Schiller: Kabale und Liebe – Inhalt, Aufbau

Das elementare Hilfsmittel ist das Kindler Literatur Lexikon (KLL), von dem es für beide Auflagen auch eine Auswahl der wichtigen deutschsprachigen Werke gibt. Solche Hilfsmittel zu kennen und zu nutzen macht den guten Schüler aus: Er macht sich von seinem geliebten Lehrer unabhängig! Eine gute Einführung findet man auch in dem Buch „Die Dramen des jungen Schiller“, München 1982, von Dieter Liewerscheidt. Die dort abgebildete Übersicht über das Drama (S. 104 f.) ist in ihrer Anlage vorbildlich und kann für andere Dramen nachgeahmt werden. – Um die neue bürgerliche Familie des 18. Jh. zu verstehen, kann man den Artikel „Familie“ von H. Gukenbiehl (Grundbegriffe der Soziologie, hrsg. von B. Schäfers) lesen.
Ich orientiere mich hier an der Ausgabe RUB 33 (durchgesehene Ausgabe 2001) und arbeite mit deren Seiten- und Zeilenzählung (also 6/5 etwa heißt „Seite 6, Zeile 5“). -> bedeutet: bereitet … vor; <- bedeutet: knüpft an … an.

Übersicht: erster Akt
1 Miller spricht mit seiner Frau über das problematische Verhältnis ihrer Tochter mit dem Sohn des Präsidenten; er will es dem Präsidenten offenbaren.
2 Wurm wirbt erneut um Luise; er wird von der Mutter zurückgewiesen, welche auf eine Erhebung ihrer Tochter in den Adelsstand hofft. Miller widerspricht ihr, will seiner Tochter aber von Wurm abraten (entgegen alten Absprachen).
3 Luise bekennt vor ihren Eltern, dass sie in einem Konflikt steht; sie will an der Liebe festhalten, jedoch dem Ehebund mit Ferdinand entsagen – im Hinblick auf eine Erfüllung in der Ewigkeit; Miller verweigert seiner Tochter Ferdinand als Mann.
4 Ferdinand erscheint bei Miller; Luise deutet ihm Hemmnisse und eine Trennung an. Ferdinand wischt im Liebespathos alles Beschränkende (überheblich!) fort. -> II 5
5 Der Präsident wird von Wurm über das Verhältnis Ferdinands mit Luise informiert; er tut es ab und kündigt die Heirat Ferdinands mit Lady Milford an.
6 Er teilt von Kalb mit, dass Ferdinand die Lady heiraten wird, und lässt dies durch von Kalb öffentlich verbreiten.
7 Der Präsident kündigt Verdinand dessen Heirat mit der Milford an; dieser widersetzt sich aus „Ehre“. Eine Heirat mit der Ostheim kann er aus diesem Grund aber nicht abschlagen; so wird sein wahrer Grund entdeckt. Der Vater droht ihm, falls er sich widersetzt – Ferdinand entschließt sich, als „ein teutscher Jüngling“ (27/33) der Milford die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. -> II 3
Fazit: Luise befindet sich in einem Konflikt zwischen Liebe und Gehorsam gegenüber dem Vater (und der von diesem erkannten Standesschranke), sie schwankt hin und her. Der Präsident fädelt eine Intrige ein, um Ferdinand an die Milford zu verkuppeln.

Übersicht: zweiter Akt
1 Milford und Sophie sprechen über die Rolle der Lady bei Hof, über ihre Ehre und ihr Herz, über den Fürsten und die Heirat mit F (ein Werk der Lady: Intrige in der Intrige).
2 Diener bringt Juwelen zur Hochzeit und informiert die Lady über den Preis, lehnt Belohnung seiner Offenheit ab; die Lady lässt die Juwelen zu Geld machen für Geschädigte und ist angesichts des bevorstehenden Besuchs F.s aufgelöst.
3 F sträubt sich gegen die Heirat wegen seiner Ehre; er wirft der Milford ihr geistloses Handeln vor und verweist auf die Ausbeutung des Landes. Die Lady erzählt ihre Geschichte, offenbart ihr gutes Herz, bekennt ihre Liebe zu F und zerfetzt so seine Ehre-Einwände. F weist ihre Hand um der Liebe zu L willen zurück. Milford nimmt ihre Leidenschaft zurück, behauptet aber ihre Ehre (und besteht deshalb auf Heirat).
[Hier ist schön zu sehen, wie die adelige Milford zwischen dem Adelsprinzip der Ehre und dem bürgerlichen Ideal der Liebe zerrissen wird (zumindest schwankt). F denkt oft ähnlich ambivalent!]
4 Bote des Präsidenten fragt nach dem Musiker, Aufregung bei Miller; der Vater ahnt Böses und will zum Präsidenten gehen.
5 F kommt hinzu, große Verwirrung: F bekennt seine moralische Gefährdung durch die Lady, L ist verzweifelt, der Vater macht F haftbar; F bekräftigt mit heiligem Eid seine Liebe, ohne L groß zu fragen. -> I 4
6 Der Präsident kommt zu Miller, beschimpft L; es gibt Streit, Verhaftung; F sagt sich vom Vater los.
7 Streit um die Verhaftung zwischen Vater und Sohn; der Präsident geht bis zum Äußersten und setzt die Verhaftung L.s und ihrer Mutter durch. F droht , die  Machenschaften des Vaters zu verraten, und verhindert am Ende die Verhaftung. -> III 1

Übersicht: dritter Akt
1 Wurm analysiert mit dem Präsidenten, warum ihr Plan gescheitert ist (<- II 6) ; Wurm entwirft einen neuen Plan, F durch dessen Eifersucht dem Vater gefügig zu machen und ihn von L zu trennen. (-> III 4; IV 1 ff.)
2 Der Hofmarschall wird gewonnen, bei der Intrige mitzuspielen.
3 Es geht gemäß dem Plan weiter, Miller wird verhaftet.
4 Großes Gespräch: F schlägt eine gemeinsame Flucht vor (Liebe in religiöser Metaphorik gepriesen!), L entsagt ihm wegen ihrer beider Kindespflichten („die Fugen der Bürgerwelt“ zerreißen); L.s Konflikt wird von F als Vorwand interpretiert, eine Liebschaft zu verbergen. (<- III 1; -> III 6; IV 2)
5 L ist in Sorge um den Vater. (-> III 6)
6 Wichtige Entscheidung: Wurm „informiert“ L, die das Spiel durchschaut und beklagt, dass ihr Vater bedroht ist; L will sich beim Herzog beschweren, müsste sich jedoch laut Wurm als Preis darbringen. Adelskritik: Entlarvung der Großen und ihrer Umtriebe. Sie unterschreibt gezwungenermaßen den „Liebesbrief“ an den Hofmarschall. Konflikt L.s zwischen „Tod“ (Gefährdung des Vaters, Verlust F.s) und Schande (Verlust ihrer Unschuld). Verzweiflung L.s beim Eidschwur: Gott selbst muss das Werk der Hölle besiegeln. – Wurm bietet ihr an, sie zu heiraten; L droht ihm, ihn in der Hochzeitsnacht zu erdrosseln.

Übersicht: vierter Akt
1 F fragt nach dem Hofmarschall. (-> IV 3)
2 F.s Molog: Er hat den Brief gefunden und fühlt sich von L getäuscht; er rast aus Eifersucht.
3 F fordet den Hofmarschall zum Duell heraus; dieser versucht vergeblich, den rasenden F über das Missverständnis und die Tatsachen der Intrige aufzuklären.
4 Vermessenes Gebet F.s, in dem er L von Gott für sich selbst fordert, um sie zu bestrafen; er entschließt sich zum Doppel-Selbstmord: Die Vermählung soll ewig bestehen, in den gemeinsamen Höllenqualen. (vgl. IV 7)
5 F ist bei seinem Vater, welcher Zustimmung zu einer Ehe F.s mit L heuchelt, während F bei ihm Abbitte tun wollte; F dreht beinahe durch, geht in fürchterlicher Stimmung ab.
6 Die Lady bereitet sich auf das Zusammentreffen mit L vor; sie ist unsicher.
7 Große Auseinandersetzung zwischen L und Lady Milford; diese bittet und droht L, jene solle ihr F abtreten; nach einem Stimmungsumschwung der Lady entsagt L erneut F und droht zugleich ihren Selbstmord an, falls F und die Milford heiraten. (vgl. IV 4)
8 Bekehrung der von L beschämten Lady: „Auch ich habe Kraft zu entsagen.“
9 Mildorf reist ab als Johanna Norfolk, trennt sich vom Fürsten und ist damit aus dem Spiel ausgeschieden.

Übersicht: fünfter Akt
1 Miller kommt nach Hause; L verunsichert ihn mit ihren Todesreden. Sie schreibt ein Billet an F mit der Einladung zum Selbstmord: Grab als Ort der Freiheit und Liebe.
Miller erinnert sie an ihre Kindespflichten und droht mit Gottes Gericht. L steht erneut vor der Wahl (Konflikt) zwischen F und Vater („Verbrecherin, wohin ich mich neige“). Sie entscheidet sich für den Vater; der will mit ihr weggehen. [Es fällt auf, dass die Mutter abwesend ist.]
2 F kommt mit besagtem Brief an den Hofmarschall (III 6), um angeblich L als Braut heimzuführen – böse Ironie. L gesteht nach langem Hin und Her, dass sie den Brief geschrieben hat. F solle gehen, bittet noch um eine Limonade. (-> V 6)
3 Im Gespräch mit Miller erzählt F u.a., wie er vor drei Monaten zum ersten Mal in Millers Haus gekommen ist.
4 F überlegt, ob er dem Vater das einzige Kind wegnehmen darf, und kommt zur „Einsicht“, der müsse ihm dafür sogar dankbar sein: totale Hybris (vgl IV 4).
5 F gibt Miller Gold zur Entschädigung; der schnappt über und entwirft tolle Pläne, was er L bieten will.
6 F schickt Miller fort und gibt Gift in die Limonade.
7 F spricht voller Ironie mit L, macht ihr Vorwürfe und findet endlich einen Vorwand („unglücklich bist du schon…“), sie zu vergiften; sie trinken beide. Sie eilt auf ihn zu, er stößt sie zurück. Sie deutet ihre Verstrickung in eine Intrige an, er hört nichts. F kündigt ihr den Gifttod an, sie bittet Gott um Vergebung. L. gesteht im Todeskampf die Wahrheit. F greift nach dem Degen, um L zu rächen, und trinkt noch mal gut vom Saft.
8 Der Präsident, Wurm, Miller u.a. erscheinen. F gibt seinem Vater die Schuld am Mord, der Tod sei „Frucht deines Witzes“. Der gibt die Schuld an Wurm weiter; dieser kündigt an, alle Verbrechen aufdecken zu wollen. F sorgt sich um das Geld für Miller und vergibt seinem Vater, der sich der Polizei gefangen gibt.

Dramatische Situation am Ende von I:
Luise steht zwischen zwei Männern; dem Sekretär Wurm ist sie versprochen (10/3 f.), aber sie liebt Ferdinand. Ihr Vater missbilligt beide Männer, ihre Mutter sieht in Ferdinand die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg (9/18-20).
Ferdinand liebt Luise (I 1 ff.), aber sein Vater will ihn mit der Milford verheiraten (19/22); Wurm unterstützt dessen Planung, auch aus eigenem Interesse (20/16 ff.); über Liebe, gar zu einer Bürgerlichen, kann der Präsident nur lachen (18/1 ff.).
Die beiden Väter stehen also den Liebesplänen ihrer Kinder entgegen und sind in ihrem Widerstand fest. Die Kinder sind seltsam gespalten:
* Luise, 16 Jahre alt (85/1), kann Ferdinand nicht vergessen (12/27 ff.) – entsagt ihm für dieses Leben (14/12) – beklagt, dass sie von ihm getrennt wird (16/9) – hat ihre Träume vergessen und wird doch von wilden Wünschen erfüllt (17/9 ff.) – in diesem Zwiespalt bleibt sie das ganze Stück hindurch, also den ganzen einen Tag über.
* Ferdinand, über 20 (24/9), ist ein Adeliger (16/13), der sich auch auf seine Ehre beruft (26/9), also auf ein Prinzip adeligen Lebens; gleichzeitig hält er die Liebe für die höchste Macht (etwa 16/12-16) und beruft sich auf sie und sein Herz (26/32 f.; 24/26).
* Beide haben in den neuen Büchern gelesen (6/32; 7/2 f.; Romanenkopf 23/24 f.), also in moderner bürgerlicher Literatur, in Liebesromanen, in denen die Stimme des Herzens am stärksten gebietet.
In diese persönlich-privaten Spannungen spielen verstärkend die Intrigen (Kabale) des Hofes hinein: Der Präsident will seinen Sohn aus politischen Gründen verheiraten (klassisches Adelsprinzip, I 5), wobei er durch Wurm aus persönlichen Gründen im Tricksen unterstützt wird (18/1 f.; 19/24 ff.; 20/1 ff.).

Dramatische Situation am Ende von II
Die Situation spitzt sich in diesem Akt zu, wobei sich einmal die Intrigen des Präsidenten, zum anderen die Aktionen Ferdinands auswirken.
Was Lady Milford betrifft, muss F seine moralischen Vorurteile gegen sie ablegen, als er ihre Lebensgeschichte erfährt; sie verzichtet auf seine Liebe, um ihrer Ehre willen aber nicht auf die Heirat – sie kündigt Unheil an (S. 42). F entgeht nur knapp dem Charme der Frau und flüchtet zu Miller; er findet die Familie bedroht und aufgeregt. F „heiratet“ L formlos und ohne sich groß um die Familie zu kümmern und widersetzt sich mit letzter Kraft (und der Drohung, dessen Machenschaften zu verraten) dem Versuch seines Vater, Familie Miller verhaften zu lassen.
Die Pläne des Präsidenten scheinen also vorerst gescheitert zu sein, während die Liebe F.s zu L besiegelt zu sein scheint; doch die Drohung der Lady steht im Raum.

Dramatische Situation am Ende von III
Der 3. Akt wird im Wesentlichen von der Intrige Wurms bestimmt, Ferdinand eifersüchtig zu machen (III 1); dazu werden die Eltern L.s verhaftet (III 3) und L durch weitere Drohungen unter Druck gesetzt, den vermeintlichen Liebesbrief an den Hofmarschall zu schreiben (III 6). Zuvor hat sie F.s Vorschlag, mit ihm zu fliehen und allein der Liebe zu leben, abgelehnt; F kann das nicht verstehen und erblickt hinter ihrer Weigerung eine andere Liebesbeziehung L.s (III 4), zeigt also bereits die Eifersucht, die Wurm erst erwecken will. Kabale und Liebe spielen zusammen und bereiten eine Katastrophe vor.

Dramatische Situation am Ende von IV
Bis IV 5 steht die Person F im Vordergrund: Er hat den Brief gefunden, verzichtet auf Bestrafung des vermeintlichen Nebenbuhlers von Kalb und richtet seinen Hass gegen L – in seiner Maßlosigkeit spielt er sich zum Richter und Gott Luises auf (IV 4, vgl. den ersten Monolog IV 2), wobei die Heuchelei seines Vaters ihn noch in seinem Verdacht bestärkt (IV 5). Im zweiten Teil des 4. Aktes steht Lady Milford im Vordergrund, wobei L ihr in einem großen Dialog Paroli bietet (IV 7); durch diese Begegnung beschämt und durch L.s Drohung mit Selbstmord erschüttert, besinnt die Lady sich und räumt das Feld (IV 9), womit dem Liebesverhältnis F – L scheinbar eine neue Chance eingeräumt wird. Doch sind die beiden Liebenden nacheinander in noch tiefere Verzweiflung gestürzt worden, sodass ihr Untergang durch die Flucht der Lady nur ein wenig hinausgezögert werden kann.

Dramatische Situation am Ende von V

Luise und Ferdinand sind tot, von Ferdinand in seiner Verblendung vergiftet; Luise hat vor ihrem Tod jedoch die Intrige Wurms bzw. des Präsidenten aufgedeckt (und den Präsidenten als Schuldigen ausgemacht). Sterbend hat sie Ferdinand vergeben; Ferdinand hat noch seinen Vater anklagen können. Der Präsident hat die Schuld auf Wurm gewälzt, dieser will alle Schuld der beiden aufdecken, gemeinsam mit dem Präsidenten sich dem Gericht stellen und gemeinsam mit ihm zum Tod verurteilt werden. Ferdinand hat seinem Vater zum Schluss noch vergeben, Miller bleibt trostlos zurück.

Siehe auch die Analyse wichtiger Szenen sowie diese Übersicht!

https://www.youtube.com/watch?v=lOKICSoqgbE (Stück gespielt, am Ende unvollständig)

https://www.youtube.com/watch?v=xJrePesJgtY (Zusammenfassung)

https://www.youtube.com/watch?v=7zZLAIUeZ1E&list=PLBYM5RyFfsiroh9MyIcx4AopO3eOWOGZu (Text vorgelesen, mit weiteren Folgen) – mäßig

https://www.youtube.com/watch?v=HF1QDzTxnlE (Paraphrase, 10 min)

https://www.youtube.com/watch?v=ByUtauAkL4o (Kurzanalyse, Interview)

https://www.youtube.com/watch?v=EY2hEZwU09Y (Monolog der Milford)

2 thoughts on “Schiller: Kabale und Liebe – Inhalt, Aufbau

  1. Pingback: Was heißt: den Aufbau des Gedichts beschreiben? « norberto68

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