Trakl: Ein Winterabend / Eichendorff: Winternacht – Gedichtvergleich

Diesen Gedichtvergleich gibt es bei http://www.frustfrei-lernen.de/deutsch/gedichtvergleich-winterabend-winternacht.html (Texte dort miserabel, mit Fehlern!).

Georg Trakl
Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

Joseph von Eichendorff
Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seinen Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

Trakl:
Situation: zuerst allgemein, wiederkehrend („wenn“, „vielen“, „mancher“), dann eine konkrete Situation in der 3. Strophe (Wanderer wird angesprochen, da erglänzt …); Situation der Geborgenheit (Abendglocke läutet, Tisch bereitet, Haus wohlbestellt, Baum der Gnaden), zum Schluss Situation des Heils (erglänzen, reine Helle, Brot und Wein: symbolisch), Erlösung für den Wanderer von seinem Schmerz, Überwindung der trennenden Schwelle, Stärkung am bereiteten Tisch
Sprecher: wird nur im Beschreiben der Situation und in der Anrede an den Wanderer hörbar
religiöse Färbung: Baum der Gnaden (Weihnachtsbaum?), erglänzen (Glanz als Attribut Gottes), Brot und Wein (auch: christliches Sakrament).
Form: drei Strophen, umfassender Reim, Trochäus

Eichendorff:
Situation: konkret, zunächst Situation der Verlassenheit (verschneit, nichts Erfreuliches, verlassen, verstreuet); Wind führt eine sanfte Veränderung herbei (2. Strophe), Baum erwacht zu traumhaftem Leben (sacht, redet wie im Traum: Personifikation); Vorgriff auf eine Situation künftigen Lebens als Trauminhalt: Überwindung der gegenwärtigen Verlassenheit (grün, Quellenrauschen, neues Blütenkleid, wird rauschen)
Sprecher: „Ich“ als Bestandteil der tristen Situation, sonst nur Beobachter und Beschreibender (kennt aber den Trauminhalt)
religiöse Färbung: erlösendes Naturgeschehen (Wind als Baum-Belebender, Rhythmus der Jahreszeiten als Lebensgewinn), Baumrauschen als Gotteslob
Form: drei Strophen, Kreuzreim, Jambus im Wechsel von 3 und 4 Hebungen, Wechsel von männlichem und weiblichem Schluss (ähnlich bei Trakl)

Vergleich:
Der Winter ist bei Trakl nur der Rahmen, vor dem sich das helle Haus abhebt; bei Eichendorff ist der Winter Symbol der Leblosigkeit und Verlassenheit.
Überwindung einer Unheilssituation einmal eines Wanderes, dann eines Baumes als Repräsentanten der Natur, evtl. sogar der Welt; Erlösung einmal durch die Einladung ins Haus und an den Tisch, dann durch den Wind bzw. den Lebensrhythmus der Natur; bei Trakl tritt der unselige Wanderer in die Späre der Rettung ein, bei Eichendorff wird eine Situation des Unheils durch innere Kraft der Natur überwunden.

Bei Trakl ist vom Expressionismus seiner Zeit nicht viel zu spüren; Eichendorffs Gedicht darf als merklich „romantisch“ gelten.

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