S. Rushdie: Scham und Schande – Besprechung

(Shame, London 1983; deutsch München 1985, übersetzt von Karin Graf)

Nachdem ich „Mitternachtskinder“ gelesen hatte, wovon ich begeistert war, habe ich, durch Erfahrung klug geworden, bei der Lektüre von „Scham und Schande“ Notizen gemacht, damit ich später noch weiß, was ich gelesen habe und wo es steht. Damit ist ein erstes Merkmal von Rushdies Erzählen angedeutet: Er erzählt wenig episodisch, springt oft zwischen Erzählfäden und Zeitpunkten und bringt viele Namen ins Spiel, bei denen man den Zusammenhang vergisst. Gegen das letztgenannte Übel hilft in „Scham und Schande“ eine Figurenübersicht auf S. 9 (SP 1148, München 1990).

Die Hauptperson des Romans, wenn man von einer solchen sprechen kann, ist Omar Chajjim Shakil; wie sein Leben nach einem Fest begann und wie es nebulös endet, bildet den Rahmen der Erzählung. Er hat einen Teil seiner jungen Jahre mit Iskander Harappa verbracht; dieser sagt jedoch dem Lotterleben Ade und bringt es mit den üblichen Methoden zum Präsidenten Pakistans. Er wird schließlich von seinem General Raza Hyder gestürzt, dessen geistig behinderte Tochter Sufiya Zinobia Omar als gereifter Mann und Arzt völlig überraschend heiratet. Diese drei Männer, ihre Frauen, ihre Herkunft und Familien, ihr pakistanisches Agieren und ihr Ende, das macht im Wesentlichen das erzählte Geschehen aus. Synchron dem erzählten Geschehen sind der russische Einmarsch in Afghanistan, die Teilung des Landes (Pakistan – Bangladesh) und die Gründung der Stadt Islamabad.

Wie in „Mitternachtskinder“ gibt es wieder einige phantastische Ereignisse: Das erste und bemerkenswerteste ist die Herkunft Omars; denn die drei Schwestern Shakil scheinen alle drei schwanger zu sein (oder tun so), und zum Schluss ist immer noch unklar, welche von den drei Müttern nun tatsächlich die Mutter Omars ist. Eher läppisch ist die Gebärfreudigkeit Naveeds, der jüngeren Tochter Raza Hyders, die von Jahr zu Jahr mit einem Kind mehr schwanger wird. Schließlich ist die Verwandlung Sufiya Zinobias zu nennen, die von einer harmlosen Beschränkten zu einer blutgierigen Bestie wird und sich am Schluss in einer Art Wolke auflöst.

Auch wenn man gelegentlich das Geschehen mit den Augen Omars (sein Phantasien, S. 331 ff.) oder Sufiyas (S. 251) erlebt, ist das einzige Ich des Romans der Erzähler. Er ordnet sich in die Geschichte Pakistans ein (S. 31 ff.) und erzählt von einem gefolterten Freund, welcher eigentlich erzählen sollte, aber sich dem verweigert. „Statt seiner bin nun ich hier und erfinde, was mir nie widerfuhr …“ (S. 33) Als er sich zum zweiten Mal ausdrücklich meldet (S. 82 ff.), ist er 36 Jahre, hat neun Schwestern und spricht von seinem Roman, der kein realistischer Roman über Pakistan sei, weil er dann verboten werden würde. Vielmehr erzähle er „eine Art modernes Märchen“ (S. 84). Ausdrücklich setzt er sich als Migrant in Beziehung zu Pakistan (S. 102 ff.). „Was mich betrifft: auch ich bin, wie alle Migranten, ein Träumer. Ich erschaffe imaginäre Länder und versuche sie den vorhandenen aufzudrängen. Auch ich stehe vor dem Problem der Geschichte: was soll ich behalten, was wegwerfen …“ (S. 105).

Das Thema der Schande, die den einzelnen erniedrigt, taucht immer wieder auf, am eindrücklichsten in der Gestalt der Sufiya: das erste Kind Raza Hyders, die nur ein Mädchen ist, „die fleischgewordene Schande ihrer Familie“ (S. 165), deren unbewusstes Ich „den verborgenen Weg gefunden hatte, der sharam und Gewalt miteinander verbindet“ (S. 165) und die so zu einem mordenden Ungeheuer wird.

Es ist zu beobachten, dass in gewisser Hinsicht die Frauen die eigentlich Handelnden sind; der Erzähler widmet dieser Beobachtung eine eigene Reflexion (S. 204 f.); er habe sich gezwungen gesehen, „den Verlauf meiner Erzählung in allerhand verschlungene Winkelzüge zu fassen, meine ‚männliche’ Fabel gewissermaßen durch die Prismen ihrer entgegengesetzten ‚weiblichen’ Seite wahrzunehmen. (…) Die Repression ist ein nahtloses Gewand; eine Gesellschaft, deren gesellschaftliche und sexuelle Regeln autoritär sind, die ihre Frauen unter der unerträglichen Bürde vor Ehre und Schicklichkeit zermalmt, erzeugt auch Repressionen anderer Art. (…) Und so sehen wir, daß meine ‚männliche’ und meine ‚weibliche’ Fabel letzten Endes dieselbe Geschichte sind.“ (S. 204)

Damit beende ich diese kurze Besprechung – sie ist eigentlich nur die Basis, auf der man jetzt eine tiefergehende Analyse ansetzen könnte; aber die müsste mindestens zwanzig statt dieser anderthalb Seiten umfassen. Vgl. auch noch

http://www.fr-online.de/literatur/-eine-kiste-explodierender-mangos–mangos–generaele-und-eine-prise-zynismus,1472266,3070504.html

http://www.forumzfd-akademie.de/files/va_media/nid837.media_filename.pdf

http://www.a-e-m-gmbh.com/andremuller/interview%20mit%20salman%20rushdie.html

http://rezensionen.literaturwelt.de/content/buch/r/t_rushdie_salman_scham_und_schande_lohr_d_13252.html

http://www.wbz-cps.ch/sites/default/files/referat_scham_und_evaluation_marks_111214.pdf

http://www.psychosomatik-basel.ch/deutsch/bildung/dienstagmittagfortbildung/pdf/2009/marks031109v.pdf

http://othes.univie.ac.at/5207/1/2009-05-11_9702306.pdf

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