W. Reinhard: Lebensformen Europas – Besprechung

Reinhard: Lebensformen Europas (2004, inzwischen gibt es eine preisgünstige Sonderausgabe für 24,90)

Ich habe diese Kulturgeschichte menschlicher Lebensformen mit großer Freude gelesen; um ehrlich zu sein, ich bin auf S. 510 und muss noch bis S. 601. Das Buch lädt dazu ein, es in Ruhe und ein wenig meditativ zu lesen – man stellt mit dem Autor immer wieder Beziehungen zur Gegenwart und zum eigenen Leben her. Manches würde ich gern detaillierter ausgeführt finden – aber nach der langen Einleitung beginnt der eigentliche Text erst auf S. 43, und 560 Seiten sind nicht viel, um „alles“ vom Mittelalter bis heute unterzubringen.

Statt das Buch selber ausführlich zu würdigen (dazu hätte ich mir fortlaufend Notizen machen müssen), nenne ich einige lesenswerte Rezensionen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Historische_Anthropologie (zur Einführung empfohlen)

http://www.perlentaucher.de/buch/wolfgang-reinhard/lebensformen-europas.html (Kurzfassung der Feuilletons)

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-4-062 (fachwissenschaftliche Rezension) = http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=18651

http://www.holtmann-mares.de/Reinhard-GPD.pdf (positiv, aber auch kritisch würdigend)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/wenn-die-gabel-aus-byzanz-kommt-1149071.html (wohlwollend, kritisch)

Aus meiner Sicht sind drei weitere Aspekte kritisch zu nennen: In den Anmerkungen werden die Titel, auf die Reinhard sich bezieht, nur in Kurzform genannt; wenn man dann im Literaturverzeichnis zum jeweiligen Unterkapitel nachschaut, wie der volle Titel lautet, findet man diesen nicht immer (unter anderem z.B. Eagleton, Anm. 17 in III,2).

Mein zweiter Einwand bezieht sich auf die griffigen Pointen, die Reinhard setzt, z.B. in dem kleinen Unterkapitel „Konsum und Menschenwürde“: „Inzwischen steht nicht mehr die Wirtschaft im Dienst des Verbrauchs, sondern der Verbrauch im Dienst der Wirtschaft.“ (S. 467) Das ist zwar nicht ganz falsch, aber doch sehr pauschal formuliert. Das gilt auch für manche Erklärungen, die dann nichts mehr erklären: Im 17./18. Jahrhundert sei die Konsumgesellschaft geboren worden, weil sich eine relativ breite Mittelschicht in den Niederlanden, England und Paris eine beachtliche Vielfalt von Gütern des gehobenen Bedarfs habe kaufen können (S. 467 f.) – ist das etwa eine Erklärung oder doch nur eine Paraphrase des Wortes „Konsumgesellschaft“? Und wieso die Dienstboten „von oben nach unten“ diese Verbreitung ehemaliger Luxusgüter vermittelt haben (S. 468), verstehe ich einfach nicht.

Am schwersten wiegt das dritte Bedenken: Im Grunde arbeitet Reinhard einen ungeheuer großen Zettelkasten ab, ohne die einzelnen Zettel systematisch zu verbinden oder auszuwerten – er referiert sie; die Verknüpfung erfolgt eher assoziativ, so wie man unverbindliche Überleitungen von einem Aspekt zum nächsten anfertigt.

Eine wichtige methodische Einsicht habe ich allerdings durch Reinhard gewonnen: dass wir aus den schriftlichen Belegen oft nichts über die reale Praxis der Menschen erfahren, sondern auf die Diskurse über die Praxis stoßen. Je länger man liest, desto kritischer wird man gegenüber dem Buch; jedenfalls ist es mir so ergangen. – Viele werden das Buch sicher mit Gewinn lesen.

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