Mann: Buddenbrooks – Tonys erste Heirat

von Dr. Peter V. Brinkemper [zu Thomas Mann: „Buddenbrooks. Verfall einer Familie.“ (Roman 1900/1)]

Textstellen: Thomas Mann: „Buddenbrooks“, Teil III, Kapitel 4; Teil III, Kapitel 7-8; Teil III, Kapitel 9-10 sowie Kap. 13.

Aufgabe: Analysieren und Interpretieren Sie die angegebenen Textstellen (komplett). Berücksichtigen Sie dabei auch Kontexte aus I, II und IV.

Checkliste: Werden folgende Aspekte 1. am Text der „Buddenbrooks“ (Grob- und Feinverständnis, Handlung und Psychologie der Figuren) belegt sowie 2. inhaltlich, sprachlich differenziert und logisch eigenständig dargestellt?

Themenstellung: Tony zwischen Tochter der Familie und eigenständiger junger Frau, versteckter Rebellion, Entdeckung des Neuen und Rückführung in die Tradition.

Vater Konsul Johann der Jüngere zwischen Traditionserhalt, Verfallsvermeidung und Verfallsbeschleunigung.

TEIL III, Kap. 4 Lübeck (1845), Teil 1. Trügerische Erwartungen bei Konsul Buddenbrook. (Dazu wichtig: Wissen über den beabsichtigten und vollzogenen Betrug Grünlichs, siehe „Buddenbrooks“, Teil IV.)

Textbefund: Der Konsul im eher monologischen Dialog, wörtliche Rede, zu seiner Gattin Bethsy (stumm) über Tonys Heirat:

– Die väterliche Erwartung, dass Tochter Tony dem Heiratsantrag von Bendix Grünlich, weil Kaufmann aus Hamburg (den Antrag hatte er vor allem an den Vater, weniger an sie gerichtet) nachgibt/entspricht/zustimmt.  Er verlangt die formelle, geschäftsförmige Einwilligung, aber keine Liebesheirat.

Eigener möglicher Gedanke: Charakterisierung Tonys aus früheren Teilen I und II: Tonys überhebliche, rebellische Haltung seit der Kindheit, ihr emotionaler Eigenwille und Widerwille. Sie findet auch Grünlich unsympathisch und sogar gruselig. Pro und Contra: Einerseits ist Tony arrogant; andererseits ist sie menschenklug und hat einen Riecher. Sie hat ihren Trotzkopf leider nicht in eine vernünftige Rolle ausgebildet / Problem der Erziehung von Frauen zur damaligen Zeit. – Tonys Position, ihr primär negativer emotionaler Eindruck wird vom Vater nicht ernst genommen, die männliche Welt glaubt sich überlegen (was sich später als Fehler herausstellt, da der Konsul selbst gierig ist, nur an das Geld und nicht an die Menschen und ihren wahren Charakter denkt). Der Konsul überschätzt Grünlichs finanzielle Möglichkeiten und verbiegt deshalb die Maßstäbe von Ökonomie, Moral, Ethik und Religion, denen sich Tony fügen soll.

– Dazu die Vorgeschichte, dass Vater und Großvater Buddenbrook sich (nach einer Liebesheirat) immer für die Geschäftsheirat (wie genau?) entschieden haben. Heirat einer reichen Frau, nur eine Geschäftsidee, oder auch Familienpolitik? Der ökonomische Hintergrund: Geschäfte der Firma im Weizenhandel stagnieren. Der Vater versucht den Reichtum, wie in der 1. und 2. Generation, durch Heiratspolitik zu vermehren, verschleiert das aber durch die Verfügung über die gehorsame Tochter, die über ihre Heirat nicht mitbestimmen darf.

Zusammenfassende Analyse am Text: Die Situation zwischen Vater und Tochter schwankt zwischen ausdrücklicher Bevormundung und starkem Druck durch Tradition, gesellschaftliche Erwartungen, äußerliches Standesbewusstsein (etwas höheres und besseres zu sein) und Glaube (Gott will es so), liebevolles, aber strategisches Abwarten (Vater: die Tochter wird schon zur Vernunft, zur Vernunft des Vaters kommen…); dagegen Widerstand, Trotz, Hinhalten und mögliches späteres Nachgeben Tonys mangels weitergehender familialer, ökonomischer, gesellschaftlicher und politischer Reflexion (siehe ihr abgebrochenes Aufsagen des Glaubensartikels der Lübecker Bürger ganz am Anfang des Romans).

– Die Position Tonys ist an sich stark: Tony gilt als attraktiv, impulsiv (weitaus willenstärker als Thomas und Christian), aber keineswegs als rational, vernünftig (hier ist der entscheidende Punkt der Überforderungen und Fehleinschätzung der Kinder an Anfang an), sie sei nicht ernst zu nehmen, sie soll erst durch und in der Heirat reifen (Modell der Unterordnung in der Ehe als unmündige Person unter den Mann), nicht vorher, um in bereits gereifter Freiheit ihre eigene souveräne Wahl zu treffen. Hier deutlich ein Mangel an Zubilligung von Herzens- und Verstandes-Bildung für Frauen, gerade auch wenn sie sozial privilegiert sind wie Tony. Ganz allgemein das Problem der höheren, von der Realität abgeschotteten Tochter, die eher ein wirtschaftliches und soziales Spekulationsobjekt, aber in ihrem Luxusbedarf auch ein Ansporn für aufstrebende und gewinnsüchtige, oder am besten bereits vermögende Männer sein soll.

Grünlich aus der Sicht Tonys: Er erscheint ihr äußerlich hässlich, unangenehm, antriebsschwach, unmännlich, autoritätsfixiert, lieblos, verlogen sentimental, unehrlich, berechnend. Daher reagiert sie selbst völlig normal und angemessen: kalt und reserviert. Textnähe: Dem Konsul erscheint Grünlich dagegen in diesem Kapitel anscheinend geschäftlich erfolgversprechend und sehr fromm und loyal. Vielleicht erinnert Grünlich ihn an sich selbst und sein eigenes Heiratsverhalten. Der Konsul erkennt nicht, dass es sich um Maske und Strategie eines Betrügers handelt. Unbekannt ist, dass Grünlich bereits pleite ist und mit dem Bankier Kesselmeyer seine Bilanzen gefälscht hat und es auf einen Teil des Vermögens der Buddenbrooks absieht, um seine eigenen Schulden bei Kesselmeyer zu tilgen und sich auf Kosten der Buddenbrooks zu „sanieren“.

– Hinter Tonys schroffer Fassade gibt es ein innerstes emotionales, noch schemenhaftes, kaum realistisches, eher romantisches, einsam-unerfüllbares Ideal (eher Selbstliebe als Fähigkeit zur Hingabe), für sie noch überhaupt nicht greifbar, uneingestanden, und erst später in der Begegnung mit Morten andeutungsweise, verheißungsvoll formuliert: Sie zöge eine spätere Heirat vor; so könnten (spontane, natürliche oder vielleicht tiefere) Liebeshoffnungen innerlich heranreifen und sich auch erfüllen, und mit den von Kindheit an verinnerlichten Familien- und Firmeninteressen wirklich ausbalanciert werden.

Es zeichnen sich hier ein Generationswandel und Motivationswandel ab, aber unterbunden durch die negativen Erfahrungen der Buddenbrooks in Sachen Liebesheirat (siehe Johann B. der Ältere) und das bewährte Modell der Zweckheirat mit allen dazu erforderlichen Ritualen (getrennte Verhandlungen unter Männern, Urlaub für das rebellische weibliche Objekt, Rückkehr in das Elternhaus, erwartete Unterwerfung). Ist Liebe als Kern einer vielleicht auch besseren realen Beziehung nicht selbst heute noch das Ideal des Lesers oder vieler LeserInnen?

Tonys Rolle für den Vater im Text:  Tony gilt immer noch als unreifes Kind („Aber sie ist ein Kind“, als Tochter und als ökonomische Ware (Spatz, Springinsfeld, „Glied in einer Kette“) durch Unterordnung unter den simplen Familien- und Firmenwillen,

Bewertung: Unterschätzung des möglichen Freiheitswillens und Selbstbewusstseins Tonys (siehe Tonys wildes Gebaren in Teil I, aber auch das spätere Gespräch zwischen Tony und Thomas nach Tonys 2. Ehe anlässlich ihrer zweiten Scheidung in Teil VI, Kap. 10),

– Der Vater betont, weiteres Warten auf eine andere gute Partie im Sinne der Balance von Liebe und Wohlstand wäre noch möglich, aber nur unter Vorbehalt (trotz der >Attraktivität< Tonys – möglicherweise versteht der Vater darunter nur den ökonomischen Wert von Tonys Aussteuer und seine Angst vor dem ökonomischen Verfall, womit der Titel des Buches eine wirklich kritische, gesellschafts- und ökonomiekritische Bedeutung bekäme: Tony als Zahlungsware, deren Wertverfall durch schnellen Einsatz scheinbar aufgehalten werden soll),

– die Rolle des angeblichen Vermögens und der zukünftigen Einnahmen Grünlichs für den Vater, die Rolle der Vertrauensleute in Hamburg wie Bankier Kesselmeyer (später wird die Intrige und der Betrug gegen das Haus Buddenbrook durch das Komplott von Schuldner Grünlich und Gläubiger Kesselmeyer offengelegt),

– die Heirat als Ersatz für gute Geschäfte angesichts der allzu ruhigen Wirtschaftslage, – noch einmal im Vergleich zur eigenen Heiratspolitik als Strategie der Vermögensbildung der früheren Generationen.

Teil 2. – Tonys Perspektive im Zentrum einer stark zusammenfassenden Erzählung von verschiedenen Situationen: Sie fühlt sich vom Vater bedrängt, liebt ihn als Autorität, daher äußert sie aber, erziehungsgemäß, kein offenes „Nein“, aber auch noch kein „Ja“. Ihr starker Wille und ihr deutlicher Widerstand sind somit weitgehend nur ein stummes Spiel auf Zeit. Es gibt keine längere kontroverse Rede. Man kommuniziert in bestimmten Phasen, in anderen Phasen schweigt man gezielt, und ansonsten wartet man ab, dass Tony „umfällt“. Der Druck wird im Familien- und Freundeskreis ausgeübt, bis hin zu Pastor Köllings peinlich-anzüglicher Rede in der öffentlichen Situation einer Messe und einer Predigt auf der Kanzel. Hier wird die Kirche im Dienste der Familien- und Geschäftspolitik instrumentalisiert.

– Text: Tonys Zustand verschlechtert sich, physisch und psychisch. Das wird aber nur angedeutet. Scheinbares Mitgefühl und berechnende Strategie (Wert-Erhalt der Braut) durch den Vater: Tony soll sich von Lübeck und dem Druck erholen (wohl doch: damit sie attraktiv für die Verheiratung bleibt), Sommerurlaub beim alten Schwarzkopf in Travemünde an der Ostsee (siehe Thomas Manns Widmung  von Teil III des Romans an Schwester Julia in Erinnerung an die Ostseebucht). Währenddessen wird mit Grünlich schamlos weiter verhandelt. Das erklärt auch seine absurd selbstbewussten und ironisch unterwürfigen Auftritte. Die Auszeit an der See ist eine von A bis Z durchgeplante Bedenkzeit und Zeit zur Umkehr und des Übergangs vom Mädchen zur ehefähigen, zu Verheiratung geeigneten, ja gebrochenen (?) Frau. Eine sanfte Methode, Tony zu „zähmen“, willensschwach zu machen (Zuckerbrot und Peitsche: siehe auch die Pensionatszeit).

Unabsichtliche Folge: Tony lernt in dem Schutzraum an der Ostsee einen natürlichen, bescheidenen, offenen jungen Mann, Morten Schwarzkopf kennen, der nicht dem Kaufmannsstand und der teilweise verdorbenen Klasse der Buddenbrooks und der Lübecker Patrizier angehört. Analyse und Interpretation: Sie erhält so einen Maßstab des humanen Vergleichs, der ihre Emanzipation, ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstverwirklichung mit einer rational artikulierten Meinung und Position jenseits von Nützlichkeit und Tauschobjekt als reiche Braut fördern könnte (ähnlich dazu auch  Gottholds Sichtweise vom Individuum und von der Liebesheirat in seinem Beschwerdebrief in Teil I).

Teil III, Kap. 7-8. – Kap. 7. Travemünde, Ostsee, Sommerwochen, Abspaltung Tonys von der Buddenbrook-Welt, Morton als seelischer Rettungsanker, Eröffnung neuer Sichtweisen.

Erzählung und Beschreibung mit entspanntem Dialog zwischen Tony und Morten, Schwarzkopf Junior.

Text: Tony und Morton gehen morgens, während die andere Gäste am Strand sind (Motive der Vermeidung, der Gegenwelt!), miteinander, ohne weitere Begleitung durch den Kurpark, dann zum Strand, Dialog; Kennenlernen: Bekanntwerden der recht verschiedenen Innenwelten und dazu einladenden, verbindenden Außenwelt (Naturerlebnis) – beides gleichwertig.

Gespräch über Lektüre: Mortens Fachbuch zum Arztstudium (Analyse: Physikum, Krankheitsmerkmale der Lungenkrankheit; Wirklichkeitsbezug: Realismus, Naturalismus), Tony liest dagegen Literatur: E.T.A. Hoffmanns „Kapellmeister (Kreisler)“ („Kreisleriana“) und „Der goldne Topf“, Erzählungen/Roman der Romantik (Analyse: Gegenwelt: Romantik bedeutet: Aufspaltung der Welt in die gesellschaftliche Realität mit ihrem tristen bürgerlichen Alltag und die Gegenwelt der Sehnsüchte und der unerfüllten Gefühle – Hoffmann schaffte es, in beiden Welten zurechtzukommen, er war gleichzeitig erfolgreicher Jurist, Komponist und Literat),

– Annäherung der beiden im Gespräch, sie will ihn standesgemäß als Hausarzt anstellen, Mortens Vorname wird Tony bekannt,

– Versuch, eine Begegnung mit Lübecker Familien als Stammkurgäste (Möllendorpf etc.) zu vermeiden, deutliche Standesunterschiede zwischen gehobenem, fast adligen und dem nur einfachen Bürger,

– Morten setzt sich lieber „dahinten auf die Steine“, Analyse und Interpretation der Symbolik: Tony ist angetan von Morten, fühlt sich aber sofort wieder unter Druck, wenn die Lübecker Gesellschaft erscheint, Morten setzt sich instinktiv ab, die spätere Trennung der beiden wird so bereits symbolisch vorweggenommen, ihre Begegnung deutet sich bereits hier als ein bloßes Zwischenspiel, ein als ein, wenn auch berührendes, Intermezzo an.

Text: Tonys Begegnung mit Lübecker Familie/Repräsentanten, Reaktionen zwischen Kälte und Herzlichkeit, insgesamt aber gesellschaftliches Getuschel/Geschwätz/Oberflächlichkeit, kritisch überlegene Perspektive Tonys in der Einschätzung der Lübecker und anderer möglicher Heiratskandidaten.

– Scharfe Musterung Mortens durch Julchen Hagenström (ihre kindliche Rivalin um den Bruder Hermann Hagenström aus Teil II).

Kap. 8. Die wohltuende Wirkung des Urlaubs, Tony im Gespräch mit Morten über das Thema Freiheit.

– Zusammenfassende Erzählung: Tony blüht in Travemünde auf, die Unbeschwertheit kehrt zurück.

Der Konsul hofft, die Erholung Tonys beruhe nur auf dem Aufenthalt und ermögliche die Heiratsbereitschaft gegenüber Grünlich. Interpretation: Ist Tonys Widerstand nur als eine Art der weiblichen Hysterie und Krankheit aufzufassen, die an der See abklingen?

Textsorte: Dialog – zwischen Tony und Morten als neugierige und spielerische Annäherung.

–       Sanfter Streit zwischen Tony und Morten, Tonys bürgerliches Gefühl gegen Mortens politische Leidenschaft: Als einfacher Bürgerssohn ist er gegen Adelige und ähnlich Privilegierte (also auch Lübecker reiche und einflussreiche Bürger/Patrizier), er ist ein revolutionärer Vormärz-Anhänger der Bourgeoise/Bürger, für Verdienst und Leistung statt Privilegien/Vorrechte. Er erläutert ihr die aktuelle politische Situation (1845), Kritik am Preußischen König als Romantiker auf dem Thron, Morten klagt die versprochenen politischen Reformen ein, die nicht verwirklichte demokratische Verfassung in Preußen und überall im deutschsprachigen Gebiet, er vertritt die politische Mitbestimmung der Bürger im Staat und die Vereinigung Deutschlands, er erweist sich als Anhänger der studentischen Burschenschaften, die für Einheit und Freiheit Deutschlands eintreten (statt Flickenteppich von nachfeudalistischen Einzelstaaten).

–       Freiheit als wichtiges, mehrsinniges Wort. Analyse und Interpretation: Freiheit als wichtiges Leitmotiv und als mehrsinnige Botschaft für den gesamten Roman (wichtiger als angeblicher Verfall und festgefügte Tradition etc.): Mindestens fünffache Bedeutung des Wortes Freiheit: 1. Motiv der Freiheit in der und durch die Natur: von der Bucht zum Meer und zum Horizont. 2. Freiheit aber auch als persönliche, biographische und erotische Sehnsucht, als individuelle Hoffnung zur Selbstverwirklichung. 3. Freiheit als bürgerliche Kategorie von Arbeit, Selbstständigkeit und politischer Selbstbestimmung. 4. Freiheit als Mitbestimmung und Gleichberechtigung bisher  unterschiedlicher Klassen und Stände. 5. Freiheit „außenpolitisch“ als Selbstständigkeit von Städten, Regionen und ganz Deutschland. (Interpretation, Erörterung: Inwiefern wird Freiheit durch Tradition oder durch Modernisierung gefährdet oder gefördert?)

Kap. 9-10. Zwischenspiel erster echter Liebe und der Rückschlag der Buddenbrook-Welt. 

Kap.9. Das Zwischenspiel erster echter Liebe, allerdings in einer sehr flüchtigen jungen Form.

Erzählung, stark konzentriert auf den intensiven Dialog der Figuren Tony und Morten, die Außenwelt und Inneres stark miteinander verbinden, so dass nun Intimität entstanden ist und weiter ausgebaut werden kann.

Text, Charakterisierung der Beziehung: Tony und Morten sind jetzt aufgrund ihrer einsamen Strandspaziergänge vertraut und still ineinander verliebt.

– Mortens Frage nach Bendix Grünlich. Tonys deutlicher Widerwillen gegen diese Person als Heiratskandidat, sie erzählt davon offen. Sie habe Grünlich mit „Ironie“ behandelt, er habe beinahe geweint.

–  Mortens herausfordernde Frage nach Tonys Distanz von oben herab, ob sie ein adliges kaltes Herz habe? Analyse und Interpretation: Das kalte Herz ist eine wichtige paradoxe Metapher (auch in der Romantik; eine Vorform von dem, was man heute als >cool< bezeichnen würde: Hier fragt Morten kritisch danach, ob sich Tony hinter der Fassade/Oberfläche eines höheren, verwöhnten, quasi adligen reichen Bürgertums verberge und nichts und niemanden an sich näher herankommen lasse (also die totale Empfindungslosigkeit, Langeweile pflegt) – oder noch fähig sei zu etwas ganz anderem: zu Empfindsamkeit, Leidenschaft, Liebe und einem lebendigen Leben – auch mit jemand wirklich gemochtem anderen.

– Tonys von Tränen untermalte Antwort als Erkenntnis über sich selbst und als Beziehungsbotschaft an ihn: Sie habe Morten lieber als alle, die sie kenne (S. 143). Eine Schlüsselszene, eine Preisgabe, eine Offenbarung: Die erste freiwillige gefühlsmäßige Öffnung von Tony gegenüber einem Mann, sie verlässt ihre bisherige Position der reinen Selbstliebe, der kühlen Arroganz, der Selbstgenügsamkeit: Sie ist bereit zuzugeben und anzunehmen, sie fühlt sich in einem ersten Schritt emotional ernst genommen und ernsthaft verstanden.

– Angedeutete starke Sympathie- und Liebeserklärungen zwischen Tony und Morten.

– Mortens Bitte, Tony solle auf Morten warten, der nach dem Abschluss der Arzt- und Doktorprüfung, um ihre Hand anhalten wolle (deutliche Verbindung von ehrlicher Liebe/Zuneigung und seriösem Willen zur Leistung, eine Art natürlicher Verlobung in Abwesenheit von Familie),

– Interpretation: Der Kuss als Zeichen der Öffnung, Zuneigung und Anerkennung. Behutsame erste ernsthafte, freiwillige Liebe mit fortschrittlichem Eigen- und Fremd-Verstehen, Vertrauen auf zukünftige Entwicklung statt bloßem kapitalistischem Handel aufgrund von Besitz.

Wortloses Symbol der Öffnung Tonys, sie überschreitet die enge Buddenbrooks-Welt und weicht ab von den vorgegebenen Normen. Ein Stück Emanzipation, das wenig später wieder zurückgenommen wird.

Teil 2 (Kap.10). Der Rückschlag der Buddenbrook-Welt.

Hier wird deutlich, dass hinter Tonys Rücken weiter verhandelt wurde und man nur auf ihr Nachgeben abwartet. Insofern stellen die drei Briefe eine Kommunikationsfalle dar.

Text: Briefsequenz im vollen schriftlichen Wortlaut/Problem der Fernkommunikation, kein direkter emotionaler Austausch/Autorität der Schrift und der konservativen Argumente

–       Grünlichs Mahnbrief: unangenehm, im Ton falsch (wer hat ihm die Floskeln hingeschrieben? Er selber oder Helfershelfer?), macht Druck und nützt weiter die Erwartungen von Tonys Eltern (des Vaters) aus.

–       Tonys Beschwerde- und Ablehnungs-Brief an den Vater, ein klares Nein zu Grünlich (bezeichnenderweise mit „Gr.“ abgekürzt, gerade auch nach dem Sommeraufenthalt, im Vergleich zu Morten, den sie nun liebe, „dass es sich gar nicht sagen lässt“. Sie deutet hier einen ausführlichen Brief voller Leidenschaft an, den sie aber nicht schreibt (Motiv der Fremd- und Selbstunterdrückung bleibt also bestehen). Traditionsbruch: Sie will einen zukünftigen Arzt statt Kaufmann heiraten. Treffende Kritik am verdächtig billigen Goldring von Grünlich.

–       Antwort-Brief von Vater an Tony. Er habe Grünlich (wieder mit „Gr.“ abgekürzt) von Tonys Nein informiert, dieser drohe mit Selbstmord. Analyse: Wieso schreibt oder sagt Grünlich das, seine angeblichen Todesqualen, nicht Tony persönlich? Hier deutliches Spiel einer vom Vater gesteuerten Inszenierung/Schau. Drohung mit äußerstem Skandal. Tochter als männermordende Femme Fatale (der >arme Bewerber<). Des Vaters >christliche< Ermahnung von Tony mit Argumenten: Religion, Familie und Firma (Familienmitglieder keine „Einzelwesen“, sondern „Glieder in einer Kette“). Ignorierung der Verbindung Tonys mit Morten. Dagegen Betonung, den vorgegebenen Willen der Familie umzusetzen (hier wieder bei allem Wohlwollen die massive Unterschätzung von Tonys Gespür – siehe Worte wie „Trotz“ und „Flattersinn“).

Analyse und Interpretation der Haltung des Vaters:  Völlig abstrakte Anschauung, der Mensch, so auch Tony, nur als ein Glied, also ein leeres Subjekt eines höheren Familien- und Firmenwillens, ein Rädchen in einer Finanz-, Geschäfts- und Heiratsmaschine (oder Höllenmaschine?), angeblich von Gott gewollt. Hier kapitalistische Manipulation und Verzerrung von Moral und Glauben.

Kap. 13 Rückkehr nach Lübeck – Die Resignation, Einwilligung in das Aufgeben des eigenen jungen Selbst.

1. Tonys Abholung durch Thomas, bei Regen zurück nach Lübeck. Subjektiv gefärbte Schilderung.

– Regen als Ausdruck der Depression und Trauer.

– Die engen Straßen Lübecks als Symbol des „Alten, Gewohnten und Überlieferten“.

– Ankunft im Zuhause (Eindruck der Entfremdung).

Analyse: Rückfall in den vorherigen Zustand der emotionalen und geistigen Abhängigkeit.

– Tony wird durch die familienüblichen Rituale gezwungen, die Liebesepisode und den Gedankenaustausch (Kommunikation auf den Ebenen von Gefühl und von Vernunft) mit Morten als ein Zwischenspiel wortlos zu verdrängen.

Dabei enthält die Episode zwischen Morten und Tony eine wertvolle Chance: einen Gegenentwurf zur engen konservativen Lübecker Bürgerlichkeit und ihrer ständigen Angst vor Wandel und Verfall. Durch Morten wird Tony zum ersten Mal in die Lage gesetzt, die eigenen Ansprüche im vollen modernen Sinne emotional und rational, privat und politisch auszuformulieren und als zukünftig realisierbar/umsetzbar zu verstehen. Im Dialog mit dem jungen Studenten Morten konnte sich Tony – vielleicht – als im vollen Sinne anerkannte und zukunftsfähige Frau verstehen.

2. Text: Tony liest in der alten Familienchronik und willigt als „Glied in der Kette“ (unter der Eintragung von Thomas’ Eintritt in die Firma 1842) schriftlich ein, indem sie die Verlobung mit Grünlich 1845 als Tatsache in das Buch einträgt.

Analyse und Interpretation: Eine Einwilligung – nicht aus lebendiger Einsicht und Liebe, sondern aus anhaltender Zermürbung und eigener, verzweifelter Impulsivität.

Schreiben, hier nicht als Stiftung von Identität, Schreiben auch nicht als Protokoll der Realität und des Lebens, sondern als hilflose Unterwerfung unter die nur halb durchschaute Maschinerie vorgegebener Normen. Siehe die Beschreibung: „plötzlich, mit einem Ruck, mit einem nervösen und eifrigen Mienenspiel – sie schluckte hinunter…“ Dieser Akt ist wie ein symbolischer Selbstmord an der eigenen Identität/Selbstständigkeit/Freiheit/Vernunft, exekutiert mit voller eigener, aber blinder Willensstärke.

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