Hilsenrath: Der Nazi und der Friseur – Besprechung

 

Die Homepage Edgar Hilsenraths: http://www.edgar-hilsenrath.de/
Über sein Leben kann man sich leicht informieren, u.a. auf der Homepage.
Hier gilt es, zwei große Romane des Autors kurz zu würdigen, die beide unbedingt lesenswert sind.

1964 erschien „Nacht“. Das ist ein unheimlich eindringlicher Roman vom Überleben im Ghetto, finster, die düsteren Winkel der Existenz zeigend.
1977 erschien „Der Nazi und der Friseur“ – ein Versuch, das Werden, Morden und Überleben des Massenmörders Max Schulz in grotesker Verdrehung oder Karikatur zu zeichnen: des Deutschen, der wie das Zerrbild eines Juden aussah…
Im 1. Buch wird erzählt, wie Max Schulz, Sohn einer Nutte und viel geprügelt, der Freund des gleichaltrigen blonden jüdischen Jungen Itzig Finkelstein wurde, der dann mit diesem eine Lehre beim Finkelstein-Vater als Friseur machte, schließlich ein SS-Mann wurde und im Osten Juden liquidierte.
Im 2. Buch wird Frau Holle eingeführt, eine Frau mit einem Holzbein, die es mit einem amerikanischen Sergeanten trieb, welcher dabei verstarb; dann wird erzählt, wie Max Schulz sich nach dem Vormarsch der Sowjets aus Laubwalde (man denkt an Birkenau) rettete, bei Veronja bis zu deren Ermordung unterkam und schließlich mit einem Säckchen Goldzähne als Startkapital bei Frau Holle landete; und wie er schließlich auf die rettende Idee kam, künftig als Itzig Finkelstein zu leben – als sein früherer, von ihm selbt ermordeter Freund.
Im 3. Buch wird die Karriere des Schulz/Finkelstein in Berlin als Händler auf dem Schwarzen Markt erzählt, der das Bett einer Gräfin eroberte und wieder verlor und von Max Rosenfeld dazu bewogen wurde, als echter Jude nach Palästina auszuwandern.
Wie es dann bei der illegalen Fahrt auf der „Exitus“ [zu Deutsch: Tod; Anspielung auf den Romantitel „Exodus“] übers Mittelmeer zuging, wird im 4. Buch erzählt; am Ende der Reise hielt Itzelstein eine messianische Rede, die allgemeine Begeisterung auslöste, weshalb man das Schiff in „Auferstehung“ umbenannte.
Wie er in Palästina auf Umwegen in einem Friseursalon landete, wegen seiner großen Reden Mitglied der Freischärlergruppe Schwarz, dann der Haganah wurde, im Krieg 1948 mitkämpfte, nachdem er die dicke Mira geheiratet hatte, 1956 fast den Suezkanal überquert hätte und überhaupt ein großer Zionist wurde, wird im 5. Buch erzählt.
Im 6. Buch schließlich wird berichtet, wie er einen eigenen Salon aufmachte und den Prozess über die Verbrechen des Max Schulz, als der er sich vergeblich offenbart, mit Amtsgerichtsrat Wolfgang Richter führte: Die Gerechtigkeit kann nicht gefunden werden, weil man den Toten nicht ihr Leben zurückgeben und ihre Angst nicht ungeschehen machen kann. Zum Schluss stirbt Max Schulz.

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