Motiv „weben“ in Faust I

Weben,

1. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte „haben“, sich bewegen, besonders, sich langsam bewegen; eine längst veraltete Bedeutung, welche noch in der Deutschen Bibel vorkommt. In ihm leben, weben und sind wir. […] Einige neuere Schriftsteller haben dieses veraltete Wort wieder in die witzige Schreibart einzuführen gesucht.

Es webet, wallt und spielet / Das Laub um jeden Strauch, Hagedorn […]

2. Als ein Activum. (1) * Langsam hin und her bewegen, schwingen; eine gleichfalls veraltete Bedeutung […]. (2) Durch Einschießung eines Fadens in einen ausgespannten Aufzug hervor bringen; die einzige noch gangbare Bedeutung. Leinwand, Tuch, Taffet, Spitzen, Teppicht weben. Auch als ein Neutrum, weben lernen, weben können, sich vom weben nähren. […]

Anm. […] Man siehet leicht, dass der Begriff der Bewegung der Stammbegriff ist, und dass weben, texere, nur eine Anwendung dieses allgemeinen Begriffes auf einen besondern Fall ist. Verwandte dieses Wortes sind Webel, schweben, schweifen, Weife, Wiebel, vielleicht auch Wipfel, besonders aber das Lat. vivere und Griech. βιειν, zumahl da auch leben ursprünglich sich bewegen bedeutet. […]

Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 1418 f.

 

Bis auf V. 1119 standen alle Stellen, an denen von „weben“ die Rede ist, im Urfaust:

Auf Wiesen in deinem Dämmer weben – das ist Fausts Sehnsucht. Aufgaben:

1. Lesen Sie V. 392-397 (dazu die Regieanweisung von V. 354 und V. 410-417) und beschreiben Sie, was Faust möchte.

2. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 395).

Wie alles sich zum Ganzen webt – das Zeichen des Makrokosmos.

3. Lesen Sie V. 430-453 und beschreiben Sie, was Faust erlebt.

4. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 447).

Ein wechselnd Weben, ein glühendes Leben – das ist der Erdgeist.

5. Lesen Sie V. 501-509 und erklären Sie, was der Erdgeist ist.

6. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 503, 506).

7. Umschreiben Sie die Bedeutung der Metapher „Webstuhl der Zeit“ (V. 508).

Von der Gedankenfabrik und dem Weber-Meisterstück – die Logik.

8. Lesen Sie V. 1922-1935 (im Kontext von V. 1908-1941) und umschreiben Sie, was ein Weber-Meisterstück ist.

9. Umschreiben Sie die Bedeutung von „Weber“ (V. 1923, 1935).

10. Beschreiben Sie, In welchem Verhältnis das Weber-Meisterstück der Logiker vom Weben des Erdgeists steht.

Mit heilig reinem Weben entwirkte sich das Götterbild – Fausts Bild von Margarete.

11. Lesen Sie V. 2709-2716 und erklären Sie, als was für eine Figur Faust hier Margarete „sieht“.

12. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 2715).

Alles von mir webt unsichtbar sichtbar neben dir – Fausts Liebe.

13. Lesen Sie V. 3446-3450 (im Kontext von V. 3437-3458) und umschreiben Sie, was Faust mit „alles“ meint.

14. Umschreiben Sie die Bedeutung von „weben“ (V. 3449).

 

Ich weise auf den differenzierten Artikel „weben“ im Grimm’schen Wörterbuch hin:

vom historischen standpunkt aus müssen drei worte unterschieden werden, von denen die beiden ersten vielleicht dieselbe etymologische grundlage haben, das dritte ist ursprünglich ein ganz anderes wort, ist aber später mit dem zweiten zusammengeworfen worden.

1) weben ‚texere‚ (mit idg. Wurzel)

2) weben ‚sich hin und her bewegen‚ ist seinem ursprung nach schwer zu beurtheilen, da es im mhd. nur selten und nur im präsens vorkommt und im ahd. überhaupt nicht belegt ist

3) weben ‚wehen‚ ist von Luther in die schriftsprache eingeführt worden, später aber nur der dichtersprache verblieben, wo es von dem zweiten weben nicht mehr geschieden werden kann. (B. 27, Sp. 2620 f. (bzw. ff.)

B. weben ‚sich hin und her bewegen, wehen, lebendig sein, sich zeigen und wirksam sein‚. der gebrauch dieses wortes beruht hauptsächlich auf Luthers bibelsprache. schon vor Luther kommt es in der md. dichtung des 14. jahrh. vor und schon um 1300 in zwei alemannischen quellen; auch jetzt noch lebt es auszer in der Schweiz (s. 1 a cim elsäss. als ‚mit händen und füszen zappeln, schaukeln, unruhig sitzen‚ Martin-Lienhart 2, 779, ebenso lothr. Follmann 539, sonst wird es — von wewen ‚wehenabgesehen — nur in leben und weben aus der volkssprache angegeben. Luther hat das wort mit vorliebe gebraucht und auch für sein dialektisches wêwen (s. 2) eintreten lassen, auszerdem erweitert er seine verwendung, indem er es auch als transitivum setzt und auf eine art des alttestamentlichen opfers (1 f)bezieht. im 16. jahrh. wird das wort sonst von Mitteldeutschen, auch H. Sachs (bei dem es mit beben zusammenfällt), und Alemannen (besonders S. Franck) gebraucht, aber nicht gerade häufig. einige, wie die Hessen Waldis und Wicel, kennen es nur als ‚wehen‚. später setzen sich neben den resten der ursprünglichen bedeutung, besonders in weben und schweben, die wendungen der bibelsprache mit leben und weben durch; im zusammenhang damit findet sich weben auch selbstständig gebraucht als ‚in lebendiger bewegung sein, lebendig sein‚. in dieser bedeutung verzeichnet Stieler das sonst meist gar nicht aufgeführte wort. weben ‚wehen‚ tritt seit ende des 17.jahrh. auch auszerhalb seines ursprünglichen gebietes in der dichtung auf und ist besonders durch Herder in aufnahme gekommen, der das wort häufig verwendet und dabei auch sonst an Luthers bibelsprache anknüpft, ohne überall erfolg zu haben. den weitest gehenden gebrauch hat aber (besonders in den jahren 1772—75) Göthe von dem wort gemacht, vielleicht durch sein rheinfr. webern (s. d.beeinfluszt; er kennt es auszer für bewegungsvorgänge sowohl für vorgänge im menschlichen innern, wie für das walten der naturkräfte und hat in beiden verwendungen viel nachfolge gefunden. auch Klopstock, Wieland, Bürger, Schiller u. a. haben gern zu dem wort gegriffen, so dasz es in der gehobenen sprache bürgerrecht errang. hatte noch Adelung, der die bedeutung ‚sich langsam bewegenlängst veraltet nennt, die einführung des wortes in die ‚witzige schreibart‚ getadelt, so konnte Campe bemerken, dasz es als ein ‚altes und ausdrucksvolles wort‚ der edlen schreibart sehr wohl anstehe. hervorgehoben sei noch die vorliebe der romantiker für das wort, das mehr gefühlsmäszigen charakter hat, als begrifflich klar ausgeprägt ist. in der neueren dichtung ist es dann namentlich noch für naturerscheinungen sehr beliebt geworden. auch die wissenschaftliche prosa bedient sich seiner, besonders für ein unbewusztes walten von kräften. dabei ist der allgemeinen sprache nach wie vor nur leben und weben, landschaftlich vielleicht noch die eine oder andere wendung (s. 1 c Busch), eigen.

WEBERN, verb. eine bewegung machen, bes. mit einem körpertheil, schweben, hin und hergehen, geschäftig sein. ein auf das hochd. beschränktes wort, das erst im 14. jahrh. auftritt; doch spricht für eine alte bildung (ahd. *webarôn) das daneben stehende gemeingerm. wabern, sowie die ins mhd. zurückreichenden webeln und wabeln, auch die nebenform wäfern (sp. 249 s. auch wefern) beweist (aus wer- neben wear-) das alter der bildung.

 

Vgl. meinen alten Aufsatz über Weben als Metapher: https://also42.wordpress.com/2015/07/30/weben-als-metapher/

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