Thomas Schwietring: Was ist Gesellschaft? (2011) – Besprechung

Das bei UVK erschienene Buch trägt seinen Untertitel „Einführung in soziologische Grundbegriffe“ völlig zu Recht, soweit ich das als (seit 40 Jahren, seit Peter L. Bergers „Einladung zur Soziologie“) interessierter Laie beurteilen kann: Es stellt eine hervorragende Einführung dar, leicht verständlich geschrieben, mit vielen Beispielen und einigen Diagrammen bzw. Tabellen didaktisch aufbereitet, übersichtlich gegliedert, mit weiterführenden Lektüreanregungen und zahlreichen Querverweisen – was will man mehr?

In den 12 Kapiteln werden 12 Grundfragen behandelt: Was ist Gesellschaft? Besteht eine Gesellschaft aus Menschen? Hat eine Gesellschaft Grenzen? Wie ist Gesellschaft möglich? Wie wirklich ist soziale Wirklichkeit? Was ist und womit beschäftigt sich Soziologie? Wie entsteht Ordnung? Gleich, ungleich oder anders? Wer hat die Macht? Wer ist „Ich“? und wie wird man Mitglied einer Gesellschaft? Haben Menschen ein Geschlecht? Kann man auch „nicht mitmachen“? Dazu gibt es ein Literaturverzeichnis sowie ein Personen- und Sachverzeichnis.

Mir bleiben nur zwei Dinge kritisch zu sagen. 1. Wissenschaftstheoretisch ist Schwietrings Position (noch) nicht hinreichend reflektiert. So schreibt er über Begriffe: „Begriffe sind keine Abbilder von Wirklichkeit, sie enthalten keine empirische, sondern lediglich eine logische Aussage. Ihr Nutzen besteht jedoch darin, dass man mit ihrer Hilfe Wirklichkeit beschreiben kann.“ (S. 238) Das ist ziemlich verworren: Wieso kann man mit Begriffen die Wirklichkeit beschreiben, wenn sie keine empirischen Aussagen machen? Und was soll eine logische Aussage sein, die nicht empirisch ist – kann das etwas anderes sein als der rein logische Kalkül? Der allerdings macht keine „Aussagen“ über die Wirklichkeit, sondern dient als Hilfsmittel zum Ordnen und Prüfen von Aussagen und Aussagenmengen. – Die Verwirrung geht weiter: Schwietring meint zu wissen, dass „Wissenschaft keine objektiven Befunde erzielt, die das Denken verändern“ (S. 299); aber er kennt auch Fragen, „die sich nicht definitorisch entscheiden lassen, sondern empirisch erhoben, analysiert und erklärt werden müssen“ (S. 274). Das alles passt schlicht nicht unter einen Hut: keine objektiven Befunde, aber empirische Überprüfung – da hat Thomas Schwietring noch großen Klärungsbedarf; wie solche Fragen auch in Einführungen diskutiert werden können, zeigt Norbert Bischof in seinem Buch „Psychologie“ (2008/09). Dort ist auch nachgewiesen, dass die von Schwietring favorisierte Position des erkenntnistheoretischen Konstruktivismus unhaltbar ist.

2. Die gerade gerügten Mängel weist das Kapitel 11 besonders deutlich auf („Haben Menschen ein Geschlecht?“). Schwietring ist zuzugestehen, dass vieles mit der Geschlechterdifferenz weiblich/männlich Verbundene nichts mit „Natur“ oder dem jeweiligen Geschlecht sachlich zu tun hat. Aber dass hinter derartigen Konstruktionen „keine Realität“ steht, ist eine sehr mutige Behauptung: Ein Blick in den Hühnerhof zeigt, dass es zwischen Hühnern und Hähnen deutliche Unterschiede gibt; und der Mensch ist nun zwar kein Huhn, aber doch ein Lebewesen, gerade auch in seiner Geschlechtlichkeit. Natürlich ist die jeweilige normative Konstruktion eine „soziale Realität“, aber „hinter“ dieser gibt es durchaus so etwas wie „Natur“ – „Natur“ ist sicher oft, aber nicht nur „in Wahrheit eine soziale Normierung“ (S. 305), wie man aus der Psychologie und Biologie erfahren könnte. Abgesehen davon fällt an Kap. 11 auf, dass hier die Beispiele fast ganz fehlen (in Kap. 12 wieder ganz anders!), was mich weiter nicht wundert, und dass das Glaubensbekenntnis der heiligen Judith Butler ständig wiederholt wird.

Auch wenn die beiden Kritikpunkte hier relativ viel Raum einnehmen, bedeutet das nicht, dass Schwietrings Buch nicht eine großartige Einführung in die soziologischen Grundbegriffe wäre, unbedingt lesenswert und auch leicht zu lesen – dazu tragen viele Wiederholungen und auch die regelmäßigen Fazits bei, wobei die Wiederholungen mich gegen Ende des Buches etwas gestört haben. Ich habe pro Tag ein Kapitel bewältigt, das war ein gutes Lesetempo. – Das Buch ist derzeit über die Landeszentrale für politische Bildung NRW günstig zu beziehen. Schwietrings Vorlesung aus dem Jahr 2004 ist auch im Netz greifbar, s.u.!

P.S. Einführungen in den Konstruktivismus: http://www.systemagazin.de/bibliothek/texte/beushausen_konstruktivismus.pdf; http://www.bubenhofer.com/publikationen/1999krekon/konstruktivismus.html; http://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/texte/download/einfuehrung.pdf; http://www.hyperkommunikation.ch/todesco/vortraege/basel_spital1.htm; http://www.stefre.de/html/konstruktivismus.html. Kersten Reich berichtet über konstruktivistische Ansätze in den Sozial- und Kulturwissenschaften, vgl. auch http://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/reich_works/aufsatze/reich_39.pdf. Eine Diss zur Zeittheorie, mit Bezug auf den Konstruktivismus. Eine Konstruktivist. Interpretation Kants.

Eine gute Kritik des radikalen Konstruktivismus bietet Gernot Saalmann. Joachim Ludwig diskutiert Modelle einer subjektorientierten Didaktik, wozu auch ein konstruktivistisches gehört; vgl. dazu Ingeborg Schüßler. Neueste Diskussion: http://zfs-online.ub.uni-bielefeld.de/index.php/zfs/article/viewFile/1291/828. Konstruktion und Dekonstruktion des Radikalen Konstruktivismus: http://sammelpunkt.philo.at:8080/1623/1/jansen.pdf

Einführungen in die Soziologie:

http://www.uni-kassel.de/~schwietr/grundbegriffe2004_folien.htm (Schwietrings Vorlesung von 2004, diesmal mit einem wissenschaftstheoretischen Kapitel!)

http://www.uni-kl.de/FB-SoWi/FG-Soziologie/skripte/Skript_einf_Soziologie.pdf (Prof. H. Weber)

http://www.akleon.de/einfuhrung-soziologie (Prof. H. Weber, identisch mit dem vorigen Link)

http://soziologie.ch/users/resmarti/pdf/Einf%FChrung%20in%20die%20Soziologie%20I%20Grundbegriffe,%20Gegenstandsbereiche%20und%20Forschungsstraditionen.pdf (M. Buchmann)

http://timms.uni-tuebingen.de/List/List01.aspx?rpattern=UT_200%5B78%5D_____00%5B12%5D_sozio_000_ (R. Gildemeister – ich kann es aber nicht abspielen)

http://studyportal.de/document/48/Grundbegriffe+der+Soziologie (R. Heydenreich)

http://www.soziologie.wiso.uni-erlangen.de/publikationen/a-u-d-papiere/a_00-04.pdf (J. Bacher)

http://www.efh-bochum.de/homepages/mogge-grotjahn/pdf/Soziologie_Mogge-Grotjahn_3%20_Auflage_Komplett.pdf (Prof. H. Mogge-Grotjahn)

http://www.uni-kassel.de/~jweiss/LeitfadenGrundbegriffe.pdf (Prof. J. Weiß)

http://www.soziologie.uni-halle.de/kreckel/lehre/einfuehrung-soz.pdf (R. Kreckel)

http://www.bagru.info/forum/attachments/1213959674_Einfuehrung_in_Hauptbegr_Soziologie_Zusammenfassung_I-XI.pdf (Korte – Schäfers: Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie, 2007 – Referat des Inhalts)

http://www.soziologie.wiso.uni-erlangen.de/publikationen/a-u-d-papiere/a_00-04.pdf (Skript J. Bacher, 2000)

http://www.rwi.uzh.ch/lehreforschung/alphabetisch/mahlmann/vorlesungen/rechtssoziologieIIestermann/ES_I_6.pdf (unvollständig: nur Kap. 1 und 2, i.W. die Geschichte der großen Soziologen)

http://www.podcasts.uni-freiburg.de/podcast_content?id_content=86 (Prof. W. Essbach, podcasts)

http://www.maubu.de/soz_1/index.htm (Produktion und Arbeit: Einführung in die Soziologie)

http://www.geser.net/gesleh/PS_08/downloads/einfuehrung_soziologie.pdf (B. Mürber, sehr knapp)

http://www.perlentaucher.de/buch/heinrich-popitz/einfuehrung-in-die-soziologie.html (kurze Rezension des neuen Popitz-Buchs: eine alte Einführung in die Soziologie)

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