Büchner: Dantons Tod – Analysen ab II,7

Analyse II 7
1. Vorgeschichte
Am Ende des Gesprächs zwischen Robespierre und St. Just ist die Entscheidung gefallen, Danton „morgen“ zu verhaften (I 6). Trotz des Drängens seiner Freunde (II 1) unternimmt Danton zunächst nichts; als er erfährt, dass seine Verhaftung beschlossen worden ist (II 3), bricht er zur Flucht auf, kehrt jedoch um (II 4). Er wird dann von Simon und den Bürgersoldaten, die allesamt einen wenig „tugendhaften“ Eindruck erwecken, verhaftet (II 6); durch ihre obszönen Sprüche entlarven sie das welthistorische Pathos der folgenden Rede St. Justs als hohles Gerede: Praxis vs. Theorie der Verhaftung und Hinrichtung.
2. Aufbau der Szene
Legendre unternimmt einen Vorstoß im Konvent, um Danton die Möglichkeit zu geben, sich dort zu verteidigen; darüber kommt es zum Streit.
In einer Rede gelingt es Robbespierre, die Delegierten dazu zu bewegen, Legendres Vorschlag abzulehnen.
St. Just hält anschließend eine Grundsatzrede, in der er verteidigt, dass bei einer Revolution Blut fließen muss, wodurch er die Delegierten zur Begeisterung hinreißt.
Von diesen drei Teilen werde ich nur St. Justs Rede genauer untersuchen; die beiden ersten Teile werde ich nur streifen.
3. Analyse der Szene II 7
Legendre, der in I 3 scharf gegen die Dantonisten gesprochen hatte, will nicht, dass „das Schlachten der Deputierten“ weitergeht; er will deshalb ein geltendes Dekret aufheben lassen und so Danton die Möglichkeit geben, sich vor dem Konvent zu verteidigen.
Als die Sitzung eröffnet wird, hält er eine kurze Rede, in der er auf Dantons Unschuld und Verdienste hinweist; ein so verdienter Mann müsse „sich erklären dürfen, wenn man ihn des Hochverrats anklagt“; er löst „heftige Bewegung“ aus. Verschiedene Delegierte äußern sich kontrovers zu seinem Antrag. [Ich möchte auf ein schönes Bild hinweisen, das ein Delegierter gebraucht: „Das Beil des Gesetzes schwebt über allen Häuptern.“ Hier wird das Gesetz wie ein bedrohliches Damokles-Schwert gesehen, nicht wie eine Institution zum Schutz der Bürger: ein Indiz für den Zustand der Rechte in diesem Stadium der Revolution!]
Gegen Legendres Vorschlag spricht nun Robbespierre, der sich zunächst auf den Streit unter den Abgeordneten bezieht und auch darauf, dass Legendre nicht die Namen aller Verhafteter kennt. Kurz formuliert trägt er vor,
dass es für Danton keine Sonderrechte geben darf,
dass man nicht einzelne Taten, sondern dessen ganzes politisches Leben betrachten müsse,
dass schuldig ist, wer jetzt vor dem Urteil zittert,
dass nichts ihn selbst in seinem ehrlichen Kampf aufhalten kann (vgl. I 6),
dass nur wenige Köpfe rollen müssen, um das ganze Vaterland zu retten;
deshalb fordert er, Legendres Vorschlag zurückzuweisen.
Die Delegierten haben ihm bereits dreimal Beifall gespendet; am Ende erheben sich alle „zum Zeichen allgemeiner Beistimmung“, offenbar also auch diejenigen, die anfangs noch für Danton eingetreten sind.
Dann hält St. Just eine Grundsatzrede, deren 9 Absätze ich nummeriere. Er geht zunächst auf den Anlass seiner Rede ein: dass Abneigung gegen weiteres Blutvergießen besteht – indem er vom „Wort Blut“ statt vom Blutvergießen spricht, macht er dessen Gegner lächerlich; als Ziel gibt er an, er wolle zeigen, dass „wir“ im politischen Handeln nicht grausamer als die Natur und die Zeit sind (1). Was das heißt, wird im Folgenden entfaltet.
Als These trägt er vor, dass die Natur „ruhig und unwiderstehlich“ ihren Gesetzen folgt, Veränderungen hervorbringt und dabei Menschen vernichtet, wo sie mit diesen Gesetzen „in Konflikt“ kommen. Indem er die Möglichkeit eines Konflikts mit den Gesetzen nennt, spricht er beinahe metaphorisch von den Naturgesetzen: wie von Gesetzen der Menschen (1). Die Metapher des Weges am Ende von (1) deutet auf ein planmäßiges „Vorgehen“ des Subjekts Natur, das auch Menschen vernichtet.
Der physischen Natur stellt er dann die moralische Natur entgegen; durch die gemeinsame Benennung „Natur“ wird menschliche Kultur bereits unter das „Gesetz“ der Natur gestellt, sodass die drei Fragen St. Justs wirklich nur rhetorisch gestellt sind: ob die menschliche „Natur“, etwa die Revolution, nicht genauso rücksichtslos wie die physische Natur vorgehen dürfe, also auch „durch Blut gehen“ dürfe (2). Die Antwort ist klar; das Ja wird durch einen Schluss a minore ad maius untermauert: Die Natur bringt „kaum merkbare Veränderungen“ hervor und nimmt dabei Leichen in Kauf (1); umso mehr muss dies auch ein Ereignis bei der ganzen (!) Gestaltung der Menschheit (moralische Natur) tun dürfen (2).
Er führt dann als handelndes Subjekt den „Weltgeist“ ein, der in den beiden Sphären wirke (2), der sich also der Vulkane so gut wie „unserer Arme“ (vgl. die Entschuldigungs-Strategien Robespierres und Dantons in I 6 und II 5!) bediene. Deshalb kann er rhetorisch mit einer Frage abschließen: „Was liegt daran ob sie nun an einer Seuche oder an der Revolution sterben?“ (2) – Nichts liegt daran, muss man antworten, es wirkt ja jedesmal die gesetzmäßig vorangehende Natur. (Den gleichen Zynismus hat auch Danton aufgebracht, als Philippeau ihn mit dem Hinweis auf Frankreichs Geschick zum Handeln bewegen wollte, II 1.)
Die in (2) bereits genannte Menschheit tritt in St. Justs Rede nun als Subjekt auf, das einen Gang macht (3); dabei bedeutet der Fort-Schritt des Ganzen, also der Menschheit, den Tod der Einzelnen bzw. der Generationen „auf dem Wege“. Zusätzlich zu dieser Gegenüberstellung von Gesamtsubjekt und einzelnen (Teil)Subjekten führt St. Just die unterschiedlichen Geschwindigkeiten des Gangs der Geschichte an: früher langsam, jetzt schnell, was bedeutet, dass dabei „auch mehr Menschen außer Atem kommen“ (3) – ein Euphemismus für Hinrichtungen.
In (4) zieht er eine Schlussfolgerung, die mit dem revolutionären Begriff der Gleichheit spielt und die Mörder wie die Ermordeten in den Gang der Geschichte oder der Menschheit einordnet: Alle sind gleich, von natürlichen Unterschieden abgesehen (4). Daraus folgert er: Jeder darf Vorzüge, keiner darf Vorrechte haben (5). Dieser Satz gilt nun als Folgerung bewiesen: „Jedes Glied dieses (…) Satzes hat seine Menschen getötet.“ (5) Mit der Metapher von den Interpunktionszeichen des Satzes rechtfertigt St. Just verschiedene Massaker (5).
Dann kommt er wie in (3) noch einmal auf die Gegenwart im weiteren Sinn zu sprechen: Die Revolution sei eine außergewöhnliche Zeit und schaffe in vier Jahren so viel Fortschritt wie sonst Jahrhunderte (Thema: Zeit), müsse also entsprechend mehr Leichen produzieren (6). Er schließt mit der Natur-Metapher vom Strom der Revolution und dessen Krümmungen, um in der rhetorischen Frage die eingangs erwähnten Abneigungen gegen das Blutvergießen endgültig zu zerstreuen.
Er greift nun den in (5) genannten Satz in der Metapher „Schlüsse“ auf (die durch den Hinweis auf die Anwendung des Satzes in der Wirklichkeit vorbereitet ist) und rechtfertigt damit weiteres Morden (6) – der Logik des Schließens kann man nicht widersprechen, ohne blöde zu sein.
Es folgen drei mythische Beispiele dafür, dass aus dem Blutvergießen Neues entsteht, und zwar nur durch Blutvergießen: Moses hat die alte Generation in der Wüste aufgerieben (ohne allerdings einen Staat zu gründen, er durfte das Gelobte Land nur aus der Ferne sehen, Dt 34); „den Krieg und die Guillotine“ rechtfertigt St. Just durch diesen Vergleich, in dem auch der Unterschied zwischen sterben lassen und töten überspielt wird (7).
Auch der zweite Vergleich klappt nicht: Die Töchter des Pelias haben ihren Vater zerstückelt, um ihn zu verjüngen; Medea hat ihnen dabei aber nicht geholfen und so blieb der gute Pelias Hackfleisch (8). Auch der Vergleich mit der Sündflut (oder Sintflut) hinkt (8); „die Menschheit“ war dort schließlich umgekommen, und die neue Schöpfung war auch nicht besser als die alte, sodass es Gott reute (Gen 8,21), das gescheiterte Experiment mit der Flut gemacht zu haben. – Dass diese Vergleiche logisch nicht klappen, zeigt die Schwäche der Argumentation St. Justs, denke ich; das hindert die Mitglieder des Zuhörer aber nicht, in enthusiastischen Beifall auszubrechen (Regie).
St. Just ist von seinen Worten selbst hingerissen und wendet sich an alle geheimen (und zum Mord bereiten) Tyrannenfeinde in der ganzen Welt (9); er lädt sie ein, „diesen erhabenen Augenblick mit uns zu teilen“ (9), ohne zu sagen, wie sie das tun könnten. Die allgemeine begeisterte Zustimmung zu weiteren Morden, das ist der erhabene Augenblick. – Dantons Schicksal ist besiegelt.

Die Argumentationsstrategien St. Justs bestehen darin, durch den Rückgriff auf die Natur die Notwendigkeit des Mordens zu rechtfertigen, durch Einführung des Subjektes Weltgeist die Täter zu entlasten, durch Einführung des Subjektes Menschheit die Bedeutung des einzelnen herabzuspielen, durch die Logik des Schließens und den Hinweis auf die besondere Zeit das Morden zu rechtfertigen, durch mythische Vergleiche das eigene Handeln zu heroisieren und zu legitimieren. – Vielleicht könnte man von einem „geschichtsphilosophischen“ Argumentationsansatz sprechen.
Wenn man die Differenz zwischen dem Auftreten der Verhaftungstruppe und der Rede St. Justs interpretiert, kann man darin ein Anzeichen dafür sehen, dass der natur- und weltgeschichtliche Rahmen nur die Ideologie eines Machtkampfs von realen Menschen ist; man könnte die inhaltliche „Bedeutungslosigkeit“ (in Anführungszeichen!) der Rede auch so verstehen, dass sie die Rhetorik zu einem weiteren revolutionären Geschehen bildet: Die Strudel im Strom der Revolution (St. Justs Bild) ziehen bald den einen, bald den anderen hinab – der Strom ist ein unkontrollierbarer Prozess, die Reden sind ein Kräuseln auf der Oberfläche des Wassers, wodurch nur angezeigt wird, dass sich dort ein Strudel bildet.

Übersicht über III (3. Akt)
In diesem Akt wechseln bis III 8 jeweils Szenen, in denen die Gefangenen auftreten, mit Szenen von Mitgliedern des Wohlfahrtsausschusses. In III 9 spricht Danton vor dem Revolutionstrinbunal, in III 10 tritt das Volk auf – zuerst für Danton, dann gegen ihn, wankelmütig, wie es ist.
Die Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses zeigen hier ihr wahres Gesicht: Sie wollen Danton mit allen, auch unsauberen Mitteln beseitigen: durch Auswahl der „richtigen“ Geschworenen (III 2), durch Unterbrechung der Verhandlung vor dem Revolutionstribunal (III 4), durch fragwürdige Anklage und Verhandlungstaktik (III 6 und 8), durchgeführt in III 9. Treibende Kraft ist St. Just, der Angst vor Danton hat (III 6); Robespierre ist eine Randfigur (III 6); der große Manipulator ist Fouquier-Tinville (III 2 ff.).
Wenn St. Just nicht dabei ist, zeigen mehrere Mitglieder des Ausschusses, dass sie trotz vorheriger „revolutionärer“ Äußerungen nicht mit den radikalen Anführern übereinstimmen (III 6, letztes Viertel); Barrère versucht eine etwas gedrechselte und letztlich egoistische Rechtfertigung dafür, dass er trotzdem mitmacht (III 6), ähnlich wie Laflotte, der Dillon verrät, um sich selber freizukaufen (III 5), und so die „Gründe“ für den Vorwurf des Hochverrats gegen Danton liefert. – Man sieht, dass III 6 eine Szene wäre, in der man einiges von den Revolutionären herausarbeiten könnte.
Die Gefangenen philosophieren einerseits, anderseits sprechen sie über den bevorstehenden Tod, aber auch über die Logik der Revolution; Camille erweist sich als der menschlichste der gescheiterten Revolutionäre (III 1, III 9). Danton bereut im Gespräch mit Mercier, das Revolutionstribunal geschaffen zu haben, und bittet um Vergebung (III 3). Mercier, ebenfalls ein gefangener Deputierter, erklärt am klarsten die Logik der Revolution (III 1 und v.a. III 3): Die großen Reden sind Phrasen, die im Morden „verkörpert werden“ – er berührt damit die „elegante“ Theorie St. Justs, dass die revolutionären Schlachtungen die Anwendung des Satzes von der Gleichheit sind (II 7) – eine weitere Entlarvung auch des großen St. Just, aber auch ein Vorwurf an Danton und die Seinen.
An philosophischen Beiträgen fallen die Überlegungen Paynes, ob es einen Gott gibt (III 1), und Dantons gescheiterter Nihilismus (III 7) auf: „Das Nichts hat sich ermordet…“ – zum Schluss dieser Szene sehnt er sich danach, zusammen mit Julie zu sterben, um dann – entgegen allen vorherigen Beteuerungen (etwa III 1: er werde auf dem Gang zum Schafott „nicht stolpern“) – in Todesangst zu jammern: „Ich kann nicht sterben…“ Die Einstellung der Gefangenen zum Tod findet man in III 1 und III 7, die Analyse der Revolution in III 1 und III 3; Dillon als ehemaliger General plant einen Ausbruch und Aufstand (III 5), den man dann bequem Danton anhängen kann (III 6), auch wenn Barrère solche Geschichten als „Märchen“ abtut (III 6).
Danton verteidigt sich gegen die Vorwürfe des Tribunals nicht ohne Stolz: „Das Schicksal führt uns die Arme, aber nur gewaltige Naturen sind seine Organe.“ (III 4 – dieser Gedanke hat ihm auch schon dazu gedient, sich von Schuld freizusprechen (vgl. II 5), und St. Just hat mit diesem Gedanken das Morden gerechtfertigt (II 7: Arme des Weltgeistes). In III 9 geht Danton bei seiner Verteidigung zum Gegenangriff über; er klagt Robespierre und St. Just des Hochverrats an und zeigt auf, wie die Fortsetzung der Revolution dazu dient, das Versagen in der Linderung der Not zu kaschieren – da wird er mit Gewalt hinausgeschleppt.
Der ganze dritte Akt ist von den praktischen Fragen kurz vor der Hinrichtung bestimmt: Wie kriegt man die Gefangenen schuldig gesprochen? Wie stellen diese sich auf ihren bevorstehenden Tod ein? Wem machen sie Vorwürfe, wie trösten sie sich?
Das Volk ist mit Robespierre nicht zufrieden, der ihm kein Brot schafft (vgl. II 2), und auch nicht mit Danton, der ein Luxusleben geführt hat (vgl. I 5) – jetzt lässt es sich gegen Danton aufwiegeln (III 10), in drei Monaten wird es (außerhalb des Dramas!) die Hinrichtung Robespierres und St. Justs beklatschen.

Analyse des 4. Aktes (IV  1-9) im Überblick
Zwar tritt mit Dumas in IV auch noch ein Agent der Revolution auf, ansonsten sind es nur noch deren Handlanger: Fuhrleute, Schließer, Henker, dazu einige Vertreter des Volkes. Die Hauptfiguren sind im 4. Akt eindeutig die Gefangenen sowie Julie und Lucile; denn es geht um das Sterben. Was es mit dem Sterben auf sich hat oder haben kann, wenn es ernst wird, zeigt sich in vielen Kontrasten, über deren genaue Zahl zu streiten müßig ist.
1. Kontrast: Julie will Danton in den Tod folgen (IV 1), Dumas trennt sich ungerührt in revolutionärer Überzeugung von seiner Frau (IV 2).
2. Kontrast: Lacroix und Hérault streiten sich um Kleinigkeiten (IV 3), Danton tröstet Camille.
3. Kontrast: Camille leidet an der Trennung von Lucile und jammert (IV 3), die Fuhrleute machen Witze und reißen Zoten (IV 4) – Lucile wird wahnsinnig am Trennungsschmerz.
4. Kontrast: Die anderen Revolutionäre „schwadronieren“ über ihre Gegner, Camille hält sich für sich und denkt über Vernunft und Wahnsinn nach (IV 5), da Lucile wahnsinnig geworden ist.
5. Kontrast: Camille plädiert dafür, die Masken abzunehmen und mit dem Theaterspielen aufzuhören; Hérault unterstützt ihn – Danton und Philippeau widersprechen (IV 5). [Die Logik des Widerspruchs ist kompliziert: Danton verteidigt die kontrollierte Selbstdarstellung um des Lebensgefühls willen, Philippeau bringt den Gedanken eines Blicks aus „höherer“ Perspektive ins Spiel.]
6. Kontrast: Philippeau vertritt die Theorie vom großen Welttheater und dessen Sinn; die anderen decken den Sarkasmus dieses „Welttheasters“ in ihren Fragen auf, bespielsweise Camille:  die Welt als ein Teich voller Goldkarpfen, „und die Götter erfreuen sich ewig am Farbenspiel des Todeskampfes?“ – Dagegen behauptet Danton (in der Konsequenz dieser Fragen): „Die Welt ist das Chaos [also kein Theater, N.T.]. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott.“ (IV 5 – damit knüpft er an seine Überlegungen in III 7 an).
Wenn man an die Bedeutung der Theatermetapher in I 1 denkt, könnte man diesen thematischen Bogen dahin interpretieren, dass das Stück „Dantons Tod“ der Frage nachgeht, ob und wie die Welt und unser Leben ein großes Theater sind.
7. Kontrast: Julies lyrische Eindrücke von der Welt, aus der sie scheidet (IV 6), stehen im Gegensatz zu den Witzen der Bürger, die die Hinrichtung begaffen wollen (IV 7), aber auch zu den Sprüchen der Männer, die geköpft werden (IV 7).
8. Kontrast: Luciles Leiden am Tod des Liebsten (IV 8 und 9) steht in Spannung nicht nur zum distenzierten Blick der zuschauenden Weiber (IV 8), sondern auch zur heiteren Feierabendstimmung der Henker (IV 9).
9. Kontrast: Während diese friedlich heimgehen, sucht Lucile in ihrem Leiden selbst den Tod (IV 9).
Bei mehreren dieser Kontraste sind nicht zwei, sondern drei verschiedene Positionen genannt worden, wie es auch bei den Antonymen oft nicht nur eine Entsprechung gibt, sondern mehrere (zu „anfangen“ zum Beispiel „nicht anfangen, „fortfahren“ und „aufhören“).
Die mitleidenden und -sterbenden Frauen erscheinen im Rückblick wie die wahren „Helden“ des 4. Aktes; Camille und Lucile sind das Liebespaar, wo jeder am Tod des oder der Geliebten leidet. Ansonsten verdient, wie bereits gesagt, der Aspekt des Spiels bzw. des Welttheaters als rahmendes Motiv (I 1 – IV 5) Beachtung;  eine Analyse der Szene IV 5, aber von IV 3 oder IV 6-9 käme in Frage.

„Dantons Tod“ – die schillernde Revolution
Mit dem Begriff von der schillernden Revolution möchte ich eine Beobachtung auswerten, die ich beim Lesen gemacht habe: Mehrfach erscheinen die gleichen Phänomeme, allerdings in verschiedener Beleuchtung oder an verschiedenen Objekten; dies wirkt sich darauf aus, wie man die Dinge sieht, die auf der Bühne dargestellt werden – unabhängig davon, wie man sie als Produkt eines revolutionär gesinnten jungen Mannes (Büchner) deuten möchte. Ich lege also die Liste der Beobachtungen vor und versuche dann kurz, sie auszuwerten.
Danton bekennt, dass wir (er) einsam sind (I 1); Robespierre beklagt sich, dass er allein ist (I 6).
Danton sagt, die Statue der Freiheit sei noch nicht gegossen (-> Gefahr, I 1),  die Revolution sei noch nicht fertig (-> er werde gebraucht, I 5); Robespierre sagt, die Revolution sei noch nicht fertig (-> weiteres Morden nötig, I 6).
Danton hält nicht viel von den ehrlichen Leuten (I 1); Robespierre will die gute Gesellschaft vollends beseitigen (I 6). Der konterrevolutionäre Dillon erwartet, dass die rechtschaffenen Leute ihr Haupt zum Widerstand erheben (III 5).
Die Leute wollen Aristokratenfleisch als Ersatz für das fehlende Brot (I 2 und IV 7); Danton erklärt dem Volk, wieso es mit Morden statt mit Brot billig abgespeist wird (III 9).
Eine Frau bejubelt Robespierre als „Messias“ (I 2), Camillie klagt ihn als Blutmessias an (I 6), was dieser im Monolog für sich akzeptiert.
Das Liebesgesäusel Marions und Dantons wird von Lacroix durch die Tiervergleiche herabgewürdigt (I 5); Danton gebraucht dann eben diesen Hundevergleich für die geile Atmosphäre im Volk (II 2).
Danton interessiert sich nicht für das Schicksal des Landes, weil es egal sei, woran die Leute sterben (II 1) – zur Begründung seiner Untätigkeit; mit der gleichen Begründung rechtfertigt St. Just weitere Morde (II 7).
Robespierre entschuldigt sich für seine Taten (mit dem Hinweis auf das Unbewusste I 6); Danton entschuldigt sich damit, dass wir bloß Marionetten sind (II 5).
St, Just gebraucht zur Rechtfertigung seines Tuns das Bild von den Armen des Weltgeistes (II 7); Danton beansprucht diese Rolle voller Stolz für sich (III 4).
[St. Just spricht von dem Grund-Satz der Revolution, von seiner Interpunktion und den logischen Folgerungen (II 7); Barrére fordert ihn auf, diese Interpunktionszeichen zu setzen (III 6). – Beispiel passt nicht ganz!?]
Von der Verkörperung solcher Sätze in der Politik sprechen St. Just rechtfertigend (II 7), Mercier dagegen anklagend (III 3).
Die erneuernde Sündflut der Revolution wünscht St. Just herbei (II 7), Danton sieht sich davon hinweggeschwemmt, aber nicht als Revolutionär vernichtet (IV 5).

Diese Liste zeigt, wie nah manchmal die Agenten der beiden Parteien einander sind (Danton – Robespierre), wie aber auch das gleiche Phänomen unterschiedlich bewertet wird (Tote statt Brot; Verkörperung der politischen Reden). Beides zusammen möchte ich mit dem Begriff vom Schillern der Revolution bezeichnen; vielleicht sollte man jedoch die Gleichheit der Gegner aus diesem Phänomen ausklammern? Ich bitte meine Leser, diese Frage der Interpretation intratextueller Bezüge – die puren Wiederholungen (etwas dass Danton Ruhe finden will, I 1 und III 7) sind hier nicht berücksichtigt – selber zu bedenken.

Ein Lehrerheft zu „Dantons Tod“ und „Woyzeck“ ist bei Krapp & Gutknecht erschienen.

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