Orhan Pamuk: Schnee – Besprechung

 

Ich habe die Lizenzausgabe für die BpB vor mir, nehme jedoch an, dass sie mit der Hanser’schen Ausgabe seitengleich ist.

Der Titel „Schnee“ hat zwei Dimensionen: Einmal schneit es in Kars, als sich der Dichter Ka dort einige Tage aufhält, und erst in der Trennung von der Außenwelt wird das ganze Morden in Kars möglich; zweitens sind die 19 in Kars entstandenen Gedichte in der Form einer Schneeflocke einander zugeordnet, und zwar auf den drei Bacon’schen Achsen Erinnerung, Vernunft, Phantasie. Um es gleich vorweg zu sagen: Die zweite Schnee-Idee überzeugt mich nicht; die durch Eingebung entstandenen Gedichte bleiben, da sie nirgends erhalten sind, zu unbestimmt beschrieben, als dass ich in ihnen das Abbild einer göttlichen Weltordnung sehen könnte.

Im Roman dominieren zwei Themen, die inneren Probleme der Türkei oder des Türkischseins, das zwischen Europa, Islam und Armut sich zu definieren sucht, wobei die Lust zu gewaltsamen Lösungen und endlosen Debatten mitschwingt – insgesamt wird für den Leser etwas zu viel debattiert, die Themen wiederholen sich; wie weit diese Türkeidarstellung „richtig“ ist, kann ich nicht beurteilen. Das zweite Thema ist die Liebe, die Liebeshoffnung und -erfahrung verschiedener Figuren – zunächst Kas zur schönen Ipek und die Kadifes zu Lapslazuli; aber da kommt noch einiges an Hoffnungen und Enttäuschungen hinzu. Dieser Aspekt Liebesroman ist der (mich) eher fesselnde, wobei zum Schluss letztlich unklar bleibt, warum Ka Lapislazuli verraten und so Ipek verloren hat. – Das Liebesthema ist mit zwei kriminalistischen Erzählfäden verwoben, den Morden während des Theaterspiels und den geheimen Treffen mit verfolgten Islamisten.

Die Erzählsituation befriedigt nicht: Zuerst hat man den Eindruck, ein allwissender Erzähler agiere souverän; dass ein Ich-Erzähler da ist, habe ich erstmals auf S. 123 bemerkt. Woher hat dieser Ich-Erzähler Orhan (Pamuk) sein umfassendes Wissen? Er war mit Ka befreundet und hat dessen akribisch genaue Aufzeichnungen von den Tagen in Kars gelesen (S. 496) – aber Ka hatte in den paar Tagen gar keine Zeit, alles genau zu notieren, und dass Ipek ihm weitere Details erzählt habe (S. 498), ist auch nicht plausibel. Dieser Ich-Erzähler Orhan (S. 301 ff.) spricht ebenso wie die Figur Fazil von dem Roman, den Orhan schreiben wird [also geschrieben hat], und von seinen Lesern sowie von dem, was diese glauben oder nicht glauben werden; der Ich-Erzähler kann derart in den Vordergrund treten, weil Ka vor einigen Jahren ermordet worden und das grüne Heft mit den 18 erhaltenen Gedichten und dem einen rekonstruierten verschwunden ist. Fazit: Der Ich-Erzähler weiß für seine Rolle zu viel; vielleicht wäre sein Versuch, sich aus Aufzeichnungen und Gesprächen zu informieren und aus diesem Wirrwarr von Perspektiven und Meinungen die Umrisse eines Bildes zu machen, besser gelungen.

Orhan Pamuk ist wegen des Buches in der Türkei heftig angegriffen worden; das war das Beste, was ihm als Autor passieren konnte.

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