Bischof: Das Kraftfeld der Mythen (1996) – Besprechung

In dem umfangreichen Werk (rund 750 Seiten Text) untersucht Norbert Bischof „Signale aus der Zeit, in der wir die Welt erschaffen haben“ (Untertitel). Der Grundgedanke ist folgender: „Der Mythos als eine symbolische Reflexion des erwachenden Weltbewusstseins, als Niederschlag der Erinnerung an jene phänomenale Weltentstehung, bei der jeder von uns einmal zugegen und mit Leib und Seele beteiligt war – das ist, auf eine kurze Form gebracht, die Grundidee …“ (S. 115)

Bischof beginnt mit einem Exkurs in Erkenntnistheorie: Die Welt an sich ist uns nicht bzw. nur in der Form der Erscheinungswelt gegeben; für die Zeiterfahrung bedeutet das, dass die „objektive“ Zeit der Kosmogonie etwas anderes ist als die von uns erlebte Zeit, dass also das Geschehen „in jener Zeit“ mythischer Ereignisse nicht kosmologisch missverstanden werden darf.

Für die Wahrnehmungspsychologie ist die Unterscheidung von Figur und Medium (Grund) wesentlich – eine Unterscheidung, die auch in der Skizze der Entwicklungspsychologie verwendet wird. Den fünf Stadien der psychischen Entwicklung (in der Sprache Freuds: von der oralen Phase bis zur Adoleszenz) entsprechen verschiedene mythische Bilder oder Erzählungen. Das „labile Kraftfeld der Triebe, Gefühle und Leidenschaften“ macht nach Bischof den Boden aus, „auf dem die Mythen gedeihen, weil die Orientierungshilfe, die sie beim Ausgleich affektiver Spannungen leisten, sie davor bewahrt, vergessen oder verfälscht zu werden“ (S. 747 f.).

Für die Analyse der Mythen orientiert Bischof sich primär an Wladimir Propp, dann auch an Campbells Buch über den Heros in 1000 Gestalten; vgl. dazu die Links

http://www.uni-ak.ac.at/culture/withalm/semiotics/SEMIOintro/11-Propp.pptx.pdf (Übersicht Propp)

http://www.lu.lv/bgz/assets/documents/materiale/Propp_Morphologie%20des%20Marchens.pdf (Text, Auszüge)

http://www.griesshaber.org/Chris/R/heldenreise.pdf (u.a. die 12 Stationen der Heldenreise nach Campbell)

http://www.ritesdepassage.de/pdf/Heldenreise.pdf (Erläuterung der Heldenreise, s. auch das Suchwort „the hero’s journey“)

http://www.halepaghen-schule.de/files/Choi/F%C3%A4cher/Religion/13.03.2009_2009-03-12%20Der%20Heros%20in%20tausend%20Gestalten%20(Text).pdf (Übersicht: Heldenreise, Anwendung)

Im 20. und 21. Kapitel untersucht Bischof moderne linke und rechte Mythen und ihre Vertreter, um ganz zum Schluss in Reflexionen zu Schillers Gedicht „Der Jüngling von Sais“ zu ergründen, was uns denn von den traditionellen Mythen bleibt, wenn sie derart entschlüsselt worden sind.

Bischof setzt mit diesem Buch (1996) „Das Rätsel Ödipus“ (1975) fort und greift schon auf wesentliche Gedanken seiner „Psychologie“ 2008/2009 vor.

Interessant war für mich vor allem, wie er das Zürcher Modell zur Interpretation der Trickster-Figur entwickelt (S. 499 ff.) und was er zur Aufgabe des „Helden“ schreibt, seine Identität zu finden (S. 568 ff.) – was ja nun Aufgabe eines jedes auf dem Weg zum Erwachsensein ist: Einerseits muss „ der Held“ sich von seinen Ursprüngen lösen, um autonom zu werden, anderseits muss er sich an seine Wurzeln zurückbinden. Er muss sich also seine Identität erarbeiten, kann sich nicht mit der bloß übernommenen begnügen. Dazu verhilft ihm auch die schöne Jungfrau, die ihn markiert und den wahren Helden vom falschen unterscheidet, den wahren heiratet und mit ihm zum verwandelten Elternhaus zurückkehrt, wo er mit dem Lebenselixier den kranken Vater heilen kann. Wie die Partnerschaft der beiden gelingen kann, deutet Bischof in der Analyse des Symbols von Yin und Yang an. [Beim zweiten Lesen wirken die Ausführungen zur Identität etwas unausgegoren: Da wird die Ding-Identität ohne Weiteres mit der zu findenden Ich-Identität zusammengestellt; auch die Harmonie der Liebenden im Zeichen von Yin und Yang wirkt eher erbaulich als erhellend – wie nüchtern klingt dagegen das, was etwa André Fourçans über die ökonomische Theorie der Ehe schreibt!] – Wer diese Gedanken ohne das Beiwerk der Mytheninterpretation sich zu Gemüte führen will, soll Bischofs „Psychologie“ lesen. Norbert Bischof zu lesen lohnt in jedem Fall. Die beiden von ihm bei der Analyse der Identität benutzten Märchen sind http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/Ru%C3%9Fland/August+von+L%C3%B6wis+of+Menar%3A+Russische+Volksm%C3%A4rchen/41.+Die+Jungfrau+Zar („Die Jungfrau Zar“) und http://www.1000-maerchen.de/fairyTale/841-der-eisenofen.htm („Der Eisenofen“).

Vgl. auch http://wwwu.uni-klu.ac.at/gsuess/bewusstseinpsy/KiLip.html (kurze Besprechung des Buches)

http://www.uboeschenstein.ch/sal/bischof_m568.html (Text: Identität)

http://www.uboeschenstein.ch/sal/bischof_oe524.html (Text: Imagination und Identität)

http://www.nicebread.de/research/ZM/zm.html (das Zürcher Modell)

http://ebookbrowse.com/bischof-motivationspsychologie-ppt-d116713136 (Motivationspsychologie)

http://psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2008/1578/pdf/Felix_Schoenbrodt.pdf (eine Arbeit zum Zürcher Modell)

http://www.kurtbangert.de/_downloads/allgemein/2_6_Die_psychogenen_Ursachen_der_Weltentstehungsmythen.pdf (u.a. Rückgriff auf Bischof)

http://www.nymphenburg.de/tl_files/pdf/LimbicScience101120.pdf (H-G Häusel über seinen Limbic-Ansatz)

http://homepage.uibk.ac.at/~c720126/humanethologie/ss/medicus/block3/AufbruchEvolErkenntnisTh.pdf (Zur Kritik der evolutionären Erkenntnistheorie am Konstruktivismus)

http://www.bischof.com/ (Homepage des Ehepaars Bischof)

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