Humor und Heiterkeit im Märchen

 

Willi Fehse hat 1968 im Boje-Verlag „Heitere Märchen aus aller Welt“ herausgegeben; er habe sie so ausgewählt, „daß sich möglichst viele Spielarten des Humors darin zeigen“ (S. 7). Er habe unbekanntes Erzählgut bevorzugt „und so darzubieten versucht, daß es nie den Märchenton verleugnet und doch die Jugend in der Sprache unserer Zeit anspricht“ (S. 8). – Welcher Humor zeigt sich in den Märchen? Und inwiefern sind sie heiter – oder soll der Leser nach der Lektüre heiter sein? Ich untersuche die ersten zehn Beispiele.
1. Widewau (aus Deutschland)
Ein bösartiger Müller wird bestraft, der gutherzige Müllerbursche belohnt, indem er die Tipps einer alten Frau beherzigt und ihren Zauberstein nutzt. – Humor kann ich hier nicht finden.
2. Das widerspenstige Weib (aus Dänemark)
Ein Bauer hat ein ausgesprochen widerspenstiges Weib geheiratet; er legt sie rein, indem er diese Widerspenstigkeit ausnutzt und immer das Gegenteil dessen vorschlägt oder anordnet, was er selber erreichen will, wodurch er sowohl zu einem schönen Fest kommt wie auch die böse Frau loswird, indem er sie über eine morsche Brücke schickt, vor deren Betreten er ausdrücklich gewarnt hat. Er steigert seine Strategie ins Absurde, indem er seine Frau nicht rettet, sondern stromaufwärts rennt und um Hilfe ruft: „Sie ist in ihrem Leben so widerspenstig gewesen, daß sie im Tode auch noch gegen den Strom schwimmen wird.“
Der Humor besteht darin, dass der zu Unrecht leidende Bauer sich geschickt oder gewitzt von seiner bösen Frau befreit und dass sein Witz sich bis ins Absurde steigert (mit dem schönen Kontrast-Parallelismus am Ende); dass die Frau als Leiche endet, spielt keine Rolle.
3. Prinzessin Langnas (aus Deutschland)
Ein Soldat wird wegen seiner Gutherzigkeit dadurch belohnt, dass er drei Wünsche frei hat, dass er sich drei Glücksmittel wünscht (Geld, Soldaten, Unsichtbarkeit), dass er diese durch Unvorsichtigkeit (und Bosheit der schönen Prinzessin) verliert, dass er zufällig ein neues Zaubermittel findet (Feigen, deren Genuss lange Nasen hervorruft, und Zauberwasser, das diese Nasen wieder reduziert).
Dieses normale Schema von gut/böse, Leichtfertigkeit und neuem Versuch, Lohn und Strafe wird dadurch witzig, dass der Einsatz des Zaubermittels zur Nasenvergrößerung einen Anlass gibt, deutsche Sprichwörter anzuführen (und deren Metaphorik ins Wörtliche zurückzunehmen): man hätte der Prinzessin auf der Nase herumtanzen können; sie musste mit langer Nase abziehen; sie hat ihre Nase nie mehr in fremder Leute Sachen gesteckt (hier ist die Wendung vom „Nase-in-anderer-Leute-Sachen-Stecken“ wieder metaphorisch gebraucht). Der Humor steckt in den Wortspielen, wenn man die Bestrafung der Bösen nicht schon als Humor begreifen will.
4. Kännchen voll (aus Deutschland)
Eine Witwe wird durch einen Zaubertopf, der durchs Land zieht und sich bei den Vermögenden füllen lässt, vor dem Verhungern gerettet; als die gierig wird und ihn ohne Not losschickt, kommt er voll Kuhscheiße zurück, in die die Witwe blind hineingreift. – Das ist ein eher „populärer“ Humor.
5. Schopadorium (aus Frankreich)
Ein gewitzter Verwalter rettet sich vor durch seine Schlagfertigkeit vor den Nachstellungen seines Herrn; zum Schluss spielt er vor Gericht den Verrückten, wobei er das neue Wort „Schopadorium“ einführt. – Klassisches Schema: Geistige Überlegenheit des sozial Unterlegenen; Sieg der Gwitztheit, Freude des Lesers an den Einfällen des Helden.
6. Das Beutelchen mit den zwei Dreiern (aus Rumänien)
Letztlich geht es um den Streit zwischen Mann und hartherziger Frau, deren böser Rat (den Hahn des Mannes zu schlagen, damit er Eier lege) sich auf wunderbare Weise ins Gegenteil auswirkt: Der Hahn schleppt mittels wunderbarer Fähigkeiten Reichtümer heran. Nun kommt der zweite Witz: Der entsprechende Rat des Mannes, die Frau solle ihr Eier legendes Huhn schlagen, führt zum Tod des Huhns und zur Verarmung der Frau, die fortan als Hühnermagd arbeiten muss – und das alles nur, weil sie ihm zu Beginn keines von den Eiern ihres Huhnes abgeben wollte. – Der Humor steckt darin, dass ein böser Rat sich als guter erweist, und in der Umkehrung des gleichen Rates, wodurch die böse Frau und Ratgeberin bestraft wird.
7. Vom Mädchen, das ein Zicklein war (aus Griechenland)
Da fehlt nun der Humor vollends – denn wenn man weiß, dass ein Zicklein in Wirklichkeit eine wunderschöne Prinzessin ist, kann man leicht auf die Idee kommen, sie zu heiraten. – Pädagogisch etwas dick aufgetragen ist die Einsicht des Prinzen: „Auf Erden kann sich hinter jeder Gestalt die Schönheit verbergen. Man muß sie nur sehen!“
8. Die königliche Belohnung (aus Polen)
Dem alten Mann wird die ihm zustehende Belohnung des Königs durch Vermittler, die ihm den Weg zum König freimachen sollen, Zug um Zug abgeschwatzt oder abgenommen. Der Witz besteht darin, dass er diese Bösewichter so straft, dass er sich als Belohnung Prügel wünscht – eine überraschende Wendung des Geschehens durch einen witzigen Einfall: der Humor, der zur Bestrafung der Bösen und zur anschließenden Belohnung des alten Mannes durch den König (Beutel mit Geld) führt.
9. Wer schenkt, muss auch teilen können (aus Russland)
Ein Bauer schenkt seinem Hutsherrn eine Gans, weil ihm selber die Zutaten fürs Essen fehlen. Da er sie nun aufteilen soll (siehe Titel), teilt er sie mit passenden Begründungen (der Kopf für den Gutsherrn als „Haupt“ der Familie usw.) so auf, dass ihm selbst der Körper der Gans bleibt; für seinen Witz wird er vom Gutsherrn belohnt.
Die zweite Runde des Geschehens wird dadurch eingeläutet, dass ein reicher Nachbar in seiner dummen Gier dem Gutsherrn fünf Gänse schenkt und vor der Aufgabe, sie auf die sechs Familienmitglieder aufzuteilen, versagt; besagter Bauer findet auch diesmal mit seiner Methode eine Lösung, bei der er selber zwei Gänse bekommt. Der Gutsherr erfreut sich am Witz seines Bauern: „Das nenne ich klug geteilt, und das Beste ist, daß du nach russischer Art dich selber dabei nicht vergessen hast.“ Der Bauer wird erneut belohnt, der gierige Reiche bestraft – der Humor der Erzählung (kann eine Erzählung Humor haben?) besteht darin, dass der unterlegene arme Bauer mit Witz sowohl das Problem löst wie auch eigenen Vorteil erzielt, und das gleich zweimal.
10. Weißbart, der Schusterkönig (aus Persien)
Hier wirken sowohl die Spannung zwischen Brüdern, wunderbare Mächte, geschichtliche Legitimität, Treue der Liebenden und wechselseitige Hilfe (vs. Verachtung der Armen und Hässlichen) in einem großen Märchen zusammen, bei dem auch mehrere Erzählfäden verfolgt werden. Am Ende verzichtet der zum Chan aufgestiegene Schuster zugunsten seines Freundes, des legitimen Erben, auf den Thron. „So spricht aus seiner Geschichte die Heiterkeit des Philosophen, der lächelnd einen Thron gegen einen Schusterschemel vertauschen kann und sein Glück im Glück der anderen findet.“ – Ob man hier von Humor sprechen kann?

Humor zeigt sich darin, dass der sozial Unterlegene durch seine Gewitztheit in einer Situation der Bewährung überlegen wird; Humor zeigt sich darin, dass der zu Unrecht Geschädigte einen Weg findet, den Gegner mit dessen Waffen zu schlagen; Humor zeigt sich im spielerisch-souveränen Umgang mit der Sprache: mit Wörtern und mit Argumenten.

Eine Prüfung der restlichen Märchen ergibt Folgendes:
11. Billige Pantoffeln (aus Arabien)
Ein Schulmeister schwatzt einem frommen Schuster dadurch, dass er den jeweiligen Zahlen eine heilige Bedeutung zuschreibt, den Preis für ein Paar Pantoffeln von 12 auf 0 Piaster herunter.
Der Humor besteht einmal darin, dass man mit frommen Sprüchen einen Frommen betrügt, zum andern in der Zahlenspielerei. Ähnliche Spielereien kenne ich aus einem Lied, das ich oft mit meinen Kindern gesungen habe: „1 ist 1 und war schon 1 und wird es immer bleiben…
2 für den Tag und die Nacht…
3 für alle guten Dinge..
4 für die Jahreszeiten…“, und so geht es weiter, wie bei den Begründungen, noch ein Glas zu trinken:
„Einmal ist keinmal.
Auf einem Bein kann man nicht stehen.
Aller guten Dinge sind drei.“ Wie es dann weiter geht, weiß ich nicht – aber es geht weiter!
Ich habe noch ein schönes Beispiel in Kleists „Der zerbrochene Krug“ (10. Auftritt) gefunden, wo der Dorfrichter Adam „nach der Pythagoräer-Regel“ die Gläser zählt:
„Eins ist der Herr; Zwei ist das finstre Chaos;
Drei ist die Welt. Drei Gläser lob ich mir.
Im dritten trinkt man mit den Trophen Sonnen,
Und Firmamente mit den übrigen.“
12. Der überlistete Sankchini (aus Indien)
Ein böser Geist wird nach der Methode Salomons überlistet; er entlarvt sich selbst.
13. Die beiden Traumdeuter (aus der Türkei)
Der eine sagt dem Sultan zur Deutung eines Traums von ausgefallenen Zähnen: Deine Verwandten werden sterben; er wird bestraft.
Der zweite sagt: Du wirst deine Verwandten überleben; er wird belohnt.
Humor: Es kommt darauf an, wie man etwas sagt.
Das erinnert an den Witz vom Franziskaner und Jesuiten: Der erste darf beim Beten nicht rauchen, der zweite darf aber beim Rauchen beten.
14. Der entlarvte Derwisch (aus der Türkei)
Der betrügerische Derwisch wird durch den Appell an seine Gier entlarvt, indem man ihm noch größere Betrugsmöglichkeiten vorgaukelt.
15. Die Rechenkunst des Löwen (aus Zentralafrika)
Eine echte Löwenfabel, aus der man lernt, dass man sich nicht mit dem Löwen auf ein gemeinsames Unternehmen einlassen und noch weniger bei ihm als König das Recht einfordern kann.
Der Humor steckt einmal in der Rechenkunst des jungen Löwen: ein Rind für sieben Hyänen, sieben Rinder für einen Löwen, ergibt jeweils acht, ist also gerecht. Die zweite Prise Humor steckt darin, wie der vorgeblich kluge und mutige Hyänenvater vor dem Löwen den Schwanz einzieht und das letzte Rind „freiwillig“ abgibt.
16. Mütterchen Gally Mander (aus Nordamerika)
Ein Märchen nach dem Strickmuster von Frau Holle, nur dass hier das Mütterchen G. M. geizig ist beim dritten Versuch selber bestraft wird, während diesmal das hilfsbereite Mädchen sich retten kann.
Humor ist nicht zu entdecken, es sei denn, man freute sich, dass die geizige Alte bestraft wird. Der Kontrast in der Hilfsbereitschaft der Mädchen ist nicht das einzige Motiv; daher gibt es drei statt zwei Versuche.
17. Mein furchtbar starker Großvater (aus Ungarn)
ist eine lustige Lügengeschichte, kein Märchen.
18. Die Schafherde (aus England)
ist eine mäßig lustige Schildbürgergeschichte, wo zwei sich über eine nicht existente Schafherde streiten und der dritte sie belehrt, indem er einen Sack Mehl ins Wasser kippt.
19. Ein Tölpel von Mann (aus Portugal)
ist ein Schwank nach dem Muster von „Frieder und Catherlieschen“ (findet man unter http://www.maerchenkristall.com/Grimm/Frieder.htm); ist entsprechend lustig, weil der tölpelhafte Mann alle Tipps an der falschen Stelle anwendet, also falsch verallgemeinert. Die Geschichte endet aber gut: Die Frau behält ihren Mann; „denn sie waren ja verheiratet“.
20. Der geprellte Tod (aus Ungarn)
Ein Märchen zu dem gängigen Motiv – der Tod verrät unklugerweise, nach welcher Regel er die Menschen holt, sodass der clevere Schäfer klar seine Chancen berechnet und dem Tod ein ihm in Todesangst überlassenes Schaf wieder abnimmt.
21. Der Schwanz (aus Schottland)
Einem Schaf wird der Schwanz ausgerissen – mäßig lustig, finde ich.
22. Der Goldklumpen (aus Russland)
Ein Bauer gewinnt eine Wette, indem er dem geizigen Gutsherrn durch vermeintliche Aussicht auf einen Goldklumpen die Einladung zu einem wunderbaren Essen und Trinken entlockt. Das gleiche Strickmuster wie in Nr. 14, nur dass der kecke Bauer selber mit seiner Wette die Aktion in Gang setzt.

Fazit:
1. Die Abgrenzung der kleinen Formen ist unscharf (Witz, Fabel, Märchen, Lügengeschichte, Schwank).
2. In anderen Ländern wird über die gleichen Dinge wie in Deutschland gelacht.
3. Humor zeigt sich darin,
– wie Betrüger, Dummköpfe, Geizkragen oder Großsprecher entlarvt werden,
– wie man etwas geistreich oder spielerisch sagt und begründet,
– wie sich Dummheit unverstellt äußert,
– wie Gewitztheit sich durchsetzt.

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