Faust I und II in Mönchengladbach (2012)

Gestern (26. Mai 2012) habe ich die Aufführung des kompletten „Faust“ in Mönchengladbach gesehen – man müsste eher sagen: Aufführung dessen, was die Regie davon übrig gelassen hat. In gut drei Stunden wurde ein irrwitzig gekürzter Text auf einer kargen Bühne dargeboten. Wenn man Goethes Text nicht kennt, verstand man kaum, was man sah und hörte.

Einmal fehlten die „christlichen“ Elemente, also die Wette des Herrn mit Mephisto, die Himmelsstimme am Ende von Faust I (stattdessen die Stimme Fausts: „Sie soll leben.“ – Aber wieso, bitte, soll sie leben?) und die Rettung des Unsterblichen Fausts am Ende des ganzen Stücks. Mephisto malte zwar ein Kreuz (!?) auf den Bühnenboden, wo er das Grab Fausts gezeichnet hatte – aber was soll ein Teufelspakt, ein Mephisto, ein Junker Satanas, wenn ihm kein „Herr“ entgegensteht? Dass die Bibelübersetzung und vor allem die Szene „Zwinger“ gestrichen waren, habe ich als großen Mangel im Ablauf des Geschehens empfunden; die Dom-Szene wurde von liturgischer Musik getragen, aber eben nicht vom „Dies irae“ – aber bitte, warum nicht?

Ein weiteres Manko: „Wald und Höhle“ war natürlich im Text verstümmelt und spielte auch nicht im Wald und in der Höhle, Faust kauerte bloß auf dem Boden und wurde von Mephisto animiert, zu Gretchen zu gehen, als er sich kurz und knapp an einen ominösen „erhabenen Geist“ gewandt hatte. Ein Kernzszene des Stücks war das nicht, wie überhaupt die Spannung Fausts zwischen dem Drang ins Weite und der Sehnsucht nach Enge fehlte (sogar die Stelle mit den „zwei Seelen“ in der Brust war gestrichen).

Die Elemente nichtchristlicher Mythologie verstand man überhaupt nicht: Da agierten lange Zeit vermummte Rollstuhlfahrer zwischen Feuer und Qualm: Was für Gestalten waren das? Die Erschaffung des Homunkulus konnte man erkennen, aber das Verhältnis Fausts zu Helena blieb wirklich schleier-haft; von Euphorion habe ich nichts vernommen. Ein altes Ehepaar wurde aus seiner Hütte am Meer vertrieben (bzw. wohl von modernen Schlägerpolizisten darin verbrannt) – aber wer sind schon Philemon und Baucis?

Der ganze Teil Faust II war eine Abfolge von Bildern (mit Angela Merkel als „Kaiser“), deren Bezug zu Heinrich Faust weithin unklar war – Mephisto rauchte Zigaretten, sauste immer zwischen den Figuren umher und Faust hatte einen langen Bart und einen Krückstock (kann man nicht anders alt werden?), aber so etwas wie einen roten Faden konnte ich nicht erkennen. Die musikalischen Elemente des „Faust“ fehlten leider beinahe vollständig.

Vor allem im ersten Teil ging es wie üblich in Mönchengladbach laut und hektisch zu, sodass Gretchen beinahe manisch getrieben war; Frau Marthe war dagegen überzeugend gespielt.

Fazit: Wozu soll man heute einen solchen „Goethe“ noch spielen? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist ein Teil der Schwierigkeiten, die ich mit dieser Aufführung hatte, aber auch in meiner Person begründet: Ich kenne Faust I ziemlich gut (vgl. https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-aufbau-der-gretchenhandlung/ und die dort verlinkten Beiträge), Faust II dagegen kaum; das lässt mich bei Faust I vieles vermissen, während mir bei Faust II der Durchblick fehlt.

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