagt nämlich über Karlos: „Er lege
Die erste Hand an diesen rohen Stein.
Ob er vollende oder unterliege –
Ihm einerlei!“ (4281/84)
Von dieser Vision aus kann man verstehen, wieso Karlos nicht flieht (V 7), sondern am Schluss vollendet ist (V 11), auch wenn der Inquisitor ihn hinrichten wird. „Katastrophe“ kann man diese Vollendung nicht nennen.

* Die letzte neue Einsicht besteht darin, in Posas Selbstopfer eine Säkularisierung des christlichen Glaubens an den Opfertod Jesu zu sehen. Das ergibt sich aus aus Karlos’ Bekenntnis: „Für mich ist er gestorben.“ (4787 und 4837) Da geschieht insofern eine Erlösung, als nun die Bindungen der Natur nicht mehr gelten (4767) und die neue Bruderschaft „ein edler Band, als die Natur es schmiedet“ (4794), darstellt.

Diese Einsichten machen es nötig, erneut zu untersuchen, wie das Drama aufgebaut ist und was eigentlich im Drama geschieht.

P.S. Schillers Brief an Körner vom 3. Juli 1785 bezeugt, dass im Zusammenhang des Themas „Freundschaft“ die Säkularisisierung zentraler christlicher Motive Schiller nicht fremd war:
„O, mein Freund! Nur unserer innigen Verkettung, ich muß sie noch einmal so nennen, unserer heiligen Freundschaft allein war es vorbehalten, uns groß und gut und glücklich zu machen. Die gütige Vorsehung, die meine leisesten Wünsche hörte, hat mich Dir in die Arme geführt, und ich hoffe, auch Dich mir. Ohne mich sollst du ebenso wenig Deine Glückseligkeit vollendet sehen können, als ich die meinige ohne dich. Unsere künftig erreichte Vollkommenheit soll und darf auf keinem anderen Pfeiler als unserer Freundschaft ruhen. – Unsere Unterredung hatte diese Wendung genommen, als wir ausstiegen, um unterweges ein Frühstück zu nehmen. Wir fanden Wein in der Schenke. Deine Gesundheit wurde getrunken. Stillschweigend sahen wir uns an, unsere Stimmung war feierlich Andacht, und jeder von uns hatte Thränen in den Augen, die er sich zu ersticken zwang. Göschen bekannte, daß er dieses Glas Wein noch in jedem Gliede brennen fühlte, Huber’s Gesicht war feuerroth, als er uns gestand, er habe noch keinen Wein so gut gefunden, und ich dachte mir die Einsetzung des Abendmahls – „Dieses thut, so oft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtniß.“ Ich hörte die Orgel gehen und stand vor dem Altare. Jetzt erst fiel’s uns auf die Seele, daß heute Dein Geburtstag war. Ohne es zu wissen haben wir ihn heilig gefeiert. – Theuerster Freund, hättest Du Deine Verherrlichung in unseren Gesichtern gesehen – in der vom Weinen erstikten Stimme gehört: in dem Augenblike hättest Du sogar Deine Braut vergessen, keinen Glüklichen unter die Sonne hättest Du beneidet. – – –“

„Don Karlos“ und die Aufklärung
Ein Blick in das „Lexikon der Aufklärung“, hrsg. von Werner Schneiders, 1995, kann ganz hilfreich sein; ich denke etwa an die Stichwörter „Enthusisasmus; Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit; Freundschaft; Glück; Philosoph; Schwärmerei; Tugend“.  Für die Trias „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ zeigt Gerd van Heuvel, dass die Brüderlichkeit nicht zum eisernen Bestand gehörte und dass es auch andere Parolen als den später (!) klassisch gewordenen Dreiklang F – G – B gab.

Das angekündigte (http://www.krapp-gutknecht.de/Produkte/Theater_auf_DVD/Don_Carlos/Don_Karlos.htm) Lehrerheft zu „Don Karlos” ist im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen.

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