Kafka: Die Verwandlung – Zeitstruktur

(Um den Lesern verschiedener Ausgaben die Arbeit mit diesen Analysen zu ermöglichen, zähle ich in den drei Kapiteln I, II, III die Absätze mit arabischen Ziffern.)

Zeitstruktur

I

Eines Morgens erwacht Gregor Samsa (1), ca. 6.30 (7) … [Er hätte um 4.00 aufstehen sollen (7)] – Gregor bemerkt seine Verwandlung, nimmt Umgebung wahr, denkt nach.

ca.6.40 (7) – Gregor denkt nach.

6.45 (7) – Die Mutter klopft, danach Vater und Schwester; seine Stimme ist verändert, Probleme mit dem Aufstehen.

7.00 (11) – er probiert aufzustehen, liegt ein Weilchen ruhig.

7.10 (14) – es läutet, der Prokurist kommt; alle reden auf Gregor ein, Diskussion mit dem Prokuristen; man schickt nach Arzt und Schlosser. Gregor steht auf, die anderen reagieren entsetzt (23 ff.). Gregors Beinchen arbeiten richtig (27), der Vater treibt ihn wie ein Tier ins Zimmer zurück (27), die Tür wird geschlossen.

II

In der Abenddämmerung erwacht er (1) – er wird mit Milch gefüttert.

Einmal während des langen Abends (3) – wird die Tür kurz geöffnet.

Spät in der Nacht (5) – Licht im Wohnzimmer wird gelöscht, Gregor kriecht unters Kanapee.

Die ganze Nacht – bleibt er dort (6).

Am frühen Morgen (7) – kommt die Schwester und bringt ihm verschiedene verdorbene Speisen zur Auswahl, räumt anschließend alles weg (7). – Nun beginnt ein summarisches Erzählen, ohne chronologische Abfolge der Ereignisse:

Täglich (8) – bekommt er nun so sein Essen (zwei Tage lang Beratungen, bereits am ersten Tag das Dienstmädchen entlassen, 10); schon am ersten Tag legt der Vater die Vermögensverhältnisse dar (12 ff.).

Wenn die Rede aufs Geldverdienen kam, ließ zuerst er immer die Tür los… (15)

Oft die ganzen langen Nächte über (16) – liegt Gregor wach.

Von Tag zu Tag (16) – wird die Wahrnehmung undeutlicher.

Je längere Zeit verging (17), mit der Zeit (17), täglich zweimal (17) – erschreckt die Schwester Gregor, wenn sie zum Fenster läuft.

Einmal, etwa einen Monat nach der Verwandlung (18) – erschrickt die Schwester bei seinem Anblick; er zieht sich darauf völlig zurück.

In den ersten 14 Tagen nichtnun aber lassen die Eltern sich über Gregor informieren (19) (Es beginnt ein neuer Erzählstrang.) Die Mutter will Gregor sehen (19; bald 19, 20). Gregor beginnt, an den Wänden zu kriechen (20).

Nach etwa zwei Monaten (20) – räumen Mutter und Schwester das Zimmer leer. Gregor versucht, das Bild der schönen Frau zu retten (25); die Mutter fällt bei seinem Anblick in Ohnmacht (27). Der völlig verwandelte Vater (28) verfolgt Gregor und bewirft ihn mit Äpfeln (28), die Mutter bittet um Schonung (28). Diese Episode ist eine ausführlicher berichtete Szene.

III

Über einen Monat (1) – leidet Gregor an der Verwundung. Durch die zeitweise geöffnete Tür nimmt Gregor wahr, wie die Familie aktiver geworden ist (2 f.); man muss arbeiten und verkauft Schmuckstücke, eine alte Bedienerin ersetzt das Dienstmädchen (6).

Die Tage und Nächte verbrachte Gregor fast ganz ohne Schlaf.“ (7) Manchmal dachte er daran… (7) …nach langer Zeit… (7) Dann aber wieder… (7) Er denkt an Vergangenes, man lässt ihn verkommen (7); nun ist die Bedienerin da (8), für die Bedienerin ist er nur  ein „alter Mistkäfer“ (8). Einmal am frühen Morgen ist er erbittert. (8)

„Gregor aß nun fast gar nichts mehr.“ (9) Sein Zimmer wird zur Rumpelkammer.

Einmal (10) – beobachtet Gregor die drei Zimmerherren beim Essen. An diesem Abend tritt die Schwester mit der Violine auf (12); Gregor kriecht ins Zimmer (13), er träumt von einer Annäherung an seine Schwester (14). Die Herren erblicken Gregor und kündigen (15). Die Schwester schlägt vor, sich von diesem „Untier“ zu trennen (17), der Vater pflichtet bei. Gregor zieht sich zurück (26) und meint ebenfalls, er müsse verschwinden (29). – Die Turmuhr schlägt die dritte Morgenstunde (29); er erlebt noch den Anfang des Hellwerdens und stirbt (29). Am frühen Morgen (68) – kommt die Bedienerin und stellt Gregors Tod fest, „es ist krepiert“ (30). Alle sind erleichtert. „Es war eben schon Ende März.“ (32) Herr Samsa verweist die Zimmerherren des Hauses (33) Man beschließt, den Tag zum Ausruhen und Spazierengehen zu verwenden (34), und fährt ins Freie – mit guten Aussichten für die Zukunft, der Aussicht auf eine neue Wohnung und dem Plan, für die Tochter einen Mann zu suchen (36). Auch diese Epsiode ist szenisch erzählt.

Auswertung:

Der Bericht vom ersten Tag der Verwandlung nimmt viel Zeit in Anspruch (Kap. I), wobei die Stunde nach dem Aufwachen die größte Aufmerksamkeit erfährt. Es folgen summarische Berichte über die Anpassung Gregors und der Familie an sein Leben als hässliches Ungeziefer. Szenisch wird berichtet, wie Gregors Zimmer ausgeräumt wird und wie der Vater ihn verfolgt (II 21 ff.). Es folgen wieder summarische Berichte (III 1 ff.); szenisch wird dann erzählt, wie Gregors letzter Abend beginnt (III 10 ff.), wie er stirbt und die Familie zu einem neuen glücklichen Leben aufbricht, wobei die Tochter im Mittelpunkt steht.

Vgl. auch meine Untersuchung zum personalen Erzählen und zum Motiv der  Verwandlung!

2 thoughts on “Kafka: Die Verwandlung – Zeitstruktur

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