Birkenbihl: Das große Analograffiti-Buch – Besprechung

Frau Birkenbihls Buch (2002) bringt Beispiele zu zwei kreativen Methoden: Einmal leitet sie dazu an, Bildchen zu malen, die sie mit dem C-geschützten Begriff Analograffiti nennt; die zweite ist die altbekannte Idee, zu etwas ein Abc zu schreiben (s. den Artikel in meiner Rubrik Schreiben, produktiv).Zur ersten Methode trägt sie die Theorie vor, mit einzelnen Wörtern gelange man auf dem Weg der Assoziation ins riesige Wissensarsenal des gleichfalls assoziativ organisierten Unterbewussten, während man mit Sätzen bloß im Minibereich des Bewussten bleibe; das Verhältnis der beiden Bereiche betrage etwa 15 mm (Bewusstes) zu 11 km (Ubw). [Wie Frau B. die Größe des Ubw ermitteln kann, ist mir schleierhaft; das erinnert mich an die Angabe der Größe der Dunkelziffer bei Kinderschändung und Zigarettenschmuggel – die Pointe der Dunkelziffer ist doch gerade, dass sie unbekannt ist und von sogenannten Fachleuten geschätzt wird. Warum sollte das beim Areal des Unbewussten anders sein?] Sie beruft sich auf Tor Noerretranders: „Spüre die Welt“ (1994) als eines der besten Bücher, die sie je zum Thema gelesen hat; wenn man diesem Titel im Netz nachgeht, stößt man auf gut 60 Beiträge; der beste davon ist der aus Wikipedia: Nonverbale Kommunikation. Was Frau Birkenbihl anbietet, ist natürlich lange bekannt, nur lief es bisher nicht unter dem Titel gehirngerecht (noch besser: gehirn-gerecht – mein Ubw schlägt außerdem die Variante gehirn-geRECHT vor!). Frau B. weiß natürlich, „dass fast alle (sogenannten) Kreativitäts-Techniken (in der Vergangenheit) primär Gebrauchsanleitung von möglichst zahlreichen Assoziationen waren“ (S. 9); gleichwohl beschimpft sie (nein, tut sie nicht, sagt sie) die Schule, weil diese die von ihr empfohlenen Methoden nicht einübe [wäre es anders, brauchte sie das Buch nicht zu schreiben und könnte ergo nichts daran verdienen] – zur Entschuldigung der Schule führt sie an, dass „80 % dieser Forschungsergebnisse“ noch nicht bekannt waren, „als unsere Eltern und Lehrer ihre Ausbildung erhielten“ (S. 9, Anm. 2). Na, war auch nicht so schlimm – die richtige Idee, Assoziationen zu üben, hatten die Altvorderen durchaus! Hierhin gehört auch die Idee, Redewendungen (allgemeiner: Metaphern, Frau B.) wörtlich zu nehmen; das kann man bei intensiver Gedichtlektüre ebenfalls lernen. Und dass Assoziationsübungen nur sogenannte Techniken sind, während Analograffiti echte darstellen, verschmerze ich. Ich schlage vor, wir sollten den Mut zu mehr Metavorgriffen [neues Wort, aus metaphorisch und Vorgriff – ich beantrage copyright!] aufbringen, dann fielen die Rückgriffe aufs Altbekannte nicht als solche auf.In einer Sache muss ich Frau B. leider tadelN (bloßer Schreibfehler, aber trotzdem toll: Das ist ein Tadel von N!): Ihre Anleitung, im Text zu unterstreichen (S. 13), ist katastrophal; sie predigt nämlich, man solle möglichst viel unterstreichen (tun die Schüler längst, manche markieren drei Viertel eines Textes farbig – denen schlage ich vor, sie sollten lieber das Unwichtige markieren, das wäre weniger). Das GegenTEIL (oder GEGENteil?) ist richtig: Man sollte sich überlegen, was wirklich wichtig ist, und nur das ganz Wichtige markieren (am besten mit gelbem Textmarker, den sieht man beim Kopieren nicht, oder durch ein Stichwort oder ein Zeichen am Rand – dann ist der Text noch ganz sauber!). Noch einen Tipp hätte ich für Frau B. (daraus macht sie bestimmt ein neues Buch: Gehirn-geRECHT fragen, oder MetaMENTale Quaestionen, vielleicht auch Testa-Mentales Fragen): Man sollte herausfinden, welche Frage überhaupt zur Debatte steht und wie sie beantwortet wird. Das kann man aber bereits in meinem AB zur Analyse theoretischer Texte nachlesen.

PS

Man muss der assoziativen Methode ihren Platz zuweisen; sie zeigt ihre Stärke, wenn es darum geht, Ideen zu finden, sich etwas (relativ) Neues einfallen (einFALLen) zu lassen. Danach geht es darum, diese Einfälle zu sortieren, zu prüfen, und zwar mit Hilfe der Gedanken; Gedanken werden jedoch in Sätzen ausgesprochen – die Ereignisse in der Welt sind nicht assoziativ verbunden, ihre Zusammenhänge werden sprachlich in Sätzen erfasst. Das versuche ich den Schülern mühsam beizubringen: etwa dass man eine

Stichwortsammlung nicht als Lösung eines Problems ansehen kann, sondern nur den ausgearbeiteten, mehrfach geprüften

Text (textum, Frau B., Gewebe! – ziehen Sie sich stattdessen mal assoziativ verbundene Wollfäden an!).

Die ganze Bauchgefühl-Apologie beruht auf der Assoziation. Dunkle Haut – Moslem – Terrorist – schießen, das ist eine schöne Assoziationskette, die so gebildet werden kann und in London auch gebildet worden ist. Wohlgemerkt, ich klage nicht die schnell schießenden Polizisten an und ich behaupte auch nicht, Frau B. verteidige diese Kette; sie propagiert das assoziative Denken, dessen Grenzen ich aufzuzeigen versucht habe, als die unheimlich Wissen erschließende Methode – das ist bloß ein alter Hut, den sie frisch aufgeputzt hat.

Nachruf auf Vera Birkenbihl (mit Zugang zu einigen Aufsätzen): http://www.gehirn-und-geist.de/alias/nachruf/vera-f-birkenbihl/1131196

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